Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Historische Entwicklung

Die mitteralterliche Ständegesellschaft war von einem komplizierten Gefüge sozialer Ungleichheit geprägt. Der Besitz von Grund und Boden bestimmte den sozialen Status. Mit der industriellen Revolution war der Besitz von industriellen Produktionsmitteln ausschlaggebend. Heute ist der Beruf eine entscheidende Determinante sozialer Ungleichheit.

Ständegesellschaft

Sowohl die Hauptdeterminanten als auch die zentralen Dimensionen sozialer Ungleichheit waren in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ständegesellschaft andere als heute. Wie in jeder Agrargesellschaft verschaffte die Verfügung über Grund und Boden Macht, Wohlstand und Ansehen. Eine abgestufte Hierarchie von Lehensvergaben war Grundlage der herausragenden Stellung von König und der ungleichen Stellungen im Adelsstand. Freie Bauern, Pächter und abhängige Bauern verfügten über mehr oder minder große Besitzrechte an Grund und Boden. Sie machten insgesamt den Bauernstand aus, der etwa 80 % der Bevölkerung umfasste. In den Städten konzentrierte sich der Stand der Bürger: Er bestand aus Händlern und Handwerkern mit kleineren oder größeren Erwerbsmöglichkeiten. Unterständische Gruppierungen, wie die "unehrlichen" Berufe, Wanderarbeiter, Mägde und Knechte, Lehrlinge und Gesellen bildeten den untersten Bereich der Ständegesellschaft.

Erwerbsmöglichkeiten, Abgaben und Lebensgestaltung waren innerhalb dieser Stände und ihrer Untergliederungen durch rechtliche Bestimmungen bis ins Einzelne geregelt. Während heute gleiche Rechte für alle Bürger gelten, bildeten damals ungleiche Rechte eine wesentliche Dimension sozialer Ungleichheit. Wer wo ein Gewerbe ausüben durfte, welche Preise er verlangen konnte, wer wie viele Steuern an wen zu zahlen hatte, wer welche Kleidung tragen durfte, wer in der Kirche wo sitzen durfte, all das war bis ins Einzelne rechtlich geregelt. Welche Stellung die Einzelnen in diesem komplizierten Gefüge sozialer Ungleichheit einnahmen, war vor allem eine Frage der Herkunft. Die "Geburt" in einer Familie des Adelsstandes, des Bürgertums, des Bauernstandes oder aus einer "unterständischen" Familie entschied weitgehend über Status und Lebensweg. Sozialer Auf- oder Abstieg über die Grenzen dieser Stände hinweg war selten, auch innerhalb der Stände war es sehr schwer, aufzusteigen. Sozialer Abstieg kam indes häufiger vor. So wurden z. B. viele freie zu unfreien Bauern.

Klassengesellschaft

Die frühe industrielle Gesellschaft begann in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche rechtliche Ungleichheiten verschwanden. Der Besitz, vor allem an den neuen industriellen Produktionsmitteln, löste die Herkunft als dominierende Determinante sozialer Ungleichheit ab. Die Besitzenden hatten viele Vorteile. Die neue obere Klasse der Fabrikherren ahmte die Lebensweise des Adels nach. Wer nichts besaß, wer mit seinem bisherigen Gewerbe der Industriekonkurrenz nicht mehr gewachsen war, wer seinen Bauernhof nicht mehr halten konnte, musste sich als Arbeiter zu häufig elenden Arbeitsbedingungen und Löhnen verdingen. Die "soziale Frage" entstand. Aus der Ständegesellschaft wurde eine Klassengesellschaft.

Im Laufe des späten 19. und des 20. Jahrhunderts waren immer mehr Menschen als Unselbstständige erwerbstätig. Schließlich arbeiteten neun von zehn Erwerbstätigen als Arbeiter, Angestellte oder Beamte. Viele Beamte und Angestellte erlangten einen wesentlich höheren Status als Fach- und erst recht als Hilfsarbeiter. Die sozialen Ungleichheiten innerhalb der Unselbstständigen wurden wichtiger als Ungleichheiten zwischen ihnen und den Selbstständigen. Die entlang der Berufshierarchie verlaufende soziale Schichtung schob sich als dominierende Struktur sozialer Ungleichheit über das am Besitz ausgerichtete Klassengefüge.

Geschichtete Gesellschaft

Als wichtigste Determinante sozialer Ungleichheit schälte sich daher immer mehr der Beruf heraus. "Sage mir, was Du von Beruf bist, und ich sage dir, welche gesellschaftliche Stellung Dir zukommt": So könnte das Motto der industriegesellschaftlichen Schichtungsgesellschaft lauten. Auch die wichtigsten Dimensionen sozialer Ungleichheit (Qualifikation, berufliche Stellung, Einkommen) stehen allesamt in enger Verbindung mit dem Beruf.

In der geschichteten Gesellschaft sind sozialer Auf- und Abstieg wesentlich leichter möglich als in der Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts. Vertikale Mobilität wurde allerdings niemals so häufig, wie es das schichtungsgesellschaftliche Ideal der "offenen Gesellschaft" vorsieht. Ihm zufolge sollten Auf- und Abstieg ausschließlich eine Frage der individuellen Leistung und nicht länger der Herkunft, des Besitzes oder der Hautfarbe oder des Geschlechts sein.

Neue Strukturen sozialer Ungleichheit

Seit etwa dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, seit mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor arbeitet, gilt Deutschland nicht länger als Industriegesellschaft, sondern als postindustrielle Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Mit dem Schrumpfen der Industrie und dem Aufkommen des Dienstleistungssektors sowie mit der steigenden Bedeutung von Information, Wissen und Qualifikation wurden viele Hoffnungen verknüpft. Der Dienstleistungssektor schien angenehme, geistig anspruchsvolle, wegen der unstillbaren Nachfrage nach Dienstleistungen sichere und infolge hoher Produktivität auch gut bezahlte Arbeitsplätze für immer mehr Menschen zu bieten.

Damit war vielfach die Hoffnung verbunden, dass sich die Zunahme von Verteilungs- und Chancengleichheit im Verlaufe der Industrialisierung, wie sie sich im Laufe des 20. Jahrhunderts am Wachsen der Mittelschicht gezeigt hatte, auch in der postindustriellen Gesellschaft fortsetzen würde. Diese Erwartungen haben sich bisher nicht erfüllt. Das anhaltende Schrumpfen der Industrie kostete viele Arbeiter den Arbeitsplatz und hinterlässt sie ohne Perspektive.

Innerhalb des Dienstleistungssektors tun sich enorme neue Ungleichheiten auf. Hoch Qualifizierte in produktiven Branchen kennen kaum Arbeitslosigkeitsrisiken und haben glänzende Verdienstmöglichkeiten. Sie werden durch die Globalisierung von Arbeitsmärkten und durch den Fachkräftemangel im Zuge des demografischen Wandels noch gesteigert. Niedrig Qualifizierte in wenig produktiven Branchen (zum Beispiel Reinigungskräfte) müssen um ihren schlecht bezahlten Arbeitsplatz mit vielen Bewerbern konkurrieren. In den schrumpfenden Mittelschichten, vor wenigen Jahrzehnten noch eine Zone der Prosperität und Sicherheit, wachsen die Ängste. Inwieweit sich im Zuge dieser Verschärfungen sozialer Ungleichheit das Schichtungsgefüge grundsätzlich ändert, und andere Sozialstrukturmodelle eher zutreffen, lässt sich noch nicht absehen. Sicher jedoch ist, dass eine marktgängige (Aus-)Bildung mehr denn je individuelle Lebenschancen prägt.