Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Wolfgang Seifert

Migration in anderen Ländern

Österreich und Schweiz hatten ein vergleichbares Anwerbesystem wie Deutschland: Eine dauerhafte Zuwanderung war in der Migrationspolitik nicht vorgesehen. Anders verhielt es sich bei Ländern mit kolonialen Beziehungen. Bürger der Kolonien hatten die Staatsangehörigkeit der Kolonialmacht oder konnte sie einfach erlangen.

Eine ähnliche Ausrichtung der Migrationspolitik wie in Deutschland war in Österreich und der Schweiz zu beobachten. Diese Länder hatten vergleichbare Anwerbesysteme für Arbeitskräfte entwickelt wie Deutschland, die eine dauerhafte Zuwanderung verhindern sollten. In Ländern mit kolonialen Beziehungen zeigte sich ein anderes Bild. Die Bürger der Kolonien hatten teilweise die Staatsangehörigkeit der Kolonialmacht bzw. konnten diese leicht erlangen und hatten somit die Möglichkeit, in das Land der jeweiligen Kolonialmacht einzureisen. Dies galt z. B. für Algerier in Frankreich, Surinamer in den Niederlanden, Inder, Pakistaner und Bangladescher in Großbritannien.

Großbritannien

Großbritannien bemühte sich – von wenig bedeutenden Ausnahmen abgesehen – nicht aktiv um die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Für die Angehörigen der Commonwealth-Staaten und für Irland gab es bis 1962 keinerlei Beschränkung der Einwanderung. Es wurden auch keine Statistiken über die Einwanderung geführt. Nach der Staatsangehörigkeit konnten die die Zahl der Zuwanderer ebenfalls nicht ermittelt werden, da sie als Commonwealth-Angehörige britische Staatsbürger waren. Erst seit 1981 wird in offiziellen Statistiken nach der ethnischen Zugehörigkeit gefragt. Aufgrund der geringeren Kriegszerstörung in Großbritannien war der Arbeitskräftebedarf niedriger als in Frankreich oder Deutschland. Deshalb begann auch Großbritannien früher mit einer Einschränkung des Zuzugs. Seit 1962 durften nur noch Personen einreisen, die einen in Großbritannien ausgestellten Pass oder eine Arbeitserlaubnis hatten.

Frankreich

Einen interessanten Kontrast zu Deutschland bildet Frankreich. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg strebte Frankreich eine Kompensation der – im Vergleich zu Deutschland oder Großbritannien – niedrigeren Geburtenraten durch Zuwanderung an. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielten demografische Erwägungen eine wichtige Rolle. Bereits im ersten wirtschaftlichen Wiederaufbauplan (1946 bis 1951) wurde ein Bedarf von 1,5 Millionen Einwanderern festgeschrieben. Diese Eingewanderten sollten dauerhaft in die französische Gesellschaft integriert werden. Deshalb bemühte sich Frankreich um Einwanderung aus den kulturell nahestehenden romanischen Ländern Italien, Spanien und Portugal. In den 1960er-Jahren konnte der Arbeitskräftebedarf nicht mehr aus diesen Ländern gedeckt werden. Die Lücke füllten insbesondere Arbeitskräfte aus Algerien, die bis 1962 die französische Staatsbürgerschaft besaßen. Danach wurden Obergrenzen mit der algerischen Regierung vereinbart, allerdings kaum kontrolliert. Nach 1969 war eine Aufenthaltserlaubnis für Personen mit algerischer Staatsbürgerschaft erforderlich. Integrationspolitisch orientierte sich Frankreich stark an Assimilationskonzepten. Die Staatsbürgerschaft wurde nach dem Bodenprinzip (ius solis) verliehen, demnach wird die französische Staatsbürgerschaft an Personen verliehen, die auf französischem Boden geboren wurden. Sowohl für Frankreich als auch Großbritannien gilt, dass sie ab Mitte der 1970er-Jahre eine ähnliche, auf Zuzugsbegrenzung ausgerichtete Migrationspolitik betrieben, wie dies in Deutschland der Fall war.

Die Vereinigten Staaten von Amerika

Die USA als traditionelles Einwanderungsland sind erst durch Einwanderung zu dem geworden, was sie heute sind. Einwanderung in die USA war stets möglich. Allerdings waren die USA bestrebt, die Einwanderergruppen auszuwählen, von denen angenommen wurde, dass sie sich am besten integrieren ließen. Zuzugsbeschränkungen wurden bereits 1870 mit dem Chinese-Exclusion-Act geschaffen. Später wurden Schreib- und Lesetests eingeführt und Personen mit geistiger Behinderung ausgeschlossen. Bereits 1902 erließen die USA im Schiffsverkehr carrier sanctions, wie sie später die europäischen Staaten im Schengen Abkommen 1990 für den Luftverkehr einführten. Personen, denen die Einreise verweigert wurde, mussten von den Schifffahrtsgesellschaften auf deren Kosten wieder zurücktransportiert werden. In den 1950er-Jahren führten die USA ein Quotensystem für die Zuwanderung ein, warben aber auch gezielt Arbeitskräfte an, beispielsweise wurden im Rahmen des Bracero-Programmes zwischen 1942 und 1964 insgesamt 4,7 Millionen Mexikaner angeworben. Trotz einer liberalen Einwanderungspolitik war bereits nach dem Zweiten Weltkrieg eine steigende Zahl an Arbeitskräften zu verzeichnen, die sich nicht rechtmäßig in den USA aufhielten. Im Rahmen der Operation Wetback wurden 1954 mehr als eine Million Illegale abgeschoben. Zwar haben die USA erhebliche Anstrengungen unternommen, ihre Außengrenze zu Mexiko zu sichern, dennoch halten sich noch immer viele Arbeitskräfte illegal in den USA auf. Allerdings wurde darauf nicht immer restriktiv reagiert. Mit dem Immigration Reform and Control Act (IRCA) wurde 1986 Illegalen, die sich seit 1982 dauerhaft in den USA aufhielten, die Möglichkeit eingeräumt, ihren Aufenthaltsstatus zu legalisieren. Insgesamt 2,7 Millionen Personen erlangten dadurch einen legalen Aufenthaltsstatus in den USA.

Bemühungen um eine europäische Migrationspolitik

Auf den Arbeitskräftemangel in der wirtschaftlichen Aufschwungphase nach dem Zweiten Weltkrieg reagierten die Industrieländer sehr unterschiedlich. Der deutsche Weg der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte auf Zeit sollte eine dauerhafte Zuwanderung verhindern. Dies wurde in anderen Ländern wie Frankreich nicht angestrebt. Gemeinsam ist den Staaten der Europäischen Gemeinschaft jedoch, dass sie in den 1980er-und 1990er-Jahren auf eine Harmonisierung der Zuwanderungspolitik hinarbeiteten. Restriktive Kontrolle und Begrenzung der Zuwanderung prägten nun die Migrationspolitik der Länder der Europäischen Union.