Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.
1 | 2

Die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland


31.5.2012
Nach den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten hat sich ein schnelles Wachstum vollzogen. Das Wirtschaftswachstum ist immer wieder von konjunkturellen Auf- und Abschwüngen geprägt. Zum gravierendsten Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik kam es erst in jüngster Vergangenheit. Die globale Finanzkrise verursachte den massiven Rückgang des Sozialprodukts im Jahre 2009.

Das schnelle Wachstum in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten

Auch aus dem Abstand von sechzig Jahren seit Gründung der Bundesrepublik nimmt sich ihre wirtschaftliche Entwicklung immer noch wie ein Wunder aus. Aus einem vom Krieg zerstörten Land ist in relativ kurzer Zeit eines der reichsten Länder der Erde geworden. [1] Dieser Erfolg war der Wirtschaft keineswegs in die Wiege gelegt. Es hätte durchaus auch anders kommen können, denkt man z. B. nur an den Morgenthau Plan, der die Deindustrialisierung Deutschlands und seine Umwandlung in ein Agrarland vorsah oder an den wirtschaftlichen Ruin all der Länder Europas, denen nach dem Krieg eine sozialistische Wirtschaftsordnung aufgezwungen wurde. 1950 belief sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) (ohne Saarland und Berlin) auf 97 Mrd. DM (in Preisen von 1991 entspricht das 218,17 Mrd. Euro). Das BIP pro Kopf der Bevölkerung (und pro Jahr!) betrug nominal gerade einmal 1059 Euro (Statistisches Bundesamt 2007: Volkswirtschaftliche Gesamtrechungen, Tabelle 1). [2] Schon nach wenigen Jahren war dann das Vorkriegsniveau wieder erreicht. Zehn Jahre später (1960) war das BIP preisbereinigt bereits um etwa das 2,2 fache auf rund 481Mrd. Euro (ohne Saarland und Berlin) angewachsen, umgerechnet auf die Bevölkerung hatte es sich verdoppelt. Die durchschnittliche Wachstumsrate in diesem ersten Jahrzehnt betrug 8,2 Prozent. Danach verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum von Periode zu Periode, aber bis auf wenige Krisenjahre war es ein sozusagen treuer Begleiter der Wirtschaft. 1970 belief sich das BIP (in Preisen von 1991, inklusive Saarland und Berlin) bereits auf 789 Mrd. Euro; damit wuchs es im zweiten Jahrzehnt der westdeutschen Wirtschaftsgeschichte noch einmal um das gut anderthalbfache seines Werts von 1960 an.

Die Verlangsamung des Wachstums ab den 1970er-Jahren

In den beiden nachfolgenden Jahrzehnten wuchs die Wirtschaft zwar nicht mehr so rasch wie bisher, aber gleichwohl bleibt die Expansion des Sozialprodukts pro Kopf ein auffälliges Merkmal der wirtschaftlichen Entwicklung. Das Gleiche gilt für die Zeit nach der Wiedervereinigung, auch wenn sich das Wachstumtempo nochmals verlangsamte. Über den gesamten Zeitraum von Gründung der Bundesrepublik bis zur Gegenwart gerechnet betrug die Wachstumsrate des realen BIP 3,6 %, pro Kopf der Bevölkerung ca. 2,8 Prozent, ein sowohl im historischen Vergleich als auch im Ländervergleich herausragender Wert. Eine solche Rate über sechzig Jahre hochgerechnet bedeutet, dass sich das reale BIP pro Kopf in diesem Zeitraum mehr als verfünffacht. Was einmal "Proletarität" (Subsistenzlöhne, lange Arbeitszeiten, erhebliche Existenzunsicherheit) hieß, hat sich im Verlauf der wirtschaftlichen Expansion teils verflüchtigt, teils in Nischen zurückgezogen. Die Auswirkungen auf die Selbstwahrnehmung der gesellschaftlichen Gruppen im allgemeinen, auf das Arbeiterbewusstsein im besonderen können schwerlich überschätzt werden. Dieses Wachstum hat die Bundesrepublik auch kulturell tiefgreifender geprägt als etwa das immer wieder beschworene Jahr 1968. Ohne dieses Wachstum und die durch es eingeleitete Umwälzung aller gewohnten Lebensverhältnisse wäre es zu der Kulturrevolution von 1968 wohl gar nicht gekommen.

Spätestens seit der Wiedervereinigung ist jedoch das westdeutsche Erfolgsmodell einer den Weltmarkt beliefernden Hochlohnwirtschaft, die zugleich genügend Mittel erwirtschaftet um alle, die keinen Arbeitsplatz finden, relativ komfortabel zu alimentieren, unter Druck geraten. Problematisch an diesem Modell ist nicht die Belieferung des Weltmarkts mit Qualitätsprodukten, sondern das in der Rentenreform von 1957 zementierte Prinzip, die soziale Sicherung durch Aufschläge auf die Lohnkosten zu finanzieren. [3] Die Aufnahmefähigkeit des Hochlohnsektors wird von der Absetzbarkeit seiner Waren auf dem Weltmarkt begrenzt. Wenn das Arbeitskräfteangebot aufgrund der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen, einer unkontrollierten Zuwanderung und der mit der Wiedervereinigung verbundenen geographischen Ausdehnung des Wirtschaftsgebiets steigt und gleichzeitig die Expansion des Hochlohnsektors an Grenzen stößt, bleibt kein anderer Ausweg als die sukzessive Ausdehnung eines Niedriglohnsektors (vgl. Kap. "Soziale Ungleichheit" und Kap. "Arbeitsmarkt"). Die in diesem Sektor gezahlten Löhne bilden eine Obergrenze für dem Lohnabstandsgebot gehorchende Transferzahlungen an Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger.

Unstetes Wachstum

Das Wachstum der Wirtschaft verlief nicht stetig, sondern war von konjunkturellen Auf- und Abschwüngen geprägt, mit den Jahren 1967, 1975, 1982, 1993 und 2003 als den jeweiligen konjunkturellen Tiefpunkten. Zum gravierendsten Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik kam es erst in jüngster Vergangenheit. Das reale BIP schrumpfte 2009 um 5 %, (wuchs aber bereits in 2010 wieder um erstaunliche 3,6 %). Der massive Rückgang des Sozialprodukts 2009 war die realwirtschaftliche Folge einer globalen Finanzkrise, wie sie die Welt seit den 1930er-Jahren nicht mehr erlebt hat. Die schnelle Erholung 2010 hat sicher auch damit zu tun, dass die Krise von den Unternehmen dazu benutzt wurde, sich auf den nächsten Aufschwung vorzubereiten. Sie zeigt, dass auch eine "reife" Wirtschaft noch in der Lage ist, zu expandieren. Eine wachsende Wirtschaft bedeutet, dass im Durchschnitt die Wohnbevölkerung immer mehr Güter und Dienste konsumieren kann. Aber nicht nur der private Konsum nimmt zu, sondern vor allem auch der staatliche oder öffentliche Konsum. Aus dem wachsenden Sozialprodukt können mehr Schulen, Universitäten, Verkehrswege, Krankenhäuser, öffentliche Parks und auch Einrichtungen zum Umweltschutz, wie z. B. Kläranlagen gebaut oder errichtet werden. Alles das erhöht den Lebensstandard der Bevölkerung. Kritiker dieses Wachstums verweisen auf die schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Zerstörung der menschlichen Gemeinschaft, die Fixierung auf den Konsum von immer mehr Gütern und auch darauf, dass die Einkommen nicht nur ungleich verteilt sind, sondern dass diese Ungleichheit immer weiter zunehme. Soweit diese Einwände zutreffen – die zu diskutieren hier nicht der Platz ist – implizieren sie eine Einschränkung der individuellen und gesellschaftlichen Wohlfahrt. Aber das insgesamt positive Bild einer enormen Reichtumsausdehnung vermögen sie nicht so sehr abzuändern, dass die negativen Effekte überwiegen. Man muss sich z. B. nur einmal am Beispiel der Wohnverhältnisse klar machen, welcher Abstand im Lebensstandard zwischen der Vorkriegszeit sowie der unmittelbaren Nachkriegszeit und den heute herrschenden Zuständen besteht. Nicht nur sind die Wohnungen viel größer geworden (gemessen in qm pro Person), sie sind auch wesentlich besser ausgestattet als vor und unmittelbar nach dem Weltkrieg. Die Zentralheizung hat die Kohleöfen (und das damit verbundene Kohleschleppen) verdrängt, fließend warmes und kaltes Wasser ist zum Standard geworden, die Toilette liegt nicht mehr über den Flur usw.

Die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die wirtschaftliche Entwicklung

So erfolgreich die wirtschaftliche Entwicklung auch war, die "Erfolgsrate" hat von Periode zu Periode abgenommen. Noch im letzten Jahrzehnt vor der Wiedervereinigung belief sich die Wachstumsrate des realen BIP auf durchschnittlich 2,6 %, ein auch international beachtlicher Wert (zum Vergleich: das BIP der USA als die wirtschaftlich fortgeschrittensten Nation der Welt wuchs preisbereinigt zwischen 1947 und 2010 jährlich um 3,3 %). Seit der deutschen Einigung hat sich das wirtschaftliche Wachstum weiter abgeschwächt. Damit schrumpfen auch die Möglichkeiten, den Zuwachs des Sozialprodukts verteilungspolitisch zu instrumentralisieren. Diesen neuerlichen Rückgang des Wachstums im Verbund mit dem Anstieg der Einkommensungleichheit halten Fuchs- Schündeln u. a. (2010: 127) für so gewichtig, dass sie "zwei Deutschlands" unterscheiden: "The data tell a tale of two different countries, one that existed in the West prior to reunification, and post-reunification Germany." [4]

Die zwiespältigen Folgen der deutschen Wiedervereinigung

Auch wenn die ökonomisch besseren Zeiten vor der Wiedervereinigung vorbei sein mögen, die Vereinigung selbst war für die westdeutsche Wirtschaft keineswegs nur nachteilig. Die ostdeutsche Konkurrenz wurde praktisch weggefegt und die »Beitrittsgebiete« wurden zum Absatzgebiet westdeutscher Waren gemacht. Zwei Faktoren kamen zusammen, um dieses Ergebnis zu bewirken: die politisch wohl unvermeidliche, ökonomisch aber desaströse Währungsunion mit einem Wechselkurs von 1:1 von Mark der DDR und Deutscher Mark, die der ostdeutschen Wirtschaft angesichts ihrer viel geringeren Produktivität kaum eine Überlebenschance ließ, sowie eine auch von der westdeutschen Konkurrenz der Treuhandfirmen vorangetriebene Lohnsteigerung, die weit jenseits der Leistungsfähigkeit dieser Firmen lag. Nach zwanzig Jahren deutscher Einheit hat sich die ostdeutsche Wirtschaft aber von diesem Schock erholt und ist auf vielen Gebieten konkurrenzfähig geworden (Burda 2010). Die Lebensverhältnisse in Ost und West haben sich angeglichen (vgl. Krause/Ostner 2010). Besucher der ostdeutschen Innenstädte, die vielerorts zu Schmuckstücken geworden sind, könnten leicht den Eindruck gewinnen, dass der bedürftigere Teil nicht der Osten, sondern der Westen ist. Finanziert wurde der "Aufbau Ost" genauso wie der ostdeutsche Konsum durch Transfers aus dem Westen in einer Größenordnung, die historisch einmalig ist. [5] Nicht zuletzt aufgrund dieser Transfers haben sich die realen Pro-Kopf Einkommen Ostdeutschlands dem Niveau Westdeutschlands angenähert. Statistisch gesehen belaufen sie sich zwar nur auf ca. 80 % des Niveaus im alten Westen, aber diese Differenz verschwindet, wenn man die regionalen Preisdifferenzen in Rechnung stellt. Trotzdem kann nicht davon die Rede sein, dass die westdeutsche und die ostdeutsche Wirtschaft konvergierten. Dies wäre erst dann der Fall, wenn die ostdeutsche Wirtschaft sukzessive den Produktivitätsabstand zum Westen abbaute. Tatsächlich bleibt die Produktivität Ostdeutschlands aber bei ungefähr drei Viertel des Westniveaus stehen.(Burda 2010: 27)

Der wirtschaftliche Strukturwandel

Von ähnlicher Bedeutung wie die entschiedene Verbesserung der materiellen Lebenslage der Bevölkerung erst in der alten Bundesrepublik, dann auch in Ostdeutschland ist der wirtschaftliche Strukturwandel gewesen. 1950 arbeiteten noch knapp 25 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei. Schon 1960 waren es nur noch knapp 14 %, 1990 nur noch 3,5 % . Sowohl gemessen an dem Anteil der Beschäftigen (2009 etwas mehr als 2 %) als auch nach dem Beitrag zum Sozialprodukt (unter 1 %) ist der primäre Sektor mittlerweile eine gesamtwirtschaftlich zu vernachlässigenden Größe. Das gilt jedoch nicht für die Bedeutung, die der primäre Sektor in der Politik und der öffentlichen Wahrnehmung hat. Dort dominiert die Vorstellung, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln vollständig von den Erzeugnissen der Landwirtschaft abhängt und es der Bevölkerung um so besser geht, je leistungsfähiger die Landwirtschaft ist. Die Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft seit 1950 stellt sogar noch die Steigerung in der Industrie in den Schatten. Im Verlauf dieser Entwicklung hat sich die Landwirtschaft zu einer Art Industrie unter freiem Himmel entwickelt. Der Umbruch im bäuerlichen Leben, den dieser Produktivitätssprung impliziert, hätte kaum größer ausfallen können.

Deutschland auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft

Der Gewinner des strukturellen Wandels war eindeutig der Sektor Dienstleistungen. Mit einem Anteil von 32,5 % der Beschäftigten 1950, knapp 60 % im letzten Jahr der alten Bundesrepublik und 73 % im Jahr 2009 ist auch die deutsche Wirtschaft den Weg in die Dienstleistungsgesellschaft gegangen. Nach der sog. Drei-Sektoren-Theorie durchlaufen alle modernen Industriegesellschaften nach einem Stadium, in dem die Landwirtschaft dominant ist, zunächst ein zweites Stadium, in dem der industrielle Sektor die Vorherrschaft hat. Die Entwicklung endet mit der Dominanz des Dienstleistungssektors. Die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland weicht von diesem Muster insofern ab, als die Industrie zwar auch Prozentanteile am Sozialprodukt abgegeben hat, aber in Deutschland auf einem im internationalen Vergleich hohen Niveau verharrt. Im Jahr 2009 beschäftigt das produzierende Gewerbe (einschließlich des Bausektors) noch knapp 25 % der Erwerbstätigen (nach fast 43 % 1950). Einer der Gründe, warum Deutschland schneller aus der jüngsten Krise herausfindet als z. B. Großbritannien, ist darin zu suchen, dass hier die Tertiarisierung anders als in Großbritannien nicht gleichbedeutend mit flächendeckender Deindustrialisierung war.

Die Entwicklung des Arbeitsmarktes

Weniger erfreulich stellt sich die wirtschaftliche Entwicklung aus der Sicht des Arbeitsmarkts dar (vgl. dazu Kap. "Arbeitsmarkt"). Im Ausgangsjahr 1950 betrug die Arbeitslosigkeit 11 % der abhängig Erwerbstätigen. Im darauf folgenden Jahrzehnt wurde sie bis auf einen Restbestand von 154.000 Arbeitslosen (1962) abgebaut. Damit herrschte nicht nur Vollbeschäftigung in der üblichen Definition der Arbeitsmarktforschung (bereits bei einer Arbeitslosigkeit von 3 Prozent der Beschäftigten wird von Vollbeschäftigung gesprochen), sondern der Arbeitsmarkt war praktisch leergefegt. Die Entwicklung seit Mitte der 70er-Jahre ist dann von einem stufenweisen Anstieg der Arbeitslosigkeit von einem Konjunkturzyklus zum nächsten gekennzeichnet. Der Anstieg im Verlauf des Rückgangs der Konjunktur wurde nicht mehr wettgemacht durch einen parallelen Abbau der Arbeitslosigkeit im nächsten Aufschwung. Weil auch z. B. Frankreich und Italien sowie weitere Volkswirtschaften Europas trotz beträchtlicher Heterogenität der Arbeitslosenraten dieses treppenförmige Verlaufsmuster zeigen, spricht die Forschung von "European Unemployment" (z. B. Nickell 1997, Blanchard 2006) und kontrastiert dieses Muster mit der konjunkturellen Schwankung um einen Mittelwert als dem für die USA typischen Muster. Die Arbeitslosigkeit erreichte ihren numerischen Höhepunkt 2005 mit 4,86 Millionen Arbeitslosen. Die Arbeitslosenquote in diesem Jahr betrug (trotz neuer Zählart) 13 % und übertraf damit die Quote des Ausgangsjahres 1950. Allerdings ist die Zahl der Arbeitslosen seitdem wieder im Abnehmen begriffen; im Herbst 2010 war diese Zahl auf rund drei Millionen abgesunken. Es wäre daher voreilig, aus dem treppenförmigen Anstieg der Arbeitslosigkeit seit den 1970er-Jahren auf einen ständigen und unvermeidlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit auch in der Zukunft als unvermeidlicher Begleiterscheinung einer kapitalistischen Wirtschaft (Marx: das Anschwellen der industriellen Reservearmee) zu schließen.

Kein Ende der Arbeitsgesellschaft

Auch die in Deutschland so beliebte These vom "Ende der Arbeitsgesellschaft" wird von den Daten nicht bestätigt. Zwar ist das Arbeitsvolumen (die Zahl der Arbeitsstunden in der Gesamtwirtschaft) tendenziell immer weiter abgeschmolzen, aber die Beschäftigung ist z. B. im letzten Jahrzehnt wieder gestiegen. Der Rückgang des Arbeitsvolumens hat in Deutschland nicht in gleichem Maß zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt, sondern zu einer Zunahme der freien Zeit pro Beschäftigen. Ordnet man die Länder nach dem Grad dieser Befreiung von der Arbeit, dann ist Deutschland mit nur noch gut 1.600 Stunden, die jeder Beschäftigte im Jahr durchschnittlich arbeitet, auf einem der vordersten Plätzen zu finden. Die Deutschen lassen sich die Produktivitätssteigerung der Wirtschaft zu einem erheblichen Teil nicht in der Form von Einkommenssteigerungen ausbezahlen, sondern in der Form des Gewinns an freier Zeit. Dieser Zugewinn ist eine zentrale Komponente des wirtschaftlichen Fortschritts der letzten Jahrzehnte. Addiert man ihn zu den Einkommenssteigerungen hinzu, dann verschwindet sogar der ansonsten auffällige Einkommensabstand zu den USA, deren Arbeitsbevölkerung ca. 200 Stunden im Jahr länger arbeitet als die deutsche.

Die Entwicklung der Einkommen

Die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter sind wie das BIP pro Kopf seit Bestehen der Bundesrepublik kontinuierlich gestiegen, seit Mitte der neunziger Jahre allerdings stark verlangsamt. Auch die durchschnittlichen Nettolöhne- und -gehälter sind seit der Wiedervereinigung weiterhin angestiegen. Allerdings sind sie, anders als in der "alten" Bundesrepublik, im Zeitraum von 1991 bis 2010 u. a. wegen der Zunahme von Teilzeitarbeit, geringfügiger Beschäftigung etc. in "realer" Betrachtung gesunken. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen der seit zwei Jahrzehnten wieder zunehmenden Einkommensungleichheit nicht alle Schichten der Bevölkerung an der wirtschaftlichen Entwicklung gleichmäßig teilhaben (vgl. dazu Kap. "Soziale Ungleichheit"). Aussagen über die Größe der Einkommensungleichheit hängen allerdings von vielen methodischen Vorentscheidungen ab, so etwa der Definition des Einkommens (z. B. brutto oder netto, Stundenlohn, jährliches Gehalt oder Lebenszeiteinkommen), der Wahl des zeitlichen Bezugsrahmens (seit 1950 oder später), der Wahl der Einkommenseinheit (Haushalt oder Individuum) usw. Auch bei der Entscheidung für die Messgröße der Einkommensungleichheit (z. B. Gini, Theil oder Atkinson) bestehen Alternativen. Hält man alle damit verbunden Probleme für gelöst, dann findet die meiste Unterstützung durch die Daten wahrscheinlich eine Skizze der Entwicklung, wonach die Einkommensungleichheit bis in die 80er-Jahre tendenziell abnahm und sie danach vor allem in den 90er-Jahren merklich anstieg. Es fällt auf, dass die Ungleichheit der Haushaltsbruttoeinkommen deutlich höher ist als die der Nettoeinkommen. Darin kommt zum Ausdruck, dass der Sozialstaat in Deutschland, anders als vielfach vermutet, keine Illusion ist, sondern in die Einkommensverhältnisse deutlich korrigierend eingreift. Über die Ursachen der wieder steigenden Einkommensungleichheit sagt der Befund ihres Anstiegs selbst nichts aus. Bei aller Kritik an der zunehmenden Einkommensungleichheit sollte jedoch im Auge behalten werden, dass steigende Ungleichheit nicht zwangsläufig sinkende Wohlfahrt bedeutet, wenn gleichzeitig der Mittelwert der Einkommen ansteigt.

1 | 2
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Ausweislich des Human Development Index der Vereinten Nationen (einem Maß, in das außer dem Sozialprodukt pro Kopf auch die Lebenserwartung bei der Geburt, die Schuljahre sowie die Lese-und Schreibfähigkeit eingehen) rangiert die Bundesrepublik 2007 auf Platz 22 einer »Weltrangliste«, die von Norwegen angeführt wird. Im ersten Bericht von 1990, der noch getrennte Daten für die DDR und die Bundesrepublik ausweist, rangiert die Bundesrepublik auf Platz 12 (und Japan auf Platz 1).
2.
Trotz der anhaltenden Kritik am (realen) BIP-pro-Kopf als Reichtumsmaß ist es der bis heute in der internationalen Forschung geläufigste Indikator der wirtschaftlichen Entwicklung. Zwar gehen in dieses Maß nur Leistungen ein, die am Markt gehandelt werden (und damit auch solche, die (wie die Reparatur von Umweltschäden) gar keinen Beitrag zur Steigerung der Wohlfahrt leisten, aber mangels eines Ersatzes kann bis auf absehbare Zeit auf diesen Indikator schwerlich verzichtet werden.
3.
Die steigende Altenquote und die Einbeziehung von Personengruppen in das Sozialsystem, die nicht zuvor zu seiner Finanzierung beitrugen, haben der dynamischen Rente den Todesstoß versetzt. In der mit dem Namen des Arbeitsministers Riester verbundenen Reform von 2001 und der Einführung eines demographischen Faktors 2004 wurden sowohl das Ziel der Lebensstandardsicherung als auch das Prinzip der Teilhabe der an der Einkommensentwicklung preisgegeben. Diese Reformen haben aber den Sozialstaat vor dem vorzeitigen Kollaps bewahrt. Die Einführung der Pflegeversicherung in der letzten Amtszeit von Helmut Kohl folgte noch einmal dem bekannten Muster, obwohl Pflegebedürftigkeit im Alter nichts mit dem Arbeitsverhältnis zu tun hat.
4.
Zu einem ähnlichen Urteil aus sozialpolitischer Sicht gelangt Ritter (2006). Die Übertragung des westdeutschen Sozialsystems auf die neuen Bundesländer hat zu einem rapiden Anstieg der Staatsschulden geführt und die Krise des Sozialstaats verschärft.
5.
Verlässliche Schätzungen der Kosten der Einheit hängen von einer Vielzahl methodischer Annahmen ab, aber die Summe von 1,3 Billionen Euro ist wohl nicht zu hoch gegriffen.