Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Ursachen des wirtschaftlichen Erfolgs


31.5.2012
Was sind die Ursachen des wirtschaftlichen Erfolgs? Auf der Suche nach einer Antwort lassen sich verschiedene Ansätze in der Forschung finden. Ein wichtiger Meilenstein ist die Gründung einer Europäischen Währungsunion zu nennen. Sie hat der Exportorientierung der deutschen Wirtschaft zweifellos einen weiteren Schub gegeben.

Die Frage nach den Ursachen des Wirtschaftswachstums stellt sich entweder für den gesamten Zeitraum oder für spezifische Abschnitte. Besonders die Periode von 1950 bis 1975 mit ihren im historischen Vergleich exzeptionell hohen Wachstumsraten verlangt nach einer Erklärung. In der Forschung wird diese Periode das "goldene Zeitalter des Kapitalismus" genannt. Manche Autoren (z. B. Crafts/Toniolo 2008) untergliedern den Zeitraum danach noch einmal in zwei Phasen, wobei die zweite ab den 90er-Jahren als das Zeitalter des Internet und der neuen Kommunikationstechnologien besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber auch bei der Gliederung in drei Abschnitte markiert das Jahr 1975 einen Epochenbruch.

Besondere historische Umstände

Die einfachste Erklärung für den raschen Anstieg des Sozialprodukts in den ersten Nachkriegsjahren bezieht sich auf akzidentelle Umstände. Dazu gehört der Sachverhalt, dass die kriegsbedingten Zerstörungen der Industrieanlagen nicht so massiv waren, wie zunächst vermutet, und dass die Produktionsstätten weniger hart betroffen waren als die Wohngebiete der großen Städte. Demnach genügten vergleichsweise geringe Aufwendungen, um die Produktion wieder in Gang zu bringen. Als akzidentell in diesem Sinne kann man auch die Zuwanderung der Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten ansehen (bis 1950 8 Millionen, ohne DDR Flüchtlinge), die der Wirtschaft ein riesiges Potential gut ausgebildeter Arbeitskräfte zur Verfügung stellte und die gleichzeitig auf Lohnforderungen dämpfend wirkte. In dem Maße, in dem diese Sonderbedingungen wegfielen, ging dann das Wachstum wieder auf sein Normalniveau zurück.

Die rasche Integration in den Weltmarkt

Diese Sonderfaktoren haben sicherlich ihren Beitrag zu dem raschen Wiederaufbau geleistet. Aber den wirtschaftlichen Erfolg des ersten Jahrzehnts der Nachkriegszeit gänzlich auf ihn zurückzuführen wäre schon deswegen verfehlt, weil das "goldene Zeitalter" auch für andere westliche Industrienationen angebrochen war, deren Industrieanlagen weniger oder gar nicht zerstört waren und die nicht auf das Arbeitskräftepotential aus den deutschen Ostgebieten zurückgreifen konnten. Schon dieses Faktum allein motiviert dazu, nach Ursachen zu suchen, die allgemeinere Geltung haben. In der Forschung wird zwischen "unmittelbaren" und tiefer liegenden (mittelbaren) Ursachen unterschieden. Die wichtigste tiefer liegende Ursache ist die Wirtschaftsordnung, Sieht man sich zunächst nach unmittelbaren Ursachen um, dann kommt ein Erklärungsmuster ins Spiel, das nicht für Deutschland allein, sondern für alle rückständigen Nationen Geltung beansprucht. Nach diesem Muster beruht der Aufstieg rückständiger Nationen (und Deutschland war 1950 rückständig) im wesentlichen auf drei Faktoren: einer Kapitalintensität, die geringer ist als in dem führenden Land (in der Nachkriegszeit die USA), der Öffnung gegenüber dem Weltmarkt und der Übernahme von Technologien, die in den weiter fortgeschrittenen Nationen entwickelt wurden. Die niedrigere Kapitalintensität muss schon deswegen keinen dauerhaften Nachteil bedeuten, weil sie einer Standardannahme der neoklassischen Wachstumstheorie zufolge aus verschiedenen Gründen größere Gewinnchancen des Kapitals impliziert und damit Investoren besonders aus dem Ausland anzieht. Nach der Währungsreform von 1948 wurde die Wirtschaft der Bundesrepublik sehr schnell in den Weltmarkt integriert. Sie war von Beginn an exportorientiert und verhalf damit dem Made in Germany zu neuem Glanz. Die deutsche Wirtschaft hat insofern nicht die entwicklungspolitischen Fehler begangen, die z. B. für Lateinamerika so typisch waren (Importsubstitution, d. h. Abschottung gegenüber dem Weltmarkt, Ersetzung der Importe durch heimische Produkte statt Exportorientierung). Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Koreakrieg zu, der den weltweiten Bedarf an Produktionsgütern beträchtlich steigerte ("Korea-Boom"). Der traditionell starke industrielle Sektor der deutschen Wirtschaft stand bereit, diese Nachfrage zu befriedigen.

Die Wirtschaft der Bundesrepublik hat die Aufholjagd zum technologisch führenden Land erfolgreich bestanden. Es gelang, die Produktivitätslücke zu den USA bis zum Ende des Goldenen Zeitalters vollständig zu schließen, wenn man als Maß hierfür die Stundenproduktivität und nicht die Erwerbstätigenproduktivität nimmt. Sowohl die Steigerung der Kapitalintensität als auch die Steigerung der Faktorproduktivität haben in etwa gleichgewichtig zur Schließung dieser Lücke beigetragen, (Crafts/Toniolo 2008, Tabelle 10). Da die USA seit den 90er-Jahren beim Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien in allen Industriezweigen führend sind, ist diese Lücke allerdings wieder aufgebrochen.

Verschiedene andere Erklärungsversuche

In der Forschung ist umstritten, in welchem Ausmaß ein Technologieimport, wie er zur Zeit z. B. in China beobachtet werden kann, tatsächlich auch für die Nachkriegsjahre der westdeutschen Wirtschaft und für Europa insgesamt typisch war (ausführlich hierzu Eichengreen 2007). Ohne diese für die "catch-up" (Aufholjagd)-These zentrale Annahme kommt ein Ansatz aus, der den wirtschaftlichen Erfolg des goldenen Zeitalters als Rückkehr auf einen langfristigen Wachstumspfad deutet, der bereits zwischen den beiden Weltkriegen verlassen wurde. Aus der Sicht dieses Ansatzes handelt es sich beim »goldenen Zeitalter« um eine Rekonstruktionsperiode, in der nur ein Entwicklungsstau aufgelöst wird, der sich seit dem Ende des ersten Weltkrieges herausgebildet hatte. Das der Wirtschaft mögliche Wachstum wird durch die Rate des technischen Fortschritts und den Anstieg der Qualifikation der Arbeitskräfte limitiert. Das tatsächliche Wachstum kann hinter dem durch diese Kräfte bestimmten potentiellen Wachstum zurückbleiben. Umso größer sind dann die Wachstumschancen in der Periode der Rekonstruktion.

So elegant dieser auf eine Arbeit von Janossy (1969) zurückgehende Erklärungsversuch sich auf den ersten Blick auch ausnimmt (zur Interpretation vgl. Borchardt 1982), er leidet nicht nur darunter, dass der virtuelle Wachstumspfad sich exakt kaum bestimmen lässt, sondern vor allem darunter, dass er unerklärt lässt, welche Kräfte bedingen, dass das technologisch und qualifikatorisch mögliche Wachstumspotential auch tatsächlich ausgeschöpft wird. In diese Lücke vermögen institutionelle Erklärungen einzuspringen. Bezogen auf die deutsche Nachkriegswirtschaft liegen zwei institutionelle Erklärungsansätze miteinander im Streit. Zufolge der sog. »Strukturbruchthese« war es vor allem der ordnungspolitische Neubeginn im Jahr 1948, der das Wirtschaftwunder auslöste. Auf Initiative von Ludwig Erhard wurden Preiskontrollen und Bewirtschaftungsmaßnahmen in den Westzonen mit einem Schlag abgeschafft oder wesentlich gelockert. Als dann noch die Währungsreform des gleichen Jahres für stabiles Geld sorgte, waren die wichtigsten Voraussetzungen für ein kräftiges und andauerndes Wirtschaftswachstum gegeben. So wie die entschlossene Hinwendung zur Marktwirtschaft das Wirtschaftswunder einleitete, ist aus dieser Sicht die Abkehr von den entschieden marktwirtschaftlichen Vorgaben für das Ende des Wirtschaftswunders in den 70er-Jahren verantwortlich.

Ein Modell Deutschland?

Ganz anders argumentiert die sog. "Rekonstruktionsthese" (Abelshauser 2004). Danach ist nicht die entschlossene Liberalisierung für den Wiederaufbau kennzeichnend, sondern der Rückgriff auf Institutionen und Organisationen, die schon in der Weimarer Republik das Wirtschaftsleben prägten, deren Wurzel aber bis in das Kaiserreich zurückreichen. Im Mittelpunkt dieser Reorganisation steht die Einschränkung der marktförmigen Koordination durch eine vom Staat unterstützte Zusammenarbeit der Parteien des Arbeitsmarkts. Die Literatur spricht von Korporatismus, korporativer oder koordinierter Marktwirtschaft. [1] Varianten dieses Ansatzes ergeben sich daraus, ob man seine institutionellen Eigenschaften für spezifisch deutsch hält ("Modell Deutschland") [2], oder Deutschland als Mitglied einer "Familie" betrachtet, die entweder wenigstens Zentraleuropa (Frankreich, Österreich Deutschland, Italien) umfasst oder darüber hinaus Züge besitzt, die insgesamt für die westlichen Industriestaaten nach dem zweiten Weltkrieg typisch sind. In letzterer Sichtweise beruht die Nachkriegsprosperität auf der historisch einmaligen Kombination von staatlicher Vollbeschäftigungspolitik, dem Aufbau eines Netzes sozialer Sicherheit, das auch der Abfederung von aus der Integration in den Weltmarkt herrührenden Risiken der Arbeitnehmerschaft dient und der in der Mitbestimmung einerseits, der produktivitätsorientierten Lohnpolitik andererseits gipfelnden Sozialpartnerschaft von Arbeit und Kapital (Berger 1990, Bowles/Gordon/Weisskopf 1983). Auf einer solchen (oder ähnlichen) institutionellen Konfiguration beruhte – in der schönen Formulierung von Lutz (1984) – der "kurze Traum immerwährender Prosperität". Seitdem dieser Traum ausgeträumt ist, sind alle Länder der westlichen Welt auf der Suche nach einer "neuen Prosperitätskonstellation".

Die Bedeutung des europäischen Binnenmarkts

In der empirischen Wachstumsforschung werden die Wirtschaftspolitik im allgemeinen, die Außenwirtschaftspolitik im besonderen auf der gleichen Ebene wie institutionelle Faktoren angesiedelt und als ähnlich bedeutsam angesehen. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands seit 1950 kann geradezu als Paradebeispiel eines exportorientierten Wirtschaftswachstums (Tilly 2010: 231) angesehen werden. Für ein solches Entwicklungsmodell spielt der Außenhandel eine entscheidende Rolle. Er gilt allgemein als Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft. 2008 wurden Waren im Wert von fast einer Billion Euro exportiert, das entspricht einer Exportquote von 39,4 Prozent. [3] 63 % der Warenausfuhr gingen in die Länder der EU. Schon diese Zahl belegt, welch überragende Bedeutung der wirtschaftlichen Integration Europas zukommt (vgl. dazu Kapitel "Europa"). Die Geschichte der Schaffung eines europäischen Binnenmarkts beginnt mit der Gründung der Montanunion 1951 und erreicht eine erste wichtige Etappe mit der Errichtung einer Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 durch die römischen Verträge. Ein weiterer Meilenstein ist dann die Gründung der Europäischen Union im Vertrag von Maastricht 1992. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte die wirtschaftliche Einigung Europas in der Gründung einer Europäischen Währungsunion (1999 – 2002). Für Deutschland bedeutete diese Union den Verzicht auf die D-Mark, das Symbol des Wiederaufstiegs und des Selbstverständnisses der Deutschen als einer erfolgreichen Wirtschaftsgemeinschaft.

Die vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarkts

Vier Grundfreiheiten sind für den europäischen Binnenmarkt konstitutiv: die Freiheit des Warenverkehrs, die Dienstleistungsfreiheit, ein freier Kapital- und Zahlungsverkehr sowie die Personenfreizügigkeit (inklusive der Niederlassungsfreiheit für Arbeitskräfte, vollständig durchgeführt erst 2011). Diese Freiheiten werden durch die Europäischen Verträge garantiert. Ihre schrittweise Realisierung hat zu einer durchgreifenden Liberalisierung des Außenhandels in Europa geführt. Der Abbau von Handelshemmnissen hat einen von Polen bis Portugal reichenden Binnenmarkt geschaffen. Von ihm hat die deutsche Wirtschaft wegen ihrer ausgeprägten Wettbewerbsfähigkeit ganz entschieden profitiert. 2010 gingen 41 % der Warenausfuhr in die Länder Eurozone. Die Währungsunion hat der Exportorientierung der deutschen Wirtschaft zweifellos einen weiteren Schub gegeben. Sie ist von der deutschen Wirtschaft einhellig begrüßt worden. Erkauft wurde sie mit dem Verzicht auf die Deutsche Mark. Bedingung für diesen Verzicht war allerdings, dass aus der Währungsunion keine politische Gemeinschaft im Sinne einer Transferunion würde, Deutschland also nicht für die Schulden anderer Länder haften müsse. Diese Übereinkunft ist mit den von der Bundesregierung seit 2010 ergriffenen Maßnahmen zur Bewältigung der europäischen Schuldenkrise Schritt für Schritt in Frage gestellt worden.


Fußnoten

1.
Hierzu Hall/Gingerich 2004. Zur These der Liberalisierung als Basis für den wirtschaftlichen Erfolg (und der Abkehr von marktwirtschaftlichen Prinzipien als Grundlage des Niedergangs) vgl. nur Siebert (2005).
2.
Wichtige Komponenten dieses Modells sind die Mitbestimmung in Aktiengesellschaften, die Kreditfinanzierung der Unternehmen durch Banken (und nicht über den Kapitalmarkt), die Tarifeinheit (nur ein Tarif pro Betrieb), Industriegewerkschaften anstelle von Spartengewerkschaften und das duale System der beruflichen Bildung.
3.
Die Exportquote ist ein gebräuchlicher Indikator für die Einbindung einer Volkswirtschaft in den Weltmarkt. Im Zähler der Exportquote stehen die Ausfuhren, im Nenner das BIP. Je höher die Exportquote, um so höher der Anteil von im Inland produzierten Waren, die an das Ausland verkauft werden.