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Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Schichtung

Erwerbstätigkeit und berufliche Stellung

Erwerbsstatus

Ressourcen und günstige Lebensbedingungen werden nur dann zu Dimensionen sozialer Ungleichheit, wenn sie knapp sind. Ein wertvolles Gut, das überreichlich zur Verfügung steht, kann kaum zu einer sehr ungleichen Verteilung von Vor- und Nachteilen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen führen.

In der Zeit der Vollbeschäftigung in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren standen mehr Arbeitsplätze zur Verfügung, als Interessenten vorhanden waren. Niemand sprach damals von einer Ungleichheit der Erwerbsmöglichkeiten. Seither baute sich Zug um Zug die massenhafte Arbeitslosigkeit auf. Die Ungleichheit der Erwerbsmöglichkeiten wuchs.

Im Groben lassen sich drei Stufen des "Erwerbsstatus" unterscheiden:
Unbefristete Vollzeit-"Normalarbeitsplätze" bieten die meisten Vorteile.
Prekäre Arbeitsplätze (befristete Tätigkeiten, geringfügige Erwerbsarbeit, Leiharbeit, ungewollte Teilzeitarbeit, Tätigkeiten auf Abruf, "Scheinselbstständigkeit") bieten zwar Erwerbsmöglichkeiten, haben aber viele Nachteile.
Registrierte und anerkannte Arbeitslosigkeit bietet nach einiger Zeit der Lohnersatzleistung (Arbeitslosengeld I) nur noch existenzsichernde Mindestleistungen (Arbeitslosengeld II; Hartz IV).

Arbeitslosigkeit

Innerhalb der Arbeitslosigkeit lassen sich vier Typen und damit verbundene Schweregrade unterscheiden:
Friktions- oder Sucharbeitslosigkeit entsteht oftmals dann, wenn eine Arbeitsstelle verlassen und eine neue gesucht wird. Es handelt sich meist um kurzfristige und deshalb als "harmlos" angesehene Arbeitslosigkeit.
Saisonale Arbeitslosigkeit entsteht oft mit dem Wechsel der Jahreszeiten. So sinken die Erwerbsmöglichkeiten von Bauarbeitern im Winter.
Konjunkturelle Arbeitslosigkeit wächst mit wirtschaftlichen Abschwüngen. Diese Form der Arbeitslosigkeit betrifft unter Umständen viele Menschen und dauert oft Jahre lang.
Strukturelle Arbeitslosigkeit kann durch ganz unterschiedliche Strukturveränderungen zu Stande kommen, zum Beispiel durch technologischen Wandel, durch ökonomische Verschiebungen oder durch demografische Veränderungen. Strukturelle Arbeitslosigkeit dauert häufig besonders lange und wird als problematisch eingeschätzt. Etwa 85 % der Arbeitslosen verloren in den letzten Jahren aus strukturellen Gründen ihren Arbeitsplatz.

In der Nachkriegszeit, als viele Arbeitsstellen zerstört oder von den Alliierten im Zuge von Reparationsleistungen abgebaut waren, sowie Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen nach Deutschland strömten, suchten viele Menschen eine Erwerbsarbeit. Im Zuge des "Wirtschaftswunders" sank das Arbeitslosigkeitsrisiko dann schnell. Von 1961 bis 1973 herrschte in Westdeutschland Vollbeschäftigung. Bis heute wird dieser Zustand häufig als "normal" angesehen. Länger als ein Jahrzehnt dauerte er aber nicht an. Seit Mitte der 1970er-Jahre stieg dann die Zahl der Arbeitslosen in Westdeutschland treppenförmig an. In jedem konjunkturellen Einbruch schnellte die Arbeitslosenquote empor, ohne in der folgenden konjunkturellen Erholung wieder ganz auf den alten Stand zurück zu fallen. Erst im Jahre 2005 sank die Arbeitslosigkeit wieder entscheidend.

Berichte von Massenmedien legen die Meinung nahe, die Arbeitslosigkeit steige, weil ständig Arbeitsplätze abgebaut würden. Die Zahl der Arbeitsplätze und die Erwerbstätigenquote sind jedoch seit den 1970er-Jahren in Westdeutschland nicht gesunken, sondern leicht gestiegen. Die Gründe für die Zunahme der Arbeitslosigkeit sind daher weniger auf der Seite der Arbeitsplätze als auf der Seite der Personen, das heißt der steigenden Nachfrage nach Erwerbsarbeit zu suchen. Seit den 1970er-Jahren drängten die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre, sowie Frauen und Zuwanderer (Familien von "Gastarbeitern", Spätaussiedler und Bürgerkriegsflüchtlinge) auf den Arbeitsmarkt. Dem stand kein entsprechender Zuwachs von Arbeitsplätzen gegenüber.

Umgekehrt sind in den kommenden Jahren Entlastungen des Arbeitsmarkts und Rückgänge der Arbeitslosigkeit zu erwarten, denn die seit Mitte der 1970er-Jahre geburtenschwachen Jahrgänge gelangen auf den Arbeitsmarkt und lassen die Nachfrage nach Arbeitsplätzen sinken (vgl. Kap. "Bevölkerung").

Risiken der Arbeitslosigkeit

Das Risiko der Arbeitslosigkeit konzentriert sich in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Die Gefahr, die Stelle zu verlieren, ist für gering Qualifizierte am größten und wächst für sie ständig weiter an, denn die technologische Entwicklung erfordert immer höhere Qualifikationen. Stellen für gering Qualifizierte werden häufig abgebaut oder ins billigere Ausland verlagert. Auch Zuwanderer geraten aus Qualifikationsgründen besonders häufig in Arbeitslosigkeit. Schließlich haben Schwerbehinderte und die Bewohner bestimmter Regionen (oft in Ostdeutschland) ein erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko zu tragen. Ältere Menschen verlieren, da sie gegen Kündigungen oft gut geschützt sind, nicht überproportional häufig ihre Beschäftigung. Wenn dies passiert, dauert die Arbeitslosigkeit aber oft lange. Waren ältere Arbeitende bis vor einiger Zeit wegen der hohen Nachfrage nach Arbeitsplätzen häufig dem Druck ausgesetzt, ihre Arbeitsstelle aufzugeben, so gehen Betriebe angesichts des schwindenden Nachwuchses immer mehr dazu über, ältere Beschäftigte zu halten und gegebenenfalls weiterzubilden.

Die Folgen insbesondere länger andauernder Arbeitslosigkeit sind oft gravierend. Hieran wird deutlich, wie sehr moderne Gesellschaften "Arbeitsgesellschaften" sind: Selbstachtung und Respekt von Mitmenschen schwinden. Die Familien sind großen Belastungen ausgesetzt. Gesundheitliche Probleme häufen sich. Die Fähigkeit nimmt ab, den Tagesablauf zu strukturieren und zu organisieren. Dies macht es oft schwierig, insbesondere Langzeitarbeitslose wieder in Beschäftigungsverhältnisse einzugliedern.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu. Mit diesem "mittleren Erwerbsstatus" zwischen Arbeitslosigkeit und "Normalarbeitsverhältnis*" muss mittlerweile ein gutes Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland Vorlieb nehmen. Insbesondere Teilzeittätigkeiten und geringfügige Beschäftigungen haben seit den 1990er-Jahren stark zugenommen. Zwar bringen diese Beschäftigungsformen "objektive" Nachteile im Vergleich zu "Normalarbeitsverhältnissen" mit sich, sind aber häufig von den Beschäftigten gewollt (zum Beispiel suchen viele Frauen Teilzeittätigkeiten). Nicht selten stellen "prekäre" Beschäftigungsverhältnisse auch den Einstieg in "normale" Erwerbsverhältnisse dar.

Der "obere Erwerbsstatus" einer "normalen" Vollzeiterwerbstätigkeit umfasst ein weites Spektrum. Es reicht von der in jeder Hinsicht unsicheren, stets an Anweisungen gebundenen Tätigkeit eines ungelernten Arbeiters oder einer ausführenden Angestellten bis hin zu den umfassenden Führungsaufgaben eines Managers oder einer Unternehmerin.

Berufsstatus

Diese Hierarchie mehr oder minder hoher Berufsstatus wird häufig in eine vertikale Ordnung von Berufsgruppen untergliedert. Sie werden im Anschluss an Max Weber "Erwerbsklassen" oder, der angelsächsischen Terminologie folgend, "soziale Klassen" genannt. Kennzeichnend sind in jedem Falle die jeweiligen, in Bezug auf Arbeitsmarktlage, Arbeitsinhalte und Anweisungsgebundenheit (bzw. -befugnis) mehr oder minder vorteilhaften Berufspositionen. Die Zugehörigkeit zu einer dieser Berufsstatus-Gruppierungen bildet, zusammen mit dem jeweiligen Bildungsgrad, die Grundlage der jeweiligen finanziellen und materiellen Lage der Arbeitenden. Folgende Anteile der Berufstätigen in Westdeutschland (in Ostdeutschland) zählten 2006 zu den einzelnen "Erwerbsklassen" (Statistisches Bundesamt 2008: 177)[1]

Obere Dienstleistungsklasse (freie Berufe, leitende Beamte und Angestellte, hoch professionalisierte Fachleute)11 % (9 %)
Untere Dienstleistungsklasse (qualifizierte Beamte und Angestellte)24 % (18 %)
Einfache Büroberufe15 % (12 %)
Sonstige nicht manuelle Berufe8 % (8 %)
Arbeitgeber (2 – 49 Mitarbeiter)2 % (1 %)
Selbstständige (max. 1 Mitarbeiter)4 % (4 %)
Landwirte2 % (1 %)
Leitende Arbeiter, Techniker7 % (7 %)
Facharbeiter13 % (26 %)
Einfache Arbeiter13 % (9 %)
Landarbeiter1 % (4 %)

Einige dieser Berufsstatusgruppierungen wachsen und prosperieren, z. B. die "obere Dienstleistungsklasse". Andere dieser "Erwerbsklassen" schrumpfen und stagnieren ökonomisch, wie z. B. Landwirte und einfache Arbeiter. Dazu mehr im folgenden Abschnitt. Je höher eine Erwerbsklasse gestellt ist, desto weniger Frauen sind dort zu finden. Man hat ihnen zwar die Türen der Bildungseinrichtungen geöffnet, nicht aber die Türen der oberen Etagen in den Bürotürmen.

Fußnoten

1.
Aufgrund multipler Zuordnungskriterien ist es schwierig, Berufsgruppen in ein eindeutiges Oben und Unten zu ordnen. Die Rangordnung einzelner Gruppierungen (zum Beispiel die der Arbeitgeber) ist daher teils diskussionsbedürftig.