Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Bildungserträge und andere Folgen der Bildungsexpansion

Bildungsexpansion ist auch im Kontext von wirtschaftlichem Wachstum, technischem Fortschritt und individuellem Wohlstand zu sehen. Generell wird angenommen, dass Bildung zum Wirtschaftswachstum beiträgt. Empirisch ist dies jedoch nicht eindeutig belegt. Unbestritten ist aber, dass die Bildungsexpansion von der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und seines Wohlstands selbst abhängen.

Die Güte eines Bildungssystems wird nicht nur an seinen Leistungen, sondern auch an seinen Erträgen gemessen. Unterschieden wird hierbei zwischen privaten (individuelle Bildungsrenditen), staatlichen (fiskalische Renditen) und sozialen Erträgen (Nutzen für die Allgemeinheit). Private Erträge lassen sich neben dem Einkommen (aktueller Lohn, Lebenseinkommen, Renten) an den Arbeitsmarktchancen (Arbeitssuche, Beschäftigung, Arbeitslosigkeit, etc.), an den qualifikationsbezogenen Attributen des Arbeitsplatzes (qualifikationsadäquate Beschäftigung, Autonomie der beruflichen Tätigkeit, Aufstiegsmöglichkeiten, Weiterbildung, Beschäftigungssicherheit, etc.) und an weiteren Faktoren wie Zufriedenheit oder Mobilität bemessen.

Staatliche Erträge, mit denen allerdings die staatlichen Bildungsausgaben zu verrechnen wären, sind höheres Steueraufkommen sowie geringere Belastungen rechts- und wohlfahrtsstaatlicher Systeme, wenn beispielsweise Beschaffungskriminalität zur Bestreitung des Lebensunterhalts infolge hoher und langandauernder Erwerbsbeteiligung auf niedrigem Niveau gehalten werden kann oder wenn die Sozialversicherungssysteme wegen einer hinreichend großen Zahl legal beschäftigter Beitragszahler funktionieren.

Als soziale Erträge sind u. a. eine positive wirtschaftliche Entwicklung, eine bessere Befriedigung des aktuellen und zukünftigen Bedarfs an qualifizierten Arbeitskräften sowie bewussteres Gesundheitsverhalten, größeres gesellschaftliches Engagement und geringere Kriminalität zu betrachten.

Im Allgemeinen gilt, dass Investitionen in Bildung mit Vorteilen bei individuellen Einkommen und – über den Lebenslauf betrachtet – mit relativ hohen Renten und privilegierter Lebensführung und -gestaltung einhergehen. Ebenso übersteigt der Nutzen von Bildung für den Staat und die Allgemeinheit die enormen Kosten, die eine Generation für die Investition in die Bildung nachwachsender Generationen aufbringen muss. Investitionen in Bildung "lohnen" sich also für Staat, Wirtschaft und Einzelpersonen gleichermaßen.

Erwartete und unerwartete Folgen der Bildungsexpansion

Die Bildungsexpansion der letzten Jahrzehnte ist auch im Zusammenhang mit der Bedeutung des gesellschaftlichen Bildungsniveaus für wirtschaftliches Wachstum, technischen Fortschritt und individuellen Wohlstand zu sehen. Generell wird angenommen, dass Bildung als Humankapital zum Wirtschaftswachstum beiträgt, weil höher gebildete Arbeitskräfte produktiver sind. Bildung wird als eine wichtige Voraussetzung für eine nachhaltige nationale wirtschaftlichen Entwicklung und die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland im internationalen Wettbewerb definiert.

Die empirischen Belege hierfür sind jedoch keineswegs eindeutig. Zwar scheint eine höhere Bildungsbeteiligung in der Bevölkerung zu einem stärkeren Wirtschaftswachstum beizutragen. In Deutschland sind für die Allgemeinheit die Erträge für Bildung – zum Beispiel auch gemessen am Steueraufkommen der besser gebildeten Gruppen – höher als die Kosten, die der Staat bzw. die Gesellschaft für die Finanzierung der Bildung nachwachsender Generationen aufbringen muss. Jedoch ist dieser Zusammenhang nicht notwendig und hängt wesentlich von Rahmenbedingungen wie der institutionellen Kopplung des Bildungs- an das Beschäftigungssystem und der Struktur des Arbeitsmarktes ab.

Unbestritten ist auch, dass die Bildungsexpansion und damit auch ihre positiven Wirkungen ihrerseits von der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes und seinem Wohlstand selbst abhängen. Im Folgenden werden einige ausgewählte und empirisch gut belegte Zusammenhänge von Bildung und deren Erträgen beschrieben und wie sie sich im Zuge der Bildungsexpansion gewandelt haben. Insgesamt aber ist das Wissen über diese Zusammenhänge noch vergleichsweise gering.

Bildung und Beschäftigung: Die höheren Bildungsrenditen für Akademiker

Es ist unbestritten, dass der Bildungsstand die individuellen Erwerbs- und Berufsmöglichkeiten und damit andere Lebenschancen am nachhaltigsten beeinflusst. Je besser Individuen ausgebildet sind, desto höher ist ihr Einkommen, und je größer der Anteil höher Qualifizierter an der Bevölkerung ist, desto verbreiteter ist der individuelle Wohlstand. Doch es ist nicht eindeutig geklärt, in welchem Maße sich das höhere Einkommen besser Qualifizierter ihrer höheren Produktivität verdankt oder inwieweit die Signalwirkung von Bildungsabschlüssen gewünschte Attribute wie Anpassung, Disziplin oder Sozialverhalten fördert, die dann eine bessere Bezahlung zur Folge haben.

Relative Einkommen nach BildungsstufeRelative Einkommen nach Bildungsstufe (© OECD (2010): Education at a glance, Paris: 128 /eigene Darstellung)
Gut belegt ist, dass sich mit dem gestiegenen Bildungsstand die individuellen Bildungserträge verändert haben. Es kam bislang nicht zur Entwertung von Bildung als Folge von Bildungsinflation, auch wenn sich die Verwertungschancen der Bildungsabschlüsse bezüglich des Einkommens etwas verringert haben. Die relativen Abstände zwischen den verschiedenen Bildungsgruppen blieben bei den Anfangseinkommen stabil, scheinen sich aber trotz sinkender Einkommenszuwächse für alle Bildungsgruppen über die Berufserfahrung und für die Lebenseinkommen zu vergrößern. Hochschulabsolventen verdienen immer noch deutlich mehr als Nichtakademiker und haben bei relativ geringen Risiken, arbeitslos zu werden, ein beruflich relativ sicheres wie vorteilhaftes Erwerbsleben. Wenn die Renditen für Erwerbstätige ohne und mit mittlerem Ausbildungsabschluss bei 100 % liegen, so betragen sie für die Hochschulabsolventen 160 %. Auch bei ungünstigen wirtschaftlichen Entwicklungen sind besser gebildete Personen im Vorteil: So sind die durchschnittlichen Bildungsrenditen bis Ende der 1990er-Jahre gesunken, um danach wieder anzusteigen, wobei über die Zeit der Geschlechterunterschied in den relativen Bildungserträgen verschwunden sein dürfte. Denn die Bildungsexpansion hat auch entscheidend zur Erwerbsbeteiligung und Einkommenschancen von immer besser qualifizierten Frauen beigetragen. Trotzdem aber erzielen Frauen bei gleicher Ausbildung, bei gleicher Tätigkeit und gleicher Leistung immer noch im Durchschnitt ein fast ein Viertel geringeres Einkommen als Männer.