Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Verstädterung


31.5.2012
Die Phase der Verstädterung begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Städte, in denen sich die Industrie entwickelte, wuchsen explosionsartig. Aus den "Bürgerstädten" wurden Einwohnerstädte. Somit galt das Wohnen in der Stadt fortan nicht mehr als politisches Privileg.

Mit der Verstädterung im Zuge der Industrialisierung lösten sich die lokalen Gemeinschaften auf. Die lokale Ökonomie war nun zunehmend überregional und sogar international verflochten, und die Bürgerlichkeit der Städte wurde durch den Zuzug einer ungebildeten, "rohen" Masse vom Lande aufgebrochen.

Bis zum Ende des Mittelalters hatten etwa 3 000 Orte im Deutschen Reich das Stadtrecht verliehen bekommen. 90 – 95 % von ihnen hatten weniger als 2 000 Einwohner, die durchschnittliche Einwohnerzahl lag bei 400. Viele dieser Städte waren noch Agrarstädte in dem Sinne, dass sich der überwiegende Teil der Bevölkerung durch Landwirtschaft selbst versorgte. Aber es gab auch schon große Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern, die an Schnittpunkten von überregionalen Handelswegen lagen. Köln war mit 40 000 Einwohnern im 14. Jahrhundert die größte deutsche Stadt. Während des 30-jährigen Kriegs verschwanden rund 20 % aller Siedlungen von der Landkarte, Pestepidemien dezimierten die städtische Bevölkerung immer wieder.

Das rasante Wachstum der Städte im 19. Jahrhundert

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerungszahl der Städte vor allem aus dem Bevölkerungszuwachs auf dem Lande, wo zum Beginn dieses Jahrhunderts die Leibeigenschaft abgeschafft und Freizügigkeit gewährt worden war. Die Städte wurden damit zum Zielort umfangreicher Wanderungsbewegungen der auf dem Lande "überflüssig" gewordenen Bewohner, wo vielen durch die "Bauernbefreiung" die Existenzgrundlage entzogen worden war. Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt die Phase der Verstädterung, d. h. dass der Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung schneller wuchs als der der Landbevölkerung. Die Städte, in denen sich die Industrie entwickelte, wuchsen explosionsartig. Der Anteil der Stadtbevölkerung im Deutschen Reich wuchs zwischen 1871 und 1910 von 36 % auf 60 %, der Anteil der Großstadtbevölkerung von 4,8 % auf 21,3 % (Reulecke 1985: 202). Die Mauern wurden geschliffen und die Städte dehnten sich in das Umland aus. Aus den "Bürgerstädten" wurden Einwohnerstädte, in der Stadt zu wohnen war fortan kein politisches Privileg mehr. Zunächst konnten die besitzenden Bürger durch das Drei-Klassen-Wahlrecht ihren Einfluss noch weit gehend sichern, aber nach der Demokratisierung mit dem Beginn der Weimarer Republik wurde das allgemeine, freie Wahlrecht eingeführt, in den Städten konkurrierten nun die politischen Parteien um die Macht.

Die Stadt zwischen Autonomie und staatlicher Abhängigkeit

Bis heute wird aber das "Selbstverwaltungsrecht" von Städten und Gemeinden hochgehalten, sie sind im staatsrechtlichen Sinne keine staatliche Einrichtung, sondern Körperschaften des öffentlichen Rechts, die "unterhalb" der staatlichen Ebene agieren und in gewisser Weise einen Fremdkörper im Staatsaufbau darstellen. Nach dem Grundgesetz ist ihnen die Regelung der "örtlichen Angelegenheiten" überlassen, aber über ihre Aufgaben und Kompetenzen und über ihre finanzielle Ausstattung wird durch den Bund und die Länder entschieden. Alle wichtigen Planungs-und Investitionsentscheidungen unterliegen dem Genehmigungsvorbehalt durch die Bundesländer, und Bundesgesetze regeln die Pflichten der Stadtverwaltungen. Welche "freiwilligen Aufgaben" die Städte in eigener Entscheidung wahrnehmen können, hängt von ihren finanziellen Ressourcen ab, deren Umfang einerseits durch die Abgaben der lokalen Ökonomie, überwiegend aber durch den Steuerverbund von Gemeinden, Ländern und Bund bestimmt sind, an dessen Ausgestaltung die Städte formell nicht einmal beteiligt sind (vgl. Jungfer 2005 und Bogumil/Holtkamp 2006).



 
VerstädterungSoziale Probleme

Verstädterung

1950 lebte nicht einmal ein Drittel der Weltbevölkerung in Städten, seit 2007 ist es mehr als die Hälfte. Nach Berechnungen der UN werden es 2050 zwei Drittel sein. Im Jahr 2015 lebten weltweit vier Milliarden Menschen in Städten, davon rund ein Fünftel in einer der 73 Städte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern. Weiter... 

Wohnblock in BerlinDossier

Stadt und Gesellschaft

Städte sind die Kristallisationspunkte des gesellschaftlichen Wandels. Das Dossier schildert aktuelle Tendenzen sowie Ursachen und Folgen der Stadtentwicklung in Deutschland. Es stellt stadtpolitische Steuerungsversuche vor, mit denen auf die Probleme der Städte reagiert wird. Weiter...