Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Bildungsbeteiligung und Bildungschancen

Chancenunterschiede auch bei der Berufsausbildung

Auch bei der Berufsausbildung nach dem Schulabgang bestehen, obwohl sie zum Standard geworden ist, Chancenunterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen fort. Voraussetzung für den direkten Zugang zur (dualen) Berufsausbildung ist der erfolgreiche Abschluss der Schulbildung mit einem qualifizierten Abschlusszeugnis. Hierbei sind vor allem Ausländer und Jugendliche mit Migrationshintergrund, Kinder un- und angelernter Arbeiter sowie eher Männer als Frauen im Nachteil, denen der Zugang zu einer beruflichen Lehre wegen eines fehlenden oder nicht anerkannten Schulabschlusses seltener oder gar nicht gelingt. Zwischen 50 und 60 % der Erwerbsbevölkerung verfügen über einen qualifizierten Berufsabschluss. Dieses Zertifikat garantiert hohe Erwerbschancen und niedrige Arbeitslosigkeitsrisiken. Jedoch haben wiederum Ausländer und Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie der männliche Nachwuchs un- und angelernter Arbeiter, wenn sie in die (duale) Berufsausbildung gelangen, ein höheres Risiko, ohne Berufsabschluss zu bleiben, als Einheimische oder Jugendliche aus sozial privilegierten Elternhäusern. Die Nachteile von Migranten im deutschen Bildungssystem ergeben sich zum Teil aus Sprachproblemen und Ressourcen des Elternhauses, aber offensichtlich auch durch Benachteiligungen beim Zugang zur beruflichen Ausbildung, die nicht durch schlechtere Leistungen in der Schule zu erklären sind. Beispiel hierfür ist die statistische Diskriminierung von Lehrstellenbewerbern durch Lehrbetriebe nach den Kategorien wie etwa Ausländerstatus, Hautfarbe, Sprache, fehlender Schulabschluss und nach anderen äußerlichen oder zugeschriebenen Kriterien wie etwa Faulheit, Disziplinlosigkeit, Neigung zu Absentismus, etc.

Trotz Bildungsexpansion befinden sich 8 bis 10 % eines Geburtsjahrgangs in absoluter "Bildungsarmut" (d. h. funktionaler Analphabetismus oder fehlender Schulabschluss) oder in relativer "Bildungsarmut" (d. h. deutlich unterdurchschnittliche Leistungsfähigkeit bzw. Kompetenzen oder geringfügige Bildungsabschlüsse). Auch hierbei sind Männer wie Migranten deutlich überrepräsentiert. Wenn – wie gesehen – formale Schul- und Berufsbildungsabschlüsse zum Normalfall werden, dann werden die Ausbildungslosen und die Jugendlichen mit formalem Schulabschluss, die trotzdem nicht über das normalerweise in der Ausbildung vermittelte Mindestniveau an Basiskompetenzen verfügen, zu einer stigmatisierten Gruppe der "Bildungsverlierer". In Deutschland gehören zu dieser Gruppe rund ein Viertel eines Jahrgangs an, die sehr wahrscheinlich erhebliche Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben wird und von sozialer Marginalisierung bedroht ist.

Zwischenfazit

Bei aller Unvollkommenheit der Bildungsreformen sind Erfolge beim Abbau gröbster Bildungsungleichheiten erzielt worden. Offensichtlich hat die Bildungsexpansion über zunehmend bessere Bildungschancen für alle Sozialschichten und vor allem für ehemals benachteiligte Mädchen zu einer Höherqualifizierung der Bevölkerung geführt (Becker/Müller 2011). Von einem generellen Abbau von Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft kann aber noch lange nicht die Rede sein. Trotz der herausragenden Bedeutung von Bildung für Individuum und Gesellschaft sind die Möglichkeiten, höherwertige Bildungslaufbahnen einzuschlagen und qualifizierte Bildungsabschlüsse zu erwerben, sozial ungleich in der Bevölkerung verteilt. Gleiches gilt auch für die allgemeine und vor allem die berufliche Weiterbildung im Laufe des Arbeitslebens, die vornehmlich diejenigen in Anspruch nehmen, die ohnehin schon nach Herkunft, Bildung und Beruf privilegiert sind. So hängen die Bildungschancen – der von Kindern und Jugendlichen eingeschlagene Bildungsweg sowie der Erwerb von Bildungszertifikaten – wesentlich von der sozialen und nationalen Herkunft – der sozioökonomischen Lage und Migrationsgeschichte ihres Elternhauses – ab. Die Bildungsexpansion ist – allein für sich genommen – offensichtlich ein stumpfes Instrumentarium, um einen umfassenden Abbau von Bildungsungleichheiten zwischen Sozialschichten und darauf aufbauend eine Reduktion ungerechtfertigter Ungleichheiten von Lebenschancen zu bewirken.