Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Hans-Peter Müller

Begriffsdefinitionen

Was ist unter Werte und Wertewandel oder soziale Milieus und Lebensstile zu verstehen? Zwischen diesen Begriffen bestehen zwar starke Verknüpfungen, sie gehen aber nicht ineinander auf. Zum Verständnis dieses Kapitels werden im folgenden die Begriffe definiert und voneinander abgegrenzt.

Werte und Wertewandel

Werte bezeichnen ganz allgemein "Vorstellungen vom Wünschenswerten" (Clyde Kluckhohn). In der Ökonomie versucht man den Wert des gewünschten Gutes über seine Knappheit zu messen. Alles was knapp ist, so die ökonomische Werttheorie, ist auch wertvoll und erzielt hohe Preise, weil es stark nachgefragt wird. Doch auch im Bereich der Kultur spricht man von Werten. Kulturelle Werte als Vorstellungen vom Wünschenswerten verkörpern Gutes, Schönes und Wahres und fungieren als Maßstäbe für richtiges und anständiges Handeln. Werte gelten im Vergleich zu Bedürfnissen und Interessen als höherrangig. Ein Wert, den ein Mensch verinnerlicht hat, gilt um seiner selbst willen und wirkt im Handeln wie eine Verpflichtung. Er kann sogar als "heilig" gelten, sodass Menschen bereitwillig Opfer bringen oder ihr Leben aufs Spiel setzen. Der religiöse Mensch, der an Gott glaubt, wird seine Lebensführung an religiösen Werten ausrichten, um ein Gott wohlgefälliges Leben zu leben. Auch säkulare Werte können diesen "heiligen Status" erlangen. Der patriotische Soldat, der sein Vaterland liebt, wird in den Krieg ziehen und kämpfen, auch wenn er im Kampf umkommt.

Obwohl internalisierte Werte tiefsitzende und dauerhafte Dispositionen und Haltungen sind, ändern sie sich über die Zeit. Ein solcher Wertewandel kommt in zwei Versionen vor: Zum einen können sich Sinn und Bedeutung eines Wertes selbst verändern. So kann man unter Gleichheit in erster Linie Chancengerechtigkeit verstehen wie in liberalen Gesellschaften. Oder man drängt auf Ergebnisgleichheit wie in sozialistischen Gesellschaften. Im ersten Fall geht es um die Chancengleichheit im Wettbewerb um knappe Güter, im zweiten um die Gleichverteilung dieser Güter selbst. Zum anderen – und nur in diesem Sinne soll Wertewandel im Folgenden betrachtet werden – kann man den Übergang von einem Werteensemble zu einem anderen beobachten, so etwa den Rückgang der Pflichtwerte zugunsten von Selbstverwirklichungswerten oder den Übergang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten.

Soziale Milieus und Lebensstile

Unter sozialen Milieus versteht man Gruppierungen von Menschen mit ähnlichen Werthaltungen, Mentalitäten und Lebensstilen und einer geteilten räumlich-sachlichen Umwelt (wie Stadtviertel, Region, Beruf, Bildung und Erziehung, Politik, Kultur). Bei kleineren Milieus kommt eine Art "Wir-Gefühl" und ein erhöhter Binnenkontakt hinzu, der für sozialen Zusammenhalt sorgt. Soziale Milieus sind anders geartet als soziale Klassen und Schichten, die sich eher durch gemeinsame sozioökonomische Lebenslagen und Ressourcen auszeichnen. Sicher gibt es auch heute noch Klassenmilieus wie das Arbeitermilieu, doch deren Grenzen werden immer unschärfer. Häufig genug überschreiten Milieus die Grenzen von Klasse und Schicht wie etwa im katholischen Milieu, in dem der katholische Arbeiter wie der katholische Unternehmer zu Hause sind. Auch wenn sie eine sozialstrukturelle Basis haben, sollten Milieus eher, wenn auch nicht ausschließlich, als sozialkulturelle Einheiten verstanden werden. Zu einem sozialen Milieu gehören aber auch über gemeinsame Kulturmuster von Freizeit-, Konsum- und Lebensstilen hinausgehende Elemente, die in der Regel kein "Wir-Gefühl" und keine verstärkte Binnenkommunikation erzeugen können. Der Milieubegriff ist somit offener als der Klassen- und Schichtbegriff.

Lebensstile kann man "als raum-zeitlich strukturierte Muster der Lebensführung fassen, die von Ressourcen (materiell und kulturell), der Familien- und Haushaltsform und den Werthaltungen abhängen. Die Ressourcen umschreiben die Lebenschancen, die jeweiligen Optionen und Wahlmöglichkeiten; die Haushalts- und Familienform bezeichnet die Lebens-, Wohn- und Konsumeinheit; die Werthaltungen schließlich definieren die vorherrschenden Lebensziele, prägen die Mentalitäten und kommen in einem spezifischen Habitus zum Ausdruck." (Müller 1997: 376 f.) In diesem Sinne kann man Lebensstile durch die Elemente Ganzheitlichkeit, Freiwilligkeit, Charakter sowie Stilisierungschancen und ‑neigungen charakterisieren. In wohlhabenden und liberalen Gesellschaften haben die Menschen mehr Chancen zur Stilisierung ihrer Lebensführung als in armen und autoritären Gesellschaften. Man denke nur an die alte liberale Bundesrepublik und die alte autoritäre Deutsche Demokratische Republik. Aber auch die individuellen Stilisierungsneigungen variieren je nach Alter und Schichtzugehörigkeit. In der Jugend und in den oberen Statuslagen sind sie am höchsten, im Alter und in den unteren Schichten am geringsten ausgeprägt.

Zwischen Werten, Milieus und Lebensstilen bestehen starke Verknüpfungen. Aber sie gehen nicht ineinander auf, denn dann benötigte man nicht drei Begriffe. Vereinfacht kann man sagen: Milieus sind Gruppierungen, in denen unter anderem typische Wertegefüge vorherrschen. Lebensstile entstehen, wenn Menschen aus bestimmten Milieus unter bestimmten Alltagsbedingungen typische Denk-, Verhaltens- und Kulturmuster zur Organisation ihres Alltagslebens ausbilden.