Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Zur Zukunft der Familie in Deutschland – weder Auflösung noch Renaissance


31.5.2012
Die weitere Entwicklung der Familie ist im Detail kaum vorhersehbar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich die Familie der Zukunft nicht grundlegend von der Gegenwart unterscheiden wird. Ebenso unwahrscheinlich ist die Auflösung des Familiemodells. Mittelfristig könnte es aber zu einer weiteren Pluralisierung der Lebensformen kommen.

Ausmaß und Tempo des Wandels der Familie in Deutschland sind in den letzten Dekaden regional und milieuspezifisch recht unterschiedlich gewesen. Zwar ist die Richtung des Wandels im Hinblick auf die meisten Indikatoren klar erkennbar und sehr einheitlich, der Verlauf erfolgte jedoch zumeist weder kontinuierlich noch durchgehend richtungsstabil. Welche weitere Entwicklung die Familie nehmen wird, ist im Detail kaum vorhersehbar. Allgemein kann aber konstatiert werden, dass es keine Hinweise darauf gibt, dass sich die Familie der Zukunft grundlegend von der der Gegenwart unterscheiden wird. Eine Auflösung der Familie ist ebenso wenig zu erwarten wie eine Wiederkehr der Situation der frühen 1960er-Jahre. Anzeichen deuten darauf hin, dass es mittelfristig zu einer weiteren Pluralisierung der Lebensformen kommen wird, wobei sich vor allem deren Binnenstrukturen vielgestaltiger entwickeln werden. Nicht zuletzt aus arbeitsmarktpolitischen Gründen wird die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit durch den Ausbau familienexterner Kinderbetreuungsangebote und die fortschreitende Entwicklung einer stärker familienorientierten Erwerbsarbeit erleichtert werden. Männer werden wohl immer mehr Familienarbeit leisten müssen. Jedoch ist nicht zu erwarten, dass der viel beschworene "Neue Vater", der sich weniger als Ernährer, sondern als Erzieher seiner Kinder begreift, in Zukunft dominieren wird. Eher ist mit einem stärkeren Rückzug der Frauen aus der Erziehungsarbeit zu rechnen als mit einer ausgeprägten Integration der Männer in diese.

Aufgrund des demografischen Wandels ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft die gelingende Etablierung neuer solidarischer Wohn- und Lebensformen im Alter. Sicher ist, dass die Zahl älterer Menschen ohne Kinder oder mit weit entfernt lebenden Kindern ebenso zunehmen wird wie die Zahl derer, die keinen festen Partner (mehr) haben. Deshalb werden sich voraussichtlich neue Lebensformen etablieren, in denen ältere Menschen nach dem Prinzip der Wahlverwandtschaft zusammen wohnen und wirtschaften und sich gegenseitig unterstützen.

Die traditionellen Grundlagen von Familie, Blutsverwandtschaft und Verschwägerung werden in Zukunft aufgrund der niedrigen Heiratsneigung, der fortgeschrittenen Entkoppelung von biologischer und sozialer Elternschaft sowie der sich neu etablierenden Solidargemeinschaften im Alter tendenziell weiter an Bedeutung einbüßen und zunehmend von individuell gewählten Bindungen abgelöst werden.

Unklar ist noch, wie sich die Situation in Deutschland im Hinblick auf die "Errungenschaften" von Reproduktionstechnologie und Gentechnik entwickeln wird. Falls die gegenwärtig eher restriktiven rechtlichen Regelungen zur Präimplantationsdiagnostik und zur Verwendung von Samen- und Eispenden gelockert werden sollten, eröffnet sich auch in Deutschland der Weg zur Designerfamilie. Kinder und ihre körperlichen Merkmale und persönlichen Eigenschaften werden dann nicht mehr nur dem Zufall überlassen, sondern ausgewählt und zusammengestellt. Den Partner aus der Kartei gibt es dank elektronischer Partnerbörsen bereits. Das Kind aus dem Katalog erscheint heute noch als Utopie – wie lange noch?