Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Historischer Rückblick

Die heutigen Strukturen des Bildungssystems in Deutschland

Bildungsorte und Lernwelten in DeutschlandBildungsorte und Lernwelten in Deutschland
Entsprechend der föderalen Struktur Deutschlands gibt es – basierend auf dem Grundgesetz sowie auf Bundes- und Landesgesetzen – keine länderübergreifende gesetzliche Regelung für das gesamte Bildungssystem und keine bundeseinheitliche Verwaltung des Bildungswesens, denn das allgemeinbildende und berufsbildende Schul- und Ausbildungswesen sowie die Hochschulgesetzgebung unterliegen der Kulturhoheit der 16 Bundesländer. Sie sind primär für Schulgesetzgebung und Verwaltung des Bildungswesens (Schulaufsicht und -verwaltung) zuständig. Die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK) soll die Bildungsangelegenheiten der Länder koordinieren, um eine föderalistische Zersplitterung des Bildungssystems zu vermeiden. Die Berufsausbildung ist fast einheitlich durch das Berufsbildungsgesetz, ein Bundesgesetz, definiert, wobei die einzelnen Länder für die Verwaltung der berufsbildenden Schulen zuständig sind. Der Vorschulbereich obliegt der Sozialgesetzgebung des Bundes (Bundesministerium für Bildung und Forschung). Die Rahmenkompetenz für das Hochschulwesen liegt beim Bund, während der Hochschulbau eine gemeinsame Aufgabe von Bund und Ländern ist. Für die materielle Ausstattung der Schulen wiederum sind die jeweiligen Schulträger zuständig – für die öffentlichen Schulen sind das die Gemeinden oder Gemeindeverbände bzw. das Bundesland, für die privaten Schulen sind es natürliche oder juristische Personen (z. B. die Kirchen).

Segmentierung und Differenzierung als Kennzeichen des Bildungssystems

Im Zuge seiner Entwicklung ist in Deutschland ein nach Stufen hochgradig stratifiziertes und nach Typen stark segmentiertes bzw. differenziertes Bildungssystem entstanden. Die Abbildung gibt einen groben Überblick über dessen Aufbau und Gliederung. Unterschieden wird zwischen der Elementar- und Primarstufe (Kindergarten, Vorschule, Grundschule), Sekundarstufe (weiterführende Schulen, berufliche Bildung) und der Tertiärstufe (Hochschulen). Der quartäre Bereich mit allgemeiner und beruflicher Weiterbildung ist – trotz der Einführung von Volkshochschulen für die Erwachsenenbildung seit Januar 1902 – in Deutschland keine institutionalisierte Stufe im Bildungswesen. Eine zusätzliche Differenzierung des Bildungswesens unterscheidet zwischen den Institutionen der Allgemeinbildung und der Berufsbildung. Der Bereich der Berufsbildung ist in sich differenziert. Derzeit werden drei Bereiche unterschieden: 1.) vollzeitliche schulische Ausbildung (zumeist in Berufsfachschule), 2.) berufspraktische Ausbildung (Lehre) in einem Betrieb mit einem begleitenden Unterricht in der Berufsschule (duale Berufsausbildung *), und 3.) das sogenannte "Übergangssystem" für jugendliche Schulabgänger ohne Ausbildungsplatz (z. B. schulisches Berufsgrundbildungsjahr, welches einem berufsvorbereitenden Jahr auf einer Berufsschule entspricht oder Besuch von Berufsfachschulen ohne Erwerb eines beruflichen Abschlusses oder berufsvorbereitende Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit, usw.).

Elementar- und Primarstufe

Typisch ist für Deutschland – wie für alle Bildungssysteme, aber mit graduellen nationalen Variationen – die Koppelung der Bildungseinrichtungen an das Lebensalter der Lernenden. Ab dem ersten bis zum dritten Lebensjahr kann die Kinderkrippe, ab dem vierten bis zur Einschulung der Kindergarten besucht werden. Der Besuch der Elementarstufe ist für die noch nicht schulpflichtigen Kinder freiwillig. In einigen Ländern findet der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule über Vorklassen und Schulkindergärten statt. Derzeit erfolgt der Schuleintritt mit dem vollendeten sechsten Lebensjahr. Die Pflichtschulzeit umfasst neun, in manchen Bundesländern zehn Schuljahre. Die anschließende Teilzeitschulpflicht (Berufsschulpflicht bis zum 18. Lebensjahr) beträgt drei Jahre. Die Grundschule umfasst vier Klassenstufen und in Berlin sowie Brandenburg sechs Jahrgangsstufen.

Sekundarstufe I und II

Am Ende der Primarstufe erfolgt der Übergang in eine der zwei bis fünf Schultypen in der Sekundarstufe I, die sich durch ihre Leistungsanforderungen unterscheiden. Hierbei hat der Elternwille Vorrang vor dem staatlichen Bestimmungsrecht, wobei in einigen Bundesländern die Grundschulempfehlung einen mehr oder weniger verbindlichen Charakter hat. Die Orientierungsstufe (Jahrgangsstufen 5 und 6) dient unabhängig von ihrer organisatorischen Zuordnung zur Orientierung über den weiteren Bildungsweg in einer der Schullaufbahnen.

Während in der Vergangenheit das dreigliedrige Schulsystem mit Hauptschule (allgemeine Bildung), Realschule (vertiefte allgemeine Bildung) und Gymnasium (erweiterte allgemeine Bildung) dominierte, haben sich seit 1990 institutionelle Änderungen ergeben. So wurden – abgesehen von bereits bestehenden Gesamtschulen in einigen Bundesländern im Westen Deutschlands – unterschiedliche Formen der kooperativen und integrativen Gesamtschule etabliert mit besonderen Regelungen. In einigen Bundesländern gibt es zweigliedrige Schulsysteme, in denen die Bildungsgänge der Haupt- und Realschulen angeboten werden. Die derzeitigen Entwicklungen laufen offenbar auf eine flächendeckende Konvergenz zu einer zweigliedrigen Sekundarstufe I hinaus. Behinderte werden entsprechend ihrer Behinderungsart – teilweise auch integrativ zusammen mit nichtbehinderten Schulkindern – in besonderen allgemeinbildenden und beruflichen Schulen unterrichtet. Im Jahre 2007 haben sich die Schülerzahlen in der Jahrgangsstufe 8 zu 20,6 % auf die Hauptschule, 26,5 % auf die Realschule, 33,4 % auf das Gymnasium, 8,5 % auf die integrierte Gesamtschule, zu 6,4 % auf Schularten mit mehreren Bildungsgängen zu 3,8 % auf die Sonderschulen verteilt (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010). Die Durchlässigkeit zwischen den Schularten und gegenseitige Anerkennung der Schulabschlüsse sind gewährleistet.

Schulartverteilung und Lesekompetenz 15-jähriger Schülerinnen und SchülerSchulartverteilung und Lesekompetenz 15-jähriger Schülerinnen und Schüler
Der Hauptschulabschluss ist der erste allgemeinbildende Schulabschluss, der je nach Bundesland nach 9 oder 10 Jahren erworben wird. Der Realabschluss wird in der Regel nach 10 Schuljahren erworben. Der nachträgliche Erwerb dieser Abschlüsse an Abendschulen und beruflichen Schulen ist möglich. Der Hauptschulabschluss berechtigt zum Besuch weiterführender beruflicher Schulen und ist Voraussetzung für die Ausbildung zum Handwerker bzw. Facharbeiter oder für kaufmännische Berufe. Derzeit gibt es eine zunehmende Entkopplung des Schulabschlusses von der besuchten Schullaufbahn in der Sekundarstufe I. Beispielsweise kann der Realschulabschluss auch an Hauptschulen erworben werden. Der im Vergleich zum Hauptschulabschluss höherwertige Realschulabschluss, der in der Zwischenzeit zum Mindeststandard bei den Schulabschlüssen geworden ist, berechtigt zur fortgesetzten Schulbildung in der Oberstufe eines allgemeinen oder beruflichen Gymnasiums und nach abgeschlossener Ausbildung zum Besuch der Fachoberschule. Und wenn Personen in diesem Bildungsbereich besondere leistungsbezogene Voraussetzungen erfüllen, können sie auch auf das Gymnasium wechseln. Die auf der gymnasialen Oberstufe mit dem vorzeitigen Abgang vor dem Abitur nach der 11. bzw. 12. Klassenstufe erworbene Fachhochschulreife berechtigt neben einer nichtakademischen Berufsausbildung zum Fachhochschulstudium und das Abitur zum Studium an allen Hochschulen.

Die Sekundarstufe II ist gegliedert und heterogen. Nach dem Erwerb formeller Berechtigung nach der Jahrgangsstufe 9 oder 10 kann die Allgemeinbildung in der gymnasialen Oberstufe fortgesetzt werden. Die Hochschulreife (Abitur) erreicht man in den meisten Bundesländern nach der Klassenstufe 13 und die Fachhochschulreife bereits eine Klassenstufe früher. Derzeit findet in der Mehrzahl von Bundesländern – dem Vorbild ostdeutscher Länder und europäischer Nachbarländern folgend – eine Umstellung auf das achtjährige Gymnasium statt, so dass die Hochschulreife bereits nach der Jahrgangsstufe 12 erworben wird. Schulabgänger nach der Sekundarstufe I finden ein breites Angebot an beruflicher Ausbildung vor. Den größten Raum nimmt die berufliche Ausbildung mit einer Dauer von ein bis drei Jahren ein. Sie erfolgt entweder im dualen System der Berufsausbildung in einer berufspraktischen Ausbildung in einem Betrieb (Lehre) mit einem begleitenden Unterricht in der Berufsschule oder über den Besuch einer beruflichen Vollzeitschule (zumeist Berufsfachschule). Neben dem Berufsabschluss können je nach Voraussetzungen (etwa Realschulabschluss und Besuch der Fachoberschule oder nach Besuch der Berufs- oder Fachgymnasien) auch die fachgebundene Fachhochschulreife oder Allgemeine Hochschulreife erworben werden. Aufgrund der Standardisierung und beruflichen Spezifität der beruflichen Ausbildung sowie der engen Kopplung zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystem, die mit vergleichsweise geringer Jugendarbeitslosigkeit einhergeht, gilt das deutsche Modell der Berufsausbildung als eine erfolgreiche Lösung für die Sicherstellung des Angebots qualifizierter Arbeitskräfte und des erfolgreichen Übergangs von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt (Müller u. a. 2002).

Der Tertiärbereich

Der Tertiärbereich in Deutschland umfasst mit seinen Hochschulen die Institutionen, die schon traditionell über die Einheit von Forschung und Lehre mit der Entwicklung kultureller Leitideen, der Entdeckung von ökonomisch verwertbarem Wissen und der Produktion hochqualifizierter Arbeitskräfte verbunden werden. Er ist (noch) ein binäres System mit den Universitäten einerseits, Fachhochschulen und anderen Hochschulen wie Pädagogische Hochschulen, Musik- und Kunsthochschulen sowie Verwaltungshochschulen andererseits. Laut Statistischem Bundesamt gab es im Wintersemester 2008/09 insgesamt 394 Hochschulen in Deutschland: 104 Universitäten (mit dem größten Anteil der Studierenden), 6 Pädagogische Hochschulen, 14 Theologische Hochschulen, 51 Kunsthochschulen, 189 Fachhochschulen (mit dem zweitgrößten Anteil der Studierenden) und 30 Verwaltungsfachhochschulen. In der Quantität dominieren Universitäten (mit akademischer Ausbildung und Grundlagenforschung) und Fachhochschulen (mit praxisorientiertem Studium und anwendungsbezogener Forschung), die nach Erwerb der Studienberechtigung (Abitur bzw. Fachhochschulreife) besucht werden können. Aufgrund des in den letzten Jahren enorm angewachsenen Reformdrucks im Hochschulbereich ist eine Ausweitung des Tertiärbereichs mit der Etablierung privater Hochschulen und von Berufsakademien zu beobachten, die eine wissenschaftsbezogene und praxisorientierte Berufsausbildung an einer Studienakademie und in einem Betrieb ähnlich der dualen Berufsausbildung im Sekundarbereich vermitteln. Gegenwärtig können Berufsakademien noch keinen staatlich anerkannten Abschluss bieten.

Nachdem sich am 19. Juni 1999 die europäischen Bildungsminister von insgesamt 29 Staaten im norditalienischen Bologna auf eine Hochschulreform ("PDF-Icon Bologna-Erklärung" zum "Europäischen Hochschulraum") geeinigt haben, wird in Deutschland flächendeckend ein zweistufiges System von Studienabschlüssen nach angloamerikanischem Vorbild eingeführt. Nach einem Studium von sechs bis maximal acht Semestern wird mit dem Bachelor ein erster anerkannter Studienabschluss erworben. Der Bachelor (BA) soll ein praxis- und berufsorientiertes Studium sein und dem bisherigen Diplomabschluss von Fachhochschulen entsprechen. Für den daran anschließenden Master als nächsten akademischen Abschluss sind zwei bis vier Semester vorgesehen. Der Master (MA) soll als theoretisch ausgerichtetes Studium den bisherigen Diplom- und Magisterabschlüssen an Universitäten entsprechen. Durch die Bologna-Reform soll ein einheitlicher Hochschulraum innerhalb der Europäischen Union geschaffen und mit der gegenseitigen Anerkennung dieser Abschlüsse die Mobilität der Studierenden innerhalb Europas verbessert werden. Derzeit wird an der Umsetzung der Bologna-Reform kritisiert, dass durch sie die Arbeitsbelastung für Studierende wie Lehrende gestiegen sei und eine Verschulung der akademischen Ausbildung vorangetrieben werde. Noch ist unklar, ob mit dieser Reform die von den Initiatoren avisierten Ziele wie etwa höhere Mobilität der Studierenden erreicht werden oder ob eher ungewollt eine weitere Stratifikation des Hochschulbereichs mit negativen Konsequenzen für Studienchancen "bildungsferner" Schichten eingeführt wurde (Becker 2010).