Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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Soziale Schichtung


31.5.2012
Die wichtigsten Veränderungen der Struktur sozialer Schichtung, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen, lassen sich wie folgt zusammenfassen. Zunächst sollen die einzelnen Dimensionen dargestellt werden.

Bildung



Bildungsexpansion

Von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre hinein wurden Schulen und Hochschulen in Deutschland immer weiter ausgebaut. Immer mehr junge Menschen erreichten weiterführende Bildungsabschlüsse. Seither verläuft die Bildungsexpansion in Deutschland deutlich langsamer. Im Vergleich mit ähnlich entwickelten Gesellschaften gelangen in Deutschland nur wenige junge Menschen in Hochschulen. Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss und der Jugendlichen ohne Berufsbildungsabschluss sinkt nur sehr langsam (vgl. Kap. "Bildung"). Es wird häufig kritisiert, dass dies den steigenden Anforderungen von Technik, Wirtschaft und Gesellschaft an die Ausbildung der Menschen nicht gerecht wird.

Schulen und Hochschulen sind die "sozialen Dirigierungsstellen" (H. Schelsky) moderner Gesellschaften. Bildungszertifikate haben die Aufgabe, die Menschen auf legitime Weise in die jeweiligen Etagen des sozialen Höher und Tiefer zu lenken. Dies setzt voraus, dass Bildungseinrichtungen leistungs- und chancengerecht verfahren. Das Geschlecht, die soziale Herkunft, die ethnische Zugehörigkeit und andere leistungsfremde Gruppenmerkmale dürften bei der Zuerkennung von Bildungsnachweisen also keine Rolle spielen. Bildungserfolge hängen in Deutschland jedoch im Vergleich zu ähnlichen Ländern in besonders hohem Maße von der sozialen Herkunft und der ethnischen Zugehörigkeit der Kinder ab (vgl. ausführlicher Kap. "Bildung"). Misst man Chancengerechtigkeit als "proportionale Chancengleichheit" – sie ist erreicht, wenn die Kinder aller relevanten sozialen Gruppierungen auf allen Stufen des Bildungssystems die gleichen Anteile wie in der Gesamtbevölkerung erreichen -, so wird deutlich, dass Deutschland besonders weit davon entfernt ist, Chancengerechtigkeit im Bildungswesen zu erreichen.

Im Zuge der Ausweitung weiterführender Bildung seit den 1960er-Jahren haben sich zwar die absoluten Bildungschancen der Kinder aller sozialen Gruppierungen erhöht. Alle Gruppierungen haben sich vom größer gewordenen "Bildungskuchen" ein größeres Stück abgeschnitten. Die relativen Bildungschancen im Vergleich zu konkurrierenden Gruppierungen haben sich freilich sehr unterschiedlich entwickelt.

Geschlechtsspezifische Bildungschancen

Die Frauen zählen zu den Gewinnern der Bildungsexpansion. Sie haben die Männer auf allen Stufen des allgemeinbildenden Bildungswesens überholt und in den Universitäten immerhin eingeholt. Allerdings ist dies in den meisten modernen Ländern schon seit längerem der Fall. Dass Männer vergleichsweise immer weniger erfolgreich abschneiden, zeigt sich vor allem im Bereich der Elementarbildung. In Hauptschulen und in Sonderschulen für Lernbehinderte finden sich vor allem Jungen.

Schichtspezifische Schulbesuchtsquoten der fünfzehnjährigen Schülerinnen und Schüler 2003. Soziale Herkunft in Quartilen (Vierteln) des ökonomischen, sozialen und kulturellen Status (ESCS-Index)Schichtspezifische Schulbesuchtsquoten der fünfzehnjährigen Schülerinnen und Schüler 2003. Soziale Herkunft in Quartilen (Vierteln) des ökonomischen, sozialen und kulturellen Status (ESCS-Index)
Schichtspezische Bildungschancen

Kinder aus unteren sozialen Schichten konnten ihre relativen Bildungschancen seit fast 50 Jahren nur unwesentlich erhöhen. In dieser Hinsicht hat sich wenig verändert. Am ehesten stellten Realschulen und Gesamtschulen gewisse Aufstiegswege dar. Immer noch gelangen Kinder aus höheren sozialen Schichten zu großen Anteilen auf Gymnasien und Universitäten, Kindern aus unteren sozialen Schichten gelingt dies nur selten. Zwar sind in allen Ländern der Welt Kinder aus oberen Schichten erfolgreicher als Kinder schlechter gestellter Eltern, aber deren Bildungschancen konnten in allen vergleichbaren Ländern besser als in Deutschland gestaltet werden.

Ethnische Bildungschancen

Auch Migrantenkinder erreichen immer häufiger höhere allgemeinbildende Abschlüsse. Trotzdem ist ihnen kaum gelungen, den Bildungsvorsprung einheimischer Kinder aufzuholen. Im Bereich der Berufsausbildung sind besonders geringe Bildungsfortschritte von Migrantenkindern zu verzeichnen. Seit den 1990er-Jahren stagnieren sie sogar. Schlecht sind vor allem die Bildungs- und Ausbildungsergebnisse von vielen männlichen türkischen und italienischen Jugendlichen (vgl. im Einzelnen Kap. "Migration").

Migrationsspezifische Ungleichheit, 2003Migrationsspezifische Ungleichheit, 2003
Sieht man von den Frauen ab, so zeigen sich in letzter Zeit nur geringe Fortschritte, teils sogar Rückschritte im Bemühen, die Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Gruppierungen zu verbessern. Für die Betroffenen und für die Gesellschaft insgesamt wird dies zu einem immer gravierenderen Problem.

Folgen ungleicher Bildungschancen

Gesundheit, Lebenserwartung, Freizeit-, Integrations- und Durchsetzungschancen stehen schon seit langem in engem Zusammenhang mit der individuellen Bildung. Die Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden bzw. das Risiko der Arbeitslosigkeit werden sogar immer mehr zu einer Frage der vorhandenen Qualifikation. Werden die Bildungschancen von Kindern bildungsferner Milieus nicht verbessert, so drohen wachsende Aufstiegsblockaden und die soziale Vererbung des elterlichen Status. Unzufriedenheit und die Empfindung, in einer ungerechten Welt zu leben, sind die Folge.

Für die Gesellschaft insgesamt bringen technologischer Wandel und Globalisierung der Wirtschaft einen immer größeren Bedarf an Qualifikation mit sich. Im Zuge des demografischen Wandels gelangen indessen die geburtenschwachen Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Dem wachsenden Qualifikationsbedarf steht also ein schrumpfendes Qualifikationsangebot gegenüber (vgl. Kap. "Bevölkerung"), solange es nicht gelingt, Bildungsreserven aus bislang bildungsfernen Kreisen zu erschließen.