30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Schichtung

Sozialer Auf- und Abstieg, Eliten

Soziale Ungleichheit stellt für viele Menschen ein Ärgernis dar. Ungleiche Lebensverhältnisse werden leichter akzeptiert und sogar als Ansporn begrüßt, wenn die Möglichkeit besteht, aufgrund eigener Leistung aufzusteigen und die Früchte der eigenen Anstrengung zu genießen. Sozialer Auf- und Abstieg wird auch als vertikale Mobilität bezeichnet. Üblicherweise bemisst sie sich an der Schichtzugehörigkeit, entweder eindimensional (zum Beispiel als Übergang von der Einkommensmittelschicht zur Einkommensoberschicht oder von einer Berufsstatusgruppierung bzw. Erwerbsklasse zur andern) oder mehrdimensional (als Überschreiten von Schichtgrenzen im Hinblick auf Bildung, Beruf und Einkommen zugleich).

Es ist hilfreich, zwischen mehreren Arten des sozialen Auf- und Abstiegs zu unterscheiden. Inter-Generationen-Mobilität nennt man Auf- oder Abstiege der Kinder im Vergleich zur (früheren) Stellung der Eltern. Intra-Generationen-Mobilität, auch Karriere-Mobilität genannt, heißt der Auf- oder Abstieg eines Menschen im Laufe seines Lebenswegs.

Wichtig und fühlbar für die Menschen ist vor allem, ob die absolute Häufigkeit der Auf- und Abstiege zu- oder abnimmt (wenn zum Beispiel im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr Arbeiterkinder aufgestiegen sind und als Mittelschicht-Angestellte arbeiteten). Absolut wachsende vertikale Mobilität wird allerdings häufig durch strukturelle Verschiebungen hervor gerufen (etwa durch die Zunahme des Dienstleistungssektors) und nicht unbedingt durch individuelle Bemühungen und Erfolge. Ob eine Gesellschaft wirklich chancengleicher geworden ist und individueller Tüchtigkeit mehr Raum gibt, lässt sich ermitteln, indem die individuelle und die relative Mobilität errechnet wird. Relative Mobilität heißt die Auf- und Abstiegswahrscheinlichkeit einer sozialen Gruppe im Vergleich zu der anderer Gruppen. Eine Zunahme relativer Mobilität liegt zum Beispiel vor, indem Aufstiege von Frauen stärker zugenommen haben als die der Männer.

Die Herkunft aus einer bestimmten sozialen Schicht bzw. Erwerbsklasse hat in Deutschland nach wie vor einen besonders starken Einfluss auf den späteren Status der Menschen. Dass Chancengleichheit im Bildungswesen und Leistungsgerechtigkeit im Berufsleben angestrebt wird, änderte daran wenig. Besonders viele heutige Landwirte und Facharbeiter, aber auch Beschäftigte der oberen Dienstklasse sowie Ungelernte kommen aus Familien der gleichen Erwerbsklasse. Die Selbstrekrutierung in diesen Gruppierungen nimmt teils sogar leicht zu. Besonders viele frühere Facharbeiter sowie Angestellte und Beamte der Dienstleistungsklassen gaben ihren Status an ihre Kinder weiter. Auch die "soziale Vererbung" in diesen Gruppierungen wird eher stärker als schwächer.

Deutschland ist also seit den 1970er-Jahren, was die absolute vertikale Mobilität betrifft, nicht offener, teilweise sogar geschlossener geworden. Dies ist insofern folgenreich, als es die absoluten Mobilitätschancen sind, die von Menschen hauptsächlich wahrgenommen werden. So spielen Aufstiegsperspektiven für Arbeiter kaum noch eine Rolle, und die oberen Schichten werden allmählich geschlossener. Dadurch geht viel Leistungsmotivation und gesellschaftliche Integration verloren.

Wo Auf- oder Abstiege noch stattfinden, haben seit den 1970er-Jahren Abstiege im Verhältnis zu Aufstiegen zugenommen. Auch das trägt nicht zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Gegenläufig zu dieser Entwicklung sind nur die Aufstiege von westdeutschen Frauen häufiger geworden.

Ein großer Teil der bisher dargestellten, insgesamt enttäuschenden Entwicklungen hängt damit zusammen, dass die Zahl der Landwirte und Facharbeiter stark gesunken ist, während immer mehr Menschen einfache Bürotätigkeiten oder aber hochqualifizierte Aufgaben verrichten. Lässt man diese Struktureffekte unberücksichtigt, betrachtet also nur die individuelle Mobilität, errechnet man auch nicht die absoluten, sondern die relativen Auf- und Abstiegschancen (im Vergleich zwischen den einzelnen Gruppierungen), so erhält man Informationen über das Ausmaß der Chancengleichheit. Ein hierauf konzentrierter Blick zeigt, dass seit den 1970er-Jahren die soziale Herkunft immer weniger Einfluss auf die soziale Stellung der Menschen in Westdeutschland ausübt. Im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu den einzelnen Erwerbsklassen ist Deutschland also chancengleicher geworden. Im Osten Deutschlands hat sich allerdings der Einfluss der Herkunft vergrößert (Statistisches Bundesamt 2008: 187).

In der politischen Diskussion spielen allerdings weniger die relativen Verbesserungen der Chancengleichheit (in Westdeutschland), sondern vor allem die anhaltende absolute "soziale Vererbung" in der Arbeiterschaft und in der Oberschicht eine große Rolle. Viel kritisiert werden auch die sehr einseitig verteilten Chancen, nach ganz oben in die gesellschaftliche Elite aufzusteigen.

Eliten

Unter "Elite" werden in den Sozialwissenschaften nicht die "Besten", sondern die Inhaber von Spitzenpositionen mit Entscheidungsmacht von gesamtgesellschaftlicher Reichweite verstanden. Elitenpositionen sind in Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Justiz, Kultur, Wissenschaft, Verbänden und Militär zu finden.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde eine akademische Bildung immer mehr zur notwendigen Voraussetzung, in gesellschaftliche Spitzenpositionen Deutschlands zu gelangen. Ererbter Besitz, angesehene Eltern etc. allein reichten dazu immer weniger aus. Im Zusammenhang damit stiegen immer mehr Personen aus den Mittelschichten, teilweise auch aus unteren Schichten, in Positionen der politischen und der wissenschaftlichen Eliten auf. In der politischen Elite sind mittlerweile auch viele Frauen vertreten. Die Wirtschaftselite rekrutiert sich allerdings zu immer höheren Anteilen aus den oberen Schichten (vgl. Hartmann 2007).

Häufig wird kritisiert, dass bei der Rekrutierung für Positionen des Spitzenmanagements aus den vielen hoch qualifizierten Bewerbern eine ungerechte Auswahl getroffen werde. Sie konzentriere sich weniger auf die jeweiligen Bildungsabschlüsse und Leistungen, sondern bevorzuge Personen mit großbürgerlichem "Habitus". Die Bevorzugung dieser Schicht mit einem souveränen und quasi selbstverständlichen Auftreten benachteilige die Ehrgeizigen mit kleinbürgerlichem Habitus und erst recht die Bescheidenen mit dem Habitus der Arbeiterschaft. Sie können ihren im Elternhaus unmerklich erworbenen Habitus nicht mehr abstreifen und den großbürgerlichen Habitus erwerben.