Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Historischer Rückblick

Funktionen des Bildungswesens

Dem Bildungswesen werden verschiedene Funktionen zugeschrieben, wobei im Hinblick auf Effizienz und Effektivität des Bildungssystems Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander liegen. Die Qualifikations- und Sozialisationsaufgabe des Bildungssystems besteht zum einen darin, der Bevölkerung grundlegende Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, um die Nachfrage des Arbeitsmarktes nach Qualifikationen und Kompetenzen zu befriedigen. Zum anderen sollen nachfolgende Generationen mit Wissen und Werten erzogen werden, damit sie gesellschaftlich erwünschte Verhaltensmuster zeigen. Die Legitimationsfunktion meint die Vermittlung gesellschaftlicher Werte und Weltanschauungen, damit sich die jungen Bürgerinnen und Bürger loyal in die Gesellschaft und ihr politisches System integrieren. Die Selektionsfunktion des Bildungssystems liegt darin, dass Anrechte für bestimmte Ausbildungen und soziale Positionen über Leistung und die Vergabe von Zertifikaten nach Leistung erfolgen soll. Die Platzierungsfunktion meint, dass der Zugang zu bestimmten Berufen und privilegierten Positionen über das Bildungssystem nach erworbenen Abschlüssen erfolgen soll. Ihrem Anspruch nach können diese Funktionen nicht immer erfüllt werden, wenn beispielsweise der Ausstoß des Bildungssystems hinter den Erwartungen und Erfordernissen des Arbeitsmarktes zurück bleibt, die Selektion statt nach Leistung über soziale Merkmale und andere Kategorien erfolgt, die Platzierung statt nach erworbenen Anrechten über andere Auswahlmechanismen wie etwa über Geschlecht, Korruption oder Beziehungen verläuft.

Bildungsausgaben

Bildungsausgaben – die öffentlichen und privaten Aufwendungen für Bildung – sind als ein Indikator für die dem Bildungssystem zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen auch ein Richtwert dafür, welche Bedeutung eine Gesellschaft der Bildung beimisst. Im Jahre 2007 wurden in Deutschland rund 204,1 Milliarden Euro für Bildung, Forschung und Wissenschaft budgetiert. Von diesem Betrag wurden rund 147,8 Milliarden Euro für Bildung ausgegeben. Zwar wurden im Jahre 2007 rund 22 Milliarden Euro mehr als im Jahre 1995 für Bildung ausgeben. Je höher die jeweilige Bildungsstufe ist, desto mehr Geld wird pro Lernende ausgegeben. Betrachtet man die Ausgaben für Bildungseinrichtungen je Person der bildungsrelevanten Bevölkerung (Personen im Alter von 3 bis 29 Jahren) und setzt sie in Beziehung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner, so werden in Deutschland rund 18 % des BIP je Einwohner für Bildung aufgewendet. Aber abgesehen davon, dass ein niedriges BIP geringe und ein hohes BIP höhere Bildungsausgaben bedeuten, sind – gemessen an der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland – in den letzten Jahren die Bildungsausgaben in ihrem Zuwachs zurück geblieben: Denn während 1995 noch 6,8 % des BIP für Bildung aufgewendet wurden, lagen sie 2007 bei einem Anteil von 6,1 % am BIP (Autorengruppe Berichterstattung 2010). Im Vergleich zu den anderen OECD-Ländern liegt Deutschland damit nur im unteren Mittelfeld – insbesondere dann, wenn nur die staatlichen Ausgaben, aber nicht die privaten Aufwendungen für Bildung berücksichtigt werden. Es ist naheliegend, dass mit der Zahl der bildungsrelevanten Bevölkerung – und Deutschland liegt hierbei aufgrund der demographischen Altersstruktur ihrer Bevölkerung relativ gesehen weit unterhalb des OECD-Durchschnitts – und der Dauer der Bildungsbeteiligung von Lernenden die Ausgaben für Bildung insgesamt steigen (Frieder 2008). Typisch für Deutschland ist im internationalen Vergleich, dass die Bildungsausgaben über die Phasen des Bildungsverlaufs gestreckt und die älteren Personen gegenüber den jüngeren im Bildungssystem bevorzugt werden.

Bei den Ausgaben für den Primarbereich und Sekundarstufe I liegen in Deutschland die Bildungsausgaben unter dem OECD-Durchschnitt und für die Sekundarstufe II (insbesondere Berufsausbildung) und den Tertiärbereich über dem OECD-Durchschnitt (Schmidt 2003). In Deutschland wird vor allem in die Bildungsbereiche (Primarbereich und Sekundarstufe I) unterdurchschnittlich investiert, die für die qualifikatorischen und beruflichen Anforderungen des 21. Jahrhunderts (Wirtschaftssektoren und Spitzenförderung) entscheidend sind, und am meisten in die Bereiche von mittlerer Schul- und Berufsausbildung und Wirtschaftsbereichen wie Industrie und Gewerbe, die im 20. Jahrhundert dominierten. Ein Großteil der Bildungsausgaben wird dabei – bei einem im internationalen Vergleich "ungünstigen" Verhältnis von Lernenden und Lehrpersonen – für die Gehälter von Lehrpersonen statt für die Ausstattung der Schulen oder für den Unterricht verwendet. Im OECD-Vergleich gehört Deutschland zu den Ländern, deren Bildungsausgaben stark über politisch motivierte Entscheidungen für bestimmte Bildungsbereiche (vor allem zu Gunsten der mittleren dualen Berufsausbildung) erfolgen. Für die Menge und Entwicklung von Bildungsausgaben spielen die besonders ausgeprägte Kulturhoheit der Bundesländer mit Länderhaushalten in chronischer Finanznot, die relativ geringe Größe des kostenintensiven tertiären Bildungsbereichs, der geringe Anteil der bildungsrelevanten Bevölkerung und der beachtliche Beitrag privater Bildungsausgaben eine bedeutsame Rolle. Sie erklären die Entscheidung über Bildungsausgaben eher als andere Faktoren wie etwa die nationale Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung. Deutschland gehört auch zu den Ländern, die im Vergleich zu den Ausgaben für andere Bereiche der öffentlichen Haushalte (wie etwa Sozialbereich, Militär oder Schuldentilgung usw.) relativ wenig in Bereiche wie Bildung, Qualifikation und kulturelle Integration nachwachsender Generationen und wirtschaftliche Entwicklung investieren, die für die Zukunft einer Gesellschaft besonders wichtig sind. So gesehen, ist es in Deutschland vergleichsweise ungünstig bestellt um die Wertschätzung von Bildung, obwohl die Rhetorik der Politik einen anderen Eindruck erwecken will.