Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Die Ursprünge der europäischen Stadt


31.5.2012
Die Städte stellten im Mittelalter eine besondere ökonomische und politische Einheit dar. In den Städten entstand der Kapitalismus, gekennzeichnet durch den Handel und die frühen Formen von Lohnarbeit. Politisch wurden sie durch eine Oligarchie, bestehend aus den Besitzbürgern, regiert. Auch während der Industrialisierung erhielten Städte als Knotenpunkt ökonomischer Entwicklung eine besondere Bedeutung.

Städte sind die Zentren der ökonomischen und kulturellen Innovationen sowie des sozialen Wandels. Sie haben die die dichteste Bebauung und die höchste Einwohner- und Arbeitsplatzdichte. Die Verteilung der Städte über das ganze Land ist historisch sehr stabil. Ihre Entstehung hat sehr verschiedene Ursachen: Aus Kreuzungspunkten von Transportwegen entstanden im Mittelalter Handelsplätze, die sich durch die Anlagerung von Gewerbe zu größeren Siedlungseinheiten entwickelten; um die Herrschaftssitze von Fürsten, Königen und Bischöfen entstanden Handels- und Handwerksbetriebe, die deren Nachfrage zur Hofhaltung befriedigten und Waren aus dem Fernhandel besorgten.

Städte können geographisch durch eine hohe Einwohner- und Arbeitsplatzdichte sowie eine intensive Pendelverflechtungen mit dem Umland von den übrigen Siedlungstypen abgegrenzt werden; Städte sind aber auch politisch-administrativ definiert, wobei historische Muster aufgenommen werden und verwaltungspolitische Ziele verfolgt werden. Dafür sind die Bundesländer zuständig, die auch über die Einordnung von Gemeinden in einer Zentrenhierarchie entscheiden (vgl. Kost/Wehling 2003).

Die Stadt im Mittelalter

Im Mittelalter stellten die Städte eine besondere ökonomische und politische Einheit dar, sie hatten, wenn ihnen das Stadtrecht verliehen worden war, besondere Befugnisse: Sie konnten Zölle und Steuern erheben, eine eigene Rechtsprechung entwickeln und über ihre Angelegenheiten selbstständig entscheiden. Sie waren insofern "frei" bzw. selbstständig und repräsentierten damit im Deutschen Reich eine ganz andere politische und gesellschaftliche Ordnung als das sie umgebenden feudalistisch strukturierten Land – daraus ergab sich der Stadt-Land-Gegensatz. Die Städte waren durch Stadtmauern genau abgegrenzt, und ihre Bürger waren insofern freie Bürger, als es in den Städten keine Leibeigenschaft gab. Sie waren als Genossenschaften der Bewohner organisiert, die über Haus-und Grundbesitz verfügten, und sie hatten eine gewählte politische Führung. An die Grundherren mussten sie regelmäßige Abgaben bezahlen, was regelmäßig Anlass für erhebliche Konflikte war. Manche Städte erkämpften sich daher durch revolutionäre Erhebungen eine volle Unabhängigkeit, sie wurden zu ›freien Reichsstädten‹, die gleichsam eigene kleine Staaten darstellten.

In den Städten entstand der Kapitalismus, gekennzeichnet durch den Handel und die frühen Formen von Lohnarbeit. Politisch wurden sie durch eine Oligarchie, bestehend aus den Besitzbürgern, regiert. Auch in den Städten gab es klare Standesgrenzen, aber die Zugehörigkeit war – und das ist der entscheidende Unterschied zum "Land" – nicht durch Geburt geregelt. In den Städten war sozialer Aufstieg durch materiellen Erfolg oder durch Bildung möglich. Das Verhältnis zwischen Stadt und Land war durch eine Arbeitsteilung zwischen "Kopf" und "Hand" geprägt.

Die städtische Sozialordnung

Zwar war auch die städtische Sozialordnung weitgehend durch die Zugehörigkeit zu einer großen Familie geprägt, aber die Zünfte und die Stadtverwaltungen begannen bereits früh mit dem Aufbau einer sozialen Infrastruktur, die auch ein Überleben jenseits der Familie, insbesondere bei Armut, Krankheit und im Alter ermöglichten. Die Städte bildeten insofern Vorformen des modernen Sozialstaates aus – in deren Genuss allerdings nur so genannte "ehrbare" Bürger kamen, die unverschuldet in Not geraten waren. Mittellose Zuwanderer und Bettler wurden dagegen teilweise drakonisch verfolgt.

Die Zugehörigkeit zur Stadt schuf aber auch eine spezifische Identifikation, denn die Städte unterhielten eine kollektive Infrastruktur und waren Wehrgemeinschaften, d. h. die individuelle Freiheit hing auch von der gemeinschaftlichen Fähigkeit zur Verteidigung bei Angriffen durch umherziehende Räuberbanden oder feindliche Militäreinheiten ab. Städte waren insofern durchaus Gemeinschaften, in die trotz gewaltiger sozialer Unterschiede das individuelle Wohlergehen eingebettet war.

Mit der Entstehung der Flächenstaaten in der frühen Neuzeit wurden die Städte in die neu organisierten Herrschaftsbereiche eingegliedert, sie verloren damit ihre Selbstständigkeit weitgehend. Als Knotenpunkte ökonomischer Entwicklung erhielten sie jedoch auch während der im 19. Jahrhundert beginnenden Industrialisierung eine besondere Bedeutung. Die Industrialisierung vollzog sich weitgehend im damals bestehenden Städtenetz – zunächst als eine weitere Verdichtung der Bebauung, und dann als ein rasantes Wachstum an ihren Rändern. Städte wurden dadurch zu Zentren des ökonomischen und des Bevölkerungswachstums. Lediglich in den Regionen, wo Kohle und Erz als Rohstoff für die Industrialisierung abgebaut wurden und eine Eisen-und Stahlindustrie entstand, bildeten sich im 19. Jahrhundert ganz neue Städte (z. B. im Ruhrgebiet; vgl. Reulecke 1985).