Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Beurteilungen des demografischen Wandels

Die demografische Entwicklung und ihre voraussichtlichen Folgen lösen unterschiedliche Reaktionen aus. Es herrscht Uneinigkeit darüber, inwieweit Probleme zu erwarten sind und wie mit diesen umgegangen werden soll. Somit differieren die Maßnahmenempfehlungen. Derzeit gibt es in Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft vier Gruppierungen: Pessimisten, Kritiker, Optimisten und Aktivierer.

Schon in der vorhergehenden Darstellung der demografischen Entwicklung und ihrer voraussichtlichen Folgen wurde angedeutet, dass nicht immer Einigkeit darüber besteht, inwieweit Probleme zu erwarten sind und was zu tun ist. In der Öffentlichkeit, mehr noch in Wissenschaft und Politik, gehen die Meinungen darüber durchaus auseinander. Die Problemeinschätzungen reichen von "Katastrophe", über "Herausforderungen" bis hin zu "gar nicht so schlimm". Die Maßnahmenempfehlungen differieren entsprechend. In dieser Hinsicht sind in Öffentlichkeit, in Politik und Wissenschaft derzeit vier Gruppierungen auseinanderzuhalten.

Die "Pessimisten"

Gemeinsam ist den "Pessimisten" (u. a. Birg 2001; Sinn 2004; mit Einschränkungen auch: Kaufmann 2005), dass sie ohne eine deutliche Steigerung der Geburtenraten, die indessen für schwierig gehalten wird, viel Unheil kommen sehen: Die Bevölkerung Deutschlands werde bis zum Ende des Jahrhunderts auf weniger als ein Drittel schrumpfen (Birg 2001: 97 – 100). Sozialversicherungen seien in Zukunft nicht mehr zu bezahlen. Auch die Wirtschaftsleistung werde dramatisch zurück gehen, nicht zuletzt weil die vielen älteren Menschen weniger konsumieren werden als die vielen jüngeren zuvor. Der Wohlstand werde deshalb schwinden, die Arbeitslosigkeit dagegen zunehmen. Konflikte zwischen Jung und Alt würden entstehen, allein schon wegen der hohen Kosten zur Finanzierung der Alterssicherung.

Was diese Sichtweise erst wirklich pessimistisch macht, ist das geringe Vertrauen in bestimmte Abhilfemaßnahmen, die von anderer Seite geradezu als Auswege gepriesen werden: So sind nach Ansicht der "Pessimisten" die Hoffnungen auf geeignete Zuwanderer trügerisch. Sie werden nicht kommen. Und Kommende werden mehr Probleme aufwerfen als Nutzen mit sich bringen. Ähnlich steht es mit der Hoffnung, künftige Produktivitätssteigerungen zum Beispiel zur Finanzierung der Sicherungssysteme zu nutzen. Die Produktivitätserhöhungen werden sich nicht einstellen, vor allem weil die Alterung der Erwerbstätigen dies verhindern wird. Ähnlich stehe es schließlich mit einer künftigen Bildungsoffensive. Das durch geburtenschwache Jahrgänge schwindende "Humankapital" (F. X. Kaufmann 2005) könne keinesfalls vollständig durch zukünftige Ausweitungen von Bildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen ausgeglichen werden.

Die "Kritiker"

Die Kritiker der vorgeschlagenen Maßnahmenpakete (u. a. Berger/Kahlert 2006; Bosbach 2006; Butterwegge 2006) sind überwiegend auf der linken Seite des politischen Spektrums angesiedelt. Sie sind der Meinung, die Auswirkungen des demografischen Wandels würden überdramatisiert. Ohnehin seien Prognosen über so lange Zeiträume von großen Unsicherheiten begleitet. Einschneidende Maßnahmen zur Bewältigung des demografischen Wandels, insbesondere ein Zurückstutzen des Sozialstaats, seien überflüssig. Die Folgen des demografischen Wandels lassen sich aus dieser Sicht auch ohne solche Einschränkungen bewältigen.

Im Rahmen einer solchen Betrachtungsweise wurde die sogenannte "Demografisierungsthese" verfochten: Hiernach sind demografische Argumente nur Vorwände. Hinter ihnen verbergen sich im Grunde die schon länger bekannten neoliberalen Bestrebungen, die schon immer den Sozialstaat reduzieren wollten. Der demografische Wandel diene nur als aktueller Vorwand für weitere Kürzungen von Sozialleistungen (Barlösius 2007). Der Sozialstaat kann nach Auffassung von "Kritikern" auch durch bloße Erhöhungen der Erwerbsquoten und durch die Nutzung der laufenden Produktivitätserhöhungen finanziert werden und ansonsten so bleiben, wie er ist. Die "Kritiker" weisen darauf hin, dass es auch früher schon gravierende Geburtenrückgänge, Alterungen und Schrumpfungen der Bevölkerung gab, ohne dass sozialstaatliche Errungenschaften geopfert werden mussten.

Die "Optimisten"

Optimisten (wie z. B. Hondrich 2007) ist die Auffassung gemeinsam, dass der demografische Wandel eine systemimmanente Entwicklung der Modernisierung darstelle. Sie werde auch ohne groß angelegte spezielle Maßnahmen durch entsprechende Anpassungsmechanismen im und vom System bewältigt werden. Im Übrigen bergen die demografischen Veränderungen aus der Sicht der "Optimisten" mehr Chancen als Risiken. Die Beschäftigungschancen würden sich verbessern, vor allem für Hochqualifizierte. Der Verzicht auf Kinder bringe mehr berufliche Flexibilität mit sich, die auch in steigendem Maße gebraucht werde. Die Alterung werde nicht durch Nachfragerückgänge den Niedergang der Ökonomie einläuten. Vielmehr enthalte die Altersökonomie innovative Kräfte: Sie werden sich zeigen in der Nahrung, in der Gesundheitsberatung, in neuen mit Informationstechnologien versehenen Wohn- und Inneneinrichtungskonzepten, in altersgerechten Sport- und Wellnessangeboten. Ältere konsumieren nicht weniger, nur anders: Sie geben weniger für Mobilität und Kommunikation aus, dafür mehr für Wohnung und Nebenkosten und für Gesundheit.

Zu den positiven Aspekten des demografischen Wandels gehöre auch, so die "Optimisten", dass infolge der künftig notwendigerweise wachsenden Familiensolidarität die Familien nicht kleiner, sondern größer werden. Zur "Familie" gehörten nämlich nicht nur Kinder, Eltern und Großeltern, sondern alle, die dazu gezählt werden. Und die Menschen werden zunehmend mehr Verwandte und Bekannte zur "Familie" zählen. Familie werde zu einer Gefühlsgemeinschaft.

Die "Aktivierer"

Nach Ansicht der Aktivierer (vgl. Hradil 2004) wird uns der demografische Wandel aktivieren, genauer: zu Veränderungen in vielen Bereichen zwingen. Das wird zwar nicht ohne Zumutungen abgehen. Doch alles in allem fordern uns die demografischen Herausforderungen intelligente und innovative Problemlösungen ab und zwingen uns damit zu unserem Glück. Teilweise (zum Beispiel im Bildungsbereich) verschärfen demografische Entwicklungen lediglich Problemstellungen, die seit langem aufgelaufen sind, die mit der Demografie ursprünglich gar nichts zu tun haben und treiben uns endlich zu Lösungen.

Direkte Folge demografischer Veränderungen ist zum Beispiel, dass wir uns um die Rationalisierung kommunaler Verwaltungen und die Aufrechterhaltung von Verkehrsverbindungen auf dem Lande kümmern müssen, wenn die Bewohner dort weniger werden. Diese Verwaltungsvereinfachungen und neuen Nahverkehrssysteme können jedoch weit bürgerfreundlicher ausfallen als bisherige Lösungen: Das Internet bietet Möglichkeiten, besser und trotzdem billiger zu kommunizieren. Anruftaxis kommen vor die Haustür und sind dennoch billiger als große Linienbusse.

Zum andern Teil gibt es in unserer Gesellschaft manche Probleme, die keineswegs demografisch verursacht sind, aber durch demografische Entwicklungen unhaltbar zu werden drohen. So hinkt der Anteil der Studierenden hinter dem in vergleichbaren Ländern weit hinterher. Auch gelang es kaum, die Anteile erfolgloser Schüler zu verkleinern, die keinen Hauptschulabschluss und/oder keine Berufsausbildung absolvieren. Schließlich ist die Chancenungleichheit im Bildungswesen in Deutschland besonders groß (vgl. Kapitel "Bildung").

Die geburtenschwachen Jahrgänge auf dem Arbeitsmarkt werden dafür sorgen, dass hieraus ein untragbarer Mangel an "Humanvermögen" (F. X. Kaufmann 2005) entstehen wird. Wir werden aus der Sicht der Aktivierer eine Bildungsoffensive starten müssen, die sich auch in bislang bildungsferne Milieus erstreckt. Der demografische Wandel wird uns so nötigen, endlich durchgreifend etwas gegen die Chancenungleichheit im Bildungswesen zu tun, um die Potenziale von Zuwanderern und Unterschichtkindern besser auszuschöpfen.

Auch auf anderen Gebieten wird uns nach Meinung der Aktivierer der demografische Wandel zu hilfreichen und überfälligen Veränderungen zwingen. Er wird uns zu einer anderen Einstellung zur Zuwanderung nötigen, ohne die sich unsere Zukunftsprobleme kaum lösen lassen. Er wird zur Verdichtung bürgergesellschaftlicher Netzwerke führen, um die immer geringeren Leistungen des Sozialstaats auszugleichen (vgl. Kapitel "Sozialstaat"). Der demografische Wandel wird dabei zugleich die Lebensqualität verbessern.

Gemeinsam mit den Pessimisten sind die Aktivierer also der Meinung, dass etwas getan werden muss, wenn nicht großer Schaden entstehen soll. Hierzu sind erhebliche Sensibilisierungen, Informations- und Überzeugungsmaßnahmen, Anstrengungen und Opfer notwendig. Hierin unterscheiden sich Aktivierer von den Optimisten, die weitgehend auf Selbstregulierungskräfte vertrauen. Gemeinsam mit den Optimisten ist den Aktivierern freilich eine weitgehende Zuversicht. Sie meinen, dass der demografische Wandel keineswegs nur Bedrohungen und Zumutungen mit sich bringt, sondern auch große Chancen enthält. Die Aktivierer sind der Meinung, dass eine adäquate Reaktion auf den demografischen Wandel eine "bessere" Gesellschaft als zuvor hervorbringen und damit zumindest eine Reihe von Versäumnissen aufgearbeitet werden kann.