Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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Geschichte der Zuwanderung nach Deutschland nach 1950


31.5.2012
Aufgrund des rasanten Wirtschaftswachstums kam es Mitte der 1950er-Jahre zu einem Arbeitskräftemangel. Die Bundesrepublik begann im Ausland Arbeitskräfte anzuwerben. Die Boomjahre der Anwerbung endeten 1973. Die Zuwanderung nahm nach der Wiedervereinigung stark ab.

Massenmigration gab es nicht nur in modernen Industriegesellschaften. Zwischen 1821 und 1924 wanderten etwa 55 Millionen Menschen aus Europa nach Übersee. Die Kolonialisierung und ebenso die Entkolonialisierung lösten größere Migrationsbewegungen aus. Nach den beiden Weltkriegen kam es in Europa zu Massenflucht und Vertreibung.

Die Anwerbung von "Gastarbeitern"

Ende der 1940er-Jahre ebbte der durch den Zweiten Weltkrieg verursachte Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen ab. Mitte der 1950er-Jahre, als ein rasantes Wirtschaftswachstum zu einem Arbeitskräftemangel führte, begann auch die Bundesrepublik Arbeitskräfte im Ausland anzuwerben. 1955 wurde der erste Anwerbevertrag mit Italien geschlossen. Abkommen mit Spanien und Griechenland folgten 1960. Weitere Abkommen wurden mit der Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964) Tunesien (1965) und Jugoslawien (1967) geschlossen. Allerdings war der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte zunächst quantitativ wenig bedeutsam, da der Arbeitskräftebedarf bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 weitgehend mit übergesiedelten Personen aus der DDR gedeckt wurde. Erst danach wurden ausländische Arbeitskräfte in großer Zahl angeworben und bereits 1964 wurde der einmilllionste Gastarbeiter in Deutschland begrüßt und mit einem Motorrad beschenkt. 1973, als in Folge der Ölkrise ein Anwerbestopp verhängt wurde, lebten knapp 4 Millionen Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland.

In den Boomjahren der Anwerbung von den 1960er-Jahren bis zum Anwerbestopp 1973 wurden ausländische Arbeitskräfte angeworben, um den Arbeitskräftebedarf in der industriellen Massenfertigung, der Schwerindustrie und dem Bergbau zu decken. Dabei handelte es sich überwiegend um Tätigkeiten, die nur geringe Qualifikationsanforderungen stellten. Entsprechend war auch der Qualifikationsgrad dieser Arbeitskräfte vergleichsweise niedrig und sie gliederten sich am unteren Ende der Arbeitsmarkthierarchie ein. Die Anwerbung sollte jedoch nicht zu einer dauerhaften Niederlassung ausländischer Arbeitskräfte führen. Es sollte lediglich der Bedarf an gering qualifizierten Arbeitskräften während der Hochkonjunkturphase überbrückt werden. Da die Arbeitsverträge zunächst befristet waren, kamen viele Arbeitskräfte ohne Familie. Erst mit der zunehmend längeren Aufenthaltsdauer wurden auch Familien nachgeholt.

Die Entwicklung nach dem Anwerbestopp von 1973

Der Anwerbestopp von 1973 stellte dann die ausländischen Arbeitskräfte, die nicht aus einem Land der damaligen EWG stammten, vor die Entscheidung, entweder zurückzukehren oder sich auf einen längerfristigen Aufenthalt einzurichten und die Familie nachzuholen. Der Familiennachzug nach dem Anwerbestopp konnte die Rückwanderung nahezu kompensieren, so dass die Zahl der ausländischen Bevölkerung nur leicht rückläufig war. Deutlich zurückgegangen war hingegen die Zahl der ausländischen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 2,5 Millionen im Jahr 1973 auf 1,6 Millionen im Jahr 1985. Gleichzeitig ging die Erwerbstätigenquote der ausländischen Bevölkerung deutlich zurück. Anfang und Mitte der 1980er-Jahre fiel die Zuwanderung gering aus, Anfang der 1980er-Jahre war die Wanderungsbilanz sogar leicht negativ. Zu Beginn der 1990er-Jahre war die Zuwanderung wieder angestiegen und sogar höher als 1970, dem Jahr mit dem höchsten Zuzug an "Gastarbeitern". Der Fall des Eisernen Vorhangs, Kriege und "ethnische Säuberungen" im ehemaligen Jugoslawien sowie die sich zuspitzende Lage im kurdisch besiedelten Teil der Türkei verursachten diese Entwicklung (Münz u. a. 1999: 51). In dieser Phase erreichte auch der Zuzug von Aussiedler(inne)n und Asylbewerber(inne)n seinen bisherigen Höhepunkt.

Diese wurden in Deutschland von großen Teilen der Bevölkerung nicht willkommen geheißen. Mit der deutschen Wiedervereinigung verbreitete sich in Deutschland eine ausländerfeindliche Grundstimmung, die in zahlreiche Ausschreitungen gegen Asylsuchende und die ausländische Bevölkerung mündeten. 1991 wurden in Hoyerswerda Asylsuchende aus ihren Unterkünften vertrieben und mit Steinen beworfen. Im gleichen Jahr wurden in Hünxe zwei Flüchtlingskinder bei einem Brandanschlag schwer verletzt. 1992 wurden in Rostock unter öffentlichen Beifallsbekundungen die Unterkünfte von Asylbewerbern mehrere Tage belagert und schließlich in Brand gesetzt. In Mölln (1992) und Solingen (1993) wurden Brandanschläge auf bereits lange in Deutschland lebende türkische Familien verübt, die in den Flammen starben oder schwerverletzt überlebten.

Der Rückgang der Zuwanderung nach der Wiedervereinigung

Ab Mitte der 1990er-Jahre waren dann die Zuwanderungszahlen wieder stark rückläufig, und damit fanden auch die gewalttätigen Aktionen gegen die ausländische Bevölkerung ein vorläufiges Ende. In den Jahren 1997 und 1998 war die Wanderungsbilanz sogar negativ.
Ausländische BevölkerungAusländische Bevölkerung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
In diesen Jahren verlor das Wanderungsgeschehen insgesamt an Dynamik, denn sowohl die Zahl der Zuzüge als auch die der Fortzüge ging zurück. Von 1996 bis zum Jahr 2008 sank die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländer von 7,5 Millionen auf 7,2 Millionen. Einbürgerungen und das im Jahr 2000 geänderte Staatsangehörigkeitsrecht, das Kindern von in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern bei Vorliegen weniger Vorrausetzungen zusätzlich zur Staatsangehörigkeit der Eltern auch die deutsche Staatsangehörigkeit verleiht, haben dazu geführt, dass die ausländische Bevölkerung nicht weiter wuchs. Allerdings bildet die ausländische Bevölkerung die tatsächliche Zahl der Zugewanderten und deren Kinder nur unzureichend ab, da einerseits Aussiedlerinnen und Aussiedler die deutsche Staatsbürgerschaft haben und andererseits ein nicht unbeträchtlicher Teil der zugewanderten Bevölkerung die deutsche Staatsbürgerschaft durch Einbürgerung erworben hat.

Personen mit Migrationshintergrund

Im Jahr 2005 wurde mit dem »Mikrozensus« erstmals die Möglichkeit geschaffen, den Migrationshintergrund differenziert abzubilden.
Ausländische Bevölkerung nach StaatsangehörigkeitAusländische Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes zählen nun alle Ausländerinnen und Ausländer, alle über die Grenzen Deutschlands zugewanderten Personen (mit Ausnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen während und nach dem Zweiten Weltkrieg) sowie alle Personen mit mindestens einem ausländischen, zugewanderten oder eingebürgerten Elternteil zu den Personen mit Migrationshintergrund. [1] Im Jahr 2008 haben 19 % der Bevölkerung in Deutschland, das sind 15,6 Millionen Menschen, einen Migrationshintergrund. Die Hälfte davon – 8,3 Millionen – sind deutsche Staatsbürger. Von der ausländischen Bevölkerung stammen im Jahr 2008 ein Viertel aus der Türkei, 7,8 % aus Italien und 5,9 % aus Polen.

Aussiedlerinnen und Aussiedler

Nach dem Abebben der unmittelbar auf den Zweiten Weltkrieg folgenden Flucht- und Vertreibungswellen wurde mit dem Aussiedlerstatus Deutschstämmigen die Möglichkeit offen gehalten, nach Westdeutschland zu kommen und in die Gesellschaft integriert zu werden.
Zuzüge von Aussiedlerinnen und AussiedlernZuzüge von Aussiedlerinnen und Aussiedlern Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Ihnen wurden die gleichen Rechte eingeräumt wie den Vertriebenen im Rahmen des Lastenausgleichs. Die Rechtsgrundlage hierfür wurde mit dem Bundesvertriebenengesetz von 1953 geschaffen. Demnach gilt als Aussiedlerin oder Aussiedler, wer als deutscher Volkszugehöriger "nach Abschluss der allgemeinen Vertreibungsmaßnahmen die zur Zeit unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebiete, Danzig, Estland, Lettland, Litauen, die Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien oder Albanien verlassen hat oder verlässt" (Bundesgesetzblatt v. 22.5.1953). Deutscher Volkszugehöriger ist, wer sich in seiner Heimat zum Deutschtum bekannt hat. In der Neufassung des Bundesvertriebenengesetzes von 1993 wird der Begriff des Spätaussiedlers eingeführt. Hier werden Aussiedler und Spätaussiedler aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung nur als "Aussiedler" bezeichnet.

Die Zahl der Aussiedlerinnen und Aussiedler blieb aufgrund der Abschottungspolitik der osteuropäischen Länder zunächst gering. Allerdings schlugen sich Phasen der innenpolitischen Liberalisierung innerhalb der osteuropäischen Länder immer auch in steigenden Aussiedlerzahlen nieder. Dies gilt für Polen in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre, die Tschechoslowakei 1967 – 68 und insbesondere die Sowjetunion nach 1987. In der Zeit von 1950 bis 1987 wurden 1,4 Millionen Aussiedlerinnen und Aussiedler in den Grenzdurchgangslagern Westdeutschlands registriert.

Höhepunkt des Aussiedlerzuzugs im Jahr 1990

Der Höhepunkt des Aussiedlerzuzuges wurde mit 397.000 Personen mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs 1990 erreicht. 37,3 % davon stammten aus der ehemaligen Sowjetunion, 33,7 % aus Polen und 28,0 % aus Rumänien. Die Zuwanderung von Aussiedlerinnen und Aussiedlern aus Polen und Rumänien verlor schnell an Bedeutung, während die Wanderungszahlen aus der ehemaligen Sowjetunion noch anstiegen. 1994 hatten die Aussiedlerinnen und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion einen Anteil von 95,6 %. Dies änderte sich auch in den Folgejahren nicht wesentlich. Insgesamt gingen die jährlichen Aussiedlerzahlen seitdem stetig zurück. Im Jahr 2000 waren es bereits weniger als 100.000, 2006 schon unter 10.000 und 2008 wurde erstmals die Marke von 5.000 unterschritten. Dieser Rückgang ist auf eine sinkende Personenzahl derer zurückzuführen, die das gesetzlich bestimmte Aussiedlerkriterium erfüllen. Bei einer Volkszählung in Russland im Jahr 2002 lag die Zahl der Deutschstämmigen noch bei knapp 600.000 Personen. Der Rückgang der Aussiedlerzahlen ist auch auf Maßnahmen zur Regulierung und Begrenzung des Zuzugs von Aussiedlern zurückzuführen. 1990 wurde ein förmliches Aufnahmeverfahren eingeführt. Das Erfüllen der Aufnahmekriterien war nun schon im Herkunftsland nachzuweisen. Seit 1997 müssen sich Aussiedlerinnen und Aussiedler einem Sprachtest unterziehen, in dem mindestens ein einfacher deutscher Wortschatz verlangt wird, der ausreicht, um sich im Alltag zurechtzufinden. Seit 2005 gilt dies auch für Ehegatten und Kinder.

1993 hatten noch 75 % der Personen, die in Aussiedlerfamilien nach Deutschland kamen, selbst einen Aussiedlerstatus, d. h. sie sind deutsche Volksangehörige im Sinne des Bundesvertriebengesetzes, ein Viertel waren Familienangehörige. Im Jahr 2004 hatten nur noch 19 % einen Aussiedlerstatus, der Rest waren Familienangehörige. Aufgrund der Einführung des Sprachtests auch für Angehörige ist der Anteil der Personen mit Aussiedlerstatus wieder auf 40 % gestiegen, allerdings bei jetzt insgesamt niedrigeren Zuwanderungszahlen von Aussiedlerinnen und Aussiedlern.

Flucht und Asyl

Im Grundgesetz wurde das Recht auf Asyl vergleichsweise weit gefasst, denn zum Zeitpunkt des Entstehens war das Schicksal der Verfolgten des Nationalsozialismus noch gegenwärtig und vor allem die Tatsache, dass viele Länder nicht bereit gewesen waren, diese Flüchtlinge aufzunehmen (Münch 1993:22).

Bis in die Mitte der 1970er-Jahre war das Asylverfahren weitgehend auf Osteuropäer abgestimmt. Folglich wurde das Recht auf Asyl kaum in Anspruch genommen. Lediglich 1956 (Volksaufstand in Ungarn) und 1969 (Prager Frühling) gab es über 10.000 Asylgesuche. Bis 1974 erfolgte die Aufnahme aller Asylbewerber in Zirndorf, von wo aus sie dann über die Bundesländer verteilt wurden. Ein erster Höhepunkt wurde 1980 mit über 100.000 Asylanträgen erreicht, der Militärputsch in der Türkei und die Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981 ließen zu dieser Zeit die Zahl der Asylbewerber steigen. Die Bundesregierung reagierte darauf mit der Einführung der Visumspflicht für türkische Staatsbürger und andere Herkunftsländer von Asylbewerbern. Außerdem wurden Fluggesellschaften verpflichtet, Passagiere ohne Visum auf ihre Kosten wieder zurückzubefördern. Diese Maßnahmen ließ die Zahl der Anträge wieder unter 50.000 sinken.

Die Zunahme der Asylsuchenden nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

1982 wurde zur Beschleunigung der Asylverfahren für offensichtlich unbegründete Anträge ein Eilverfahren eingeführt. 1983 erreichte die Zahl der Asylbewerber mit 20.000 den niedrigsten Wert in den 1980er-Jahren, danach stieg sie wieder deutlich an. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka, die Unterdrückung der Kurden in der Türkei und im Irak sowie der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien ließ die Zahl der Asylbewerber wieder steigen. Der Höhepunkt wurde jedoch mit dem Fall des Eisernen Vorhangs erreicht, wodurch das deutsche Asylrecht erheblich unter Druck geriet. Im Jahr 1992 wurden 438.000 Erstanträge gestellt. Somit wurden in Deutschland 80 % aller Asylanträge in Westeuropa gestellt. Mit der steigenden Zahl an Asylbewerbern entbrannte eine kontroverse gesellschaftliche und politische Debatte über die Prinzipien der Asylgewährung und der Aufrichtigkeit der Fluchtmotive von Asylbewerbern. Auch die im Schengen Abkommen angestrebte Harmonisierung der nationalen Gesetzgebungen setzte Deutschland unter Druck, sein Asylrecht zu verschärfen und den europäischen Nachbarländern anzupassen. Diese Anpassung erfolgte mit dem sogenannten Asylkompromiss von 1993. Hierfür wurde mit der Unterstützung von CDU/CSU, SPD und FDP das Grundgesetz geändert. Das bis dahin uneingeschränkt geltende Prinzip "Politisch Verfolge genießen Asyl" wurde an die Erfüllung bestimmter Bedingungen geknüpft:

Die Drittstaatenregelung: Wer aus einem sicheren Drittland einreist, kann keinen Asylantrag mehr stellen. Die Liste verfolgungsfreier Staaten: Es wurde eine Liste angelegt von Staaten, die frei von Verfolgung sind. Bürger dieser Staaten können keinen Asylantrag stellen.

Außerdem wurden Fluggesellschaften mit Strafen belegt, wenn sie Passagiere ohne gültige Einreisedokumente befördern.

Der Rückgang der Asylbewerberzahlen nach der Verschärfung des Asylrechts 1993

Da Deutschland nun von sicheren Drittstaaten umgeben ist, wurde das Stellen eines Asylantrages wesentlich erschwert. In der Folge ging die Zahl der Anträge wieder deutlich zurück: 1998 wurden erstmals wieder weniger als 100.000 Anträge gestellt, zwischen 2006 und 2008 waren es jeweils um die 20.000. Im Jahr 2009 stieg die Zahl der Erstanträge wieder auf knapp 28.000. Dennoch steht Deutschland nicht mehr an erster Stelle bei den Asylanträgen. In Frankreich wurden 2008 nahezu doppelt so viele Anträge gestellt wie in Deutschland und auch im wesentlich bevölkerungsärmeren Schweden wurden mehr Asylanträge gestellt als in Deutschland.

Zu der Zeit, als das Asylrecht lediglich von einer kleinen Zahl von Osteuropäern in Anspruch genommen wurde, wurden mehr als 80 % der Asylanträge anerkannt, danach lag dieser Wert deutlich niedriger. Während der 1990er-Jahre lag die Anerkennungsquote lediglich zwischen 3 % und 7 % der Erstanträge. Um die Jahrhundertwende, als die Zahl der Asylbewerber weiter zurückging, stieg der Prozentsatz erfolgreicher Anträge wieder (2008 waren es 67,5 %).

Die Harmonisierung der Flüchtlings- und Asylpolitik innerhalb der EU

Die Einführung zuwanderungsbegrenzender Maßnahmen in einem Staat hatte oftmals zur Folge, dass die Asylsuchenden auf benachbarte Staaten auswichen und diese Gesetze und Kontrollmaßnahmen verschärften. Deshalb und in der Vorbereitung auf den Abbau von Grenzkontrollen im Rahmen des Schengener Abkommens, das 1995 in Kraft trat, wurde eine Harmonisierung der Flüchtlings- und Asylpolitik innerhalb der Länder der EU angestrebt, die im Wesentlichen auf den oben genannten Elementen beruht. Außerdem sollten Sekundärwanderungen verhindert werden, so dass Asylbewerber, die in einem Land abgelehnt wurden, nicht in anderen Mitgliedsstaaten erneut einen Asylantrag stellen können. In dem 1990 beschlossenen und 1997 in Kraft getretenen »Dubliner Übereinkommen« (abgelöst durch Dublin II im Jahr 2003) wurden für die EU Kriterien aufgestellt, nach denen es eine eindeutige Zuständigkeit für Asylanträge gibt. Werden die Anträge nicht in dem zuständigen EU-Ländern gestellt, werden die betroffenen Asylsuchenden an das zuständige Mitgliedsland überstellt. Im Jahr 2003 wurde außerdem das zentrale europäische Fingerabdruckidentifizierungssystem (EURODAC) in Betrieb genommen. Damit kann schneller festgestellt werden, ob eine Bewerberin bzw. ein Bewerber bereits in einem anderen Land einen Asylantrag gestellt hat (BAMF 2009: 26 ff.).

Die Hauptherkunftsländer der Personen, die einen Erstantrag auf Asyl stellen, verändern sich in der Abhängigkeit von der politischen Lage sehr schnell. Es kann jedoch festgehalten werden, dass die Asylbewerberinnen und Asylbewerber mittlerweile aus einer Vielzahl von Ländern stammen. 1995 kamen 20,5 % der Personen, die einen Erstantrag stellten, aus der Bundesrepublik Jugoslawien, 19,9 % aus der Türkei und 5,9 % aus Afghanistan. Im Jahr 2005 war Serbien und Montenegro mit einem Anteil von 19,1 % das wichtigste Herkunftsland derer, die Asyl beantragten, gefolgt von der Türkei (10,2 %) und dem Irak (6,9 %). Im Jahr 2008 kam nahezu ein Drittel (31,0 %) der Asylsuchenden aus dem Irak. Die nächst wichtigsten Herkunftsländer waren dann die Türkei (6,4 %) und Vietnam (4,7 %).

Eine Besonderheit stellen jüdische Kontingentflüchtlinge insbesondere aus der früheren Sowjetunion dar. 1990 erklärte die DDR-Volkskammer, verfolgten Juden Asyl zu gewähren. Damit wurde die Basis geschaffen für die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinde in Europa. Mehr als 200.000 Personen jüdischen Glaubens wurden bereits aufgenommen. Mittlerweile hat Deutschland die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas und hat zwischen 2003 bis 2005 mehr Juden aufgenommen als Israel. Seit 2005 müssen die Befähigung zur eigenständigen Sicherung des Lebensunterhalts und Sprachkenntnisse nachgewiesen werden. Aufgrund dieser Anforderungen ging die Zuwanderung von Menschen jüdischen Glaubens wieder zurück (Oltmer 2010).

Die Aufenthaltsbedingungen von Asylbewerbern

Von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind Asylbewerber weitgehend ausgeschlossen. Um keine wirtschaftlichen Anreize für Asylsuchende zu schaffen, blieb Ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt verschlossen. Nach dem Anwerbestopp für ausländische Arbeitskräfte wurde auch ein Arbeitsverbot für Asylsuchende verhängt, das jedoch 1975 wegen der hohen Kosten für die Kommunen wieder aufgehoben wurde. Ab 1980 wurde die Arbeitserlaubnis erst nach einer Wartezeit von einem Jahr gewährt. Seit 1997 besteht wieder ein generelles Arbeitsverbot. Die EU plant europaweit eine Arbeitserlaubnis nach 6 Monaten einzuführen.

Die Leistungen der Sozialhilfe für Asylbewerberinnen und -bewerber wurden mit dem 1993 in Kraft getretenen Asylbewerberleistungsgesetz aus dem Bundessozialhilfegesetz herausgelöst und überwiegend als Sachleistungen gewährt, um sicherzustellen, dass sie ausschließlich der Bedarfsdeckung in Deutschland dienen.

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Fußnoten

1.
In Nordrhein-Westfalen werden abweichend davon Kinder von Eingebürgerten und vor 1950 Zugewanderte generell nicht als Personen mit Migrationshintergrund angesehen.

 
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