Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Veränderte Binnenstrukturen der Familie


31.5.2012
Eine beträchtliche Wandlung hat sich in den Beziehungen zwischen den Partnern sowie zwischen Eltern und Kindern vollzogen. In modernen Partnerschaften steht nun die emotionale Befriedigung und nicht mehr die gemeinsame Pflichterfüllung im Mittelpunkt. In der Eltern-Kind-Beziehung steht die Förderung des Kindeswohls im Fokus.

Beträchtlich gewandelt haben sich in den letzten Jahrzehnten die Binnenbeziehungen, d. h. die Beziehungen zwischen den Partnern sowie zwischen Eltern und Kindern.

Von der aufgaben- zur beziehungsorientierten Partnerschaft

Im Zuge des Wandels von der aufgabenorientierten zur beziehungsorientierten Partnerschaft steht heute in modernen Partnerschaften die emotionale Befriedigung und nicht mehr die gemeinsame Pflichterfüllung im Mittelpunkt. Zudem sind die Partnerbeziehungen stark geprägt durch den Wandel der Geschlechterrollen von einer komplementären zu einer egalitären Struktur. Dieser Wandel hat vornehmlich in den Einstellungen stattgefunden, beim Verhalten bleibt er auf kinderlose Paare beschränkt. Bei Paaren mit Kindern dominiert dagegen nach wie vor eine weitgehend traditionelle Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern. Kinderbetreuung und Hausarbeit werden weiterhin hauptsächlich von Frauen erledigt, während Männer wesentlich mehr Zeit erwerbsgebunden verbringen. Nach den Befunden einer Längsschnittstudie von Schulz/Blossfeld (2006) bei Ehepaaren war die Hausarbeit im ersten Ehejahr bei 44 % partnerschaftlich aufgeteilt und nur bei 26 % "stark traditionell". 14 Ehejahre später zeigte sich ein völlig anderes Bild: Nur noch 14 % waren partnerschaftlich, aber 60 % sehr traditionell organisiert.

Eltern-Kind-Beziehung: Förderung des Kindeswohls und verunsicherte Eltern

Die Förderung des Kindeswohls ist seit den 1980er-Jahren in den Mittelpunkt des Familienrechts und der Familienpolitik gerückt. Parallel zur fortgesetzten Stärkung der Rechte der Kinder sind besonders auch in Deutschland immer weiter steigende Erwartungen an die Eltern zu beobachten, die sich auf die Verbesserung der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung richten und als Tendenz zur Quasi-Professionalisierung der Eltern als Erzieher und Förderer gedeutet werden können. Die gewachsenen Anforderungen überfordern nicht wenige Eltern und verstärken bei ihnen das Gefühl, in der Erziehung etwas falsch zu machen bzw. die wahrgenommenen Erziehungsstandards nicht erfüllen zu können (Kuschel u. a. 2004).

Als sehr wandlungsresistent hat sich die Ideologie der guten Mutter erwiesen, die besagt, dass es für die gedeihliche Entwicklung der Kinder am besten sei, wenn sie möglichst umfassend von ihrer Mutter betreut und erzogen werden. Vor dem Hintergrund dieser Ideologie gelten Väter nach wie vor nicht als Hauptverantwortliche für die Kindererziehung. Zwar wird von den Vätern im Sinne der Gleichstellung erwartet, aktiver an der Erziehung zu partizipieren; der Erwerbsalltag bietet ihnen aber meist nicht die dazu notwendige Flexibilität. Hinzu kommt, dass ihnen nach wie vor die Hauptverantwortung für die materielle Versorgung der Familie obliegt. Der oft zitierte Wandel vom Ernährer zum Erzieher ist eine Idee, die in der Praxis noch kaum angekommen ist.

Familie und Generationenbeziehungen: Gelebte Solidarität

Der Auszug aus dem Elternhaus bedeutet in der Regel nicht das Ende der Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Zumeist bestehen enge emotionale Beziehungen, häufige soziale Kontakte, erhebliche materielle Transfers sowie rege wechselseitige Dienstleistungen fort. Erwachsene Kinder und ihre Eltern wohnen fast immer räumlich getrennt, d. h. nicht in einem gemeinsamen Haushalt, aber häufig in relativ großer räumlicher Nähe. Die Befunde des Alterssurveys zeigen, dass nur bei 7 % der alten Eltern keine Kinder innerhalb von zwei Stunden erreichbar sind. Die Begriffe "Nähe auf Distanz" und "multilokale Mehrgenerationenfamilie" beschreiben die relativ intensiven Beziehungen zwischen den getrennt wohnenden Generationen.

Hohe Transferleistungen und mehr Dynamik zwischen den Generationen

Ausmaß und Intensität der Transferleistungen zwischen den Generationen spiegeln die Solidarität familialer Generationenbeziehungen wider. Monetäre Transfers fließen ganz überwiegend von den alten Eltern an die erwachsenen Kinder und von den Großeltern an die Enkel. Dagegen sind Umfang und Richtung von Dienstleistungen abhängig vom Alter und von der Familiensituation, scheinen aber insgesamt mehr in Richtung der alten Eltern zu fließen, auch wenn die Enkelbetreuung einen wichtigen Teil dieser Unterstützungsleistungen ausmacht (Szydlik 2000).

Während eine lebenslange Verbundenheit weiterhin die Grundlage von Generationenbeziehungen ist, hat die demografische Entwicklung diese Beziehungen deutlich verändert. Die nachwachsenden Generationen sind heute kleiner. Nicht selten kommen auf vier Großeltern ein oder zwei Enkel. Durch die steigende Zahl an Scheidungen und danach neu entstehende Partnerschaften können Großelternbeziehungen auch häufiger abbrechen bzw. neu hinzutreten. Damit erhalten die Generationenbeziehungen eine neue und unbekannte Dynamik.