Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Schichtung

Die wichtigsten Veränderungen der Struktur sozialer Schichtung, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen, lassen sich wie folgt zusammenfassen. Zunächst sollen die einzelnen Dimensionen dargestellt werden.

Bildung

Bildungsexpansion

Von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre hinein wurden Schulen und Hochschulen in Deutschland immer weiter ausgebaut. Immer mehr junge Menschen erreichten weiterführende Bildungsabschlüsse. Seither verläuft die Bildungsexpansion in Deutschland deutlich langsamer. Im Vergleich mit ähnlich entwickelten Gesellschaften gelangen in Deutschland nur wenige junge Menschen in Hochschulen. Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss und der Jugendlichen ohne Berufsbildungsabschluss sinkt nur sehr langsam (vgl. Kap. "Bildung"). Es wird häufig kritisiert, dass dies den steigenden Anforderungen von Technik, Wirtschaft und Gesellschaft an die Ausbildung der Menschen nicht gerecht wird.

Schulen und Hochschulen sind die "sozialen Dirigierungsstellen" (H. Schelsky) moderner Gesellschaften. Bildungszertifikate haben die Aufgabe, die Menschen auf legitime Weise in die jeweiligen Etagen des sozialen Höher und Tiefer zu lenken. Dies setzt voraus, dass Bildungseinrichtungen leistungs- und chancengerecht verfahren. Das Geschlecht, die soziale Herkunft, die ethnische Zugehörigkeit und andere leistungsfremde Gruppenmerkmale dürften bei der Zuerkennung von Bildungsnachweisen also keine Rolle spielen. Bildungserfolge hängen in Deutschland jedoch im Vergleich zu ähnlichen Ländern in besonders hohem Maße von der sozialen Herkunft und der ethnischen Zugehörigkeit der Kinder ab (vgl. ausführlicher Kap. "Bildung"). Misst man Chancengerechtigkeit als "proportionale Chancengleichheit" – sie ist erreicht, wenn die Kinder aller relevanten sozialen Gruppierungen auf allen Stufen des Bildungssystems die gleichen Anteile wie in der Gesamtbevölkerung erreichen -, so wird deutlich, dass Deutschland besonders weit davon entfernt ist, Chancengerechtigkeit im Bildungswesen zu erreichen.

Im Zuge der Ausweitung weiterführender Bildung seit den 1960er-Jahren haben sich zwar die absoluten Bildungschancen der Kinder aller sozialen Gruppierungen erhöht. Alle Gruppierungen haben sich vom größer gewordenen "Bildungskuchen" ein größeres Stück abgeschnitten. Die relativen Bildungschancen im Vergleich zu konkurrierenden Gruppierungen haben sich freilich sehr unterschiedlich entwickelt.

Geschlechtsspezifische Bildungschancen

Die Frauen zählen zu den Gewinnern der Bildungsexpansion. Sie haben die Männer auf allen Stufen des allgemeinbildenden Bildungswesens überholt und in den Universitäten immerhin eingeholt. Allerdings ist dies in den meisten modernen Ländern schon seit längerem der Fall. Dass Männer vergleichsweise immer weniger erfolgreich abschneiden, zeigt sich vor allem im Bereich der Elementarbildung. In Hauptschulen und in Sonderschulen für Lernbehinderte finden sich vor allem Jungen.

Schichtspezifische Schulbesuchtsquoten der fünfzehnjährigen Schülerinnen und Schüler 2003. Soziale Herkunft in Quartilen (Vierteln) des ökonomischen, sozialen und kulturellen Status (ESCS-Index)Schichtspezifische Schulbesuchtsquoten der fünfzehnjährigen Schülerinnen und Schüler 2003. Soziale Herkunft in Quartilen (Vierteln) des ökonomischen, sozialen und kulturellen Status (ESCS-Index)
Schichtspezische Bildungschancen

Kinder aus unteren sozialen Schichten konnten ihre relativen Bildungschancen seit fast 50 Jahren nur unwesentlich erhöhen. In dieser Hinsicht hat sich wenig verändert. Am ehesten stellten Realschulen und Gesamtschulen gewisse Aufstiegswege dar. Immer noch gelangen Kinder aus höheren sozialen Schichten zu großen Anteilen auf Gymnasien und Universitäten, Kindern aus unteren sozialen Schichten gelingt dies nur selten. Zwar sind in allen Ländern der Welt Kinder aus oberen Schichten erfolgreicher als Kinder schlechter gestellter Eltern, aber deren Bildungschancen konnten in allen vergleichbaren Ländern besser als in Deutschland gestaltet werden.

Ethnische Bildungschancen

Auch Migrantenkinder erreichen immer häufiger höhere allgemeinbildende Abschlüsse. Trotzdem ist ihnen kaum gelungen, den Bildungsvorsprung einheimischer Kinder aufzuholen. Im Bereich der Berufsausbildung sind besonders geringe Bildungsfortschritte von Migrantenkindern zu verzeichnen. Seit den 1990er-Jahren stagnieren sie sogar. Schlecht sind vor allem die Bildungs- und Ausbildungsergebnisse von vielen männlichen türkischen und italienischen Jugendlichen (vgl. im Einzelnen Kap. "Migration").

Migrationsspezifische Ungleichheit, 2003Migrationsspezifische Ungleichheit, 2003
Sieht man von den Frauen ab, so zeigen sich in letzter Zeit nur geringe Fortschritte, teils sogar Rückschritte im Bemühen, die Bildungschancen von Kindern aus bildungsfernen Gruppierungen zu verbessern. Für die Betroffenen und für die Gesellschaft insgesamt wird dies zu einem immer gravierenderen Problem.

Folgen ungleicher Bildungschancen

Gesundheit, Lebenserwartung, Freizeit-, Integrations- und Durchsetzungschancen stehen schon seit langem in engem Zusammenhang mit der individuellen Bildung. Die Chancen, einen Arbeitsplatz zu finden bzw. das Risiko der Arbeitslosigkeit werden sogar immer mehr zu einer Frage der vorhandenen Qualifikation. Werden die Bildungschancen von Kindern bildungsferner Milieus nicht verbessert, so drohen wachsende Aufstiegsblockaden und die soziale Vererbung des elterlichen Status. Unzufriedenheit und die Empfindung, in einer ungerechten Welt zu leben, sind die Folge.

Für die Gesellschaft insgesamt bringen technologischer Wandel und Globalisierung der Wirtschaft einen immer größeren Bedarf an Qualifikation mit sich. Im Zuge des demografischen Wandels gelangen indessen die geburtenschwachen Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt. Dem wachsenden Qualifikationsbedarf steht also ein schrumpfendes Qualifikationsangebot gegenüber (vgl. Kap. "Bevölkerung"), solange es nicht gelingt, Bildungsreserven aus bislang bildungsfernen Kreisen zu erschließen.

Erwerbstätigkeit und berufliche Stellung

Erwerbsstatus

Ressourcen und günstige Lebensbedingungen werden nur dann zu Dimensionen sozialer Ungleichheit, wenn sie knapp sind. Ein wertvolles Gut, das überreichlich zur Verfügung steht, kann kaum zu einer sehr ungleichen Verteilung von Vor- und Nachteilen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen führen.

In der Zeit der Vollbeschäftigung in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren standen mehr Arbeitsplätze zur Verfügung, als Interessenten vorhanden waren. Niemand sprach damals von einer Ungleichheit der Erwerbsmöglichkeiten. Seither baute sich Zug um Zug die massenhafte Arbeitslosigkeit auf. Die Ungleichheit der Erwerbsmöglichkeiten wuchs.

Im Groben lassen sich drei Stufen des "Erwerbsstatus" unterscheiden:
Unbefristete Vollzeit-"Normalarbeitsplätze" bieten die meisten Vorteile.
Prekäre Arbeitsplätze (befristete Tätigkeiten, geringfügige Erwerbsarbeit, Leiharbeit, ungewollte Teilzeitarbeit, Tätigkeiten auf Abruf, "Scheinselbstständigkeit") bieten zwar Erwerbsmöglichkeiten, haben aber viele Nachteile.
Registrierte und anerkannte Arbeitslosigkeit bietet nach einiger Zeit der Lohnersatzleistung (Arbeitslosengeld I) nur noch existenzsichernde Mindestleistungen (Arbeitslosengeld II; Hartz IV).

Arbeitslosigkeit

Innerhalb der Arbeitslosigkeit lassen sich vier Typen und damit verbundene Schweregrade unterscheiden:
Friktions- oder Sucharbeitslosigkeit entsteht oftmals dann, wenn eine Arbeitsstelle verlassen und eine neue gesucht wird. Es handelt sich meist um kurzfristige und deshalb als "harmlos" angesehene Arbeitslosigkeit.
Saisonale Arbeitslosigkeit entsteht oft mit dem Wechsel der Jahreszeiten. So sinken die Erwerbsmöglichkeiten von Bauarbeitern im Winter.
Konjunkturelle Arbeitslosigkeit wächst mit wirtschaftlichen Abschwüngen. Diese Form der Arbeitslosigkeit betrifft unter Umständen viele Menschen und dauert oft Jahre lang.
Strukturelle Arbeitslosigkeit kann durch ganz unterschiedliche Strukturveränderungen zu Stande kommen, zum Beispiel durch technologischen Wandel, durch ökonomische Verschiebungen oder durch demografische Veränderungen. Strukturelle Arbeitslosigkeit dauert häufig besonders lange und wird als problematisch eingeschätzt. Etwa 85 % der Arbeitslosen verloren in den letzten Jahren aus strukturellen Gründen ihren Arbeitsplatz.

In der Nachkriegszeit, als viele Arbeitsstellen zerstört oder von den Alliierten im Zuge von Reparationsleistungen abgebaut waren, sowie Millionen von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen nach Deutschland strömten, suchten viele Menschen eine Erwerbsarbeit. Im Zuge des "Wirtschaftswunders" sank das Arbeitslosigkeitsrisiko dann schnell. Von 1961 bis 1973 herrschte in Westdeutschland Vollbeschäftigung. Bis heute wird dieser Zustand häufig als "normal" angesehen. Länger als ein Jahrzehnt dauerte er aber nicht an. Seit Mitte der 1970er-Jahre stieg dann die Zahl der Arbeitslosen in Westdeutschland treppenförmig an. In jedem konjunkturellen Einbruch schnellte die Arbeitslosenquote empor, ohne in der folgenden konjunkturellen Erholung wieder ganz auf den alten Stand zurück zu fallen. Erst im Jahre 2005 sank die Arbeitslosigkeit wieder entscheidend.

Berichte von Massenmedien legen die Meinung nahe, die Arbeitslosigkeit steige, weil ständig Arbeitsplätze abgebaut würden. Die Zahl der Arbeitsplätze und die Erwerbstätigenquote sind jedoch seit den 1970er-Jahren in Westdeutschland nicht gesunken, sondern leicht gestiegen. Die Gründe für die Zunahme der Arbeitslosigkeit sind daher weniger auf der Seite der Arbeitsplätze als auf der Seite der Personen, das heißt der steigenden Nachfrage nach Erwerbsarbeit zu suchen. Seit den 1970er-Jahren drängten die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre, sowie Frauen und Zuwanderer (Familien von "Gastarbeitern", Spätaussiedler und Bürgerkriegsflüchtlinge) auf den Arbeitsmarkt. Dem stand kein entsprechender Zuwachs von Arbeitsplätzen gegenüber.

Umgekehrt sind in den kommenden Jahren Entlastungen des Arbeitsmarkts und Rückgänge der Arbeitslosigkeit zu erwarten, denn die seit Mitte der 1970er-Jahre geburtenschwachen Jahrgänge gelangen auf den Arbeitsmarkt und lassen die Nachfrage nach Arbeitsplätzen sinken (vgl. Kap. "Bevölkerung").

Risiken der Arbeitslosigkeit

Das Risiko der Arbeitslosigkeit konzentriert sich in bestimmten Bevölkerungsgruppen. Die Gefahr, die Stelle zu verlieren, ist für gering Qualifizierte am größten und wächst für sie ständig weiter an, denn die technologische Entwicklung erfordert immer höhere Qualifikationen. Stellen für gering Qualifizierte werden häufig abgebaut oder ins billigere Ausland verlagert. Auch Zuwanderer geraten aus Qualifikationsgründen besonders häufig in Arbeitslosigkeit. Schließlich haben Schwerbehinderte und die Bewohner bestimmter Regionen (oft in Ostdeutschland) ein erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko zu tragen. Ältere Menschen verlieren, da sie gegen Kündigungen oft gut geschützt sind, nicht überproportional häufig ihre Beschäftigung. Wenn dies passiert, dauert die Arbeitslosigkeit aber oft lange. Waren ältere Arbeitende bis vor einiger Zeit wegen der hohen Nachfrage nach Arbeitsplätzen häufig dem Druck ausgesetzt, ihre Arbeitsstelle aufzugeben, so gehen Betriebe angesichts des schwindenden Nachwuchses immer mehr dazu über, ältere Beschäftigte zu halten und gegebenenfalls weiterzubilden.

Die Folgen insbesondere länger andauernder Arbeitslosigkeit sind oft gravierend. Hieran wird deutlich, wie sehr moderne Gesellschaften "Arbeitsgesellschaften" sind: Selbstachtung und Respekt von Mitmenschen schwinden. Die Familien sind großen Belastungen ausgesetzt. Gesundheitliche Probleme häufen sich. Die Fähigkeit nimmt ab, den Tagesablauf zu strukturieren und zu organisieren. Dies macht es oft schwierig, insbesondere Langzeitarbeitslose wieder in Beschäftigungsverhältnisse einzugliedern.

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu. Mit diesem "mittleren Erwerbsstatus" zwischen Arbeitslosigkeit und "Normalarbeitsverhältnis*" muss mittlerweile ein gutes Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland Vorlieb nehmen. Insbesondere Teilzeittätigkeiten und geringfügige Beschäftigungen haben seit den 1990er-Jahren stark zugenommen. Zwar bringen diese Beschäftigungsformen "objektive" Nachteile im Vergleich zu "Normalarbeitsverhältnissen" mit sich, sind aber häufig von den Beschäftigten gewollt (zum Beispiel suchen viele Frauen Teilzeittätigkeiten). Nicht selten stellen "prekäre" Beschäftigungsverhältnisse auch den Einstieg in "normale" Erwerbsverhältnisse dar.

Der "obere Erwerbsstatus" einer "normalen" Vollzeiterwerbstätigkeit umfasst ein weites Spektrum. Es reicht von der in jeder Hinsicht unsicheren, stets an Anweisungen gebundenen Tätigkeit eines ungelernten Arbeiters oder einer ausführenden Angestellten bis hin zu den umfassenden Führungsaufgaben eines Managers oder einer Unternehmerin.

Berufsstatus

Diese Hierarchie mehr oder minder hoher Berufsstatus wird häufig in eine vertikale Ordnung von Berufsgruppen untergliedert. Sie werden im Anschluss an Max Weber "Erwerbsklassen" oder, der angelsächsischen Terminologie folgend, "soziale Klassen" genannt. Kennzeichnend sind in jedem Falle die jeweiligen, in Bezug auf Arbeitsmarktlage, Arbeitsinhalte und Anweisungsgebundenheit (bzw. -befugnis) mehr oder minder vorteilhaften Berufspositionen. Die Zugehörigkeit zu einer dieser Berufsstatus-Gruppierungen bildet, zusammen mit dem jeweiligen Bildungsgrad, die Grundlage der jeweiligen finanziellen und materiellen Lage der Arbeitenden. Folgende Anteile der Berufstätigen in Westdeutschland (in Ostdeutschland) zählten 2006 zu den einzelnen "Erwerbsklassen" (Statistisches Bundesamt 2008: 177)[1]

Obere Dienstleistungsklasse (freie Berufe, leitende Beamte und Angestellte, hoch professionalisierte Fachleute)11 % (9 %)
Untere Dienstleistungsklasse (qualifizierte Beamte und Angestellte)24 % (18 %)
Einfache Büroberufe15 % (12 %)
Sonstige nicht manuelle Berufe8 % (8 %)
Arbeitgeber (2 – 49 Mitarbeiter)2 % (1 %)
Selbstständige (max. 1 Mitarbeiter)4 % (4 %)
Landwirte2 % (1 %)
Leitende Arbeiter, Techniker7 % (7 %)
Facharbeiter13 % (26 %)
Einfache Arbeiter13 % (9 %)
Landarbeiter1 % (4 %)

Einige dieser Berufsstatusgruppierungen wachsen und prosperieren, z. B. die "obere Dienstleistungsklasse". Andere dieser "Erwerbsklassen" schrumpfen und stagnieren ökonomisch, wie z. B. Landwirte und einfache Arbeiter. Dazu mehr im folgenden Abschnitt. Je höher eine Erwerbsklasse gestellt ist, desto weniger Frauen sind dort zu finden. Man hat ihnen zwar die Türen der Bildungseinrichtungen geöffnet, nicht aber die Türen der oberen Etagen in den Bürotürmen.

Einkommen und Vermögen

In modernen marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften lassen sich nahezu alle materiellen (und manche immateriellen) Bedürfnisse mit Geldbefriedigen. Das verfügbare Einkommen und Vermögen geben daher über den Wohlstand und zu einem erheblichen Grad auch über das Wohlbefinden von Menschen Auskunft.

Einkommensarten

Einkommen ist auf den ersten Blick das persönliche Bruttoeinkommen der Menschen, das sie aus Erwerbstätigkeit oder Besitztümern auf Märkten erzielen. Diese Brutto-Markteinkommen geben zwar über die Wertschätzung der jeweiligen Erwerbstätigkeit bzw. der Güter Auskunft, nicht aber über den Lebensstandard der Einkommensbezieher. Denn hieraus sind nicht nur unterschiedlich hohe Steuern und Abgaben zu bezahlen, hiervon muss oft noch der Lebensunterhalt weiterer Personen (Kinder, Partner etc.) finanziert werden.

Das Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen vermittelt schon eher Auskunft über den jeweiligen Wohlstand. Dieses im Haushaltszusammenhang tatsächlich verfügbare Einkommen wurde von staatlichen Instanzen durch einbehaltene Steuern und Beiträge einerseits, durch gezahlte Transferleistungen andererseits verringert bzw. erhöht. Es wird von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern meist in das sog. "Äquivalenzeinkommen" (bedarfsgewichtetes Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen) umgerechnet, um die Ersparnisvorteile größerer Haushalte zu berücksichtigen.

Im Zuge der Industrialisierung wurde die Verteilung der Einkommen im Laufe des 19. Jahrhunderts immer ungleicher. Die Spanne zwischen den hohen Einkommen der Besitzenden und den Hungerlöhnen der vielen Lohnarbeiter weitete sich. Die Mittelschicht war klein.

Historische Entwicklung

Seit etwa dem Ersten Weltkrieg bis in die 1970er-Jahre hinein wurde die Einkommensverteilung langsam immer gleicher. Armut und extremer Reichtum wurden seltener. Die Mittelschicht wuchs. Diese Angleichungstendenz wurde weithin begrüßt und in zahlreichen Theorien moderner Industriegesellschaften geradezu gefeiert. Moderne Gesellschaften schienen zu Gesellschaften der Mittelschicht zu werden, die in Politik, Konsum, Erziehung etc. kulturell tonangebend wurde.
Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen auf die Bevölkerung.Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen auf die Bevölkerung. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Seit dieser Zeit wird die Einkommensverteilung wieder ungleicher. Insbesondere die persönlichen Markteinkommen (Löhne, Gehälter und Besitzeinkommen) gehen rapide auseinander. Die Verteilung der "Äquivalenzeinkommen" (bedarfsgewichteten Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen), die den jeweiligen Lebensstandard prägen, wird ebenfalls ungleicher, allerdings bis 2004 deutlich langsamer als die Markteinkommen. Infolgedessen haben immer mehr Menschen sehr hohe und immer mehr Menschen sehr niedrige Einkommen zur Verfügung. Die Verschärfung der finanziellen Ungleichheit ist mittlerweile so stabil geworden, dass von einer historischen Wende hin zu mehr finanzieller Ungleichheit gesprochen werden kann.

Wenn jeweils höhere Bevölkerungsanteile einkommensstark bzw. einkommensschwach werden, schrumpft die Einkommensmittelschicht. Dies kehrt den jahrzehntelang anhaltenden Trend einer wachsenden Mittelschicht um. Für viele Bereiche von den Investitionen (etwa im Wohnungsbau), über den Konsum bis hin zur Politik ist dies sehr folgenreich. Eine große und wachsende Einkommensmittelschicht stellte seit jeher ein stabilisierendes Moment für Politik und Gesellschaft dar.

Einkommenschancen

Einkommenschancen sind eine Frage des Bildungsgrades, des Erwerbs- und Berufsstatus, aber auch des Geschlechts und der Lebensform. Die Einkommenshierarchie reicht von hoch qualifizierten Erwerbstätigen in leitender Stellung bis hin zu gering qualifizierten Arbeitskräften mit Zeitverträgen, in Leiharbeit oder in unfreiwilliger Teilzeitarbeit. Frauen verdienen bei gleicher Arbeitszeit fast ein Viertel weniger als Männer, vor allem weil sie selten Führungspositionen erreichen. Kinderlose Doppelverdienerpaare und Singles stehen an der Spitze der Einkommenshierarchie, danach folgen Paare gestaffelt nach der Kinderzahl. Am schlechtesten sind die Verdienstmöglichkeiten von Alleinerziehenden, wiederum abgestuft nach der jeweiligen Zahl der Kinder.

EinkommensungleichheitEinkommensungleichheit Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Internationale Vergleiche zeigen, dass die wachsende Einkommensungleichheit keine deutsche Besonderheit ist. Die Schere der Markteinkommen öffnet sich in fast allen entwickelten Ländern der Welt. Die "Äquivalenzeinkommen" (bedarfsgewichtete Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen) spreizen sich in den meisten modernen Gesellschaften. Deutschland ist weder ein besonders ungleiches, noch ein besonders gleiches Land.

Gründe wachsender Lohnungleichheit

Da die wachsende Einkommensungleichheit ein weltweites Phänomen ist, liegen auch die Gründe der auseinander gehenden Einkommen zum großen Teil in supranationalen Entwicklungen. Als Hauptursache gilt die technologische Entwicklung (vor allem die Informationstechnologie), die in den Sektoren, in denen sie dominiert, sehr produktives Wirtschaften ermöglicht, zugleich aber hohe Qualifikationen erfordert. Da entsprechend hoch qualifiziertes Personal knapp ist, werden hohe Löhne gefordert. In hoch produktiven Wirtschaftsbereichen können hohe Löhne auch gezahlt werden. Die Globalisierung der Arbeitsmärkte verstärkt diese Entwicklung zur Ausweitung der Lohnbandbreite nach oben noch. Wer in Deutschland seine hohen Lohnerwartungen nicht erfüllt findet, dem wird das in anderen Ländern gelingen.

In technologisch wenig entwickelten und wenig produktiven Wirtschaftsbereichen können nur niedrige Löhne bezahlt werden. Da immer mehr dieser Arbeitsplätze wegfallen, konkurrieren relativ viele gering Qualifizierte um diese weniger werdenden Arbeitsplätze. Dies drückt die Verdienstmöglichkeiten. Auch hier verstärkt die Globalisierung die soziale Ungleichheit. Gering Qualifizierte in Deutschland konkurrieren oft nicht nur mit Einheimischen, sondern auch mit Migranten und mit Beschäftigten im Ausland.

Mit diesen sehr ungleichen Marktlagen gehen vielfach auch Machtungleichheiten einher: So haben gut gestellte Einkommensbezieher vielfältige Chancen, sich (zum Beispiel mittels Ausbildungsnachweisen) gegen Konkurrenz abzuschotten.

Neben technologischen und ökonomischen bewirken auch demografische Gründe eine wachsende Einkommensungleichheit: Die Alterung der Gesellschaft bringt es mit sich, dass immer weniger Menschen Erwerbseinkommen beziehen, von denen immer mehr ältere (zusätzlich die jüngeren) Menschen zu finanzieren sind. Immer mehr Alleinerziehende mit oft schlechten Erwerbsmöglichkeiten stehen immer mehr Doppelverdienerhaushalten mit sehr guten Einkommenschancen gegenüber.

Gründe wachsender Ungleichheit der Haushaltseinkommen

Die bisher genannten technologischen und ökonomischen Gründe erklären, weshalb die Markteinkommen in fast allen entwickelten Ländern auseinander gehen. Inwieweit können jedoch gewerkschaftliche Aktivitäten Lohnspreizungen (z. B. durch Tarifverträge) verhindern? Inwieweit sind sozialstaatliche Aktivitäten (z. B. durch Mindestlohnverordnungen oder Steuern) geeignet, ungleicher werdende Arbeits- und Besitzeinkommen umzuverteilen? Die Antwort ist klar: Durch solche Maßnahmen können wesentliche Angleichungen erreicht werden. Dass die Ungleichheit der verfügbaren Pro-Kopf-Haushaltseinkommen in fast allen Ländern der Welt deutlich geringer als die Verteilung der Markteinkommen ausfällt, ist wesentlich Regulierungs- und Umverteilungsmaßnahmen zuzuschreiben. Es fragt sich nur, welche Nebenwirkungen dabei in Kauf genommen werden. Häufig werden Beschäftigungsprobleme befürchtet, z. B. Arbeitslosigkeit infolge verordneter Mindestlöhne oder die Auswanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte und Investoren infolge hoher Besteuerung von Einkommensstarken. Viele Gewerkschaften und sozialstaatliche Instanzen schrecken daher vor allzu energischen Eingriffen und Umverteilungen zurück. Vor allem wegen der unterschiedlich starken sozialstaatlichen Zugriffe in den einzelnen Ländern sind die Unterschiede zwischen den nationalen Verteilungen von Netto-pro-Kopf-Haushaltseinkommen größer als die Unterschiede der Verteilungen von Markteinkommen.

Einkommensungleichheit kann im Rahmen einzelner Länder betrachtet werden, aber auch als Vergleich zwischen reicheren und ärmeren Ländern. Der Einkommensabstand zwischen den armen und den reichen[2] Ländern der Welt wächst. Das heißt: Die internationale Einkommensungleichheit nimmt zu. Lässt man jedoch Ländergrenzen außer Acht und berücksichtigt alle Personen bzw. Haushalte, die auf der Erde leben, so zeigt sich, dass die Einkommen immer gleicher verteilt werden. Das heißt: Die supranationale Einkommensverteilung wird immer gleicher. Dieser scheinbare Widerspruch klärt sich auf, wenn man in Rechnung stellt, dass China und Indien, die beiden mit Abstand bevölkerungsstärksten Länder der Welt, wirtschaftlich prosperieren und in die "internationale Einkommensmittelschicht" aufgestiegen sind.

Einkommensarmut

Einkommensarmut bemisst sich in entwickelten Ländern nicht an der Gefahr des Verhungerns oder Erfrierens. Diese "absolute Armut" ist hierzulande selten geworden, nicht jedoch "relative Armut". Hierunter versteht man das Unterschreiten des Lebensstandards, der im jeweiligen Land als minimal angesehen wird, und den Ausschluss aus wesentlichen gesellschaftlichen Handlungsfeldern.

Ausgewählte Armutsgefährdungsquoten (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Im Allgemeinen betrachtet man jene Menschen als gefährdet, in "relative" Einkommensarmut zu geraten, die weniger als 60 % des mittleren[3] (Äquivalenz-) Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung haben. Seit der Nachkriegszeit sank der Anteil dieser Menschen bis auf ein Minimum im Jahre 1973. Von da an nahm der Bevölkerungsanteil der Armutsgefährdeten bis in die 1990er-Jahre hinein ständig zu, vor allem im Zusammenhang mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Seit den 1990er-Jahren stagniert der Bevölkerungsanteil der armutsgefährdeten Menschen auf recht hohem Niveau.

Ein hohes Armutsrisiko tragen vor allem Alleinerziehende, Migranten, gering Qualifizierte, kinderreiche Familien und – damit im Zusammenhang – Kinder. Im Allgemeinen sind dies auch die Gruppierungen, die besonders häufig arbeitslos sind. Insbesondere die steigende Kinderarmut steht wegen ihrer ungünstigen Sozialisationsfolgen seit Jahren im Mittelpunkt öffentlicher Kritik. Im Vergleich mit den übrigen OECD-Ländern ist Armut in Deutschland durchschnittlich verbreitet.

Vermögensverteilung

Nicht nur die Verteilung der Einkommen, auch die Vermögensverteilung wird in Deutschland immer ungleicher. Wie in allen bekannten Gesellschaften, so konzentrieren sich auch in Deutschland die Vermögen in wesentlich weniger Händen als die Einkommen. Das einkommensstärkste Zehntel der Bevölkerung verfügt über fast ein Viertel aller Einkommen, besitzt aber fast zwei Drittel allen Vermögens. Aus ungleich verteilten Einkommen werden noch weit ungleicher verteilte Vermögen, weil aus geringen Einkommen wenig, aber aus hohen Einkommen viel gespart werden kann. Hohe Ersparnisse führen zu Besitzeinkommen, die meist wiederum angelegt werden.

Vermögensverteilung. (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Der Löwenanteil des Vermögens besteht aus Haus- und Grundbesitz. Er ist so ungleich verteilt wie die Vermögensbestände im Ganzen. Unternehmensbesitz, Aktien und andere Wertpapiere sind noch ungleicher verteilt. Aber nicht alle Vermögensarten finden sich geballt in den Händen Weniger. Sparguthaben, Bauspar- und Lebensversicherungsverträge sind zum Beispiel vergleichsweise breit gestreut.

Gute Chancen, zu höheren Vermögensbeständen zu gelangen, haben vor allem beruflich gut Gestellte (aufgrund der höheren Einkommensmöglichkeiten), ältere Menschen bis zur Pensionsgrenze (aufgrund des allmählichen Wachsens ihrer Vermögensbestände) sowie Westdeutsche (weil Einkommensstarke sich hier konzentrieren und die Menschen in Ostdeutschland weniger Zeit hatten, Vermögen anzuhäufen).

Soziale Schichten

Die Ungleichheiten der Bildung, des Berufs und des Einkommens, denen die vorstehenden drei Abschnitte gewidmet waren, machen zusammen genommen das Schichtungsgefüge aus. Es bildet einen wesentlichen Teil der Gesamtstruktur sozialer Ungleichheit. Das Gefüge sozialer Schichtung ist zwar insgesamt relativ stabil, dennoch hat es sich gerade in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Zum Teil kehrten sich lange währende Entwicklungstendenzen um.

In modernen Gesellschaften gibt es zwar ein ausgeprägtes Höher und Tiefer sozialer Schichtung, aber kaum noch klar erkennbare Grenzen zwischen einzelnen Schichten. Schichtgrenzen werden daher von Sozialforschern willkürlich als Ordnungslinien in das mehr oder minder kontinuierlich verlaufende Oben und Unten der sozialen Schichtung eingefügt Untergliedert man das Schichtungsgefüge grob in die oberen, die mittleren und die unteren Schichten, so fallen zunächst Größenveränderungen auf. Die Dominanz der Mittelschichten schwindet, nicht nur im Hinblick auf das Einkommen, wie oben beschrieben, auch hinsichtlich des Berufs und der Qualifikation. Bis etwa in die 1980er-Jahre hinein wuchsen die Mittelschichten in Deutschland beständig an. Wachsende Anteile der Menschen ordneten sich auch selbst ("subjektiv") der Mittelschicht zu. Dies entsprach auch allen theoretischen Erwartungen. Welche Schichten sollten in Informations- und Dienstleistungsgesellschaften zunehmen, wenn nicht die qualifizierten Schichten im Büro? Aber seit den 1990er-Jahren schrumpfen die mittleren Schichten. Immer weniger Menschen in Westdeutschland sehen sich auch selbst als Mitglieder der Mittelschicht.

Dies weist darauf hin, dass die Abnahme der mittleren Schichten auch kulturell spürbar ist. Die einst tonangebenden mittleren Schichten gelten immer weniger als Vorbild. Fernsehprogramme, Lehrpläne, Strategien politischer Parteien sind weniger als zuvor auf die Lebenswelt und auf die Interessen der mittleren Schichten ausgerichtet.

Die oberen Statuslagen sind immer zahlreicher besetzt. Es handelt sich hierbei in der Regel um gut ausgebildete, für die Anforderungen des technologischen Wandels gut gerüstete und dementsprechend erfolgreiche Menschen. Sie werden mit ihren Lebensweisen und Mentalitäten zunehmend zu kulturellen Leitbildern und treten in dieser Hinsicht allmählich an die Stelle der Mittelschichten.

Die unteren Schichten setzten sich bis vor einiger Zeit aus ausführenden Erwerbstätigen, vor allem aus Hilfs- und angelernten Arbeitern sowie aus Angestellten mit Routinetätigkeiten zusammen. Immer mehr sind die unteren Schichten nicht in den unteren Zonen des Arbeitsmarkts, sondern an dessen unterem Rand oder unterhalb des Arbeitsmarkts zu finden. Zahlreiche Menschen müssen nicht länger die Erfahrung machen, dass ihre Tätigkeiten wenig gelten, sondern dass sie überhaupt nicht mehr gebraucht werden.

Die unteren Schichten nehmen an Zahl zu, nachdem sie jahrzehntelang abgenommen haben. Auch immer mehr Menschen ordnen sich bezeichnenderweise selbst in die "Arbeiterschicht" ein, obwohl Arbeiter im formellen Sinne immer seltener werden.

Das Gefüge sozialer Schichtung stellt die Kernstruktur sozialer Ungleichheit dar und gibt Auskunft über grobe Abstufungen gesellschaftlicher Vor- bzw. Nachteile. Viele äußere Lebenschancen und manche inneren Haltungen und Lebensweisen sind von der Schichtzugehörigkeit geprägt.

Einige Folgen der Schichtzugehörigkeit

Wer einer bestimmten Schicht angehört, erfährt nicht nur die unmittelbaren Vor- bzw. Nachteile eines bestimmten Bildungsgrades, eines Berufsstatus und einer bestimmten Einkommensstufe. Die Schichtzugehörigkeit, insbesondere eine lange währende, hat Folgen, die ihrerseits in vieler Hinsicht Vor- bzw. Nachteile mit sich bringen.

Erziehung

So erziehen Eltern aus mittleren und höheren Schichten ihre Kinder anders als Eltern aus unteren Schichten: Sie zielen eher auf die Selbstständigkeit und den Leistungswillen ihrer Kinder ab als auf bloße Unterordnung und Regelbefolgung. In Familien aus mittleren und höheren Schichten wird mehr gesprochen als in Familien der Unterschicht. Die Sprache ist komplexer, gibt der subjektiven Sicht des Sprechenden mehr Raum und ist kontextunabhängiger. Dagegen setzt die einfachere Sprache in unteren Schichten öfter voraus, dass Hörer oder Leser die Begleitumstände bereits kennen. Die Erziehung und die Sprache unterer Schichten sind nicht "schlechter" als die oberer Schichten. Vielmehr sind sie der jeweiligen Lebenswelt angepasst. Sie bringen aber spätestens dann erhebliche Nachteile mit sich, wenn in Bildungseinrichtungen oder in dienstleistungsorientierten Berufswelten Autonomie und eine komplexe, kontextunabhängige Sprache gefordert wird. Dies trägt dazu bei, dass Kinder aus unteren Schichten vergleichsweise schlechte Bildungs- und Aufstiegschancen haben.

Gesundheit

Eine weitere Folge der Schichtzugehörigkeit zeigt sich in ungleichen Gesundheitschancen. Je höher ihre Schichtzugehörigkeit, desto seltener sind die Menschen krank und desto länger leben sie. Fast alle Krankheiten, auch und gerade Herz-Kreislaufkrankheiten und Krankheiten des Bewegungsapparats, kommen in niedrigen Schichten bedeutend häufiger vor als in höheren. Davon gibt es nur wenige Ausnahmen, wie Allergien und Brustkrebs von Frauen.

Die Gründe sind zum geringeren Teil in direkten äußeren Einflüssen zu finden, beispielsweise in ungesünderen Arbeits- und Wohnbedingungen der unteren Schichten. Zum größeren Teil wird die höhere Morbidität und Mortalität der unteren Schichten durch indirekte, psychisch vermittelte Mechanismen bewirkt. So fehlen dort oft Überzeugungen, das eigene Leben und die eigene Gesundheit erfolgreich kontrollieren und gestalten zu können. Damit im Zusammenhang steht, dass Menschen aus unteren Schichten sich häufiger gesundheitsschädigend verhalten. Sie rauchen häufiger, sie essen häufig zu fett- und kohlehydratreich, sie bewegen sich körperlich weniger und sie kommen seltener zu Vorsorgeuntersuchungen als Mitglieder oberer Schichten. Diese Denk- und Verhaltensweisen sind nur teilweise willentlich gestalt- und daher änderbar. Sie stehen häufig im kaum lösbaren Zusammenhang mit der unsicheren, belastenden etc. Lebenssituation insgesamt.

Macht Armut krank? Oder macht Krankheit arm? Beide Wirkungsrichtungen könnten theoretisch die Häufungen von Krankheiten und Todesfällen in unteren Schichten erklären. Empirische Forschungen zeigten, dass die erstgenannte Wirkungsrichtung ("Kausalitätshypothese") weit häufiger zutrifft als die zweite ("Selektionshypothese").

Kriminalität

Welche enormen Folgen die Schichtzugehörigkeit hat, wird auch im Bereich der Kriminalität deutlich. Umstritten ist, inwieweit die Mitglieder unterer Schichten sich tatsächlich häufiger kriminell verhalten als Mitglieder oberer Schichten. Manche Befunde sprechen dafür, dass vor allem jüngere Mitglieder unterer Schichten sich häufiger die begehrten Güter illegal verschaffen, deren Erwerb ihnen legal nicht möglich ist.

Empirisch gesichert ist dagegen, dass diejenigen, die unteren Schichten zugerechnet werden, häufiger als Mitglieder oberer Schichten des kriminellen Verhaltens verdächtigt, angezeigt, in Strafverfahren beschuldigt und verurteilt werden. Auf jeder Stufe ist der Strafverfolgungsprozess gegen Mitglieder unterer Schichten etwas intensiver und bietet ihnen weniger Schlupflöcher als Mitgliedern höherer Schichten. Diese auf jeder Stufe geringen Effekte addieren sich: Schließlich kommen neun von zehn Gefängnisinsassen aus unteren Schichten. Obendrein begehen die Mitglieder unterer Schichten typischerweise andere Straftaten als höher Gestellte. Diebstahl, Raub, Körperverletzung wird meist von Menschen aus unteren Schichten begangen. Betrug, Steuerflucht und Wirtschaftskriminalität sind eher die Sache der oberen Schichten. Damit einher geht, dass typische Unterschichtdelikte oft relativ klar definiert und leichter aufzuklären sind.

Partizipation

Schließlich ist zu bedenken, dass auch die gesellschaftliche Partizipation eine Frage der Schichtzugehörigkeit ist. Menschen aus höheren Schichten sind häufiger Mitglied in Vereinen, Hilfsorganisationen und Selbsthilfegruppen, sie übernehmen mehr Ehrenämter und sind in allen Formen der politischen Partizipation überrepräsentiert: Sie wählen und demonstrieren häufiger, beteiligen sich häufiger in Bürgerinitiativen und an Volksabstimmungen. So mehrt sich der politische Einfluss der oberen Schichten. So begrüßenswert politische Aktivitäten in einer Demokratie sind, wenn sie einseitig von höheren Schichten betrieben werden, stellt sich die Frage, ob das demokratische Prinzip des "one man, one vote" nicht unterlaufen wird.

Sozialer Auf- und Abstieg, Eliten

Soziale Ungleichheit stellt für viele Menschen ein Ärgernis dar. Ungleiche Lebensverhältnisse werden leichter akzeptiert und sogar als Ansporn begrüßt, wenn die Möglichkeit besteht, aufgrund eigener Leistung aufzusteigen und die Früchte der eigenen Anstrengung zu genießen. Sozialer Auf- und Abstieg wird auch als vertikale Mobilität bezeichnet. Üblicherweise bemisst sie sich an der Schichtzugehörigkeit, entweder eindimensional (zum Beispiel als Übergang von der Einkommensmittelschicht zur Einkommensoberschicht oder von einer Berufsstatusgruppierung bzw. Erwerbsklasse zur andern) oder mehrdimensional (als Überschreiten von Schichtgrenzen im Hinblick auf Bildung, Beruf und Einkommen zugleich).

Es ist hilfreich, zwischen mehreren Arten des sozialen Auf- und Abstiegs zu unterscheiden. Inter-Generationen-Mobilität nennt man Auf- oder Abstiege der Kinder im Vergleich zur (früheren) Stellung der Eltern. Intra-Generationen-Mobilität, auch Karriere-Mobilität genannt, heißt der Auf- oder Abstieg eines Menschen im Laufe seines Lebenswegs.

Wichtig und fühlbar für die Menschen ist vor allem, ob die absolute Häufigkeit der Auf- und Abstiege zu- oder abnimmt (wenn zum Beispiel im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr Arbeiterkinder aufgestiegen sind und als Mittelschicht-Angestellte arbeiteten). Absolut wachsende vertikale Mobilität wird allerdings häufig durch strukturelle Verschiebungen hervor gerufen (etwa durch die Zunahme des Dienstleistungssektors) und nicht unbedingt durch individuelle Bemühungen und Erfolge. Ob eine Gesellschaft wirklich chancengleicher geworden ist und individueller Tüchtigkeit mehr Raum gibt, lässt sich ermitteln, indem die individuelle und die relative Mobilität errechnet wird. Relative Mobilität heißt die Auf- und Abstiegswahrscheinlichkeit einer sozialen Gruppe im Vergleich zu der anderer Gruppen. Eine Zunahme relativer Mobilität liegt zum Beispiel vor, indem Aufstiege von Frauen stärker zugenommen haben als die der Männer.

Die Herkunft aus einer bestimmten sozialen Schicht bzw. Erwerbsklasse hat in Deutschland nach wie vor einen besonders starken Einfluss auf den späteren Status der Menschen. Dass Chancengleichheit im Bildungswesen und Leistungsgerechtigkeit im Berufsleben angestrebt wird, änderte daran wenig. Besonders viele heutige Landwirte und Facharbeiter, aber auch Beschäftigte der oberen Dienstklasse sowie Ungelernte kommen aus Familien der gleichen Erwerbsklasse. Die Selbstrekrutierung in diesen Gruppierungen nimmt teils sogar leicht zu. Besonders viele frühere Facharbeiter sowie Angestellte und Beamte der Dienstleistungsklassen gaben ihren Status an ihre Kinder weiter. Auch die "soziale Vererbung" in diesen Gruppierungen wird eher stärker als schwächer.

Deutschland ist also seit den 1970er-Jahren, was die absolute vertikale Mobilität betrifft, nicht offener, teilweise sogar geschlossener geworden. Dies ist insofern folgenreich, als es die absoluten Mobilitätschancen sind, die von Menschen hauptsächlich wahrgenommen werden. So spielen Aufstiegsperspektiven für Arbeiter kaum noch eine Rolle, und die oberen Schichten werden allmählich geschlossener. Dadurch geht viel Leistungsmotivation und gesellschaftliche Integration verloren.

Wo Auf- oder Abstiege noch stattfinden, haben seit den 1970er-Jahren Abstiege im Verhältnis zu Aufstiegen zugenommen. Auch das trägt nicht zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Gegenläufig zu dieser Entwicklung sind nur die Aufstiege von westdeutschen Frauen häufiger geworden.

Ein großer Teil der bisher dargestellten, insgesamt enttäuschenden Entwicklungen hängt damit zusammen, dass die Zahl der Landwirte und Facharbeiter stark gesunken ist, während immer mehr Menschen einfache Bürotätigkeiten oder aber hochqualifizierte Aufgaben verrichten. Lässt man diese Struktureffekte unberücksichtigt, betrachtet also nur die individuelle Mobilität, errechnet man auch nicht die absoluten, sondern die relativen Auf- und Abstiegschancen (im Vergleich zwischen den einzelnen Gruppierungen), so erhält man Informationen über das Ausmaß der Chancengleichheit. Ein hierauf konzentrierter Blick zeigt, dass seit den 1970er-Jahren die soziale Herkunft immer weniger Einfluss auf die soziale Stellung der Menschen in Westdeutschland ausübt. Im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu den einzelnen Erwerbsklassen ist Deutschland also chancengleicher geworden. Im Osten Deutschlands hat sich allerdings der Einfluss der Herkunft vergrößert (Statistisches Bundesamt 2008: 187).

In der politischen Diskussion spielen allerdings weniger die relativen Verbesserungen der Chancengleichheit (in Westdeutschland), sondern vor allem die anhaltende absolute "soziale Vererbung" in der Arbeiterschaft und in der Oberschicht eine große Rolle. Viel kritisiert werden auch die sehr einseitig verteilten Chancen, nach ganz oben in die gesellschaftliche Elite aufzusteigen.

Eliten

Unter "Elite" werden in den Sozialwissenschaften nicht die "Besten", sondern die Inhaber von Spitzenpositionen mit Entscheidungsmacht von gesamtgesellschaftlicher Reichweite verstanden. Elitenpositionen sind in Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Justiz, Kultur, Wissenschaft, Verbänden und Militär zu finden.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde eine akademische Bildung immer mehr zur notwendigen Voraussetzung, in gesellschaftliche Spitzenpositionen Deutschlands zu gelangen. Ererbter Besitz, angesehene Eltern etc. allein reichten dazu immer weniger aus. Im Zusammenhang damit stiegen immer mehr Personen aus den Mittelschichten, teilweise auch aus unteren Schichten, in Positionen der politischen und der wissenschaftlichen Eliten auf. In der politischen Elite sind mittlerweile auch viele Frauen vertreten. Die Wirtschaftselite rekrutiert sich allerdings zu immer höheren Anteilen aus den oberen Schichten (vgl. Hartmann 2007).

Häufig wird kritisiert, dass bei der Rekrutierung für Positionen des Spitzenmanagements aus den vielen hoch qualifizierten Bewerbern eine ungerechte Auswahl getroffen werde. Sie konzentriere sich weniger auf die jeweiligen Bildungsabschlüsse und Leistungen, sondern bevorzuge Personen mit großbürgerlichem "Habitus". Die Bevorzugung dieser Schicht mit einem souveränen und quasi selbstverständlichen Auftreten benachteilige die Ehrgeizigen mit kleinbürgerlichem Habitus und erst recht die Bescheidenen mit dem Habitus der Arbeiterschaft. Sie können ihren im Elternhaus unmerklich erworbenen Habitus nicht mehr abstreifen und den großbürgerlichen Habitus erwerben.
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Fußnoten

1.
Aufgrund multipler Zuordnungskriterien ist es schwierig, Berufsgruppen in ein eindeutiges Oben und Unten zu ordnen. Die Rangordnung einzelner Gruppierungen (zum Beispiel die der Arbeitgeber) ist daher teils diskussionsbedürftig.
2.
gemessen an den nationalen Durchschnitten des kaufkraftgewichteten Pro-Kopf- Bruttoinlandsprodukts
3.
Als mittleres Einkommen wird in der Regel der Median verwendet. Definitionsgemäß ist das Einkommen jeweils der Hälfte der Bevölkerung höher und geringer als der Median. Das arithmetische Mittel wird infolge weniger sehr hoher Einkommen nach oben verzerrt.