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Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Schichtung

Einkommen und Vermögen

In modernen marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften lassen sich nahezu alle materiellen (und manche immateriellen) Bedürfnisse mit Geldbefriedigen. Das verfügbare Einkommen und Vermögen geben daher über den Wohlstand und zu einem erheblichen Grad auch über das Wohlbefinden von Menschen Auskunft.

Einkommensarten

Einkommen ist auf den ersten Blick das persönliche Bruttoeinkommen der Menschen, das sie aus Erwerbstätigkeit oder Besitztümern auf Märkten erzielen. Diese Brutto-Markteinkommen geben zwar über die Wertschätzung der jeweiligen Erwerbstätigkeit bzw. der Güter Auskunft, nicht aber über den Lebensstandard der Einkommensbezieher. Denn hieraus sind nicht nur unterschiedlich hohe Steuern und Abgaben zu bezahlen, hiervon muss oft noch der Lebensunterhalt weiterer Personen (Kinder, Partner etc.) finanziert werden.

Das Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen vermittelt schon eher Auskunft über den jeweiligen Wohlstand. Dieses im Haushaltszusammenhang tatsächlich verfügbare Einkommen wurde von staatlichen Instanzen durch einbehaltene Steuern und Beiträge einerseits, durch gezahlte Transferleistungen andererseits verringert bzw. erhöht. Es wird von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern meist in das sog. "Äquivalenzeinkommen" (bedarfsgewichtetes Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen) umgerechnet, um die Ersparnisvorteile größerer Haushalte zu berücksichtigen.

Im Zuge der Industrialisierung wurde die Verteilung der Einkommen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer ungleicher. Die Spanne zwischen den hohen Einkommen der Besitzenden und den Hungerlöhnen der vielen Lohnarbeiter weitete sich. Die Mittelschicht war klein.

Historische Entwicklung

Seit etwa dem Ersten Weltkrieg bis in die 1970er-Jahre hinein wurde die Einkommensverteilung langsam immer gleicher. Armut und extremer Reichtum wurden seltener. Die Mittelschicht wuchs. Diese Angleichungstendenz wurde weithin begrüßt und in zahlreichen Theorien moderner Industriegesellschaften geradezu gefeiert. Moderne Gesellschaften schienen zu Gesellschaften der Mittelschicht zu werden, die in Politik, Konsum, Erziehung etc. kulturell tonangebend wurde.
Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen auf die Bevölkerung.Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen auf die Bevölkerung. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Seit dieser Zeit wird die Einkommensverteilung wieder ungleicher. Insbesondere die persönlichen Markteinkommen (Löhne, Gehälter und Besitzeinkommen) gehen rapide auseinander. Die Verteilung der "Äquivalenzeinkommen" (bedarfsgewichteten Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen), die den jeweiligen Lebensstandard prägen, wird ebenfalls ungleicher, allerdings bis 2004 deutlich langsamer als die Markteinkommen. Infolgedessen haben immer mehr Menschen sehr hohe und immer mehr Menschen sehr niedrige Einkommen zur Verfügung. Die Verschärfung der finanziellen Ungleichheit ist mittlerweile so stabil geworden, dass von einer historischen Wende hin zu mehr finanzieller Ungleichheit gesprochen werden kann.

Wenn jeweils höhere Bevölkerungsanteile einkommensstark bzw. einkommensschwach werden, schrumpft die Einkommensmittelschicht. Dies kehrt den jahrzehntelang anhaltenden Trend einer wachsenden Mittelschicht um. Für viele Bereiche von den Investitionen (etwa im Wohnungsbau), über den Konsum bis hin zur Politik ist dies sehr folgenreich. Eine große und wachsende Einkommensmittelschicht stellte seit jeher ein stabilisierendes Moment für Politik und Gesellschaft dar.

Einkommenschancen

Einkommenschancen sind eine Frage des Bildungsgrades, des Erwerbs- und Berufsstatus, aber auch des Geschlechts und der Lebensform. Die Einkommenshierarchie reicht von hoch qualifizierten Erwerbstätigen in leitender Stellung bis hin zu gering qualifizierten Arbeitskräften mit Zeitverträgen, in Leiharbeit oder in unfreiwilliger Teilzeitarbeit. Frauen verdienen bei gleicher Arbeitszeit fast ein Viertel weniger als Männer, vor allem weil sie selten Führungspositionen erreichen. Kinderlose Doppelverdienerpaare und Singles stehen an der Spitze der Einkommenshierarchie, danach folgen Paare gestaffelt nach der Kinderzahl. Am schlechtesten sind die Verdienstmöglichkeiten von Alleinerziehenden, wiederum abgestuft nach der jeweiligen Zahl der Kinder.

EinkommensungleichheitEinkommensungleichheit Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Internationale Vergleiche zeigen, dass die wachsende Einkommensungleichheit keine deutsche Besonderheit ist. Die Schere der Markteinkommen öffnet sich in fast allen entwickelten Ländern der Welt. Die "Äquivalenzeinkommen" (bedarfsgewichtete Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen) spreizen sich in den meisten modernen Gesellschaften. Deutschland ist weder ein besonders ungleiches, noch ein besonders gleiches Land.

Gründe wachsender Lohnungleichheit

Da die wachsende Einkommensungleichheit ein weltweites Phänomen ist, liegen auch die Gründe der auseinander gehenden Einkommen zum großen Teil in supranationalen Entwicklungen. Als Hauptursache gilt die technologische Entwicklung (vor allem die Informationstechnologie), die in den Sektoren, in denen sie dominiert, sehr produktives Wirtschaften ermöglicht, zugleich aber hohe Qualifikationen erfordert. Da entsprechend hoch qualifiziertes Personal knapp ist, werden hohe Löhne gefordert. In hoch produktiven Wirtschaftsbereichen können hohe Löhne auch gezahlt werden. Die Globalisierung der Arbeitsmärkte verstärkt diese Entwicklung zur Ausweitung der Lohnbandbreite nach oben noch. Wer in Deutschland seine hohen Lohnerwartungen nicht erfüllt findet, dem wird das in anderen Ländern gelingen.

In technologisch wenig entwickelten und wenig produktiven Wirtschaftsbereichen können nur niedrige Löhne bezahlt werden. Da immer mehr dieser Arbeitsplätze wegfallen, konkurrieren relativ viele gering Qualifizierte um diese weniger werdenden Arbeitsplätze. Dies drückt die Verdienstmöglichkeiten. Auch hier verstärkt die Globalisierung die soziale Ungleichheit. Gering Qualifizierte in Deutschland konkurrieren oft nicht nur mit Einheimischen, sondern auch mit Migranten und mit Beschäftigten im Ausland.

Mit diesen sehr ungleichen Marktlagen gehen vielfach auch Machtungleichheiten einher: So haben gut gestellte Einkommensbezieher vielfältige Chancen, sich (zum Beispiel mittels Ausbildungsnachweisen) gegen Konkurrenz abzuschotten.

Neben technologischen und ökonomischen bewirken auch demografische Gründe eine wachsende Einkommensungleichheit: Die Alterung der Gesellschaft bringt es mit sich, dass immer weniger Menschen Erwerbseinkommen beziehen, von denen immer mehr ältere (zusätzlich die jüngeren) Menschen zu finanzieren sind. Immer mehr Alleinerziehende mit oft schlechten Erwerbsmöglichkeiten stehen immer mehr Doppelverdienerhaushalten mit sehr guten Einkommenschancen gegenüber.

Gründe wachsender Ungleichheit der Haushaltseinkommen

Die bisher genannten technologischen und ökonomischen Gründe erklären, weshalb die Markteinkommen in fast allen entwickelten Ländern auseinander gehen. Inwieweit können jedoch gewerkschaftliche Aktivitäten Lohnspreizungen (z. B. durch Tarifverträge) verhindern? Inwieweit sind sozialstaatliche Aktivitäten (z. B. durch Mindestlohnverordnungen oder Steuern) geeignet, ungleicher werdende Arbeits- und Besitzeinkommen umzuverteilen? Die Antwort ist klar: Durch solche Maßnahmen können wesentliche Angleichungen erreicht werden. Dass die Ungleichheit der verfügbaren Pro-Kopf-Haushaltseinkommen in fast allen Ländern der Welt deutlich geringer als die Verteilung der Markteinkommen ausfällt, ist wesentlich Regulierungs- und Umverteilungsmaßnahmen zuzuschreiben. Es fragt sich nur, welche Nebenwirkungen dabei in Kauf genommen werden. Häufig werden Beschäftigungsprobleme befürchtet, z. B. Arbeitslosigkeit infolge verordneter Mindestlöhne oder die Auswanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte und Investoren infolge hoher Besteuerung von Einkommensstarken. Viele Gewerkschaften und sozialstaatliche Instanzen schrecken daher vor allzu energischen Eingriffen und Umverteilungen zurück. Vor allem wegen der unterschiedlich starken sozialstaatlichen Zugriffe in den einzelnen Ländern sind die Unterschiede zwischen den nationalen Verteilungen von Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen größer als die Unterschiede der Verteilungen von Markteinkommen.

Einkommensungleichheit kann im Rahmen einzelner Länder betrachtet werden, aber auch als Vergleich zwischen reicheren und ärmeren Ländern. Der Einkommensabstand zwischen den armen und den reichen[2] Ländern der Welt wächst. Das heißt: Die internationale Einkommensungleichheit nimmt zu. Lässt man jedoch Ländergrenzen außer Acht und berücksichtigt alle Personen bzw. Haushalte, die auf der Erde leben, so zeigt sich, dass die Einkommen immer gleicher verteilt werden. Das heißt: Die supranationale Einkommensverteilung wird immer gleicher. Dieser scheinbare Widerspruch klärt sich auf, wenn man in Rechnung stellt, dass China und Indien, die beiden mit Abstand bevölkerungsstärksten Länder der Welt, wirtschaftlich prosperieren und in die "internationale Einkommensmittelschicht" aufgestiegen sind.

Einkommensarmut

Einkommensarmut bemisst sich in entwickelten Ländern nicht an der Gefahr des Verhungerns oder Erfrierens. Diese "absolute Armut" ist hierzulande selten geworden, nicht jedoch "relative Armut". Hierunter versteht man das Unterschreiten des Lebensstandards, der im jeweiligen Land als minimal angesehen wird, und den Ausschluss aus wesentlichen gesellschaftlichen Handlungsfeldern.

Ausgewählte Armutsgefährdungsquoten (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Im Allgemeinen betrachtet man jene Menschen als gefährdet, in "relative" Einkommensarmut zu geraten, die weniger als 60 % des mittleren[3] (Äquivalenz-) Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung haben. Seit der Nachkriegszeit sank der Anteil dieser Menschen bis auf ein Minimum im Jahre 1973. Von da an nahm der Bevölkerungsanteil der Armutsgefährdeten bis in die 1990er-Jahre hinein ständig zu, vor allem im Zusammenhang mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit den 1990er-Jahren stagniert der Bevölkerungsanteil der armutsgefährdeten Menschen auf recht hohem Niveau.

Ein hohes Armutsrisiko tragen vor allem Alleinerziehende, Migranten, gering Qualifizierte, kinderreiche Familien und – damit im Zusammenhang – Kinder. Im Allgemeinen sind dies auch die Gruppierungen, die besonders häufig arbeitslos sind. Insbesondere die steigende Kinderarmut steht wegen ihrer ungünstigen Sozialisationsfolgen seit Jahren im Mittelpunkt öffentlicher Kritik. Im Vergleich mit den übrigen OECD-Ländern ist Armut in Deutschland durchschnittlich verbreitet.

Vermögensverteilung

Nicht nur die Verteilung der Einkommen, auch die Vermögensverteilung wird in Deutschland immer ungleicher. Wie in allen bekannten Gesellschaften, so konzentrieren sich auch in Deutschland die Vermögen in wesentlich weniger Händen als die Einkommen. Das einkommensstärkste Zehntel der Bevölkerung verfügt über fast ein Viertel aller Einkommen, besitzt aber fast zwei Drittel allen Vermögens. Aus ungleich verteilten Einkommen werden noch weit ungleicher verteilte Vermögen, weil aus geringen Einkommen wenig, aber aus hohen Einkommen viel gespart werden kann. Hohe Ersparnisse führen zu Besitzeinkommen, die meist wiederum angelegt werden.

Vermögensverteilung. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Der Löwenanteil des Vermögens besteht aus Haus- und Grundbesitz. Er ist so ungleich verteilt wie die Vermögensbestände im Ganzen. Unternehmensbesitz, Aktien und andere Wertpapiere sind noch ungleicher verteilt. Aber nicht alle Vermögensarten finden sich geballt in den Händen Weniger. Sparguthaben, Bauspar- und Lebensversicherungsverträge sind zum Beispiel vergleichsweise breit gestreut.

Gute Chancen, zu höheren Vermögensbeständen zu gelangen, haben vor allem beruflich gut Gestellte (aufgrund der höheren Einkommensmöglichkeiten), ältere Menschen bis zur Pensionsgrenze (aufgrund des allmählichen Wachsens ihrer Vermögensbestände) sowie Westdeutsche (weil Einkommensstarke sich hier konzentrieren und die Menschen in Ostdeutschland weniger Zeit hatten, Vermögen anzuhäufen).

Fußnoten

2.
gemessen an den nationalen Durchschnitten des kaufkraftgewichteten Pro-Kopf- Bruttoinlandsprodukts
3.
Als mittleres Einkommen wird in der Regel der Median verwendet. Definitionsgemäß ist das Einkommen jeweils der Hälfte der Bevölkerung höher und geringer als der Median. Das arithmetische Mittel wird infolge weniger sehr hoher Einkommen nach oben verzerrt.