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31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Bildungsbeteiligung und Bildungschancen

Soziale Ungleichheit von Bildungschancen trotz Bildungsexpansion

Die Bildungsexpansion in der deutschen Nachkriegszeit, die im internationalen Vergleich gesehen als moderat zu bezeichnen ist, verdankt sich wohl hauptsächlich der gestiegenen Nachfrage der Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes beim Ausbau des Wohlfahrtsstaates nach qualifizierten Arbeitskräften. In den späteren Jahren haben die gestiegenen Anforderungen im alltäglichen Leben, die zunehmende Technisierung und die ansteigende Komplexität gesellschaftlicher Zusammenhänge die Nachfrage nach Bildung erhöht. Nicht zuletzt hat die in den letzten 15 Jahren sehr langsam voranschreitende Bildungsexpansion über einen langen Zeitraum von 1950 gesehen an Eigendynamik infolge der gestiegenen Bedeutung von Bildungstiteln für Lebenschancen und der dadurch forcierten Statuskonkurrenz gewonnen (Becker 2006).

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde vor dem Hintergrund des Systemwettbewerbs zwischen den sozialistischen Ostblockstaaten und den westlichen Industrieländern ("Kalter Krieg" und "Sputnik-Schock") aus wirtschaftspolitischer Sicht befürchtet, die westlichen Industrienationen könnten infolge eines mangelnden Bildungsstands der Bevölkerung und ungenügender Qualifizierung von Arbeitskräften beim Wettlauf um wirtschaftlichen und technischen Fortschritt ins Hintertreffen geraten. Vor allem Georg Picht (1964) setzte "Bildungsnotstand" mit wirtschaftlichem Notstand und Gefährdung des deutschen Wirtschaftswunders gleich. In diesem Zusammenhang wurden jetzt auch die nach sozialen Schichten, Geschlechtern und Regionen sehr ungleich verteilten Bildungschancen problematisiert. Die Kunstfigur des "katholischen Arbeitermädchens vom Lande" bestimmte hierbei zeitweilig die öffentliche Diskussion. Insbesondere Dahrendorf (1965) sah Bildung als Bürgerrecht nicht garantiert und forderte den Abbau von Bildungsungleichheiten über eine zügige Bildungsexpansion.

Leistungsprinzip versus leistungsfremde Verteilungskriterien

Der Zugang zu Bildung müsse der gesamten Bevölkerung offenstehen und der Erwerb von Bildungszertifikaten sowie die daran geknüpfte Verteilung von Einkommen, Ansehen und Macht müssten ausschließlich über Leistung erfolgen. Das in der Gesellschaft anerkannte Leistungsprinzip und die Regeln eines fairen Wettbewerbs aber würden verletzt, wenn stattdessen Bildungserwerb und Bildungserträge über leistungsfremde Kriterien wie etwa Geschlecht, Religion oder Region verteilt oder gar über den Status (Beruf, Einkommen und Bildung) des Elternhauses "vererbt" werden. Während sich seit den 1970er-Jahren die Ungleichheit von Bildungschancen im Hinblick auf Religionszugehörigkeit oder Region (trotz weiterhin bestehender Unterschiede zwischen den Bundesländern) verringert, im Hinblick auf das Geschlecht deutlich zu Gunsten von Mädchen und Frauen verschoben hat, hängt der Erfolg im Bildungssystem damals wie heute wesentlich vom Elternhaus, also der sozialen Herkunft, ab. Offensichtlich gelingt es – nicht zuletzt wegen dem mangelnden politischen Willen für umfassende Schulreformen zum Abbau ungerechtfertigter Bildungsungleichheiten – dem deutschen Bildungssystem kaum, die Voraussetzungen für sozial weniger ungleiche Bildungschancen zu verbessern (Becker/Schuchart 2010). Schul- und Ausbildungssystem tragen immer noch dazu bei, wie von privilegierten Schichten zwecks Statuserhalt beabsichtigt, dass über allgemeine und berufliche Bildung Herkunftsprivilegien von der Elterngeneration auf die Kindergeneration übertragen werden. Auch die Nachteile von Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund lassen sich größtenteils, wenn auch nicht vollständig durch die Bedingungen des Elternhauses erklären.

Die soziale Herkunft als wichtigster Bestimmungsfaktor für die Bildungschancen

Verdeutlichen wir dies an ausgewählten Beispielen: So hatten der amtlichen Statistik zufolge im Jahre 1965 die Beamtenkinder eine 19-mal bessere Chance als die Arbeiterkinder, auf das Gymnasium zu wechseln. Danach verbesserten sich im Zuge der Bildungsreform bis zum Jahre 1985 die Bildungschancen zu Gunsten der Arbeiterkinder. Doch 1989 waren die Bildungschancen der Beamtenkinder immer noch 11-mal besser. Auch in den 1990er-Jahren bis in die jüngste Gegenwart haben Schulkinder Kindern von mittleren, höheren und leitenden Angestellten und Beamten, Akademikern, Professionellen, Managern und Unternehmern (obere und untere Dienstklasse) gegenüber den Kindern aus den Arbeiterschichten eine 9-mal und im Jahre 2000 eine 7-mal bessere Chance, ins Gymnasium zu wechseln. Bei frühen Bildungsübergängen hat sich zwar die traditionelle Bildungsungleichheit nach sozialer Herkunft moderat reduziert, aber von einer nur annähernden Chancengleichheit sind wir immer noch weit entfernt. Vor allem die unteren Mittelschichten (Handwerkmeister, Industriewerkmeister, einfache und mittlere Angestellte und Beamte) profitierten von der Bildungsexpansion wie auch die neuen Mittelschichten (Semiprofessionelle Gesundheitsberufe wie etwa Krankenschwester, soziale Dienstleistungsberufe wie etwa Sozialpädagogen, Lehrberufe wie etwa Haupt- und Realschullehrer oder andere qualifizierte Dienstleistungsberufe), die im Zuge der Ausweitung der tertiären Bildung und einer entsprechenden Veränderung der Berufsstruktur angewachsen sind.

Zwar verringerte sich beim Zugang zur Realschule generell die Chancenungleichheit nach sozialer Herkunft, doch die Chancen für den Übergang zum Gymnasium hängen immer noch von der sozialen Herkunft – von der sozialen Position des Elternhauses im gesellschaftlichen Schichtungsgefüge und den verfügbaren Ressourcen, die Eltern für die Bildung ihrer Kinder mobilisieren können – ab. Es gibt auch Anzeichen für eine erneute soziale Schließung der Gymnasien im Zuge der Bildungsexpansion (Becker 2011). Das Bildungsniveau der Eltern ist für den Bildungserfolge heute wichtiger geworden als die wegen der allgemein gestiegenen Prosperität nicht mehr so knappen sozioökonomischen Ressourcen des Elternhauses. Diese Entwicklung dürfte eine unbeabsichtigte Folge der Bildungsexpansion sein. Im internationalen Vergleich fällt das deutsche Schulsystem negativ auf, weil es – gemessen an den kognitiven Fähigkeiten der Schulkinder – einen allenfalls durchschnittlichen Wirkungsgrad bei einer außerordentlich hohen Ungleichheit von Bildungschancen erzielt.

Die Barrieren vor dem Hochschulstudium

Für die unteren Sozialschichten – insbesondere die Arbeiterschichten, aber auch für die Schichten der gering qualifizierten Beamten und Angestellten mit einfachen Tätigkeiten – stellt der Übergang in das Hochschulstudium immer noch eine große Hürde dar. Um diese Situation relativ einfach darzustellen, werden mit den Arbeiterschichten und der Gruppe der Beamten zwei extreme, hinreichend große Gruppen herangezogen, die für den Vergleich von herkunftsbedingten Bildungschancen besonders geeignet sind. Vergleiche mit anderen Gruppen der sozialen Schichten bzw. Berufe liefern ähnliche Ergebnisse. Generell ist festzustellen, dass sich die schon immer ungünstigen Studienchancen von Arbeiterkindern seit Anfang der 1980er-Jahre kaum verbessert haben. Während im Jahre 1982 rund 46 % der Beamtenkinder ein Hochschulstudium begannen, taten dies nur 9 % der Arbeiterkinder. Bis zum Jahre 2000 stieg die Studienanfängerquote von Beamtenkindern auf 72 %, die von Arbeiterkinder auf lediglich 12 %. Somit haben sich im Zuge der Bildungsexpansion die Studienchancen der Kinder von Beamten im gehobenen und höheren Dienst stetig verbessert, während sich die ohnehin vergleichsweise ungünstigen Studienchancen der Arbeiterkinder seit Anfang der 1990er-Jahre so gut wie nicht verändert haben. Auch die Kinder aus anderen Sozialschichten haben bessere Studienchancen als Arbeiterkinder. Jüngste Zahl zeigen, dass von 100 Akademikerkindern eines Geburtsjahrgangs 83 bis an die Hochschulen gelangen, während nur 23 % der Kinder aus anderen Schichten studieren (Allmendinger u. a. 2009).

In den letzten Jahrzehnten hat sich die soziale Ungleichheit von Bildungschancen in Richtung der tertiären Bildung an Hochschulen verschoben, weil die Bildungsexpansion bislang an den "bildungsfernen Gruppen" wie etwa den Arbeiterschichten und den unteren Mittelschichten größtenteils vorbeigegangen ist. Die relativen Gewinne, welche diese Gruppen zumindest beim Übergang auf weiterführende Schullaufbahnen in der Sekundarstufe I erzielen konnten, fanden bislang keine Fortsetzung beim Übergang in den immer noch sozial exklusiven Bereich der Tertiärbildung.