Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Grundbegriffe

Sind die Ressourcenausstattung oder Lebensbedingungen von bestimmten Gruppen so beschaffen, dass sie regelmäßig bessere Lebens- und Verwirklichungschancen als andere haben, so spricht man von sozialer Ungleichheit. In der Sozialwissenschaft lässt der Begriff offen, ob Sachverhalte sozialer Ungleichheit als "gerecht" oder "ungerecht" gelten.

Mit dem Wort "Ungleichheit" werden in den Sozialwissenschaften nicht bloße (horizontale) Unterschiede, sondern (vertikale) Besser- bzw. Schlechterstellungen zwischen Menschen bezeichnet.

Man spricht von "sozialer Ungleichheit" (vgl. Hradil 2001: 27 – 46), wenn die Ressourcenausstattung (zum Beispiel der Bildungsgrad oder die Einkommenshöhe) oder die Lebensbedingungen (beispielsweise die Wohnverhältnisse) von Menschen aus gesellschaftlichen Gründen so beschaffen sind, dass bestimmte Bevölkerungsteile regelmäßig bessere Lebens- und Verwirklichungschancen als andere Gruppierungen haben. "Besser" sind Lebens- und Verwirklichungschancen dann, wenn Ressourcenausstattungen oder Lebensbedingungen bestimmten Menschen nach den jeweils geltenden gesellschaftlichen Maßstäben (zum Beispiel bezüglich Sicherheit, Wohlstand, Gesundheit) die Möglichkeit zu einem "guten Leben" und zur weiten Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bieten, anderen Menschen jedoch nicht. Inwieweit diese Möglichkeiten individuell genutzt werden, steht dahin. Der Begriff soziale Ungleichheit schließt somit nicht aus, dass Menschen mit vorteilhaften Bedingungen ein elendes Leben führen.

Neben den sozialen, das heißt gesellschaftlich entstehenden, relativ stabilen und verallgemeinerbaren existieren viele weitere Ungleichheiten zwischen Menschen. Nicht als soziale Ungleichheit gelten unter anderen individuelle, momentane und natürliche Vor- bzw. Nachteile. Sie entstehen zum Beispiel durch (un-)vorteilhafte Persönlichkeitseigenschaften, Lotteriegewinne oder angeborene Behinderungen. In der Realität greifen natürliche, momentane und individuelle Vor- bzw. Nachteile einerseits und soziale Ungleichheiten andererseits jedoch oft ineinander. Die jeweilige Intelligenz eines Menschen zum Beispiel ist meist sowohl durch natürliche als auch durch soziale Bestimmungsgründe geprägt.

Wer landläufig von "sozialer Ungleichheit" spricht, verbindet mit diesem Begriff üblicherweise die Vorstellung der Illegitimität bzw. der Ungerechtigkeit. Dagegen lässt es der sozialwissenschaftliche Begriff der "sozialen Ungleichheit" offen, ob Sachverhalte sozialer Ungleichheit (zum Beispiel Einkommensabstände) als "gerecht" oder "ungerecht" gelten. Das herauszufinden, bleibt eigenen Studien vorbehalten.

Verteilungs- und Chancengleichheit

"Verteilungsungleichheit" meint die ungleiche Verteilung einer wertvollen Ressource (z. B. des Einkommens) bzw. einer (un-)vorteilhaften Lebensbedingung innerhalb der Bevölkerung insgesamt. Mit "Chancenungleichheit" bezeichnet man die ungleichen Möglichkeiten bestimmter Bevölkerungsgruppen (zum Beispiel von Frauen oder Migranten), an vorteilhafte oder nachteilige Stellen innerhalb solcher Verteilungen zu gelangen (zum Beispiel höhere Einkommen zu erzielen). Chancenungleichheiten und Verteilungsungleichheiten verändern sich häufig unabhängig voneinander. So ist zum Beispiel die Verteilung der Einkommen in Deutschland in letzter Zeit ungleicher geworden. Die Einkommenschancen von Frauen haben sich dagegen denen der Männer angeglichen. In vielen Fällen bergen Chancenungleichheiten, so die geringen Bildungschancen von Migrantenkindern oder die schlechten Aufstiegschancen von Frauen, mindestens so viel gesellschaftspolitischen Zündstoff wie Verteilungsungleichheiten, wie etwa wachsende Armut und zunehmender Reichtum.

Chancenungleichheiten bestehen insbesondere zwischen: Bildungs- und Berufsgruppen, Familien und kinderlosen Haushalten, Bewohnern unterschiedlicher Regionen, den Geschlechtern, Altersgruppen und ethnischen Gruppierungen. Damit sind zugleich die wichtigsten Determinanten sozialer Ungleichheit benannt. Einige von ihnen sind individuell erworben, andere gesellschaftlich zugeschrieben: Bildungsgrade, Berufe, Familien- und Lebensformen sind für die Einzelnen mehr oder minder frei wählbar. Das Geschlecht, das Alter, soziale Herkunft oder die ethnische Zugehörigkeit sind für die Einzelnen in der Regel nicht veränderbar. Darauf beruhende Chancenungleichheiten (beispielsweise die Benachteiligung von Frauen) gelten in modernen Gesellschaften als illegitim und werden stark kritisiert.

Dimensionen sozialer Ungleichheit

Die Vielfalt vorhandener sozialer Ungleichheiten wird in der Regel in Dimensionen gebündelt. In modernen Gesellschaften gelten der formale Bildungsgrad, die mehr oder minder sichere Erwerbstätigkeit, die berufliche Stellung, das Einkommen bzw. Vermögen und das berufliche Prestige als wichtigste Dimensionen sozialer Ungleichheit. Nicht alle Dimensionen hatten zu jeder Zeit das gleiche Gewicht: So war formale Bildung noch im ausgehenden Mittelalter für die Mehrzahl der Menschen eher unwichtig. Heute spricht viel dafür, dass der erreichte Bildungsgrad für die Menschen die wichtigste Dimension sozialer Ungleichheit darstellt. Innerhalb jeder dieser Dimensionen lassen sich höhere oder niedrigere Stellungen unterscheiden. Sie werden als Bildungs-, Erwerbs-, Berufs-, Einkommens- bzw. Prestige-Status bezeichnet.

Soziale Schichten

Eine soziale Schicht besteht aus Menschen, die einen ähnlichen Status innerhalb einer oder mehrerer Dimensionen sozialer Ungleichheit innehaben. So kann man z. B. Bildungs- oder Einkommensschichten unterscheiden. Zur Ermittlung der Stellung eines Menschen im gesamtgesellschaftlichen Schichtungsgefüge kombiniert man in der Regel seinen Bildungs-, Berufs- und Einkommensstatus. Das Oben und Unten der beruflichen Stellung, der hierfür notwendigen Qualifikation und des hieraus resultierenden Einkommens gelten in modernen Gesellschaften als Kernstruktur des Gefüges sozialer Ungleichheit.

Die jeweilige Schichtzugehörigkeit hat viele Konsequenzen, aus denen die Vor- bzw. Nachteile der Schichtzugehörigkeit erst wirklich deutlich werden: Wer einer höheren Schicht angehört, denkt und handelt im Allgemeinen optimistischer, leistungsorientierter, planender, zukunftsorientierter und durchsetzungsfähiger. Die Mitglieder höherer Schichten sind seltener krank, leben länger, werden weniger straffällig und verfügen über größere Netzwerke mit mehr "Beziehungen". Die Kinder haben bessere Bildungschancen usw.

Trotzdem fallen die Mentalitäten und Verhaltensweisen der Menschen innerhalb gleicher sozialer Schichten durchaus unterschiedlich (und gelegentlich über Schichtgrenzen hinweg ähnlich) aus. Die Begriffe der sozialen Milieus und der Lebensstilgruppierungen dienen dazu, diese Unterschiede zu erfassen.

Soziale Milieus und Lebensstile

Unter einem sozialen Milieu versteht man eine Gruppe gleich gesinnter Menschen mit ähnlichen Werthaltungen und Grundeinstellungen (zum Beispiel das liberal-intellektuelle Milieu). Die Milieuzugehörigen sehen und interpretieren ihre sachlichen Umwelten und ihre menschlichen Mitwelten in ähnlicher Weise und bestärken sich darin. Häufig arbeiten und wohnen die Menschen eines bestimmten sozialen Milieus auch in ähnlichen Um- und Mitwelten. Wie entstehen soziale Milieus? Sie bilden sich zum einen heraus durch die soziale Schichtung einer Gesellschaft: durch gleiche soziale Herkunft und die ähnlichen sozialisatorischen, beruflichen und gesellschaftlichen Erfahrungen der Mitglieder sozialer Schichten. Darüber hinaus gibt es aber auch kulturelle (historische, regionale, religiöse etc.) Faktoren, die zur Bildung sozialer Milieus auch innerhalb der sozialen Schichten beitragen.

Das Konzept der sozialen Milieus spielt eine große Rolle in praxisorientierten sozialwissenschaftlichen Studien. Wie Kinder erzogen werden, welcher Partei Menschen zuneigen, wie Menschen wohnen, ihre Freizeit verbringen oder konsumieren, ist weitgehend eine Frage des sozialen Milieus.

Niemand verhält sich jeden Tag völlig anders. Als Lebensstil bezeichnet man die Gesamtheit der immer wiederkehrenden Denk- und Verhaltensweisen eines Menschen. Diese Routinen sind nicht nur eine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern auch der Identität von Menschen. Infolge gesellschaftlicher Angleichungs- und Auseinandersetzungsprozesse erstrecken sich ähnliche Lebensstile über die Einzelnen hinaus auf größere gesellschaftliche Gruppierungen. Lebensstile bilden sich aufgrund vieler Faktoren heraus: Das Alter, das Geschlecht, die Familien- und Lebensform, der Bildungsgrad, die Schichtzugehörigkeit, aber auch eigene Entscheidungen und fremde Einflüsse können Lebensstile gestalten. Lebensstile sind psychologisch nicht so tief verankert wie Milieuzugehörigkeiten und ändern sich deshalb leichter als diese. Gleichwohl sind Konsumentscheidungen, Freundschafts- und Partnerschaftswahlen, Freizeitaktivitäten und vieles mehr auch eine Frage des Lebensstils.