Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Aktuelle Situation und demografische Herausforderungen

Seit mehr als 30 Jahren ist die Geburtenrate in Deutschland konstant niedrig. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung weiterhin an. Nach dem Statistischen Bundesamt ist auch ein rückläufiges Wanderdungssaldo zu verzeichnen. Sowohl die Auswanderung der Ausländer als auch der Deutschen überwiegen.

Die derzeitige demografische Situation ist in Deutschland gekennzeichnet durch:
  • eine seit mehr als 30 Jahren konstant niedrige Geburtenrate (etwa 1,4 Kinder pro Frau),
  • eine weiterhin steigende Lebenserwartung (2008: 83 Jahre für neugeborene Mädchen und 77 Jahre für neugeborene Jungen) und
  • einen rückläufigen Wanderungssaldo, so dass die Auswanderungen sowohl der Ausländer als auch der Deutschen überwiegen (Stat. Bundesamt 2009).
Die Bevölkerungswissenschaftler rechnen damit, dass sich an der Geburtenrate in absehbarer Zeit wenig ändern wird. Zwar könnten die Einführung des Elterngeldes, die Verbesserung der Kleinkinderbetreuung und der Einstellungswandel hin zur Familie sich förderlich auswirken. Trotzdem werden aber immer mehr Frauen erst spät Kinder bekommen, da lange Bildungsgänge und der Berufseinstieg mit der Familiengründung konkurrieren. Daher wird auch damit gerechnet, dass der Anteil der kinderlosen Frauen steigen wird (Stat. Bundesamt 2009: 27).

Mag auch die (relative) Zahl der Kinder pro Frau gleich bleiben, die (absolute) Zahl der Geburten wird in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten drastisch abnehmen. Das Geburtendefizit (der negative Saldo von jährlichen Geburten und Sterbefällen), das seit 1972 nur gering ausfiel, wird sich daher enorm vergrößern. Denn immer mehr der seit Mitte der 1970er-Jahre herangewachsenen geburtenschwachen Jahrgänge kommen ins Elternalter. Diese wenigen Eltern werden auch wenige Kinder hervorbringen. Dieser sogenannte Altersstruktureffekt wird so mächtig werden, dass sich am künftigen Geburtendefizit selbst dann kaum etwas ändern würde, wenn die wenigen Paare bzw. Frauen künftig wieder mehr Kinder bekommen sollten. Auch eine weiterhin steigende Lebenserwartung der Menschen und eine wieder zunehmende Einwanderung werden das enorme Geburtendefizit nicht auffüllen können.

Die Lebenserwartung wird voraussichtlich weiterhin zunehmen, aber wohl etwas langsamer als bisher. Von 1960 bis 2010 hat sie sich um ca. elf Jahre verlängert. Eine solche Steigerung ist in den nächsten 50 Jahren nicht zu erwarten, weil es mit steigendem Alter medizinisch und auch ökonomisch immer schwieriger wird, die Lebenserwartung zu verlängern. Die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland wird voraussichtlich die der Auswanderer wieder überwiegen, wenn auch weniger stark als im langjährigen Durchschnitt zuvor. Diese Prognose basiert darauf, dass Zuwanderer auf dem Arbeitsmarkt wieder benötigt werden (siehe unten) und die Zuwanderung von Ausländern durch forcierte Werbung wieder ansteigen wird.

Bevölkerungsrückgang

Das kommende riesige Geburtendefizit wird trotz Wanderungsgewinnen und steigender Lebenserwartung die Bevölkerung Deutschlands schrumpfen lassen. Das statistische Bundesamt rechnet damit, dass die Bevölkerungszahl des Jahres 2008 von etwa 82 Millionen Menschen bis zum Jahre 2060 auf 65 bis 70 Millionen zurückgegangen sein wird. Entscheidend für die genaue Zahl wird die Entwicklung der Zuwanderungen sein. Die höhere Bevölkerungszahl unterstellt einen durchschnittlichen jährlichen Wanderungsgewinn von 200.000, die niedrigere von nur 100.000 Menschen (Stat. Bundesamt 2009: 12).

Der Bevölkerungsrückgang wird möglicherweise ökonomische und sozialpolitische Probleme zur Folge haben. Dann nämlich, wenn eine sinkende Nachfrage nach Konsumgütern oder sinkende Zahlen von Arbeitskräften die Wirtschaftsleistung zurückgehen lassen, so dass die gleichzeitig steigende Nachfrage nach staatlichen Dienstleistungen für ältere Menschen nicht mehr finanziert und befriedigt werden kann. Eine kleinere Bevölkerung könnte aber auch Entlastungen mit sich bringen: Es könnte leichter fallen, Infrastrukturen zu erhalten und natürliche Ressourcen zu schonen.

Der Schrumpfungsprozess wird sich regional sehr ungleichmäßig vollziehen. Für die meisten Ballungsräume Westdeutschlands werden keine Rückgänge, sondern steigende Bevölkerungszahlen vorausgesagt. Denn Agglomerationen werden Zuwanderer anziehen, und ältere Menschen werden vermehrt vom Land in die Städte ziehen, um Geschäfte, Ärzte etc. besser erreichen zu können. In den ländlichen Räumen Westdeutschlands und im größten Teil Ostdeutschlands werden jedoch erheblich weniger Menschen als heute wohnen. Deshalb werden dort viele Gemeinden mit drohenden Abwärtsspiralen zu kämpfen haben: Wenn Schulen und Geschäfte dort mangels Nachfrage schließen, wenn Verkehrsverbindungen und Arztpraxen mangels Kunden eingestellt werden, dann werden sich auch immer weniger Menschen, insbesondere Familien dort ansiedeln. Betriebe verlagern daraufhin ihren Standort, Arbeitsplätze gehen verloren, Entsorgungsdienste, Energie- und Wasserversorgung werden teurer und problematisch. In der Folge werden immer mehr Menschen wegziehen, usw. Viele kreative Maßnahmen werden erforderlich sein, um diese sich selbst verstärkenden Entleerungsprozesse zu stoppen. Dazu gehören unter anderem Lebensmittelläden, die von Bürgergemeinschaften betrieben werden, Anruf- und Sammeltaxis zur Verkehrsverbindung, attraktive Spezialschulen und anderes mehr.

Alterung

Problematischer als der Bevölkerungsrückgang erscheint den meisten Experten die Veränderung der Altersstruktur. Wenn in Zukunft viel weniger Kinder als heute zur Welt kommen werden und die Lebenserwartung immer weiter steigen wird, dann wird sich das Gros der Bevölkerung immer mehr in die älteren Jahrgänge hinein verschieben. Deutschland wird eine "deformierte Altersstruktur" (Miegel 2002) haben. Die Überalterung wird ihren Höhepunkt etwa in den Jahren 2040 bis 2050 dann erreichen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit alle im Rentenalter, die geburtenschwachen Jahrgänge im Alter der Erwerbstätigkeit und deren wenige Kinder im Schulalter sein werden. Die Überalterung wird erst nach dem Jahr 2050 wieder nachlassen, wenn dereinst die geburtenstarken Jahrgänge gestorben sein werden. Dann werden die Altersgruppen der Jüngeren, derjenigen im mittleren Alter und der Älteren etwa gleich groß sein. Eine Alterspyramide, wie noch im Wilhelminischen Kaiserreich, wird es aber auch dann nicht wieder geben.

Im Wesentlichen wird das Altern der Bevölkerung folgende vier Probleme mit sich bringen:

Ältere Erwerbstätige

Die Erwerbstätigen werden im Durchschnitt immer älter werden. Die Erstausbildung von immer mehr Arbeitenden wird immer länger zurückliegen. Erfahrung wird zum reichlich vorhandenen Gut, frisch erworbenes Wissen wird knapp werden. Ob der Erfahrungsvorsprung der immer zahlreicheren älteren Erwerbstätigen deren eventuell sinkende Anpassungsfähigkeit und Mobilität ausgleichen wird, bleibt abzuwarten. Nicht selten wird ein Absinken der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität vorausgesagt. Die Alterung der Erwerbstätigen droht angesichts eines schnellen technischen und ökonomischen Wandels Qualifikationsrückstände hervorzurufen und wird immer mehr Weiterbildung nötig machen.

Arbeitskräftemangel

Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65 Jahren wird deutlich zurückgehen, von gegenwärtig ca. 50 Millionen auf 33 – 36 Millionen im Jahr 2060 (Stat. Bundesamt 2009: 18). Damit wird die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte schrumpfen. Unterstellt man einen gleichbleibend hohen Arbeitskräftebedarf – dies erscheint angesichts der Arbeitsplatzentwicklung der vergangenen Jahrzehnte und der anstehenden künftigen Aufgaben, zum Beispiel im Gesundheitsbereich, durchaus wahrscheinlich – dann werden Arbeitskräfte in großen Teilen des Arbeitsmarkts knapp werden. Zuerst im Bereich der qualifizierten Dienstleistungen und der neuen Technologien, wo sie heute schon fehlen, dann auch in anderen Bereichen qualifizierter Erwerbstätigkeit.

Dass der Arbeitskräftemangel unter Fachkräften besonders groß sein wird, hat mit dem demografischen Wandel im Grunde nichts zu tun. Hier macht sich bemerkbar, dass in Deutschland seit den 1990er-Jahren kaum noch eine Bildungsexpansion stattgefunden hat, wohl aber der Bedarf nach Qualifizierten immer größer geworden ist. Wenn es in Zukunft weniger Menschen im mittleren Lebensalter geben wird, macht dies die Versäumnisse im Bildungsbereich schneller und großflächiger spürbar, als dies bei gleich bleibender Altersstruktur der Fall wäre.