Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
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31.5.2012 | Von:
Hans-Peter Müller

Die Pluralisierung sozialer Milieus und Lebensstile

Der Wertewandel hängt mit dem fundamentalen sozialen Wandel moderner Gesellschaften hin zur Individualisierung der Lebensgestaltung zusammen. Trotz der Individualisierungsvorgänge lassen sich Zugehörigkeiten zu sozialen Milieus und Lebensstile deutlich identifizieren.
Individualisierung und kulturelle Orientierung[1]

Der Wertewandel, so wie ihn Inglehart für die 1970er-Jahre diagnostiziert hat, hängt mit dem breiter angelegten, fundamentalen sozialen Wandel moderner Gesellschaften hin zur Individualisierung der Lebensgestaltung zusammen (vgl. Kapitel: Sozialer Wandel). Vorboten dazu gab es bereits im Leben von Künstlern und Wissenschaftlern der Renaissance. Sie breitete sich im Zusammenhang mit der Industrialisierung dann vor allem als großstädtisches Phänomen aus (Simmel 1900; Elias 1939). Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg und der Expansion eines Marktes von Bildungs- und Konsummöglichkeiten hat die Individualisierung dann große Teile der Gesellschaft erfasst (Beck 1986).

Mehr Einkommen, Bildung, soziale Sicherheit, Freizeit und Mobilität haben dazu geführt, dass viele Menschen über mehr Ressourcen und mehr Optionen für individuelles Handeln verfügen. Sie lösen sich dadurch von den restriktiven Verhaltensregeln der zentralen Gemeinschaften, vor allem der Familie, der lokalen Gemeinde, der Religion und der sozialen Klasse bzw. Schicht. Dadurch sind die Menschen in der Lage, aber auch dazu gezwungen, ihr Leben relativ eigenständig zu gestalten, Entscheidungen in eigener Verantwortung zu fällen. Hierdurch wachsen die Freiheiten der Lebensführung, gleichzeitig steigen aber auch die Risiken des Scheiterns. Um Halt und Richtung zu finden, schließen sich daher viele Menschen mit anderen zusammen, die ähnliche Bestrebungen, Lebensstile und Lebensziele aufweisen, oder sie lehnen sich an Vorbilder aus den Medien, der Popkultur etc. an. Individualisierung äußert sich also nicht unbedingt in immer unterschiedlicherer individueller Lebensgestaltung, sondern kann zu neuen gleichförmigen sozialen Gruppierungen führen. Allerdings unterscheiden sich diese Szenen, Cliquen, Milieus und Lebensstilgruppierungen von älteren Gemeinschaften durch ihre größere Flüchtigkeit und Wandelbarkeit, sowohl was ihre charakteristischen Merkmale als auch ihre personelle Zusammensetzung betrifft: Waren früher religiöse Gemeinschaften, Klassenkulturen und regionale Zugehörigkeiten meist lebenslang prägend, so verlassen oder wechseln individualisierte Menschen die neuen Wahlgemeinschaften, wenn andere Umstände oder Neigungen es nahelegen.

Der Soziologe Ulrich Beck fasste diese neueren Individualisierungsvorgänge in drei Dimensionen (1986: 206) zusammen: "Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und ‑bindungen im Sinne traditionaler Herrschafts- und Vorsorgungszusammenhänge ('Freisetzungsdimension'). Verlust von traditionalen Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen ('Entzauberungsdimension') und – womit die Bedeutung des Begriffs gleichsam in ihr Gegenteil verkehrt wird – eine neue Art der sozialen Einbindung ('Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension')."

Die sozialstrukturelle Prägung kultureller Gemeinschaften

Obwohl die genannten Individualisierungsvorgänge die Zugehörigkeit zu sozialen Milieus und Lebensstilen – und nicht selten auch deren Existenz – unbeständiger machen, finden sich auch in modernen Gesellschaften relativ stabile kulturelle Gruppierungen. Sie entstehen aus einer Vielzahl von Bestimmungsgründen: aus religiöser Überzeugung, aus lokaler und regionaler Überlieferung, durch Einflüsse des Berufsmilieus.

Die Habitustheorie Pierre Bourdieus (1982) macht darüber hinaus darauf aufmerksam, dass relativ stabile soziale Milieus und Lebensstile immer wieder durch Anpassungsprozesse an die Lebensbedingungen sozialer Klassen und Klassenfraktionen zustande kommen und reproduziert werden. Bourdieu geht von drei Ressourcenarten und deren ungleicher Verteilung aus: dem ökonomischen Kapital (Geld), dem Bildungskapital (Bildungsabschlüsse, Bildungsgüter, inkorporierte Bildung) und dem sozialen Kapital (Beziehungen). Je nach Gesamtgröße ihres Kapitalbesitzes gehören die Menschen der Arbeiterklasse, dem Kleinbürgertum oder der Bourgeoisie an (vertikaler Aspekt). Und je nach Zusammensetzung bzw. Zukunftsaussichten ihres Kapitalbesitzes werden sie den Klassenfraktionen der Besitz- oder der Bildungsbourgeoisie, dem alten, dem neuen oder dem "exekutiven" Kleinbürgertum sowie auf- und absteigenden Klassenfraktionen zugerechnet (horizontaler sowie Laufbahnaspekt).

Wenn Menschen innerhalb der jeweiligen Lebensbedingungen ihrer sozialen Klasse bzw. Klassenfraktion aufwachsen, entstehen zwangsläufig und weitgehend unbewusst klassen- und klassenfraktionsspezifische Habitusformen. Das sind latente Denk-, Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster, die einerseits Spektrum und Formen alltäglichen Handelns begrenzen, andererseits aktives Handeln ermöglichen. So entsteht der typische, am Nützlichkeitsdenken orientierte Habitus der Arbeiterklasse aufgrund deren Lebenslage, die von harten Notwendigkeiten, Restriktionen und einer "Kultur des Mangels" geprägt ist. Ihr Kauf- und Konsumverhalten orientiert sich daher weniger an ästhetischen Gesichtspunkten als an Preis, Gebrauchswert und Haltbarkeit. Der Habitus der Arbeiterklasse legt also ein Sich-Einrichten in den gegebenen engen Verhältnissen nahe. Der Habitus des Kleinbürgertums dagegen ist, seiner Mittellage entsprechend, auf sozialen Aufstieg ausgerichtet, auf die ehrgeizige, teils ängstliche, teils plakative Erfüllung vorgegebener kultureller Normen. Diese Haltung greift auch über auf Fragen der Bildung und des Geschmacks. Der Habitus des Kleinbürgertums zeichnet sich durch ein eher angestrengtes Bemühen aus, "das Richtige" zu tun. Der Habitus der Bourgeoisie hingegen ermöglicht es, sich in intimer Kenntnis der "richtigen" Standards und des legitimen Geschmacks über das beflissene Kleinbürgertum zu erheben, einen eigenen Stil zu entwickeln sowie diesen unter Umständen als gesellschaftliche Norm zu propagieren und durchzusetzen.

Das Kleinbürgertum ist dann wiederum gezwungen, dieser neuen "Orthodoxie" gerecht zu werden. Die Arbeiterklasse verharrt dagegen weiterhin in ihrer Kultur des Mangels. So entstehen durch die jeweiligen Habitusformen soziokulturelle Klassenmilieus, die die Vorrangstellung der Bourgeoisie immer wieder kulturell reproduzieren. Die Prägekraft der jeweiligen Habitusformen und entsprechenden sozialen Milieus zeigt sich im praktischen Verhalten, im Lebensstil, in den präferierten Wohnungseinrichtungen und Speisen, Kleidungsstilen, Sportarten und Fernsehsendungen, den bevorzugten Musikstilen, Malern, Museen und Komponisten und vielem mehr.

Die Struktur sozialer Milieus in Deutschland

"Soziale Milieus" sind Gruppen Gleichgesinnter, die ähnliche Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung und Mentalitäten aufweisen (vgl. Abschnitt 2). Diejenigen, die dem gleichen sozialen Milieu angehören, empfinden einander als ähnlich, haben ähnliche kulturelle Wertorientierungen, interpretieren und gestalten ihre Umwelt in ähnlicher Weise und unterscheiden sich dadurch von Menschen anderer sozialer Milieus. Kleinere Milieus, die zum Beispiel typisch für eine Organisation, ein Stadtviertel oder einen Beruf sind, weisen über die gemeinsame Mentalität der Mitglieder hinaus häufig einen inneren Zusammenhang auf, der sich in einem Wir-Gefühl und in verstärkten Kontakten der Milieuzugehörigen zeigt.

Die Sinus-Milieus in DeutschlandDie Sinus-Milieus in Deutschland 2001 - 2010
Das Gefüge sozialer Milieus auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist zu einem guten Teil von der Klassen- und Schichtstruktur abhängig. Es gibt demnach typische Unterschicht-, Mittelschicht- und Oberschichtmilieus (vgl. Abbildung). Welche Werthaltungen und Mentalitäten ein Mensch aufweist, ist also – vermittelt über einen gemeinsamen Habitus – auch eine Frage seines Einkommens, seines Bildungsgrades und seiner beruflichen Stellung. Es sind diese Mentalitätsunterschiede, die die Mitglieder der einzelnen Schichten im Alltag zusammenführen bzw. trennen. "Die Grenze der Distinktion trennt die oberen von den mittleren Milieus. Die Grenze der Respektabilität trennt die mittleren von den unteren." (Vester u. a. 2001: 26) Allerdings erstrecken sich bestimmte soziale Milieus auch "senkrecht" über Schichtgrenzen hinweg.

In der Regel finden sich wiederum innerhalb der einzelnen sozialen Schichten bzw. Lagen mehrere soziale Milieus "nebeneinander". Sie unterscheiden sich in dieser Dimension vor allem nach dem Grad ihrer Traditionsverhaftung bzw. ihrer Modernität (traditionell, modern, postmodern). Denn die einzelnen Milieus sind in unterschiedlichem Maße vom Wertewandel (weg von den älteren Pflicht- und hin zu den neueren Selbstverwirklichungswerten) und von der Individualisierung geprägt. So weisen die Angehörigen des "Traditionellen Arbeitermilieus", des "Traditionellen bürgerlichen Milieus" und des "Etablierten Milieus" Mentalitäten auf, die dem Bewahren, den Pflichten der Menschen und ihrer Eingebundenheit in Regeln großes Gewicht geben. Auf der anderen Seite stehen die "modernen" Milieus der "Hedonisten", der "Modernen Arbeitnehmer" und der "Postmodernen", in denen die Menschen dem jeweils Neuen nachstreben und sich als individualisierte Menschen relativ losgelöst von Bindungen und Zugehörigkeiten empfinden. Diese Milieuzugehörigen weisen zwar faktisch Gemeinsamkeiten des individuellen Bewusstseins und Verhaltens auf, haben aber kaum ein Bewusstsein der Gemeinsamkeit mit anderen Milieuzugehörigen.
Die sozialen Milieus der Personen mit Migrationshintergrund unterscheiden sich erwartungsgemäß deutlich von denen der einheimischen Bevölkerung. Die einzelnen "Migrantenmilieus" sind jedoch nicht, wie man glauben könnte, primär von der Nationalität der Zugewanderten geprägt. Es macht wenig Sinn, zum Beispiel von "dem" Türkenmilieu oder "dem" Italienermilieu zu sprechen. Vielmehr unterscheiden sich die "Migrantenmilieus" hauptsächlich danach, ob in ihnen traditionale bzw. religiöse Werthaltungen oder aber moderne bzw. individualisierte Werthaltungen vorherrschen. Anders als es viele Deutsche wissen wollen, machte 2008 der Anteil der tief religiösen und traditionalen Zuwanderer nur 7 % der Menschen mit Migrationshintergrund aus.

Die Übergänge zwischen sozialen Milieus sind fließend. Viele Menschen leben am Rande eines Milieus, stehen zwischen Milieus oder sind mehreren Milieus zugleich zuzuordnen. Soziale Milieus stellen zwar relativ homogene Binnenkulturen einer Gesellschaft dar, aber keine strikt voneinander getrennten gesellschaftlichen Gruppierungen mit allgemein bekannten und anerkannten Namen und symbolisch (z. B. durch die Kleidung) klar ausgewiesenen Zugehörigkeitszeichen. Es handelt sich vielmehr um von Sozialwissenschaftlern nach typischen Merkmalskonstellationen zusammengefasste sowie "künstlich" abgegrenzte und benannte Gruppierungen. In modernen Gesellschaften sind Großgruppen nicht mehr so leicht sichtbar, wie dies früher einmal der Adel, das Großbürgertum und die Industriearbeiterschaft waren. Sie müssen mehr als früher durch solche sozialwissenschaftliche "Milieulandkarten" erst sichtbar gemacht werden. Als solche Sozialkartierungen entwickeln sie ein Eigenleben, indem sie zum zustimmenden oder ablehnenden Bezugspunkt von Selbst- und Fremdidentifikationen von Personen werden oder in institutionellen und kommerziellen Klassifikationssystemen (z. B. von Problemgruppen oder Konsumententypen) Eingang finden. Analoges gilt für die Gesellschaftsbegriffe selbst, die als Schlagworte in öffentlichen Debatten zirkulieren, ohne dass die dahinter stehenden sozialwissenschaftlichen Konzepte, empirischen Belege und begrenzten Geltungshorizonte wirklich reflektiert werden. Ein Beispiel dafür ist die inzwischen inflationäre Rede von der Erlebnisgesellschaft.

Soziale Milieus verändern sich im Laufe der Zeit. Sie werden größer oder kleiner, neue Milieus bilden sich heraus, alte verschwinden oder teilen sich. Allein seit den 1980er-Jahren hat sich der Bevölkerungsanteil traditioneller Milieus fast halbiert, weniger weil die Menschen in modernere Milieus wechselten, sondern weil die meist älteren Menschen in traditionellen Milieus nach und nach starben. Wie dieser Prozess der strukturellen Veränderung sozialer Milieus sich im Einzelnen vollzogen hat, wissen wir erst seit den 1980er-Jahren. Erst seit dieser Zeit liegen methodengleiche Wiederholungsuntersuchungen vor. Vieles spricht aber dafür, dass seit dem späten 19. Jahrhundert eine Pluralisierung sozialer Milieus im Gange ist. Mehr neue Milieus kommen hinzu bzw. mehr Milieus fächern sich auf, als alte Milieus verschwinden.

Was bewirkt die Milieuzugehörigkeit?

In modernen Dienstleistungsgesellschaften definieren sich die Menschen selbst nicht mehr so vorrangig durch ihren Beruf und ihre Schichtzugehörigkeit wie die Menschen in typischen Industriegesellschaften, auch wenn die zeitliche Beanspruchung durch die Berufsarbeit bei den Führungskräften und in vielen Kreativberufen keineswegs nachgelassen hat. Vielmehr identifizieren sich die Angehörigen postindustrieller Gesellschaften nicht zuletzt durch ihre Werthaltungen und damit durch ihre Milieuzugehörigkeit sowie durch ihren Lebensstil. Oft symbolisieren sie dies durch ihre Kleidung, ihren Musikgeschmack etc. und tragen somit ihre Zugehörigkeit auch nach außen.

Immer mehr Menschen wollen ihren eigenen Lebensentwurf (aus)leben, jedoch in der Regel nicht allein, sondern zusammen mit Gleichgesinnten in der eigenen Wohnung bzw. im eigenen Haus und in der Nachbarschaft. Dies trägt dazu bei, dass die sozialen Milieus auch räumlich auseinanderrücken. Das macht sich zum Beispiel in den Städten bemerkbar. Nicht nur die sozialstrukturellen (vgl. Kapitel "Soziale Ungleichheit"), sondern auch die soziokulturellen Merkmale der Bewohner der einzelnen Stadtviertel unterscheiden sich immer deutlicher. Angesichts dieser Tendenz hin zur sozialen Segregation (vgl. Kapitel "Siedlungsstruktur") wird es immer schwieriger, eine "soziale Durchmischung" in den einzelnen Stadtvierteln zu erreichen.

Die Menschen, die einem bestimmten sozialen Milieu angehören, denken und verhalten sich in der Praxis relativ ähnlich und unterscheiden sich dadurch von den Mitgliedern anderer Milieus z. B. hinsichtlich Konsumneigungen, Parteipräferenzen und Erziehungsstilen. Milieugliederungen dienen daher auch Marketinganalysten, um Zielgruppen zu definieren, Wahlkampfstrategen, um Wählerpotenziale zu erschließen, Sozialisationsforschern, um typische Lernstrategien zu lokalisieren und zu erklären.

Ist die Milieuzugehörigkeit von Menschen bekannt, dann weiß man viel über die Sehnsüchte, Interpretationen, Motive und Nutzenerwartungen von Menschen. So lässt sich die Nutzung bestimmter Medien, der Kauf bestimmter Konsumgüter, die Neigung zu bestimmten Parteien etc. aufgrund der Werthaltungen und Zielsetzungen der Menschen ein gutes Stück weit erklären und voraussagen. Umgekehrt kann man so aufzeigen, welche Inhalte Zeitschriftenartikel, Werbebotschaften oder Parteiprogramme aufweisen müssen, um den Motiven und Werthaltungen bestimmter Menschen zu entsprechen. Ist dagegen die Schichtzugehörigkeit von Menschen bekannt, weiß man viel über die Ressourcen bzw. Kapitalien (Geld, Bildung, Beziehungen etc.), die den Einzelnen zur Verfügung stehen, um ihre Ziele zu erreichen und ihren Werthaltungen gemäß zu leben. Auf diese Weise können sich Informationen und Daten zur Schicht- und zur Milieuzugehörigkeit sehr gut ergänzen.

Im Übrigen stellte sich im Rahmen internationaler Milieuvergleiche immer wieder heraus, dass sich die Mentalitäten von Angehörigen bestimmter Milieus über Ländergrenzen hinweg nur wenig unterscheiden. Innerhalb von Ländern waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Milieus wesentlich größer. Daher hat man transnationale "Metamilieus" (wie z. B. "Konsum-materialistische Milieus"; vgl. Hradil 2006) herauspräpariert, die sich in ähnlicher Weise in vielen Ländern finden.

Lebensstilgruppierungen in Deutschland

Als Lebensstil bezeichnet man die typischen, mehr oder minder frei gewählten Routinen und Muster des Alltagsverhaltens von Menschen (siehe Abschnitt 2). Lebensstile werden unter anderem beeinflusst von den Werthaltungen und damit von der Milieuzugehörigkeit der Menschen. Ein "Konservativer" wird in der Regel andere Gewohnheiten und Präferenzen haben als ein "Hedonist". Aber auch die verfügbaren Ressourcen und damit die Klassen- und Schichtzugehörigkeit sowie die Haushalts- und Familienform prägen den Lebensstil. Wer über wenig Geld oder Bildung verfügt, dem werden bestimmte Lebensstile unerreichbar bleiben. Wer eine Familie gründet, der wird erleben, wie schnell und drastisch sich sein Lebensstil verändert. Bis zu einem gewissen Grad sind Lebensstile aber nicht nur von außen geformt, sondern werden von Menschen selbst gestaltet. In wohlhabenden und liberalen Gesellschaften, die den Menschen viele Möglichkeiten zur Lebensgestaltung bieten, spielen Lebensstile daher eine größere Rolle als in armen und autoritären Gesellschaften.

LebensstileLebensstile in Deutschland (© GWP – Gesellschaft. Wirtschaft. Politik 60, 2011, S. 59)
Ähnlich wie die Milieuzugehörigkeit ist der Lebensstil identitätsbildend geworden; es ist heute auch eine Frage des Lebensstils, wie sich Menschen selbst einordnen und im Verhältnis zu anderen sehen. In vielen Fällen, jedoch keineswegs immer, demonstrieren Menschen ihren Lebensstil (in Kleidung, Wohnungseinrichtung, Fahrzeugen etc.) deutlich nach außen, um Zugehörigkeiten und Abgrenzungen den Mitmenschen deutlich zu machen und die eigene Identität über die Reaktionen der Mitmenschen zu festigen. Lebensstile sind so auch zu einer wichtigen Basis für das Suchen und Finden von Freunden und Partnern geworden.

Ähnlich wie soziale Milieus weisen auch die verschiedenen Lebensstilgruppierungen in der Regel Affinitäten zu einer bestimmten sozialen Schicht oder Klasse auf. Durch die Zunahme der Ungleichheit von Einkommen und Vermögen (vgl. Kapitel "Soziale Ungleichheit") rücken die Lebensstilgruppen daher in vertikaler Hinsicht weiter auseinander. Auf diese Weise schlägt sich die wachsende soziale Ungleichheit auch im Alltagshandeln der Menschen nieder. Durch die Pluralisierung sozialer Milieus in den letzten Jahrzehnten, auch infolge der Zuwanderung aus ganz anderen Kulturkreisen, entfernen sich die Lebensstilgruppen auch horizontal voneinander. Wer in Deutschland lebt, sieht sich also keiner geschlossen-einheitlichen Kultur gegenüber. Vielmehr herrscht, wie in den meisten freiheitlichen westlichen Gesellschaften, eine pluralistisch-heterogene kulturelle Gemengelage aus vielfältigen historischen Erfahrungen, gemeinsamen westlich-europäischen Werten und genuin nationalen Eigenarten vor. Im Falle Deutschlands liegt die Einzigartigkeit im Trauma von Krieg, Gewalt und beispielloser Vernichtung, wie der Holocaust lehrt. Dies ist unter anderem für die anhaltende Debatte um die Integration von Zuwanderern bedeutsam. Die geforderte Anpassung an eine gemeinsame deutsche (Leit-)Kultur kann daher nur auf das Erlernen der deutschen Sprache, auf Erfolge im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt sowie auf die Einhaltung von (grund)gesetzlichen Normen zielen.
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Fußnoten

1.
Ich danke Stefan Hradil für eine Rohfassung zu diesem Abschnitt.