Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Hans-Peter Müller

Wandel der Lebensläufe und Biografien

Im Zuge des Modernisierungsprozesses haben sich standardisierte Lebenslaufmuster sowie traditionelle Biografiemodelle offenkundig gewandelt. Individualisierungstendenzen eröffnen mehr Chancen und Freiräume für die individuelle Gestaltung der Biografie. Die enge Verknüpfung von Lebensverlauf und wirtschaftlichem Strukturwandel birgt jedoch auch "neue" Risiken und Unsicherheiten.

Infolge der Pluralisierung von Haushalts- und Familienformen, der Bildungsexpansion, der Veränderungen des Arbeitsmarkts und nicht zuletzt der Individualisierung und der Auffächerung sozialer Milieus und Lebensstile haben sich die Rahmenbedingungen verändert, die die Lebensläufe und Biografien der Menschen strukturieren. Mit Lebenslauf ist die objektive Bewegung eines Menschen durch gesellschaftliche Institutionen im Laufe seiner Lebenszeit gemeint. Als Biografie wird die subjektive Wahrnehmung und Interpretation eines Lebenslaufs bezeichnet.

In allen Gesellschaften und Kulturen werden die verschiedenen Lebensalter in eine Abfolge gebracht und häufig auch in eine Stufenfolge gegliedert, die zeitlich gestaffelte Pflichten und Rechte gegenüber der Gemeinschaft begründen. Dies wurde immer wieder mit der Natur des Menschen (Geburt, Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Reife, Alter, Tod) in Zusammenhang gebracht. Kulturanthropologie und Soziologie haben jedoch gezeigt, dass Lebensläufe in der Sozialstruktur und Kultur einer Gesellschaft institutionell verankert sind. Sie sind daher alles andere als "natürlich", sondern durch gesellschaftliche Institutionalisierung über Regeln und Riten geordnet, sodass sie über Raum und Zeit, also über Regionen und verschiedene Gesellschaftstypen hinweg stark variieren.

Was die zeitliche Struktur von Lebensläufen, also die Verweildauer in bestimmten Phasen (Schule, Beruf, Ehe und Familie), und das Alter bei wichtigen Übergangsereignissen betrifft (wie Konfirmation, Abitur, Volljährigkeit, Ausbildungs- bzw. Studienabschluss, Eintritt in den Beruf oder Heirat, erstes Kind usw.), so können für die Nachkriegszeit in Westdeutschland zwei Perioden ausgemacht werden: erst eine Phase der Institutionalisierung und Standardisierung bis Ende der 1960er-/Anfang der 1970er-Jahre und dann eine Phase der De-Institutionalisierung, Pluralisierung und Entstandardisierung der Lebensverläufe. Der standardisierte Lebenslauf bzw. die "Normalbiografie" der Nachkriegszeit wurden in die Phasen der Kindheit (Familie), der Jugend (Schule und berufliche Ausbildung), des Erwachsenenalters (Erwerbsleben bzw. Hausfrau) und des Alters (Rente) eingeteilt. Vor allem die Bildungsexpansion hat eine Entstandardisierung der Lebensläufe eingeleitet und kann somit als eine treibende Kraft beim Wandel der Lebensläufe und Biografien angesehen werden (Hurrelmann 2003). Insbesondere die Jugendphase hat umfangreiche Modifikationen erfahren. Als Folge der Bildungsexpansion verbringen junge Menschen heutzutage nicht nur mehr Jahre im Bildungssystem, sie steigen dementsprechend auch später in das Berufsleben ein und erlangen somit ihre ökonomische Unabhängigkeit mehrheitlich erst jenseits der 25 und nicht selten erst jenseits der 35 (Abels u. a. 2008).

Diese Entwicklungen brachten eine "neue" Phase im Lebensverlauf hervor, die als Postadoleszenz bezeichnet wird. Gemeint ist damit die Phase zwischen Jugend und Erwachsenenalter, die geprägt ist durch eine frühere sozio-kulturelle (und auch sexuelle) Selbstständigkeit bei einer längeren ökonomischen Unselbstständigkeit. So lebten beispielsweise im Jahr 2007 in Deutschland von den 18- bis 24-Jährigen zwei Drittel der Frauen (68 %) und vier Fünftel der Männer (80 %) noch im Elternhaus. Diese Ausdehnung der Postadoleszenz variiert jedoch nicht nur geschlechtsspezifisch, sondern auch milieuspezifisch. In den unteren Sozialschichten ist die Übergangsphase oftmals kürzer, was u. a. auf den kürzeren Bildungsweg und den früheren Berufseinstieg zurückzuführen ist. Die soziale Herkunft, die besonders in Deutschland einen großen Einfluss auf die Bildungschancen der Jugendlichen hat, ist daher als wichtiger Bedingungsfaktor für die Dauer der Postadoleszenz zu bewerten. Parallel zum späteren Berufseinstieg verschiebt sich in Deutschland auch die Gründung einer eigenen Familie zeitlich immer mehr nach hinten. Die Zahlen des statistischen Bundesamts verdeutlichen den auffälligen Anstieg des Heiratsalters: Im Jahr 1991 betrug das Alter bei der Erstheirat von Frauen 26,1 Jahre und von Männern 28,5 Jahre. Bis 2008 ist das Durchschnittsalter der Frauen auf 30 Jahre und bei Männern auf 33 Jahre angestiegen. Auch das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes ist in diesem Zeitraum kontinuierlich angestiegen und lag 2009 bei 30,4 Jahren (Destatis).

Darüber hinaus hat in Deutschland in den letzten Jahrzehnten die Verbreitung von nichtkonventionellen bzw. nichtfamilialen Lebensformen deutlich zugenommen (vgl. Kapitel: Familie). Dazu zählen u. a. Alleinerziehende, nichteheliche Lebensgemeinschaften, Alleinlebende mit und ohne festen Partner, gewollt kinderlose und gleichgeschlechtliche Paare. Die enge Verflechtung mit Prozessen der Entstandardisierung und De-Institutionalisierung der Normalbiografie wird hier deutlich: Einst "selbstverständliche" biografische Stationen wie Ehe oder Elternschaft sind zu Optionen, zu Wahlmöglichkeiten geworden, die allerdings nicht immer genau so und genau zu diesem Zeitpunkt von den Individuen gewollt werden. Wenn es wirklich nur nach den Wünschen der Individuen ginge, gäbe es in Deutschland durchaus mehr Ehen, feste Partnerschaften und Kinder als derzeit.

Standardisierte Lebenslaufmuster sowie traditionelle Biografiemodelle haben sich ebenso wie andere Aspekte der privaten Lebensführung im Zuge des Modernisierungsprozesses offenkundig gewandelt. Zum einen eröffnen Individualisierungstendenzen mehr Chancen und Freiräume für die individuelle Gestaltung der Biografie. Zum anderen entstehen aus der engen Verknüpfung von Lebensverlauf und gesellschaftlichem und vor allem wirtschaftlichem Strukturwandel auch "neue" Risiken und Unsicherheiten (Schneider u. a. 2000). So zeichnet sich in der Arbeitsmarktentwicklung seit Jahren ein Rückgang an Festanstellungen und lebenslangen Normalarbeitsverhältnissen ab. In beruflicher Hinsicht, aber auch auf der Ebene privater Lebensführung wird vom Einzelnen immer mehr "Flexibilität" gefordert. Durch den stetigen Wandel der ökonomischen Anforderungen in der modernen kapitalistischen Gesellschaft werden die Individuen gezwungen, sich möglichst schnell auf Veränderungen einzustellen, sich ihnen anzupassen und lebensverlaufsrelevante Entscheidungen im Hinblick auf Berufswahl, Wohnort oder auch Familiengründung daran auszurichten (Sennett 1998). Normal werden der Job, der Lebensort und der Partner auf Zeit.

Hinter diesem Flexibilisierungstrend verbirgt sich jedoch keineswegs eine kontinuierlich fortschreitende oder gar unaufhaltsame Entwicklung. Vielmehr lassen die Folgen des demografischen Wandels in Deutschland erneut einen Umbruch erwarten. Sowohl die seit drei Jahrzehnten auf niedrigem Niveau stagnierende Geburtenrate als auch die steigende durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung führen dazu, dass in den kommenden Jahren der Anteil älterer Menschen immer größer werden wird (Geißler 2006: 41 ff.; vgl. Kapitel: Bevölkerung). Diese Alterung und Schrumpfung der Gesellschaft könnte dazu führen, dass bis 2040 das Arbeitskräfteangebot in Deutschland um etwa ein Viertel zurückgeht. Eine "Verrentungswelle" der geburtenstarken Jahrgänge aus den 1960er-Jahren steht bevor, die einen hohen Bedarf an Nachwuchskräften nach sich ziehen wird. Der Mangel an jungen Fachkräften und das steigende Durchschnittsalter der arbeitenden Bevölkerung werden Wirtschaft und Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellen. Insbesondere Unternehmen werden durch die verschärfte Konkurrenz um qualifizierte Arbeitskräfte unter Druck geraten, sich auf den demografischen Wandel einzustellen, indem sie beispielsweise bessere Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen und diese auch langfristig erhalten (Fuchs 2002). Das könnte den Weg ebnen hin zu einer besseren "work-life-balance" für die Menschen bei einer gleichzeitigen Abkehr von überzogenen Flexibilisierungsanforderungen.