Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Johannes Berger

Einleitung

Der Lebensstandard und die Lebenschancen der Bevölkerung eines abgrenzbaren Gebiets werden im Wesentlichen von zwei Sachverhalten geprägt: dem Niveau der Produktion von Gütern und Diensten aller Art einerseits und der Regelung des Zugangs zu diesen Gütern und Diensten andererseits.

Keinem anderen Faktor kommt im Blick auf den Lebensstandard und die Lebenschancen der Bewohner des Landes eine größere Bedeutung zu. Jedenfalls gilt dies für Friedenszeiten. Es ist daher unerlässlich, sich eine genaue Vorstellung von der Ordnung der Wirtschaft zu verschaffen. Das bisher erreichte Niveau, die weitere wirtschaftliche Entwicklung, vor allem aber die Allokation (Zuteilung) knapper Ressourcen zu Betrieben einerseits, die Verteilung der jährlichen Ergebnisse der Volkswirtschaft auf soziale Gruppen andererseits sind fundamental davon bestimmt, wie dieses so zentrale Feld menschlicher Aktivitäten geordnet ist. Ein Blick auf die jüngere Wirtschaftsgeschichte reicht aus, dieses Urteil zu bestätigen. Am Beginn dieses Überblicks über die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland steht daher die Analyse ihrer 1948 etablierten Ordnung (Abschnitt "Soziale Marktwirtschaft"). Unter der Ordnung der Wirtschaft ist eine Kombination basaler Strukturen sowie elementarer Regeln zu verstehen, die das Wirtschaftsspiel normieren. Die faktischen Abläufe können von diesem Normenbestand mehr oder weniger abweichen. Die Verfassung der Wirtschaft ist jedoch keine Konstante, sondern unterliegt Kräften des geschichtlichen Wandels. Immer steht die Frage im Raum, ob dieser Wandel den Kern der Ordnung selbst verändert oder nur eine Variation des Grundmusters bedeutet, ohne diesen Kern wirklich zu tangieren.

Auf die Analyse des Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft folgt die Schilderung der wirtschaftlichen Entwicklung seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Ihr hervorstechendes Merkmal ist die immense Ausdehnung der Reichtumsproduktion. In Abschnitt 4 geht es um die materiellen und institutionellen Voraussetzungen des wirtschaftlichen Erfolgs und danach (5) um die wichtigsten wirtschaftspolitischen Kontroversen, die auf die weitere Gestaltung der Wirtschaftsordnung einen erheblichen Einfluss ausgeübt haben: die Frage nach der "richtigen" Wirtschaftspolitik und die Frage nach dem »richtigen« Verhältnis von Markt und Staat. Im Zusammenhang dieses Abschnitts wird auch die Frage aufgegriffen, ob die Soziale Marktwirtschaft, welche die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik so entscheidend geprägt hat, sich mittlerweile auf der Verliererstraße befindet. Die weitere Frage, wie stark die Wirtschaft der Bundesrepublik von strikt marktwirtschaftlichen Prinzipien durchdrungen ist, wird in einem eigenen Abschnitt (6) behandelt. Abschließend werden die wichtigsten Probleme skizziert, mit denen die Wirtschaft der Bundesrepublik in naher Zukunft konfrontiert sein wird (7). Dabei sind drei Probleme vorrangig: die Bewältigung der jüngsten Finanzkrise, die Beherrschung der Staatsverschuldung und die Sicherung der produktiven Basis der Wirtschaft.