Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Rolf Becker

Notwendigkeit von Bildungsreformen und Ausblick in die Zukunft

Trotz Erfolgen steht das deutsche Bildungssystem vielen Problemen gegenüber. In der öffentlichen und politischen Debatte wird nach Auswegen aus der "Bildungsmisere" gesucht. Für die Zukunft ergeben sich vielfältige Herausforderungen und Aufgaben für die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems.

Gegenwärtig ist das Bildungssystems Deutschlands trotz seiner Erfolge mit vielerlei Problemen konfrontiert und es wird in der öffentlichen und politischen Debatte nach Auswegen aus einer "Bildungsmisere" gesucht. In der weiteren Entwicklung von umfassender Bildungsbeteiligung, als gerecht empfundenen Bildungschancen und erfolgreichen Bildungsprozessen ergeben sich für die Zukunft vielfältige Herausforderungen für die Aufgaben und Leistungsfähigkeit des Bildungssystems. Die bildungspolitische Herausforderungen – insbesondere die Förderung aller Kinder und Jugendlichen vom vorschulischen Bereich über die qualifizierte Berufsausbildung bis hin zur kontinuierlichen Weiterbildung – liegen angesichts voraussehbarer demographischer, wirtschaftlicher und berufsstruktureller Entwicklungen auf der Hand. Sie lassen sich aus den gegenwärtigen Diskussionen über Probleme des Bildungssystems und kurz- und langfristige Bildungsreformen ableiten. Ebenso können diese danach unterschieden werden, ob sie die Struktur des Bildungssystems betreffen, ob bestimmte Ergebnisse angestrebt und optimiert werden sollen oder ob bestimmte Visionen verfolgt werden.

Die Definition von Bildungsstandards

Die bildungspolitische Zielsetzung und Steuerung unseres Bildungssystems stehen erheblich unter dem Einfluss international vergleichender Schulleistungsstudien wie TIMSS (Third International Mathematics and Science Study – Dritte Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie), PISA (Programme for International Student Assessment – Programm für internationale Schülerbeurteilung), PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study bzw. IGLU für Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) oder ALL (International Adult Literacy and Lifeskills Survey bzw. Erhebung der Lesefähigkeit und der Lebenskompetenzen von Erwachsenen) und wird auch von Visionen der OECD über zukünftige Gesellschaftsstrukturen geprägt. Im Vordergrund stehen hier die Vorstellung von einer wissensbasierten Informationsgesellschaft in einer globalisierten Wirtschaft und die Definition von Schlüsselkompetenzen, die für die persönliche und soziale Entwicklung der Menschen bzw. für persönliches, soziales und ökonomisches Wohlergehen in immer komplexer werdenden Gesellschaften wesentlich sind. Ausgehend von dieser funktionalen Sichtweise sind in Deutschland intensive Diskussionen über die Qualität des Bildungssystems und die Definition von Bildungsstandards in Gang gesetzt worden, die wohl noch lange anhalten werden. Stichworte sind hier auch Ausbau der institutionellen Betreuung von Kindern, die jünger als 4 Jahre alt sind, oder die Professionalisierung des Personals im vorschulischen und schulischen Bereich. Erstaunlich ist jedoch, dass die Stratifizierung und Mehrgliedrigkeit der Schule bei frühen und daher hochgradig sozial selektiven Bildungsübergängen in die Sekundarstufe I zwar problematisiert, aber nicht wirklich in Frage gestellt wird, obwohl sie entscheidend zur sozialen Disparität von Kompetenzen und Bildungserfolgen beiträgt.

Effizienz und Effektivität des Bildungssystems

Eng verbunden mit dieser Diskussion sind die Fragen nach Effizienz und Effektivität des Bildungssystems. So wird, um ein Beispiel heranzuziehen, die Hauptschule als Auslaufmodell einer längst überkommenen Volksschule bezeichnet, in denen "Bildungsverlierer" ihre Lebenszeit mit Klassenwiederholungen und dem Erwerb eines wertlos gewordenen Abschlusses vergeuden und in nicht seltenen Fällen ohne einen Schulabschluss auch keinen Anschluss an die Berufsausbildung und Erwerbsgesellschaft finden. In besonderer Weise sind von "Bildungsarmut" diejenigen Kinder und Jugendlichen betroffen, deren Elternhaus bereits durch ökonomische Armut und geringes kulturelles Anregungspotential gekennzeichnet ist, und die Kinder und Jugendlichen, die mit einem Migrationshintergrund – jenseits von Sprachproblemen – leistungsunabhängige Nachteile beim Bildungserwerb hinnehmen müssen. In dieser Hinsicht benötigen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund über eine Sprachförderung hinaus ebenso wie Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Gruppen eine Förderung im Sinne des Chancenausgleichs. Während die Forderung nach Chancengleichheit oder Herstellung sozialer und ökonomischer Chancengleichheit über Bildung eine Illusion ist und von realen Problemen des Bildungswesens wie Bildungsarmut oder mangelnder Förderung aller Kinder und Jugendlichen (Leistungsschwache wie Hochbegabte) ablenkt, werden verstärkte Anstrengungen notwendig sein, um bestehende Ungleichheiten von Bildungschancen zu reduzieren (Becker/Schuchart 2010).

Die notwendige Reform der Berufsausbildung

Während in der Vergangenheit die (duale) Berufsausbildung in Deutschland ein Vorbild für erfolgreiche Ausbildung und Integration nachwachsender Generationen darstellte, stellen die gegenwärtigen Friktionen beim Übergang in die Berufsausbildung das Erfolgsmodell zwar nicht grundsätzlich in Frage. Es besteht aber einhelliger Konsens, dass es nicht zuletzt wegen des Anschwellens der Zugänge in Übergangssysteme, der Verunsicherung von Schulabgängern und rückläufiger Übernahmen in Betriebe einer dringlichen Reform bedarf. Problematisiert wird, dass der direkte Einstieg in eine qualifizierende Berufsausbildung ohne Übergangssystem immer seltener gelingt, die Verweildauer im Übergangssystem bis zu einem Übergang in eine reguläre Ausbildung zu lange währt und das Risiko steigt, nach dem Brückenangebot ohne Berufsausbildung ins Erwerbsleben zu müssen. Nicht zuletzt wegen dem berufsstrukturellen und technologischen Wandel bedürfen die Strukturen der beruflichen Ausbildung einer systematischen Weiterentwicklung. Insbesondere sollte das träge Berufsbildungssystems flexibilisiert, und das Angebot an Ausbildungsberufen modernisiert werden.

Die Reformbedürftigkeit des Hochschulwesens

Die im internationalen Vergleich für die OECD-Länder relativ niedrige Quote von Studierenden und Hochschulabsolventen verweist – trotz der problematischen Messung durch die OECD – auf eine weitere Reformbedürftigkeit des deutschen Bildungssystems. Hier erweist sich wiederum die geringe Durchlässigkeit im Bildungssystem als Hindernis für die Ausschöpfung von Begabtenreserven, weil der Erwerb der Studienberechtigung über das Abitur unnötig restriktiv ist und es kaum möglich ist, direkt von einer nichtakademischen Berufsausbildung in die Hochschulbildung zu wechseln. Überproportional hohe Studienabbruchquoten zeigen die geringe Haltekraft der Hochschulen und führen letztlich zu einer unterdurchschnittlichen Akademikerquote in Deutschland. Statt "Bildungsinflation" und "Akademikerschwemme" wären eher eine ineffiziente Förderung und Nutzung unterschiedlicher Talente in der Bevölkerung zu beklagen.

Die Notwendigkeit des Abbaus sozialer Ungleichheit auch im Bildungssystem

Bildung gehört zweifelsohne zu den sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts. Das Bildungssystem hat durch die Vermittlung von Wissen und die Vergabe von Zertifikaten einen entscheidenden Einfluss auf die soziale Platzierung seiner Absolventen und daran geknüpfte Lebenschancen: Je höher der erreichte Abschluss, desto größer die Chancen auf den gewünschten Ausbildungs- oder Studienplatz und damit im Allgemeinen auch auf die spätere berufliche Position. In modernen Gesellschaften wie der Bundesrepublik Deutschland ist eine Vielzahl von sozialen Berechtigungen und Lebenschancen an Bildung und den Erwerb von Bildungszertifikaten gekoppelt. Die verschiedenen Schulbildungs- und Ausbildungsabschlüsse bedingen ungleiche Chancen auf wohlfahrtsstaatliche Anrechte sowie auf Einkommenschancen, Aufstiegsmöglichkeiten, Beschäftigungssicherheit und Chancen kontinuierlicher Weiterbildung im weiteren Berufsleben – also auf Erfolg im Lebenslauf.

Trotz der herausragenden Bedeutung von Bildung für Individuum, Märkte und Gesellschaft sind die Möglichkeiten, höherwertige Bildungslaufbahnen einzuschlagen und qualifizierte Bildungspatente zu erwerben, ungleich – und zwar nach leistungsfremden Kriterien – in der Bevölkerung verteilt. Gesellschaftspolitisch wird daher nicht zuletzt im Hinblick auf die geschilderten Probleme und den dadurch entstandenen Reformbedarf wieder – anknüpfend an die Diskussionen in den 1960er- und 1970er-Jahren – der Abbau von sozialen Ungleichheiten im Bildungswesen gefordert. Sie dürfte bald unerlässlich sein, wenn wir um eine Mobilisierung und Ausschöpfung von Begabungen nicht umhin kommen, um die Folgen der Alterung der Gesellschaft und des Wandels der Berufs- und Arbeitsmarktstruktur zu bewältigen (Mayer 2000, 1994).

Zum Abschluss

Selbstverständlich lernen wir für die Schule, aber wir lernen auch für das Leben. Ein kleiner Niveauunterschied am Anfang des Bildungsverlaufs kann in großen Ungleichheiten im weiteren Verlauf des Lebens enden. In der Regel ist das auch so. Wenn im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung – sei es weg von einer Arbeits- und Dienstleistungsgesellschaft in Richtung einer "postindustriellen Wissensgesellschaft" oder einem anders kategorisierten Gesellschaftstypus, den man als "Besten aller Welten" bezeichnen könnte – die formale Erstausbildung nicht mehr ausreicht und systematisches lebenslanges Lernen immer dringlicher sein wird, und sich die gegenwärtige institutionelle Koppelung von Bildungs- und Beschäftigungssystem als hinderlich erweist, stellt sich im Hinblick auf Zugang, Erwerb und Verwertung von Bildung immer noch die Frage: Wie kann jetzt und in Zukunft soziale Ungleichheit im Allgemeinen und soziale Ungleichheit von Bildungschancen im Besonderen überhaupt noch legitimiert werden? (Allmendinger u. a. 2009).