Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Historischer Rückblick

Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg löste der säkularisierte Staat die Kirchen als wichtigsten Träger von Bildungseinrichtungen ab. Seither wurden immer wieder umfassende Reformen im Bildungssystem durchgeführt. Heute gibt es keine länderübergreifenden gesetzlichen Regelungen für das gesamte Bildungssystem. Entsprechend der förderalen Struktur Deutschlands ist Bildung Ländersache.

Die Entwicklung des deutschen Bildungswesens im europäischen Kontext

Die schrittweise Einführung der Schulpflicht (z. B. 1763 in Preußen) und eine geregelte Mindestbildung für alle Bevölkerungsgruppen waren im 18. und 19. Jahrhundert mit entscheidend für die Entstehung nationaler Identität und die kulturelle Integration der sich herausbildenden Nationalstaaten. Die Einrichtung eines eigenständigen Bildungssystems stellt eine besondere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung in Europa dar, weil in ihm Sozialisation sowie Erziehungs- und Lernprozesse der nachwachsenden Generation systematisch organisiert und geregelt werden. Die national unterschiedlichen Bildungssysteme entstanden nicht durch die rationale Planung herrschender Eliten, auch wenn diese an der Bereitstellung von hinreichend qualifizierten Soldaten und Bürgern interessiert waren, um die wirtschaftliche und militärische Situation zu verbessern, sondern sind vornehmlich das Ergebnis komplexer kultureller und sozioökonomischer Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesse. In ihnen spiegeln sich Konflikt- und Machtkonstellationen zwischen Interessengruppen und politischen Parteien im 18. Jahrhundert wider, als die Alphabetisierung in Gang gesetzt wurde, und im 19. Jahrhundert, als die Schulpflicht eingeführt wurde. Im Zuge der Säkularisierung und der Konsolidierung der Nationalstaaten erfolgte über das Bildungssystem eine staatliche Kontrolle der Gesellschaft. Die Bildungsexpansion war auch Voraussetzung für die politische Beteiligung und Integration der Bürger (Aufbegehren gegen Absolutismus) sowie für die staatliche Umverteilung von Lebenschancen (Paternalismus und Protektion), die an den Erwerb von Bildung geknüpft sind wie etwa Arbeitsmarktchancen, Einkommenserzielung und Erwerb von wohlfahrtsstaatlichen Anrechten (z. B. Altersabsicherung).

Die Etablierung eines Bildungssystems im 19. Jahrhundert

In diesen frühen Perioden der Etablierung nationaler Bildungssysteme zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg löste der säkularisierte Staat die Kirchen als wichtigsten Träger von Bildungseinrichtungen ab. Dies führte zu tiefgreifenden Konflikten um Werte und Weltanschauungen, und diese Auseinandersetzungen beeinflussten die Art und Weise, wie der Staat die Kontrolle des Bildungssystems und die Verantwortung für die Bildung übernahm. Die sich verbreitende Erkenntnis, dass Bildung nicht nur die Identitäten und Werthaltungen nachwachsender Generationen, sondern auch die politischen und ökonomischen Chancen der Gesellschaftsmitglieder beeinflusst, heizte die politischen Diskussionen über Bildung an. Die Reformen des Bildungssystems wurden mehr und mehr von Klassenkonflikten geprägt. Zwar öffnete die Einführung der Schulpflicht Kindern aus allen Schichten zumindest den Zugang zur Elementarbildung, doch in den höheren Schulen und Universitäten blieben die Mittel- und Oberschicht noch weitgehend unter sich.

Die Reformen während der Weimarer Republik

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Primarschule, Berufsausbildung und allgemeine Sekundarschule ausgebaut. In Deutschland kam es wie in vielen anderen europäischen Ländern zur Öffnung der höheren Schulen für breitere Bevölkerungsschichten, indem das Nebeneinander von Volksschule als Institution für das "gemeine Volk" und Gymnasium als Institution für gesellschaftliche Eliten beendet wurde. Die Volksschule wurde nun den höheren Bildungsgängen vorgeschaltet und musste von allen Kindern besucht werden. Somit etablierte sich endgültig das bereits im 19. Jahrhundert entstandene dreigliedrige Schulsystem, das im Wesentlichen den politischen, ökonomischen und sozialen Statusinteressen einer Dreiklassengesellschaft entsprach. Während die Volksschule vom "gemeinen Volk" besucht werden sollte und zur beruflichen Tätigkeit in Landwirtschaft und Industrie führte, sah die Realschule für die Mittelschichten eine Ausbildung für Tätigkeiten im Bereich der privatwirtschaftlichen Verwaltung und des Militärs vor. Das Gymnasium als Elitenbildungsanstalt war schließlich der Oberschicht, vor allem dem Bildungsbürgertum, vorbehalten, die dann auch die leitenden Positionen in Politik und Wirtschaft einnehmen sollten. Hier hat die strukturell-institutionelle Beziehung zwischen Bildungssystem und Sozialstruktur, die zur Reproduktion von sozialer Ungleichheit und Klassenstrukturen durch das Bildungssystem führt, ihren Ursprung. Unter der nationalsozialistischen Diktatur (1933 – 45) kam es trotz der allgemeinen Gleichschaltungspolitik zu keiner grundlegenden Neustrukturierung des Bildungssystems.

Die Veränderungen nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden überall in Europa – von Land zu Land verschieden – sowohl der Sekundarbereich ausgebaut als auch die höheren Schulen, Universitäten und Fachhochschulen auch für Kinder aus bislang benachteiligten Schichten weiter geöffnet. Nationale Besonderheiten der politischen, ökonomischen und sozialstrukturellen Entwicklung sowie Unterschiede in der Organisation, Kontrolle und Finanzierung ließen in Europa eine vielfältige Landschaft von Bildungssystemen entstehen, für die sehr verschiedene Formen der sozialen Durchlässigkeit von Bildungseinrichtungen kennzeichnend sind (Müller u. a. 1997).

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde in Westdeutschland das Bildungswesen der Weimarer Republik restauriert und hat dann in den Folgejahren – im Unterschied zur DDR – allenfalls noch graduelle Änderungen erfahren. Die Einführung einer schulformunabhängigen Orientierungsstufe, der Ausbau der (integrierten) Gesamtschule oder der Umbau der gymnasialen Oberstufe in den 1970er-Jahren scheiterte am parteipolitischen Streit. Der von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung vorgelegte und 1973 von Bund und Ländern verabschiedete Bildungsgesamtplan wurde nie umgesetzt. Auch gegenwärtig bewirken im Unterschied zu anderen europäischen Ländern Bildungsreformen in Deutschland keine einschneidenden institutionellen Veränderungen des schulischen und berufsbildenden Bildungssystems. Nach der Wiedervereinigung wurden in den 1990er-Jahren zunächst die westdeutschen Strukturen mit nur geringfügigen Modifikationen auf das Bildungssystem der neuen Bundesländer übertragen. Doch seit Ende den 1990er-Jahren kam es wegen der internationalen Konkurrenz, drängender Forderungen aus der Wirtschaft und offenkundiger Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität des Bildungssystems wieder zu bildungspolitischen Debatten über den Modernitätsrückstand des deutschen Bildungswesens und zu vereinzelten Reformmaßnahmen (einschließlich der sogenannten "Bologna-Reform"), deren Tragweite und Folgen noch nicht absehbar sind.