Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Schichtung

Soziale Schichten

Die Ungleichheiten der Bildung, des Berufs und des Einkommens, denen die vorstehenden drei Abschnitte gewidmet waren, machen zusammen genommen das Schichtungsgefüge aus. Es bildet einen wesentlichen Teil der Gesamtstruktur sozialer Ungleichheit. Das Gefüge sozialer Schichtung ist zwar insgesamt relativ stabil, dennoch hat es sich gerade in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Zum Teil kehrten sich lange währende Entwicklungstendenzen um.

In modernen Gesellschaften gibt es zwar ein ausgeprägtes Höher und Tiefer sozialer Schichtung, aber kaum noch klar erkennbare Grenzen zwischen einzelnen Schichten. Schichtgrenzen werden daher von Sozialforschern willkürlich als Ordnungslinien in das mehr oder minder kontinuierlich verlaufende Oben und Unten der sozialen Schichtung eingefügt Untergliedert man das Schichtungsgefüge grob in die oberen, die mittleren und die unteren Schichten, so fallen zunächst Größenveränderungen auf. Die Dominanz der Mittelschichten schwindet, nicht nur im Hinblick auf das Einkommen, wie oben beschrieben, auch hinsichtlich des Berufs und der Qualifikation. Bis etwa in die 1980er-Jahre hinein wuchsen die Mittelschichten in Deutschland beständig an. Wachsende Anteile der Menschen ordneten sich auch selbst ("subjektiv") der Mittelschicht zu. Dies entsprach auch allen theoretischen Erwartungen. Welche Schichten sollten in Informations- und Dienstleistungsgesellschaften zunehmen, wenn nicht die qualifizierten Schichten im Büro? Aber seit den 1990er-Jahren schrumpfen die mittleren Schichten. Immer weniger Menschen in Westdeutschland sehen sich auch selbst als Mitglieder der Mittelschicht.

Dies weist darauf hin, dass die Abnahme der mittleren Schichten auch kulturell spürbar ist. Die einst tonangebenden mittleren Schichten gelten immer weniger als Vorbild. Fernsehprogramme, Lehrpläne, Strategien politischer Parteien sind weniger als zuvor auf die Lebenswelt und auf die Interessen der mittleren Schichten ausgerichtet.

Die oberen Statuslagen sind immer zahlreicher besetzt. Es handelt sich hierbei in der Regel um gut ausgebildete, für die Anforderungen des technologischen Wandels gut gerüstete und dementsprechend erfolgreiche Menschen. Sie werden mit ihren Lebensweisen und Mentalitäten zunehmend zu kulturellen Leitbildern und treten in dieser Hinsicht allmählich an die Stelle der Mittelschichten.

Die unteren Schichten setzten sich bis vor einiger Zeit aus ausführenden Erwerbstätigen, vor allem aus Hilfs- und angelernten Arbeitern sowie aus Angestellten mit Routinetätigkeiten zusammen. Immer mehr sind die unteren Schichten nicht in den unteren Zonen des Arbeitsmarkts, sondern an dessen unterem Rand oder unterhalb des Arbeitsmarkts zu finden. Zahlreiche Menschen müssen nicht länger die Erfahrung machen, dass ihre Tätigkeiten wenig gelten, sondern dass sie überhaupt nicht mehr gebraucht werden.

Die unteren Schichten nehmen an Zahl zu, nachdem sie jahrzehntelang abgenommen haben. Auch immer mehr Menschen ordnen sich bezeichnenderweise selbst in die "Arbeiterschicht" ein, obwohl Arbeiter im formellen Sinne immer seltener werden.

Das Gefüge sozialer Schichtung stellt die Kernstruktur sozialer Ungleichheit dar und gibt Auskunft über grobe Abstufungen gesellschaftlicher Vor- bzw. Nachteile. Viele äußere Lebenschancen und manche inneren Haltungen und Lebensweisen sind von der Schichtzugehörigkeit geprägt.