Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Der Wandel von der vorindustriellen zur modernen Familie


31.5.2012
Die Zeit zwischen 1955 und 1968 galt allgemein als Blütezeit von Ehe und Familie, weil die eheliche Kernfamilie in dieser Zeit eine besondere Monopolstellung innehatte. Seit Ende der 1960er-Jahre hat eine Pluralisierung der Lebensformen und Individualisierung der Lebensführung eingesetzt. Heute bietet die Ehe nur noch den rechtlichen Rahmen für eine Lebensform.

Unser Verständnis des Wandels der Familie wird bis heute von zahlreichen Mythen, Fehleinschätzungen und Klischees begleitet.

Drei Mythen über den historischen Wandel

Ein erster Mythos ist die weit verbreitete Annahme, es hätte eine Entwicklung von einer vorindustriellen Groß- zu einer modernen Kleinfamilie gegeben. Ausgehend von der Vorstellung, die Familie in der Vergangenheit sei typischerweise die Großfamilie gewesen, in der drei Generationen zusammen unter einem Dach lebten, wird unterstellt, es hätte eine lineare Verkleinerung der Familie gegeben, die bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist. Aus heutiger Sicht ist klar, dass die Dreigenerationenfamilie in der Vergangenheit nicht weit verbreitet, sondern eher die Ausnahme war. Vielfach dürften Familien im 19. Jahrhundert kleinere Einheiten mit vier bis sechs Personen gewesen sein, für die, im Unterschied zu heute, das Vorhandensein von Gesinde typisch war. Die Kleinheit ergab sich aus einer Vielzahl von Gründen. Zu den wichtigsten gehörte sicherlich die hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit. In manchen Zeiten und Regionen sind wohl bis zur Hälfte der Kinder während ihrer ersten drei Lebensjahre verstorben.

Das Klischee der Familie als Hort von Harmonie und Glück kann ebenfalls getrost als Mythos bezeichnet werden. Unter dem Diktat von Knappheit und Not war Familie zumeist nicht der Harmonieraum, zu dem sie bis heute romantisiert wird. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass die Familie verbreitet ein Ort von Konflikten, Gewalt und Unterdrückung war, unter der besonders Frauen und Kinder und nach der Hofübergabe auch Alte zu leiden hatten.

Weiterhin ist der Deutung entgegenzutreten, der Wandel der Familie sei im Sinne eines fortschreitenden Funktionsverlusts erfolgt, in dem die Familie zunächst die Produktionsfunktion abgegeben habe. Von einem progressiven Funktionsverlust der Familie kann nach den Befunden der historischen Familienforschung nicht gesprochen werden, bestenfalls von einer gewissen Spezialisierung. Entscheidend scheint nicht die Abgabe von Funktionen zu sein, sondern die veränderte Form, in der sie heute erbracht werden. Mit der These des Funktionswandels war die Annahme verknüpft, dass sich diese Entwicklung auch auf die Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Familie ausgewirkt habe: Die von der unmittelbaren Subsistenzsicherung entlastete Kernfamilie schaffe Raum für Emotionalität, Intimität und Liebe zwischen den Partnern bzw. zwischen Eltern und Kindern und stelle die moderne Familie auf eine völlig neue Grundlage. Eine solche Charakterisierung dürfte die Entwicklung überzeichnen, weil es durchaus Befunde dafür gibt, dass auch vorindustrielle Familienbeziehungen nicht ausschließlich instrumentell waren, wie ja umgekehrt heutzutage ökonomische oder pragmatische Gesichtspunkte bei Eheschließungen bzw. Familiengründungen durchaus bedeutsam sind.

Rechtliche Wendepunkte, Steigerung der Lebenserwartung und Wandel der Verwandtschaft

Entscheidende rechtliche Wendepunkte im Verlauf des Wandels von der vorindustriellen zur modernen Familie waren die Einführung der Schulpflicht, der Übergang vom kanonischen zum bürgerlichen Ehe- und Familienrecht sowie die Durchsetzung des Prinzips der freien Gattenwahl. Maßgebliche demografische Veränderungen waren der Rückgang der Säuglingssterblichkeit, der, mit einiger zeitlicher Verzögerung, zu einem spürbaren Rückgang der Geburten führte, und der Rückgang der Sterblichkeit im mittleren Erwachsenenalter. Das signifikante Absinken des Sterberisikos im mittleren Erwachsenenalter verlängerte die gemeinsame Lebenszeit der Familienmitglieder erheblich und führte, im Rahmen der strengen institutionellen Verfasstheit von Familie, zur Ausbildung des typischen frühmodernen Verlaufs der Familienentwicklung. Bei allen markanten Veränderungen der Familie, weit tiefgreifender war im Vergleich dazu der Wandel der Verwandtschaftsbeziehungen. Verwandtschaft hat als vormals mächtige soziale Institution ab Mitte des 19. Jahrhunderts stark an Bedeutung eingebüßt. Die Kernfamilie und ihre Mitglieder, zuvor integraler Bestandteil des übergreifenden Verwandtschaftssystems und davon abhängig, wurden zunehmend unabhängig und selbständig. Der Einfluss der Verwandtschaft als Kontroll- und Entscheidungsträger ging zurück und hat sich bis heute weitgehend aufgelöst.

Zum Wandel der Familie in Deutschland nach 1955

Die Zeit zwischen 1955 und 1968 wird allgemein als Blütezeit von Ehe und Familie bezeichnet, weil die eheliche Kernfamilie in dieser Zeit eine besondere Monopolstellung innehatte – sowohl faktisch als auch normativ. Voreheliches Zusammenleben, Scheidungen, nichteheliche Geburten und dauerhafte Kinderlosigkeit waren selten, die Heiratshäufigkeit hoch. Eine derartige Dominanz einer einzelnen Lebensform und des damit verbundenen Musters der Lebensführung ist historisch gesehen ein Ausnahmefall. Davor, d. h. insbesondere auch im 18. und 19. Jahrhundert, existierte eine Vielfalt von Lebensformen, die hauptsächlich durch den großen Einfluss der sozialstrukturellen Lage auf die Familienformen, ökonomisch begründete Heiratsverbote und das hohe Risiko der Verwitwung in jungen Jahren verursacht war. Die seit Ende der 1960er-Jahre in Gang gekommene »Pluralisierung der Lebensformen« und »Individualisierung« der Lebensführung stellen deshalb eine Rückkehr zur historischen Normalität der Vielfalt dar.

Strukturelle Ursachen des Wandels

Neben anderen sind vor allem zwei Ursachen für diesen Wandel von Bedeutung: die im Zuge der allgemeinen gesellschaftlichen Modernisierung nachlassende Verbindlichkeit sozialer Normen und Kontrollen sowie die zunehmende Bildungsbeteiligung und Erwerbstätigkeit der Frauen, die dadurch ökonomisch immer unabhängiger von Mann und Ehe werden.

Die Ehe verlor in diesem Prozess ihre frühere Bedeutung als gesellschaftliche Institution, die um ihrer selbst willen zu schützen und aufrechtzuerhalten war, und bietet heute nur noch den rechtlichen Rahmen für eine Lebensform, die die Eheleute ansonsten nach ihrem Belieben individuell gestalten können. Das bedeutet jedoch nicht, dass gesellschaftliche Einschränkungen gänzlich an Bedeutung eingebüßt haben. Im Gegenteil: Nach wie vor beeinflussen strukturelle Rücksichtslosigkeiten, d. h. der politisch gesetzte Vorrang wirtschaftlicher gegenüber familialen Interessen, fehlende öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen und die gesellschaftliche Geringschätzung von in der Familien- und Erziehungsarbeit erbrachten Leistungen das Familienleben und die Entfaltungschancen von Familien beträchtlich. Doch zweifellos haben die Wahlmöglichkeiten und die Vielfalt der Lebensformen zugenommen, zwar nicht im Sinne eines "anything goes", aber im Sinne einer Herauslösung aus den Zwangsläufigkeiten der ökonomischen und sozialen Verhältnisse, wie sie noch in den 1960er-Jahren bestanden.