Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Stefan Hradil

Ausblick

Soziale Ungleichheit hat sich in den letzten Jahrzehnten verschärft. Wesentliche Gründe liegen in den steigenden Anforderungen der Informations- und Dienstleistungsgesellschaft sowie der Globalisierung. Ist in nächster Zeit mit weiterhin wachsenden Ungleichheiten zu rechnen oder wird es Tendenzen hin zu mehr sozialer Gleichheit geben?

Überblickt man die dargestellten Aspekte sozialer Ungleichheit, so ergibt sich ein Bild fast flächendeckend wachsender Ungleichheit. Die Erlangung einer respektablen und einträglichen Berufsposition wird immer mehr zu einer Frage der Qualifikation. Kinder aus unteren sozialen Schichten und aus Migrantenfamilien haben nach wie vor geringe Chancen, eine marktgängige Qualifikation zu erreichen. Die absoluten Aufstiegsbarrieren wachsen, insbesondere was den Aufstieg von den unteren in die mittleren Schichten betrifft. Die Wirtschaftselite rekrutiert sich in wachsendem Maße aus oberen Schichten.

Die Verteilungen der Einkommen und der Vermögen gehen auseinander. Immer mehr Menschen müssen mit geringen Einkommen vorlieb nehmen. Immer mehr Menschen können mit ausgiebigen Einkommen wirtschaften. Die Spreizung der materiellen Verhältnisse äußert sich in vielen Lebensbereichen: in der Ausstattung und Größe von Wohnungen, im Erscheinungsbild von Stadtvierteln, im Angebot von Konsumgütern, in den Mentalitäten und den Lebensstilen der Menschen. Die sozialen Schichten rücken auseinander.

Jenseits des Schichtgefüges finden sich weitere Faktoren, die mit gesellschaftlichen Vor- und Nachteilen für die Menschen verbunden sind: Zwar verringerten sich viele Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen und ältere Menschen sind heute bedeutend weniger benachteiligt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Nie gab es eine Rentnergeneration mit so geringem Armutsrisiko. Aber der Abstand zwischen Einheimischen und vielen Migranten ist eher größer als kleiner geworden. Und viele regionale Disparitäten, die sich zum Beispiel in Arbeitslosigkeitsrisiken zeigen, sind gewachsen. Das Risiko, von wesentlichen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen zu sein, ist für bestimmte Bevölkerungsgruppen größer geworden und wird als immer gravierender werdende Benachteiligung angesehen. Viele der dargestellten sozialen Ungleichheiten haben sich erst seit zwei oder drei Jahrzehnten verschärft. Die steigenden Anforderungen der Informations- und Dienstleistungsgesellschaft sowie der Globalisierung hatten daran großen Anteil. Zuvor war zum Beispiel die Verteilung der Einkommen und der Vermögen immer gleicher geworden. Es stellt sich daher die Frage, ob wir in der nächsten Zeit mit weiterhin wachsenden Ungleichheiten rechnen müssen oder ob wieder Tendenzen hin zu mehr sozialer Gleichheit in Sicht sind.

Künftige Entwicklungen

Die finanziellen Ungleichheiten werden nach den Prognosen fast aller Experten auch weiterhin wachsen. Der fortschreitende Wandel hin zu Technologien, die hohe Qualifikationen erfordern, sowie die Globalisierung der Arbeits- und der Kapitalmärkte werden dafür sorgen, dass die Markteinkommen auch in den nächsten Jahren auseinander gehen. Zudem wird die anhaltende Pluralisierung der Lebensformen Ungleichheiten verstärken: Sie wird sich zum Beispiel nachteilig auf die Einkommenslage der immer zahlreicheren Alleinerziehenden und günstig auf die Verdienste der zunehmenden kinderlosen Doppelverdiener auswirken. Die demografische Alterung wird die Situation von Rentnern und Pensionären nicht länger so vorteilhaft wie heute gestalten, denn jeder Erwerbstätige wird für immer mehr Rentner bzw. Pensionäre aufkommen müssen.

Sozialstaatliche Regelungen werden das Ausmaß der Entwicklung hin zu mehr Ungleichheit zwar verringern, nicht aber den Trend selbst umkehren können. Denn die Mittel für sozialstaatliche Eingriffe werden sich aus demografischen Gründen, wegen der hohen Staatsschulden und des globalen ökonomischen Wettbewerbs in Grenzen halten. Es wird schwieriger werden, Umverteilungen von oben nach unten durchzuführen, ohne Arbeitsplatzrisiken für gering Qualifizierte und Auswanderungen von Qualifizierten und Kapitaleignern zu riskieren. Erwerbstätige werden zugunsten von Älteren, Kinderlose und Doppelverdiener werden zugunsten von Zwei- und Ein-Eltern-Familien nur bis zu einem gewissen Grad belastet werden können. Relativ niedrige und relativ hohe Einkommen werden daher häufiger werden.

Unterschiedliche Bewertungen

Diese absehbaren Entwicklungen werden politisch und moralisch völlig unterschiedlich bewertet. Sozialistisch und sozialdemokratisch Gesinnte sowie viele christlich geprägte Konservative sehen in diesen Zukunftsaussichten überaus problematische Entwicklungen. Sie verurteilen ungleicher werdende Lebens- und Entwicklungschancen der Menschen, sehen den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet, erwarten Protest und Widerstand vor allem in Westdeutschland, Rückzug und Politikverdrossenheit hauptsächlich in Ostdeutschland. Aus dieser Sicht lassen sich die kommenden Gefahren durch mehr Durchlässigkeit von Schichtgrenzen in Bildungseinrichtungen, in Städten und im Alltagsleben allenfalls lindern. Liberale meinen hingegen, dass sich wachsende finanzielle Ungleichheiten und damit verbundene Lebensbedingungen nicht notwendigerweise negativ auswirken müssen. Sie erwarten mehr individuelle Motivation und gesellschaftliche Dynamik durch wachsende Anreize und zunehmende Abschreckung. Aber auch liberal Eingestellte sehen, dass sich diese positiven Wirkungen nur dann ergeben, wenn mehr Chancengleichheit erreicht wird. Die Menschen werden sich mit ungleicher werdenden Lebensbedingungen nur dann arrangieren, wenn untere Schichten, Migranten, Frauen und Ältere mehr Möglichkeiten haben werden, ihre Situation durch individuelle Anstrengung zu verbessern.

Insgesamt werden also in Deutschland größere Gegensätze als in der Vergangenheit zu erwarten sein. Das gilt sowohl für das Leben der Menschen als auch für dessen Interpretation und die politische Auseinandersetzung. Insbesondere die schwächer werdende Ausgleichsfunktion der schrumpfenden Mittelschichten und die dadurch kontroverseren Bewertungen des Gefüges sozialer Ungleichheit drohen die politische Stabilität zu vermindern.

Wie lässt sich mehr Gleichheit erreichen?

Einig sind sich alle Lager, dass dem Bildungswesen und den hier vermittelten Chancen zentrale Bedeutung zukommen wird. Werden in Zukunft bildungsfernen Bevölkerungsgruppen mehr Bildungserfolge ermöglicht und steigt so der Anteil der höher Qualifizierten insgesamt, so verbessern sich die Aussichten auf beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Denn im Unterschied zu Berufspositionen, die wenig Qualifikation erfordern, werden Stellen für höher Qualifizierte reichlich vorhanden sein. Eine (soziale) Öffnung des Bildungswesens – auch durch einen Ausbau der Weiterbildung – verändert die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt selbst und macht es überflüssig, dessen Fehlentwicklungen (Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Niedriglohnsektor) durch Umverteilung und Absicherungen zu kompensieren und dabei erhebliche "Flurschäden" hervorzurufen. Eine auf mehr Chancengerechtigkeit ausgerichtete Bildungspolitik wird so in Zukunft die beste Sozialpolitik sein.

Eine zureichende Qualifikation stärkt das Vertrauen der Menschen, wachsenden Anforderungen selbst gerecht zu werden und vermindert die Notwendigkeit und das Bewusstsein, auf Hilfen angewiesen zu sein. Eine geringere soziale Selektivität und eine höhere Effektivität des Bildungswesens setzen produktive Kräfte frei und zehren nicht, wie die sozialpolitische Umverteilung, von Produktionsergebnissen. Letztlich werden verbesserte Bildungsbemühungen durch einen Ausbau von Vorschulen, Schulen und außerschulischer Bildung die Verteilung der Einkommen angleichen. Verlassen nämlich weniger gering Qualifizierte die Bildungseinrichtungen, so vermindert sich der lohndrückende Wettbewerb um die seltener werdenden Arbeitsplätze für sie. Sind immer mehr Qualifizierte unter den Bildungsabsolventen, dann sinkt der lohnsteigernde Mangel an Fachkräften.