Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Was ist Familie? Eine Frage von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz


31.5.2012
Das traditionelle Verständnis von Familie ist zwar noch weit verbreitet, stimmt aber mit der Lebenspraxis vieler Menschen nicht mehr überein. Mittlerweile haben sich andere Lebensformen verbreitet, die vom konventionellen Modell abweichen. Das wirft Fragen auf: Welche Merkmale lassen sich zur Bestimmung von Familien heranziehen? Oder gibt es überhaupt geeignete Merkmale?

Was ist Familie? Diese auf den ersten Blick leicht zu beantwortende Frage ist bei genauerem Hinsehen gar nicht so eindeutig und auch nicht abschließend zu klären. Im traditionellen Verständnis ist Familie ein Ehepaar, das zusammen mit seinen Kindern in einem Haushalt wohnt. Familie ist demnach durch fünf Merkmale bestimmt: das Vorhandensein von zwei Generationen und von zwei Geschlechtern, die Ehe des Elternpaars, verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern und eine Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft. Dieses Familienverständnis ist immer noch weit verbreitet, stimmt aber mit der Lebenspraxis einer wachsenden Zahl von Menschen nicht mehr überein. Herausgebildet und verbreitet haben sich zahlreiche Lebensformen, die von diesem Modell abweichen. Beispiele dafür sind nichteheliche Lebensgemeinschaften mit ihren Kindern, gleichgeschlechtliche Paare, die mit den Kindern eines Partners oder einer Partnerin zusammenleben, Alleinerziehende und Paare ohne Kinder, die nicht zusammenwohnen, aber solidarisch verbunden sind und füreinander sorgen. Sind das Familien? Welche Merkmale sind zur Bestimmung geeignet? Gibt es überhaupt geeignete Merkmale?

Unterschiedliche Wesensbestimmungen von Familie

In der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion, was Familie ist oder sein soll, sind drei unterschiedliche Positionen erkennbar:
  • Die erste Position ist sehr stark auf die Ehe zentriert: Familie ist nur dort, wo ein Ehepaar in einem Haushalt zusammenlebt. Ehe konstituiert Familie, Kinder sind aus dieser Perspektive für das Vorhandensein einer Familie nicht unbedingt erforderlich. So gilt eine kinderlose Ehe als Familie, eine nichteheliche Lebensgemeinschaft mit Kindern dagegen nicht.
  • Die zweite Position rückt Elternschaft in den Mittelpunkt. Familie ist eine Verantwortungsgemeinschaft zwischen Eltern und Kindern bzw. zwischen Kindern und Eltern. Oder, prägnanter ausgedrückt: Familie ist überall dort, wo Kinder sind. Ehe und Haushaltsgemeinschaft sind für eine Familie demnach nicht länger konstitutiv. Damit konturiert sich ein neuer, weiter gefasster Familienbegriff, der einzig auf die Eltern-Kind-Beziehung abstellt.
  • Die dritte Position ist noch offener gefasst und hebt auf gelebte Solidarbeziehungen ab. Familie ist demnach jede exklusive Solidargemeinschaft zwischen zwei oder mehr Personen, die auf relative Dauer ausgerichtet ist. Auf das Vorhandensein von Ehe und Kindern kommt es dabei nicht an. Diese Position ist in Deutschland noch wenig bedeutsam. In Schweden, Dänemark und Frankreich gibt es bereits entsprechend angelegte Rechtsinstitute.
Die Antwort auf die Frage, was Familie ist, ist gesellschaftspolitisch sehr relevant, weil damit bestimmt wird, welche Lebensformen gesellschaftlich legitimiert sind und als besonders schutz- und förderwürdig gelten sollen. Solidarität, Exklusivität, relative Dauerhaftigkeit und Wechselseitigkeit, diese Merkmale können ein gutes Fundament für moderne Vorstellungen von Familie abgeben und die auf dem Kirchenrecht sowie dem bürgerlichen Recht basierende starre Normierung von Ehe und Familie ablösen.

Familie als Variante privater Lebensformen

Für sozialwissenschaftliche Analysen ist der Begriff Familie wegen seiner historischen Wandelbarkeit und ideologischen Befrachtung nur sehr eingeschränkt brauchbar. Besser hierfür geeignet ist ein objektiver Begriff wie der der privaten Lebensform*. Die Dreigenerationenfamilie ist ebenso eine Lebensform wie der Singlehaushalt oder die Fernbeziehung. Lebensformen repräsentieren also haushaltsübergreifend relativ stabile Beziehungsmuster im Privatbereich. Es handelt sich um einen allgemeinen und umfassenden Begriff.

"Familiale Lebensformen" bilden eine Teilmenge, die dadurch bestimmt ist, dass darin mindestens ein Elternteil und Kinder zusammenleben. Schließlich bildet die "eheliche Kernfamilie" eine Teilmenge familialer Lebensformen, die dadurch bestimmt wird, dass Mann und Frau als Ehepaar mit ihren leiblichen Kindern zusammenleben. Wollte man noch weiter differenzieren, können hier zwei Formen unterschieden werden: die "bürgerliche Kernfamilie", die im klassischen Sinn auf einer strikten komplementären Rollenteilung zwischen den Geschlechtern beruht, der Mann übernimmt die Rolle des Alleinversorgers, die Frau die der Hausfrau und Mutter. Davon zu unterscheiden ist die "moderne Kernfamilie", die auf einer egalitären Rollengestaltung der Partner basiert.

Private Lebensformen sind keine starren Strukturtypen. Vielmehr sind sie als Entwicklungsverläufe zu sehen, charakterisiert durch wechselnde Aufgaben und Leistungen sowie durch unterschiedliche Beziehungsmuster. Aber nicht nur einzelne Lebensformen sind dynamisch, die private Lebensführung, d. h. die Gestaltung der Lebensformen und ihre Aufeinanderfolge im Lebenslauf, ist als Prozess zu verstehen, der durch Übergänge und dadurch begründete Lebensphasen charakterisiert ist. Typische Übergänge sind die Heirat, die Erstelternschaft, der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus, Scheidung und Verwitwung.

Die Familie gibt es nicht. Vielmehr ist von einer Vielfalt unterschiedlicher (familialer) Lebensformen auszugehen, die, jede für sich, eine gewisse soziale Legitimität beanspruchen können. Familie ist kein Naturgesetz, sondern eine soziale Institution, die durch die jeweiligen kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse überformt, dadurch aber nicht determiniert ist. Bei aller gesellschaftlichen Prägung, Familie ist auch ein individuelles Beziehungsgefüge, das durch Individuen hervorgebracht, gelebt und gestaltet wird. Typische Muster und Gestaltungsformen geben der Familie ihr jeweiliges Gesicht und wirken zugleich zurück auf die Gesellschaft.