Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Hans-Peter Müller

Säkularisierung und die Rückkehr der Religion?

Während in vormodernen Gesellschaften Religion stets eine zentrale Rolle spielte, änderte sich dies mit dem Anbruch der Moderne. Religionen und Kirchen in Deutschland finden eine vergleichbare Entwicklung wie beim Werte- und Milieuwandel. Trotz Entkirchlichung ist das neuartige Phänomen "Glauben ohne Zugehörigkeit" zu beobachten. Inwieweit es zu einer "Rückkehr des Religiösen" kommt, bleibt offen.

In vormodernen Gesellschaften spielte die Religion stets eine zentrale Rolle: Zum einen ist sie neben der weltlich-politischen Macht die größte geistige Autorität der Gesellschaft. Über weite Strecken herrschten weltliche Regierung (der Adel durch das "Schwert") und spirituelle Regierung (die Kirche durch das "Zepter") vereint über die Gesellschaft. Zum anderen markiert die Religion die Lebensführungsmacht schlechthin. Denn sie ist es, die den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben oder doch zumindest leben sollten, wenn sie sich die Aussicht auf das Paradies im Jenseits erhalten wollen. Sie diktiert die Werte, sie bestimmt die kirchliche Milieubindung, und sie schreibt den richtigen Lebenswandel vor. So riet Martin Luther den Protestanten zu einem Lebensstil des "Ora et labora", des "Bete und arbeite", und mithin zur Einheit von beruflicher Pflichterfüllung und religiöser Lebensführung.

Diese Einheit zerbröckelt mit dem Anbruch der Moderne. Die Religionen, allen voran Protestantismus, Katholizismus und Judentum, stehen mit der Moderne regelrecht auf Kriegsfuß. Zwar war zumindest der Protestantismus mit seiner Propagierung des religiösen Individualismus ein Stück weit modern – man denke nur an Luthers bahnbrechende Tat der Bibelübersetzung aus dem Lateinischen ins Deutsche und den Aufruf, durch Bibellektüre seinen eigenen Weg zu Gott zu finden. Doch seither scheinen Säkularisierung und Entzauberung der Welt (Max Weber) unaufhaltsam voranzuschreiten. In diesem Prozess wird die Religion als umfassende Lebensführungsmacht abgelöst von anderen Systemen wie der Wirtschaft (Kapitalismus), der Politik (Demokratie), der Wissenschaft (Wissen statt Glauben), einer säkularen Bildung und Erziehung, ja Kultur überhaupt (Individualismus, der nicht religiös, sondern weltlich begründet ist). Wozu braucht man noch Religion, wenn die wichtigsten Lebensziele nicht mehr im religiösen Heil, sondern im weltlichen Erfolg und diesseitigen Reichtum gesucht und gefunden werden? Das Jenseits, einstmals als Paradies im Glauben herbeigesehnt, ist verblasst angesichts der vielfältigen "irdischen Paradiese", die im Diesseits locken.

Betrachtet man vor diesem Hintergrund die Entwicklung der Religionen und Kirchen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, so findet sich eine vergleichbare Entwicklung wie beim Werte- und Milieuwandel. Nach dem Krieg waren in West- und Ostdeutschland 80 % der Bevölkerung in den beiden großen christlichen Kirchen religiös gebunden. Dieses einheitliche Bild zwischen West und Ost änderte sich in der Folgezeit radikal durch die staatlich verordnete Säkularisierung von oben in der DDR, die nach Überwindung harter Widerstände sehr erfolgreich und nachhaltig war. Heute gehören den beiden großen Kirchen rund 65 % der Gesamtbevölkerung an; in den neuen Bundesländern sind es nur noch 28 % der Bevölkerung. Aber auch in den alten Bundesländern zeichnet sich in jüngerer Zeit eine wachsende Entkirchlichung, Pluralisierung sowie Individualisierung und Privatisierung religiöser und spiritueller Glaubensüberzeugungen ab.

Die Entkirchlichung, also die Distanzierung der Menschen von den religiösen Lehren und Riten der Anstaltskirchen, kommt im Rückgang des Glaubens an Gott und an ein Leben nach dem Tode zum Ausdruck.

Kirchenbesucher unter den Katholiken bzw. Protestanten 1953 - 1998 in WestdeutschlandKirchenbesucher unter den Katholiken bzw. Protestanten 1953 - 1998 in Westdeutschland (© Mohr Siebeck Tübingen)
Die Abnahme der Kirchenbindung zeigt sich zudem am rückläufigen Kirchenbesuch. Dieser Prozess setzte in den 1960er- und 1970er-Jahren ein und hat sich in den 1990er-Jahren fortgesetzt. Dennoch halten viele Menschen an ausgewählten religiösen Dienstleistungen bei Geburt, Heirat oder Tod fest und besuchen einmal im Jahr zu Weihnachten eine Christmesse, auch wenn sie keine Kirchensteuern mehr entrichten.

Religionsgemeinschaften in DeutschlandReligionsgemeinschaften in Deutschland
Die Pluralisierung der Religionen kommt im Wachstum nichtchristlicher Religionsgemeinschaften (wie des Buddhismus und Hinduismus) ebenso zum Ausdruck wie in der Zunahme außerkirchlicher Formen der Religiosität (wie neureligiöse Gemeinschaften) und Spiritualität (New Age und andere esoterische Bewegungen). Inzwischen ist auch der Islam in Europa und Deutschland zu einer großen Religionsgemeinschaft und ernsthaften Herausforderung für die westlichen Werte und Lebensstile geworden. In Deutschland stellt der Islam mit 3,2 Millionen Gläubigen die drittgrößte Religionsgemeinschaft dar.

Unter religiöser Individualisierung werden ganz unterschiedliche und zum Teil in sich heterogene Prozesse neuer Religiosität verstanden. Zum einen zeichnet sich als neuartiges Phänomen ein "Glauben ohne Zugehörigkeit" ab. Man glaubt an Transzendentales, ohne einer der großen Kirchen anzugehören. Zum anderen spiegelt dieser Prozess eine Ausweitung des Religiösen wider, die auch die Schaffung einer "Bastel-Religiosität" aus dem gesamten Arsenal spiritueller Angebote umfasst: sei es die Sakralisierung der eigenen Person als Extremform religiöser Subjektivität, sei es die Wiederkehr des Okkulten oder auch die Sakralisierung von Liebes- und Transzendenzerfahrungen mit oder ohne Drogeneinsatz. Je nach Alter, Bildung und Milieuzugehörigkeit scheint sich eine facettenreiche "religiöse und spirituelle Erlebnisgesellschaft" herauszubilden.

Ob und inwieweit diese Prozesse im 21. Jahrhundert zu einer "Rückkehr des Religiösen" (Pollack 2009) führen werden, muss an dieser Stelle offen bleiben. Eingedenk des Weberschen Mottos, dass wirtschaftlich gute Zeiten schlechte Zeiten für die Religion sind und umgekehrt, könnten Knappheit, Flexibilität und Unsicherheit neue Religiositätschancen für die etablierten Kirchen eröffnen, wenn es ihnen gelingt, glaubhafte und erlebnisgerechte Angebote gerade für die jüngeren Generationen zu schaffen, die eine sinnhafte tolerant-freiheitliche Alternative zu einem autoritär-paternalistischen Islamismus einerseits sowie zu global operierenden Sektenbewegungen wie z. B. Scientology andererseits bereitstellen. Wahrscheinlicher dürfte aber die weitere Ausbreitung und Ausdifferenzierung von populärkulturellen Formen der Religiosität und Spiritualität (Knoblauch 2009) sowie neuer Formen konfessionsfreier Sinnstiftungsagenturen sein.