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Die familiendemografische Entwicklung in Deutschland


31.5.2012
Der demografische Wandel hat sich in Ost und West teilweise sehr unterschiedlich vollzogen. Nach der Wiedervereinigung haben sich die Unterschiede aber nur partiell verringert. Beispielsweise gibt es kaum einen Unterschied beim Erstgeburtsalter. Der Anteil nichtehelicher Geburten ist wiederum in den neuen Bundesländern doppelt so hoch wie in den alten.

Nichtehelichenquote für West- und Ostdeutschland, 1946 bis 2009Nichtehelichenquote für West- und Ostdeutschland, 1946 bis 2009
Die demografische Entwicklung ist in beiden deutschen Staaten und nach der Wiedervereinigung in den alten und neuen Bundesländern teilweise sehr unterschiedlich verlaufen (vgl. dazu Kapitel das "Bevölkerung"). Nach 1990 haben sich die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern teilweise verringert, etwa beim Erstgeburtsalter, das sich heute kaum noch unterscheidet, andere haben sich dagegen weiter vergrößert, etwa der Anteil nichtehelicher Geburten, der im Osten mehr als doppelt so hoch ist wie im Westen[1].

Zusammengefasste Geburtenziffern in West- und Ostdeutschland, 1945 bis 2009Zusammengefasste Geburtenziffern in West- und Ostdeutschland, 1945 bis 2009
Die Entwicklung der Geburtenrate

Deutschland gehört seit Anfang der 1970er-Jahre global zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate. Auf dem Höhepunkt des sogenannten "Baby-Booms" in Deutschland wurden 1957 bis 1968 etwa 2,4 Kinder je Frau geboren. Danach setzte ein sehr massiver Rückgang der Geburtenrate ein, der bis etwa 1975 andauerte. Seither wurden im Durchschnitt (gemessen mit der Zusammengefassten Geburtenziffer TFR) etwa 1,4 Kinder je Frau geboren (2010: 1,39), wobei jedoch teils erhebliche regionale Unterschiede zu beobachten sind. Damit ist jede nachfolgende Generation um etwa ein Drittel kleiner als die Elterngeneration.

Gründe für die niedrige Geburtenhäufigkeit

Grundsätzlich sind drei Ursachenbündel zu unterscheiden. Strukturell gilt Deutschland als ein Land, in dem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders schwierig ist. Gründe liegen im Fehlen einer ausreichenden Zahl an Kinderbetreuungsplätzen, vor allem im Krippen- und im Grundschulalter in Westdeutschland, aber auch in der weithin geringen Bereitschaft der Wirtschaft, durch flexible Arbeitszeitstrukturen familienfreundlicher zu werden. Kulturell ist festzustellen, dass besonders in Westdeutschland sehr traditionelle Familienleitbilder und Geschlechterrollen weiterhin eine hohe Bedeutung haben und die Förderung des Kindeswohls als Aufgabe der Eltern einen sehr hohen gesellschaftlichen Stellenwert besitzt. In Verbindung mit dem verbreiteten Bestreben vieler (potentieller) Eltern, in der Erziehung alles richtig zu machen und so den hohen gesellschaftlichen Erwartungen an eine gelingende Erziehung zu entsprechen, wird die Entscheidung für Kinder erschwert oder sogar verhindert.

Während die niedrige Geburtenrate auf kulturelle und strukturelle Faktoren zurückzuführen ist, ist der Rückgang der Geburtenhäufigkeit, also der absoluten Zahl von Geburten, durch die demografische Entwicklung bedingt, weil die schrumpfende Größe der jeweiligen Elterngeneration auch bei konstanter Geburtenrate in der Summe zu weniger Geburten führt. Gab es im Jahr 2000 noch knapp 20 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter (15 bis 49 Jahre), werden es 2020 nur noch knapp 16 Millionen sein – und damit etwa 20 Prozent weniger.

Veränderungen des generativen Verhaltens

Das generative Verhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten in vielfacher Weise verändert. Besonders markant ist dabei der rasch gestiegene Anteil dauerhaft kinderloser Frauen. Mehr als jede fünfte Frau, die zwischen 1964 und 1968 geboren worden ist, war im Jahr 2008, also im Alter zwischen 40 und 44 Jahren, noch kinderlos und es kann angenommen werden, dass nur noch ein sehr kleiner Teil dieser Frauen Mutter werden wird. Deutschland gehört damit weltweit zu den Ländern mit den höchsten Anteilen dauerhaft kinderloser Frauen. Dabei bestehen erhebliche regionale Unterschiede: Während in den neuen Bundesländern nur 13 % kinderlos geblieben sind, ist dieser Anteil in den alten Bundesländern doppelt so hoch. Die Dynamik des Wandels belegt ein Vergleich mit den um 1945 geborenen Frauen. Unter ihnen waren nur 12 % kinderlos geblieben, 13 % in den alten und 7 % in den neuen Bundesländern.

Kinderlose Frauen von 45 Jahren und älter nach Ausbildungsabschluss in West- und Ostdeutschland (Stand: 2008)Kinderlose Frauen von 45 Jahren und älter nach Ausbildungsabschluss in West- und Ostdeutschland (Stand: 2008)
Bedeutsame Unterschiede im Ausmaß der Kinderlosigkeit sind auch nach dem formalen Schulabschluss der Frauen erkennbar. Bei Frauen mit Abitur beträgt der Anteil Kinderloser in der Geburtskohorte 1964 – 68 28 % [2], bei Frauen ohne Schulabschluss dagegen 17 %. Es zeigen sich allerdings in Ostdeutschland weniger ausgeprägte Unterschiede für die Anteile dauerhaft kinderloser Frauen nach ihrem Ausbildungsabschluss als in Westdeutschland. Soweit es die spärlich vorhandenen empirischen Befunde erlauben, kann für Männer von einem umgekehrten Zusammenhang zwischen Bildung und Kinderlosigkeit ausgegangen werden: Je höher die formale Bildung, desto mehr Kinder haben die Männer im Durchschnitt, wohingegen Männer mit weit unterdurchschnittlicher Bildung das höchste Risiko dauerhafter Kinderlosigkeit tragen.

Kinderlosigkeit kann gewollt oder ungewollt sein. Erstere beruht meist auf einer prinzipiellen Ablehnung von Elternschaft oder auf einem immer wieder vollzogenen Aufschub eines latent vorhandenen Kinderwunschs mit abschließendem Verzicht auf Kinder. Ungewollte Kinderlosigkeit kann infolge des Fehlens eines geeigneten Partners oder auf Grund von Infertilität entstehen. Das Risiko unfruchtbar zu sein bzw. zu werden steigt mit zunehmendem Alter stark an. Im Alter von 20 bis 25 Jahren sind etwa 6 % der Frauen betroffen, bei den 35- bis 40-Jährigen ist dieser Anteil vier- bis fünffach erhöht. Die zunehmende Inanspruchnahme reproduktionsmedizinischer Unterstützung, die sich zu einem blühenden Wirtschaftszweig entwickelt hat, ist demnach nicht in erster Linie Folge einer allgemein sinkenden Fruchtbarkeit, die durch Umwelteinflüsse hervorgerufen wird, sondern Ergebnis des verbreiteten Verhaltens, Elternschaft in immer höhere Lebensalter zu verschieben.

Der biografische Aufschub des Übergangs zur Elternschaft ist ein zweites bedeutsames Merkmal des Wandels des generativen Verhaltens. Mütter sind in Deutschland im Durchschnitt bei der Geburt ihres ersten ehelichen Kindes 30 Jahre alt und damit rund fünf Jahre älter als noch vor dreißig Jahren. Gegenwärtig hat jedes vierte Neugeborene eine Mutter, die 35 Jahre oder älter ist. Als Folge eines fortschreitenden biografischen Aufschubs von Elternschaft erhöht sich, wie erwähnt, das Risiko ungewollter Kinderlosigkeit, demografisch ist damit auch eine Vergrößerung des Abstands zwischen den Generationen verbunden, mit erheblichen Folgen für die Bevölkerungsstruktur. Das veranschaulicht ein kleines Modellbeispiel: Sind Mütter im Durchschnitt bei der Geburt ihrer Kinder 25 Jahre alt, werden in einem Jahrhundert vier Generationen geboren, sind sie dagegen 33 Jahre alt, sind es nur drei Generationen.

Noch ein dritter demografischer Faktor hat Einfluss auf das Geburtengeschehen – der Rückgang von Müttern mit mindestens drei Kindern. Zwei Zahlen sollen den Wandel demonstrieren: Während 32 % der Frauen der Geburtsjahrgänge 1933 – 38 mindestens drei Kinder geboren haben, war dieser Anteil in den Geburtsjahrgängen 1959 – 63 auf rund 16 % gesunken.

Während also Kinderlosigkeit zunimmt und Mehrkindfamilien seltener werden, kann die weit verbreitete Einschätzung, dass immer mehr Kinder ohne Geschwister aufwachsen, nur bedingt bestätigt werden. 1984 waren 12 % und 2008 ca. 16 % aller Kinder geschwisterlos.

In Westdeutschland sind Elternschaft und Ehe nach wie vor eng verknüpft. Im Vergleich mit vielen westlichen Industrieländern weisen die alten Bundesländer, trotz eines beständigen Anstiegs seit Mitte der 1960er-Jahre, einen vergleichsweise niedrigen Anteil nichtehelich Geborener auf. Nur in wenigen Ländern, etwa Irland, Griechenland und Italien, ist dieser Anteil noch geringer. In Skandinavien, Frankreich oder auch Großbritannien ist er dagegen beträchtlich höher. 1966, in einer Zeit, in der eine nichteheliche Geburt durchaus noch mit negativen sozialen Konsequenzen verbunden sein konnte, waren 5 % aller Geburten in der Bundesrepublik Deutschland nichtehelich mit seitdem steigender Tendenz. In Ostdeutschland ist vom Verlauf her eine ähnliche Entwicklung zu beobachten, jedoch auf sehr viel höherem Niveau.

Veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Der soziale Kontext, in den das generative Verhalten in Deutschland eingebunden ist, hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Drei Faktoren sind dabei von herausragender Bedeutung. Mit der gewachsenen Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der Frauen eröffneten sich für diese neue Optionen, die die Phase ihrer alternativlosen Festlegung auf das Hausfrauen- und Mutterdasein beendet haben. Ein zweiter Faktor beruht darauf, dass Elternschaft heute nicht mehr selbstverständlich ist, sondern sich zu einer Option entwickelt hat, für die man sich entscheidet oder nicht. Elternschaft als Option setzt die prinzipielle Möglichkeit einer relativ zuverlässigen Planbarkeit voraus, die durch die Verbreitung sicherer und frei zugänglicher Verhütungsmittel seit den sechziger Jahren gegeben ist. Trotz dieser Möglichkeiten, das sei hier nur erwähnt, gibt es empirische Hinweise, dass jede dritte nicht abgebrochene Schwangerschaft ungeplant ist. Der dritte und vielleicht bedeutsamste Faktor gründet im Bedeutungswandel von Elternschaft. Er ergab sich aus neuartigen an Mütter und Väter gerichteten Rollenerwartungen, aus veränderten Einstellungen gegenüber Kindern und aus der Aufwertung der gesellschaftlichen Stellung von Kindern, wie sie etwa an ihrer Anerkennung als Rechtssubjekte erkennbar wird (vgl. Auszug BGB). Hinzu kommt, dass Elternschaft mit der Etablierung neuer Leitbilder, etwa den "Neuen Vätern", der "Gelingenden Erziehung" oder der "Verantworteten Elternschaft" heute deutlich voraussetzungsreicher und anspruchsvoller ist als noch vor wenigen Jahrzehnten. Daraus und auch aus der Tatsache, dass auf die Belange von Eltern gesellschaftlich wenig Rücksicht genommen wird, resultieren Probleme, die die Realisierung vorhandener Kinderwünsche verhindern oder dazu führen, dass ein steigender Anteil junger Menschen keine Kinderwünsche entwickelt.


Fußnoten

1.
Sinnvoll wäre es, die Situation in Ost und West getrennt zu behandeln. Da dies im Rahmen dieses Beitrags nicht geleistet werden kann, erfolgt die Darstellung und Diskussion langfristiger Entwicklungen zumeist für Gesamtdeutschland, wobei vor 1990 die Daten für die DDR und die Bundesrepublik zusammengerechnet werden. Bei besonders bedeutsamen Unterschieden wird explizit zwischen West und Ost differenziert.
2.
Auch hier sind erhebliche Ost-West-Unterschiede zu beobachten: 30 % der Abiturientinnen im Westen und 13 % im Osten sind kinderlos geblieben.