Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Wolfgang Seifert

Begriffliche Vorklärungen

Unter Migration ist eine längerfristige Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen oder Gruppen zu verstehen. Grundsätzlich ist zwischen Binnenmigration und grenzüberschreitender Migration zu unterscheiden. Die Migrationsmotive werden in Push- und Pull-Faktoren aufgeteilt.

Allgemein ist unter Migration eine längerfristige Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen oder Gruppen zu verstehen, unabhängig davon, ob dieser Wechsel freiwillig oder erzwungen erfolgte. Prinzipiell ist zu unterscheiden zwischen Binnenmigration, dem Wohnortwechsel innerhalb eines Nationalstaates, und internationaler, d. h. grenzüberschreitender Migration, die im Mittelpunkt dieses Kapitels steht. Bei der Frage nach den Migrationsmotiven wird allgemein nach Push- und Pull-Faktoren unterschieden (Han 2000: 13). Als Push-Faktoren werden Umstände bezeichnet, die im Herkunftsland ihre Ursachen haben und Migrationsdruck entstehen lassen, wie z. B. instabile politische Verhältnisse, Krieg und Verfolgung, schlechte Arbeitsmarktchancen, widrige Lebensbedingungen oder Umweltzerstörung. Pull-Faktoren hingegen haben eine Sogwirkung und stehen für die Attraktivität des Aufnahmelandes, beispielsweise durch gute Arbeitsmarkt- oder Ausbildungschancen, ein hohes Lohnniveau, stabile politische Verhältnisse oder Religionsfreiheit. In der Regel entstehen Migrationsprozesse nicht nur durch einzelne Faktoren, sondern durch eine Kombination verschiedener Push- und Pull-Faktoren. Migration wurde lange Zeit als eine Einbahnstraße angesehen, die vom Herkunftsland in das Aufnahmeland führt und nicht mehr zurück. Doch heutzutage erleichtern die modernen Kommunikationsmedien und die gesunkenen Reisekosten die Pflege der Beziehungen zum Herkunftsland und ermöglichen es den Migrantinnen und Migranten, sich zwischen zwei Kulturen zu bewegen, ohne sich für eine entscheiden zu müssen. Dadurch entstehen "transnationale Räume", d. h. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften (Pries 2008).

Integrationsverläufe

Auch bezogen auf die Integration wurde lange Zeit davon ausgegangen, dass diese nur in eine Richtung verläuft. Den traditionellen Integrationstheorien liegt die Annahme zugrunde, dass Integration ein Prozess ist, in dessen Verlauf sich die Eingewanderten an die Aufnahmegesellschaft anpassen und sich schließlich assimilieren, d. h. vollständig in der Aufnahmegesellschaft aufgehen. Dies war jedoch nicht der Fall. Vor allem in deutschen Großstädten veränderte sich die Bevölkerungs- und Sozialstruktur erheblich. Dabei konzentrierten sich die Zugewanderten häufig in nur wenigen Stadtteilen oder Straßenzügen. Anfang der 1980er-Jahre sollte mit dem Konzept der "multikulturellen Gesellschaft" die dauerhafte Niederlassung der ausländischen Bevölkerung anerkannt und der kulturellen Diversifizierung Rechnung getragen werden. Nach dieser Vorstellung leben Menschen im Ideal so zusammen, dass trotz unterschiedlicher Sprache, Abstammung oder Religion niemand ausgegrenzt oder diskriminiert wird (Schulte 1990). Allein die Anerkennung der Multikulturalität einer Gesellschaft überwindet jedoch keine Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt oder Segregation in den Städten. Kritiker werfen diesem Ansatz vor, die bestehenden Konflikte zu verschleiern, sie sehen ihn als trügerische Vision einer klinisch konfliktfreien Gesellschaft und somit als wirklichkeitsferne Projektion eines besseren Lebens (vgl. zu dieser Diskussion Leggewie 1993:154).

Aufgrund der Konzentration ausländischer Arbeitskräfte am unteren Ende der Arbeitsmarkthierarchie, den geringen Bildungschancen ausländischer Kinder und der zunehmenden räumlichen und sozialen Segregation wurden Zugewanderte auch als ethnische Minderheiten betrachtet (Heckmann 1992) bzw. im Kontext einer entstehenden städtischen Unterklasse gesehen. Für diese Sichtweise sprach auch die sich verstärkende gesellschaftliche, sozialstaatliche, politische und soziale Schließung.