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Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Schichtung

Einige Folgen der Schichtzugehörigkeit

Wer einer bestimmten Schicht angehört, erfährt nicht nur die unmittelbaren Vor- bzw. Nachteile eines bestimmten Bildungsgrades, eines Berufsstatus und einer bestimmten Einkommensstufe. Die Schichtzugehörigkeit, insbesondere eine lange währende, hat Folgen, die ihrerseits in vieler Hinsicht Vor- bzw. Nachteile mit sich bringen.

Erziehung

So erziehen Eltern aus mittleren und höheren Schichten ihre Kinder anders als Eltern aus unteren Schichten: Sie zielen eher auf die Selbstständigkeit und den Leistungswillen ihrer Kinder ab als auf bloße Unterordnung und Regelbefolgung. In Familien aus mittleren und höheren Schichten wird mehr gesprochen als in Familien der Unterschicht. Die Sprache ist komplexer, gibt der subjektiven Sicht des Sprechenden mehr Raum und ist kontextunabhängiger. Dagegen setzt die einfachere Sprache in unteren Schichten öfter voraus, dass Hörer oder Leser die Begleitumstände bereits kennen. Die Erziehung und die Sprache unterer Schichten sind nicht "schlechter" als die oberer Schichten. Vielmehr sind sie der jeweiligen Lebenswelt angepasst. Sie bringen aber spätestens dann erhebliche Nachteile mit sich, wenn in Bildungseinrichtungen oder in dienstleistungsorientierten Berufswelten Autonomie und eine komplexe, kontextunabhängige Sprache gefordert wird. Dies trägt dazu bei, dass Kinder aus unteren Schichten vergleichsweise schlechte Bildungs- und Aufstiegschancen haben.

Gesundheit

Eine weitere Folge der Schichtzugehörigkeit zeigt sich in ungleichen Gesundheitschancen. Je höher ihre Schichtzugehörigkeit, desto seltener sind die Menschen krank und desto länger leben sie. Fast alle Krankheiten, auch und gerade Herz-Kreislaufkrankheiten und Krankheiten des Bewegungsapparats, kommen in niedrigen Schichten bedeutend häufiger vor als in höheren. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen, wie Allergien und Brustkrebs von Frauen.

Die Gründe sind zum geringeren Teil in direkten äußeren Einflüssen zu finden, beispielsweise in ungesünderen Arbeits- und Wohnbedingungen der unteren Schichten. Zum größeren Teil wird die höhere Morbidität und Mortalität der unteren Schichten durch indirekte, psychisch vermittelte Mechanismen bewirkt. So fehlen dort oft Überzeugungen, das eigene Leben und die eigene Gesundheit erfolgreich kontrollieren und gestalten zu können. Damit im Zusammenhang steht, dass Menschen aus unteren Schichten sich häufiger gesundheitsschädigend verhalten. Sie rauchen häufiger, sie essen häufig zu fett- und kohlehydratreich, sie bewegen sich körperlich weniger und sie kommen seltener zu Vorsorgeuntersuchungen als Mitglieder oberer Schichten. Diese Denk- und Verhaltensweisen sind nur teilweise willentlich gestalt- und daher änderbar. Sie stehen häufig im kaum lösbaren Zusammenhang mit der unsicheren, belastenden etc. Lebenssituation insgesamt.

Macht Armut krank? Oder macht Krankheit arm? Beide Wirkungsrichtungen könnten theoretisch die Häufungen von Krankheiten und Todesfällen in unteren Schichten erklären. Empirische Forschungen zeigten, dass die erstgenannte Wirkungsrichtung ("Kausalitätshypothese") weit häufiger zutrifft als die zweite ("Selektionshypothese").

Kriminalität

Welche enormen Folgen die Schichtzugehörigkeit hat, wird auch im Bereich der Kriminalität deutlich. Umstritten ist, inwieweit die Mitglieder unterer Schichten sich tatsächlich häufiger kriminell verhalten als Mitglieder oberer Schichten. Manche Befunde sprechen dafür, dass vor allem jüngere Mitglieder unterer Schichten sich häufiger die begehrten Güter illegal verschaffen, deren Erwerb ihnen legal nicht möglich ist.

Empirisch gesichert ist dagegen, dass diejenigen, die unteren Schichten zugerechnet werden, häufiger als Mitglieder oberer Schichten des kriminellen Verhaltens verdächtigt, angezeigt, in Strafverfahren beschuldigt und verurteilt werden. Auf jeder Stufe ist der Strafverfolgungsprozess gegen Mitglieder unterer Schichten etwas intensiver und bietet ihnen weniger Schlupflöcher als Mitgliedern höherer Schichten. Diese auf jeder Stufe geringen Effekte addieren sich: Schließlich kommen neun von zehn Gefängnisinsassen aus unteren Schichten. Obendrein begehen die Mitglieder unterer Schichten typischerweise andere Straftaten als höher Gestellte. Diebstahl, Raub, Körperverletzung wird meist von Menschen aus unteren Schichten begangen. Betrug, Steuerflucht und Wirtschaftskriminalität sind eher die Sache der oberen Schichten. Damit einher geht, dass typische Unterschichtdelikte oft relativ klar definiert und leichter aufzuklären sind.

Partizipation

Schließlich ist zu bedenken, dass auch die gesellschaftliche Partizipation eine Frage der Schichtzugehörigkeit ist. Menschen aus höheren Schichten sind häufiger Mitglied in Vereinen, Hilfsorganisationen und Selbsthilfegruppen, sie übernehmen mehr Ehrenämter und sind in allen Formen der politischen Partizipation überrepräsentiert: Sie wählen und demonstrieren häufiger, beteiligen sich häufiger in Bürgerinitiativen und an Volksabstimmungen. So mehrt sich der politische Einfluss der oberen Schichten. So begrüßenswert politische Aktivitäten in einer Demokratie sind, wenn sie einseitig von höheren Schichten betrieben werden, stellt sich die Frage, ob das demokratische Prinzip des "one man, one vote" nicht unterlaufen wird.