Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Ausblick


31.5.2012
Im Zuge der Globalisierung, Europäisierung und der deutschen Wiedervereinigung haben sich neue Probleme aufgetan. Knappheit, Unsicherheit und Flexibilisierung stehen wieder auf der Tagesordnung. Der Postmaterialismus ist zum Stillstand gekommen. Das Wertemuster verschwindet zwar nicht, aber der Mischtypus von Materialismus und Postmaterialismus überwiegt eindeutig.

Die 1960er- und 1970er-Jahre haben in Deutschland, nicht zuletzt durch die Studentenbewegung von "1968", einen deutlich sicht- und erkennbaren Werte-, Milieu- und Lebensstilwandel eingeläutet. Das demonstriert der Wandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten, die Individualisierung und die Pluralisierung von Milieus und Lebensstilen. Er führte zur Diagnose einer "Erlebnisgesellschaft", in der "objektive" Großgruppen, deren Mitglieder sich und andere mit Blick auf ihre "äußeren" Lebensbedingungen definieren, mehr und mehr Erlebnismilieus weichen, in denen individualisierte Menschen ihre subjektiven Lebensziele zu erreichen und ihre "inneren" Erlebnisse zu optimieren suchen (Schulze 2005).

Auch wenn "1989" euphorisch das "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) ausgerufen wurde, weil nach dem Zusammenbruch des Ostblocks das westliche Modell mit seinen liberalen Werten, seiner Demokratie und seinem Individualismus auf ganzer Linie einen welthistorischen Sieg errungen zu haben schien, sehen die empirischen Erfahrungen der von der "Zeitenwende" betroffenen Menschen etwas anders aus. Im Gefolge von Globalisierung, Europäisierung und der deutschen Wiedervereinigung haben sich neue Problemlagen, Situationsdefinitionen und ein neuer Erwartungshorizont aufgetan. Schon in den 1990er-Jahren, spätestens aber in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts sind Probleme der Knappheit, der Unsicherheit und der Flexibilisierung wieder auf die Tagesordnung getreten. Der Vormarsch des Postmaterialismus ist zum Stillstand gekommen. Das bringt dieses Wertmuster nicht einfach zum Verschwinden, aber der Mischtypus von Materialismus und Postmaterialismus überwiegt eindeutig. Gerade die jüngere Generation erfährt am eigenen Leibe die Stagnation der Realeinkommen, den schwierigen Übergang ins Berufsleben, durchsetzt mit unbezahlten Praktika und befristeten Arbeitsverhältnissen, die Probleme bei der Familiengründung und den wohlfahrtsstaatlichen Rückbau der sozialen Sicherheit. Einerseits gehalten, für eine wachsende Rentnergeneration solidarisch einzustehen, andererseits für die eigenen Kinder und das eigene Alter schon heute vorzusorgen, weil die Rentensätze im Zuge der demografischen Alterung dynamisch nach unten angepasst werden, lässt sich die Kombination von materialistischen und postmaterialistischen Werten als rationale Antwort des "flexiblen Menschen" (Sennett 2006) auf diese neuen Herausforderungen verstehen.

Die Sorge für das eigene Wohlergehen, vor allem auch im Alter, und die Sorge um die Umwelt – von der drohenden Zerstörung der Natur bis zum Klimawandel – gehen in der jüngeren Generation eine neue Synthese ein. Die herrschenden Wertvorstellungen und Standards aus den goldenen Zeiten der alten Bundesrepublik werden sozial und ökonomisch ausgehebelt und kulturell als Ideal nostalgisch verklärt: Das "Normalarbeitsverhältnis", also eine Festanstellung auf Lebenszeit mit gutem (Familien‑)Einkommen und wohlstandserhaltender sozialer Absicherung, wird für die Mehrheit der jüngeren Generation trotz besserer Ausbildung und Qualifikation zum unerreichbaren Traum; der "Standardlebenslauf" mit einem institutionalisierten Sequenzmuster von Lebensstationen wird einerseits moralisch zur Norm erhoben, andererseits aber aufgrund fehlender institutioneller Passungen immer mehr zur empirischen Ausnahmeerscheinung. Während die Individuen ihre Lebensläufe im Sinne von "curricula vitae" optimieren, vermag die Berufswelt keine adäquaten Arbeitsplätze für die nachwachsende Generation bereitzustellen. Längst ist die Personalpolitik in Wirtschaft und Staat vom Sparfieber angesteckt worden. Erst wenn die demografische Alterung nachhaltig zu wirken beginnt, wird der "Markt" wieder fairer entlohnen müssen. Auch die Vorstellungen einer "Normalbiografie" werden unter diesen Voraussetzungen mehr und mehr zur Illusion. Tempo und Taktung von Ausbildung, Berufseinstieg, Eheschließung und Familiengründung, vom Immobilienerwerb ganz abgesehen, werden immer kontingenter, ungewisser und unsicherer.

Gleichzeitig wächst die soziale Ungleichheit, und die ökonomische Polarisierung der Gesellschaft nimmt zu. Die in den letzten Jahren noch einmal deutlich gestiegene Konzentration des Reichtums und der Vermögen an der Spitze der Gesellschaft und die wachsende Armut am unteren Ende lassen auch die Milieus der Mittelschicht nicht unberührt. Die Mittelschicht, Stabilisator für Sozialstruktur und Kultur einer Gesellschaft, schrumpft (siehe Kapitel "Soziale Ungleichheit"). Das dürfte auf längere Sicht auch Rückwirkungen auf Werte, Milieus und Lebensstile haben. Kurz und prägnant lässt sich das am Bedeutungswandel des Begriffs Reform ablesen. In den 1960er- und 1970er-Jahren bedeutete er stets ein "Mehr" und ein "Besser": mehr Wohlstand und höhere Lebensqualität bei gestiegener sozialer Sicherheit. Heute wird das Wort in der Bevölkerung mit Vorstellungen eines "Weniger" und "Schlechter" assoziiert: weniger Wohlstand, geringere Lebensqualität und mehr Prekarität bei gestiegenen Anforderungen an die Eigenvorsorge. Der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung würde wohl dem Titel eines jungen deutschen Films zustimmen: "Die fetten Jahre sind vorbei". Längst sind wir wieder aus dem Zeitalter der von Soziologen sogenannten "Reichtumsungleichheit" (Berger/Hradil 1990: 16) zurückgekehrt in die Ära der Knappheitsungleichheit, wie die beobachtbaren Trends zur Prekarisierung und Flexibilisierung der Beschäftigungs- und Lebensverhältnisse andeuten. In dem Maße, wie sich die Gesellschaft polarisiert in die Minorität der Gewinner und die Majorität der Verlierer, könnten auch kollektive Sinnangebote in der individualisierten Gesellschaft wieder an Einfluss gewinnen, die auf eine politische Umkehrung dieser Tendenz hinwirken, um den Weg zu einer demokratischen, sozial gerechten und ökologisch nachhaltigen Informations-, Wissens- und Tätigkeitsgesellschaft einzuschlagen.



 
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