Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Spezielle Familienprobleme – Oft ignoriert, manchmal überakzentuiert


31.5.2012
Die Familie der Gegenwart weist drei prinzipielle Problemfelder auf. Das erste Problem besteht in der unflexiblen Struktur der modernen Kernfamilie. Als zweitens sind die spezifischen Probleme im Verhältnis der Familienmitglieder untereinander zu nennen. Das dritte Problemfeld bezieht sich auf Probleme im Verhältnis Familie und Gesellschaft.

Die Familie der Gegenwart weist drei prinzipielle Problemfelder auf. Das erste Problem besteht in der Kleinheit und deshalb unflexiblen Struktur der modernen Kernfamilie, die mit spezifischen Sozialisationsschwächen und besonderen ökonomischen Risiken verbunden sind. Die bürgerliche Kernfamilie kann demnach nicht per se als der beste Ort für die kindliche Entwicklung gelten. Das zweite Problemfeld umfasst spezifische Probleme im Verhältnis der Familienmitglieder untereinander. Gewalt zwischen den Familienmitgliedern, Missbrauch und vielfältige Formen der Unterdrückung beschränken sich nicht nur auf Einzelfälle. Das dritte Problemfeld bezieht sich auf Probleme im Verhältnis Familie und Gesellschaft. Stichworte wie Vereinbarkeitsproblematik von Familie und Beruf, Rücksichtslosigkeit der Gesellschaft gegenüber familialen Belangen und Dominanz wirtschaftlicher Interessen gegenüber familialen sind hier ebenso zu erwähnen wie spezifische Armutsrisiken, die mit dem Übergang zur Elternschaft oder nach einer Scheidung auftreten.

Gewalt in der Familie

Die Familie, gepriesen als Ort der Harmonie und des Glücks, ist auch ein Ort von Streit und Auseinandersetzungen bis hin zu fortgesetzter körperlicher und psychischer Misshandlung, deren Ausmaß vielfach nicht entsprechend zur Kenntnis genommen wird. Häusliche Gewalt findet in vielfältigen Formen zwischen Partnern, Eltern und Kindern, Geschwistern und zwischen Erwachsenen und alten Familienmitgliedern statt.

Zuverlässige Daten über häusliche Gewalt liegen nicht vor. Die wenigen Befunde verdeutlichen, dass Frauen und Kinder häufiger Opfer sind als Männer und Alte. Allerdings sind auch Männer in erheblichem Umfang Opfer von Gewalthandlungen in der Familie, die sich jedoch nicht im gleichen Umfang als Opfer offenbaren wie Frauen. Es ist davon auszugehen, dass häusliche Gewalt in allen Schichten und Milieus sowie in allen Phasen der Familienentwicklung auftritt und kein typisches Unterschicht-Phänomen und keine Begleiterscheinung einer bestimmten Familienphase darstellt.
Kohortenstudien zeigen aber auch, dass der Anteil kindlicher Opfer elterlicher Gewalt je Geburtskohorte seit den 1930er-Jahren kontinuierlich zurückgeht. Dunkelfeldstudien, auf die der Erste Periodische Sicherheitsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2001 hinweist, gehen davon aus, dass etwa jede zehnte Frau innerhalb eines Jahres Opfer männlicher Gewalt in der Familie wird. Außerhalb der Familie trifft dies nur für etwa ein Prozent zu. Der soziale Nahraum ist damit der Ort mit dem höchsten Risiko für Frauen und Kinder, Opfer von Gewalthandlungen zu werden.

Familie und Armut

In Europa wird Armut heute weniger als materieller Notstand, der die Sicherung der physischen Existenz gefährdet, sondern vornehmlich als Mangel an Teilhabechancen am sozialen und gesellschaftlichen Leben definiert (vgl. dazu Kapitel: Ungleichheit).

Materielle Armut wird meist durch die Armutsrisikoquote dargestellt. Sie gibt den Anteil an der Bevölkerung an, deren bedarfsgewichtetes Nettoeinkommen pro Kopf (Nettoäquivalenzeinkommen) weniger als 60 % des statistischen Mittelwertes (Median) in der Gesellschaft beträgt. Bezogen darauf waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2009 15 % der Bevölkerung armutsgefährdet, besonders häufig Arbeitslose, Alleinerziehende und minderjährige Kinder. 19 % der Minderjährigen sind derzeit in Deutschland von Armut betroffen. Würde man die 40 %-Marke, verbreitet als "schwere Armut" bezeichnet, anwenden, wären etwa 4 % der Minderjährigen arm. Das Armutsrisiko variiert sehr stark nach Lebensform, Wohnregion und Alter der Kinder und nach der Milieuzugehörigkeit ihrer Eltern. Allgemein gilt, dass ältere Kinder, die in den neuen Bundesländern oder in den Stadtstaaten leben und bei einer alleinerziehenden Mutter aufwachsen, erhöhte Armutsrisiken tragen, die weiter steigen, wenn sie Geschwister haben.