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Bildungsbeteiligung und Bildungschancen


31.5.2012
Die Bildungsexpansion hat zu besseren Bildungschancen für alle Sozialschichten und einer Höherqualifizierung der Bevölkerung geführt. Dennoch herrschen nach wie vor Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. Die Bildungschancen hängen im Wesentlichen von der sozialen und nationalen Herkunft des Elternhauses ab.

Deutschland hat bis in die Gegenwart eine wechselvolle Geschichte von Bildungsbeteiligung und Bildungschancen erlebt (Friedeburg 1992). Die Etablierung staatlicher Bildungssysteme, die Einführung der gesetzlich geforderten Schulpflicht im 18. bzw. 19. Jahrhundert, die aber erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts landesweit durchgesetzt werden konnte, und das mit dem im Januar 1904 in Kraft getretenen Kinderschutzgesetz auch kontrollierte Verbot von Kinderarbeit haben mit dem Einsetzen von Alphabetisierung gröbste Ungleichheiten von Bildungsmöglichkeiten beseitigt. Dies und dann die schrittweise Verlängerung der Schulpflicht seit Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Voraussetzung einer von da an ständig zunehmenden Bildungsbeteiligung aller Bevölkerungsschichten. Diese anfängliche Bildungsexpansion fand nach 1945 sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR ihre Fortsetzung mit der Verlängerung der Schulpflicht in der Sekundarstufe. Der Abschluss einer Berufsausbildung war so – vor allem in der DDR – zum Normalfall im Lebenslauf der Nachkriegsgenerationen geworden. Hatten Ende der 1980er-Jahre in der DDR lediglich 10 % der Erwerbstätigen keine Berufsausbildung, waren es in der Bundesrepublik mehr als 20 Prozent.

Bildungsbeteiligung in Deutschland

In der Nachkriegszeit kam es zunächst zu einer Bildungsexpansion, eine zunehmende Nachfrage nach Bildung gekoppelt mit einer längeren Verweildauer im Bildungssystem, die nicht zuletzt durch den Ausbau des Bildungssystems, die Abschaffung von Schulgeldern, Ausbau der weiterführenden Schulen in der Nähe der Wohnorte der Schulkinder, verbesserte Transportbedingungen, bei gleichzeitiger Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen forciert wurde. Nach den Bildungsreformen in den 1960er- und 1970er-Jahren beschleunigte sich die Zunahme höherer Schulabschlüsse. Im Folgenden werden stark verkürzt die wichtigsten Entwicklungslinien nachgezeichnet (vgl. Becker 2006).

Schulbesuch der 13-jährigen in Deutschland nach Schularten.Schulbesuch der 13-jährigen in Deutschland nach Schularten. (© System Sozialer Indikatoren für Deutschland; GESIS, Zentrum für Sozialindikatorenforschung)
Von Anfang der 1950er-Jahre bis Mitte der 1970er-Jahre war die Hauptschule im Anschluss an die Primarstufe noch die hauptsächliche Schullaufbahn – eben die "Volksschule". Seit den 1990er-Jahren hat sie – gemessen am prozentualen Anteil der Schulkinder pro Jahrgang – weitgehend an Bedeutung verloren. Von 1952 bis Mitte der 1960er-Jahre sank der Anteil der Hauptschüler unter den 13-Jährigen, während der Besuch der Realschule und der des Gymnasiums – dem damaligen Motto: "Schick dein Kind länger auf bessere Schulen" vorauseilend – deutlich anstieg. Bis in die jüngste Gegenwart sank der Hauptschulbesuch weiter auf 22 %, während die Mehrzahl der 13-Jährigen auf die Realschule (26 %) oder das Gymnasium (33 %) geht. In der Zeit von 1971 bis 2007 ist der Anteil der 13-Jährigen, die auf die Gesamtschule gewechselt sind, auf 8 bis 9 % angestiegen, während der Anteil von Sonderschülern weitgehend konstant bei 4 bis 5 % geblieben ist. Der Besuch von Schularten mit mehreren Bildungsgängen ist nach 1990 von 7,7 auf 6,3 % gesunken (Sekretariat der KMK 2010: 54). Es ist für die zukünftige Entwicklung zu erwarten, dass die Hauptschule weiter an Bedeutung einbüßen, der Realschulbesuch stagnieren und der relative Besuch des Gymnasiums weiter ansteigen wird.

In der DDR ist mit der Einführung der Polytechnischen Oberstufe als allgemeine, zehn Klassenstufen umfassende Gemeinschaftsschule die Differenzierung zwischen unterem und mittlerem Schulwesen entfallen. Aber die Beteiligung an Bildungswegen, die zur Studienberechtigung führten (Erweiterte Oberschule mit den Klassenstufen 11 und 12 oder dreijährige Berufsausbildung mit Abitur), lag mit 12 bis 14 % pro Geburtsjahrgang deutlich unter dem Niveau der Bundesrepublik.

Studienberechtigtenquote 1995 bis 2008 nach GeschlechtStudienberechtigtenquote 1995 bis 2008 nach Geschlecht
Die unerwartete "Schattenseite" der Bildungsexpansion in der deutschen Nachkriegszeit sind Schulabgänger ohne Schulabschluss, die als "Verlierer der Bildungsexpansion" gelten (Solga 2005). Zwischen 1970 und 2003 ist im Westen Deutschlands der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die ohne Hauptschulabschluss als Mindestqualifikation von der Schule abgingen von 16 % auf 9 % und bis 2007 auf rund 7 % zurückgegangen. Im Osten Deutschlands ist der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss geringer als in Westdeutschland. Bei den Männern ist deren Anteil deutlich höher als bei den Frauen.

In der Bundesrepublik Deutschland hat sich – der Entwicklung der politisch geforderten Bildungsexpansion voraus eilend – von 1970 bis Anfang der 1990er-Jahre die Abiturientenquote von 10 auf 22 % mehr als verdoppelt. Nach der deutschen Wiedervereinigung ist die Abiturientenquote nur noch langsam auf 24 % eines Geburtsjahrgangs gestiegen. Dieser Aufwärtstrend wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehr wahrscheinlich anhalten. Gleiches gilt für die Studienberechtigtenquote. Der relative Anteil der Studienberechtigten an der altersgleichen Bevölkerung ist in relativ kurzer Zeit auf 45 % (31 % mit Hochschulreife und 14 % mit Fachhochschulreife) im Jahre 2007 gestiegen und wird wohl in den nächsten Jahren weiter steigen.

Die Bildungsexpansion im Hochschulbereich

Studienchancen und Studienbeteiligung im Wandel 1970-2005Studienchancen und Studienbeteiligung im Wandel 1970-2005 (© Datenreport 2011)
In beiden Teilen Deutschlands hat die Bildungsexpansion mit einer zeitlichen Verzögerung auch im Hochschulbereich (Universitäten, Fachhochschulen und sonstige Hochschulen) eingesetzt, sich nach der Wiedervereinigung beschleunigt und hält bis in die Gegenwart an. In der Bundesrepublik haben von allen 18- bis unter 22-Jährigen 1980 19 % mit einem Studium an Universitäten (einschließlich pädagogischer und theologischer Hochschulen) oder Fachhochschulen begonnen. Ende der 1980er-Jahre waren es bereits 31 %. Bis dahin blieben die geschlechtsspezifischen Disparitäten der Studienbeteiligung – studienberechtigte Männer studierten eher als junge Frauen – relativ konstant. Nach 1990 ist für das vereinte Deutschland ein Anstieg der Studienanfängerquote von 29 auf 37 % zu verzeichnen. Im Zuge dieser Entwicklung sind Unterschiede in den Studienchancen zwischen den Geschlechtern verschwunden, wobei jüngste Entwicklungen zeigen, dass nunmehr junge Frauen eher studieren als die altersgleichen Männer.

Auch der Anteil der Studierenden an der Gesamtbevölkerung im Alter zwischen 20 und 30 Jahren stieg in der Bundesrepublik von 5 % im Jahre 1970 auf rund 10 % im Jahre 1990 und nach der deutschen Einheit auf 14 % im Jahre 2003. Entgegen den häufig wiederholten Behauptungen gab es keine Bildungsinflation im Sinne der befürchteten Überproduktion formal Hochqualifizierter und Akademiker. Sie weisen die geringsten Risiken für Arbeitslosigkeit und qualifikationsinadäquate Beschäftigung auf, während sie gleichzeitig die höchsten Löhne erzielen und die besten Karriereaussichten haben. Im internationalen Vergleich allerdings ist – gemessen am OECD-Durchschnitt von 36 Prozent im Jahre 2007 – die Akademikerquote von 20 Prozent in Deutschland unterdurchschnittlich (OECD 2009), was sich in den nächsten Jahren kaum gravierend ändern wird.



 
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