Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Vorbemerkung

Das Bildungssystem ist eine zentrale Voraussetzung für die gesellschaftliche Entwicklung. Bildung bestimmt in zunehmendem Maße individuelle Lebenschancen, die Wohlfahrt von Generationen und die Zukunft moderner Gesellschaften. Das Recht auf Bildung zählt deshalb zu den sozialen Bürgerrechten, auf die eine lebendige Demokratie und die Autonomie ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen sind.

Entwickelte demokratische Gesellschaften wie die Bundesrepublik Deutschland benötigen für ihr politisches System, ihre rechtliche und ökonomische Ordnung sowie den zivilgesellschaftlichen und kulturellen Bereich eine Vielzahl von Institutionen, die in ihrem Zusammenspiel Interessengegensätze, Konflikte und Krisen regeln müssen, damit politische Stabilität, wirtschaftliche Entwicklung, kulturelle Vielfalt, individuelle Sicherheit und gesellschaftliche Solidarität gewährleistet sind. Für das erfolgreiche Funktionieren und die Integrationsfähigkeit dieser Institutionen ist eine gebildete Bevölkerung notwendig. Das Bildungssystem ist deshalb eine zentrale Voraussetzung für die gesellschaftliche Entwicklung – insbesondere für die ökonomische Innovation und soziale Wohlfahrt – wie für die individuelle Teilhabe in vielen Lebensbereichen wie etwa in der Familie, auf dem Arbeitsmarkt, in der politischen Auseinandersetzung oder beim kulturellen Austausch. Bildung bestimmt in zunehmendem Maße individuelle Lebenschancen, die Wohlfahrt von Generationen und die Zukunft moderner Gesellschaften. Das Recht auf Bildung zählt deshalb im Selbstverständnis moderner Gesellschaften zu den sozialen Bürgerrechten, auf die eine lebendige Demokratie und die Autonomie ihrer Bürgerinnen und Bürger angewiesen sind.

Wie selbstverständlich heute die Existenz eines weitgehend staatlich finanzierten und gesteuerten Bildungssystems und die Schulpflicht für die Bevölkerung ist, lässt sich allein schon daran ablesen, dass etwa ein Fünftel der Bevölkerung Deutschland (ca. 17 Millionen Personen) derzeit als Auszubildende oder Lernende die vielfältigen Angebote des Bildungssystems nutzt. Und als einer der größten Arbeitgeber beschäftigte es (im Jahre 2008) fast 4 % der Erwerbstätigen (1,5 Millionen Frauen und Männer).

Die Institutionen und Vorgaben des Bildungssystems strukturieren heute individuelle Lebensverläufe so umfassend und nachhaltig wie nie zuvor in der deutschen Geschichte (Meulemann 1985). Mehr als die Hälfte nachwachsender Geburtsjahrgänge verbringt mindestens ein Viertel ihrer Lebenszeit in Bildungseinrichtungen. Ein Fünftel der unter Dreijährigen befindet sich in Kinderbetreuungseinrichtungen, mit vier oder fünf Jahren kommen 95 % aller Kinder in die vorschulische Kinderbetreuung, alle werden mit 6 oder 7 Jahren eingeschult und absolvieren bis zum Alter von 15 Jahren ihre Pflichtschulzeit. Danach sind die meisten von ihnen bis zur Volljährigkeit im Alter von 18 oder 19 Jahren entweder in der Berufsausbildung oder auf einer weiterführenden Schule. Für viele folgen dann höhere Berufsausbildung und Hochschulstudium bis Ende des dritten Lebensjahrzehnts (Meulemann 1990). Berufliche Weiterbildung wird im Erwerbsleben genutzt wie noch nie und Volkshochschulen erfreuen sich reger Nutzung von Bürgerinnen und Bürger im Rahmen der Erwachsenenbildung bis ins höhere Lebensalter hinein (Kuwan u. a. 2006). Die Einschulung, Übergänge in andere Bildungseinrichtungen und schließlich deren Verlassen sind teilweise gesetzlich geregelte sozial bedeutsame Vorgänge. Durch sie werden frühe Phasen des Lebenslaufs in unterschiedliche Abschnitte wie etwa Kindergarten- und Schulzeit, Lehre und Studium untergliedert.

Die hochgradig organisierten Bildungs- und Ausbildungsgänge sind Voraussetzung für Chancen auf dem Arbeitsmarkt und in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Je länger jemand im Bildungssystem bleibt, desto höher sind seine Lebenserwartung und sein Wohlstand und desto besser sind seine Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Bildung spielt für die soziale Mobilität ebenso eine entscheidende Rolle wie für die Sozialstruktur, die ungleiche Verteilung von beruflichen Positionen, wirtschaftlichem Reichtum und sozialer Anerkennung, und schließlich für die gesellschaftliche Legitimation sozialer Ungleichheit im Lebenslauf und zwischen sozialen Großgruppen.