Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Hartmut Häussermann

Stadtstruktur

Im Zuge der Industrialisierung begann eine Umwälzung der städtischen Sozialstruktur. Das Leben der Stadt war zunehmend durch Lärm, Emissionen, Industrie und wachsenden Verkehr geprägt. Vor allem die hygienischen Probleme der Städte mit ihrer großen Einwohnerdichte führte zum Aufkommen der Stadtplanung.

In den von Mauern umgebenen Städten des Mittelalters waren die Zentren die Orte, an denen die Wohlhabenden und die Privilegierten wohnten. Neben Rathaus und Kirche säumten die prächtigen Häuser der Patrizier den Marktplatz. Je weiter entfernt vom Zentrum, desto geringer war das Prestige der Wohngegend, und desto ärmlicher wurden die Häuser. In den Häusern befanden sich die Kontore und Lagerflächen, aber auch der Wohnsitz der Familie. Die Stadt war nach den verschiedenen Gewerbearten geordnet, woran heute noch in vielen Städten die Namen der Straßen erinnern. Eine Kanalisation gab es noch nicht, das Trinkwasser wurde aus den Brunnen oder einem Fluss geholt, die Abwässer und Exkremente einfach hinters Haus gekippt. Dies schuf natürlich ideale Voraussetzungen für die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten. Das Vergiften von Brunnen war ein beliebtes Kampfmittel verfeindeter Gruppierungen.

Die Umwälzung der städtischen Sozialstruktur im Zuge der Industrialisierung

Die rasante Bevölkerungszuwachs, der Bau von Manufakturen auf den noch freien Flächen, der Anschluss an das sich ausdehnende Eisenbahnnetz und eine dramatische Veränderung der Sozialstruktur wälzten die Städte um. Der Lärm und die Emissionen der neuen Industriebetriebe sowie der wachsende Verkehr machten das Leben in den großen Städten zunehmend unangenehm. Die hoch verdichteten Wohngebiete für das zugewanderte Proletariat waren immer wieder Ausgangspunkt für Epidemien, die sich bis in die bürgerlichen Wohngebiete ausbreiteten. Feuersbrünste vernichteten immer wieder große Teile der zum großen Teil noch aus Holz gebauten Häuser. Das Leben in der Stadt war gefährlich geworden.

Die Wohlhabenden verließen die Stadt und siedelten sich in der Landschaft der Umgebung an. So entstanden die ersten Villengebiete. In der Stadt zu wohnen war nun kein Privileg mehr, sondern wurde zunehmend als Belastung empfunden. Solange es aber keine öffentlichen Verkehrsmittel gab, mussten die Lohnarbeiter zu Fuß zu den Arbeitsstätten gehen, daher wurden die Wohnanlagen für die Arbeiter auch in der Nähe der großen Fabriken errichtet. Durch den Zustrom vom Lande war eine große Wohnungsnot entstanden, die die Basis für einen spekulativen Wohnungsbau darstellte, der in dichter Bebauung zahlreiche kleine Wohnungen mit geringer Qualität zum Resultat hatte. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden in den großen Städten Trinkwasserleitungen verlegt und eine Kanalisation eingebaut, die ein Minimum an hygienischen Lebensbedingungen garantieren sollten.

Nun waren die Städte nicht mehr nach Bürgerstatus oder Gewerbezugehörigkeit strukturiert, sondern zunehmend nach dem sozialen Status der Bewohner segregiert. Schlichter Massenwohnungsbau für die Fabrikarbeiter, deren Einkommen gerade beim Existenzminimum lag, aufwändiger ausgestattete Wohngebiete für die Angestellten, Beamten und Angestellten entstanden nahe zum historischen Stadtkern, während draußen, im suburbanen Raum, die Nobelviertel gebaut wurden. Nur die Reichen hatten die Möglichkeit, mit der Kutsche den täglichen Weg zur Arbeit in der Stadt zurückzulegen. Die Städte waren in der Phase der Hochindustrialisierung sozial gespalten, was in dem sehr unterschiedlichen Erscheinungsbild der verschiedenen Quartiere deutlich sichtbar wurde.

Das Aufkommen der Stadtplanung

Vor allem die hygienischen Probleme der Städte mit ihrer großen Einwohnerdichte waren es, die planerische Eingriffe in die Entwicklung der Städte provozierten. Die rasche Umwandlung von landwirtschaftlich genutztem Boden in Baugebiete, die zumindest eine funktionierende Verkehrserschließung voraussetzte, war die Gelegenheit, stadtplanerische Konzepte zu entwerfen und auch gegen die bis dahin unbegrenzten Verwertungsinteressen der Grundeigentümer durchzusetzen. Ansätze zur Trennung von störendem Gewerbe und Wohngebieten sowie zu einschränkenden Vorschriften für die Bebauungsdichte entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in der eigenen Regie der Städte, denn die staatlichen Regierungen der Länder sahen damals noch keine Notwendigkeit für Eingriffe in die Rechte der privaten Eigentümer. Aber erst in den 20iger-Jahren des 20. Jahrhunderts entstand ein Bau-und Planungsrecht, das der räumlichen Entwicklung der Städte einen festen Rahmen gab und es ermöglichte, Vorschriften für die Bebauungsdichte, die Einheitlichkeit der Bebauung und die Einhaltung von Sicherheits-und Hygiene-Standards zu machen.

Unterbrochen durch die zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert befanden sich die Städte seit der Industrialisierung auf einem Wachstumspfad, für den es kein Ende zu geben schien. Zentrale Aufgabe der Stadtplanung wurde die Bereitstellung von Bauflächen für herein drängende Investitionen im gewerblichen Bereich und im Wohnungsbau. Die Städte absorbierten immense Zahlen von Zuwanderern, nach dem Zweiten Weltkrieg auch etwa 10 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, und seit den 1960er-Jahren wurden Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben, die als Ungelernte relativ gut bezahlte Arbeitsplätze in der großen Industrie fanden.

Wachsende und schrumpfende Städte

Doch bereits in den 1960er-Jahren zeichnete sich ab, dass Stadtentwicklung nicht immer identisch mit Wachstum sein kann. Das rasche Wachstum der technologisch hoch entwickelten Industrie im südlichen Teil von Deutschland zog immer mehr Arbeitskräfte aus den nördlichen Regionen an, wo die auf Rohstoffen basierende Industrie, insbesondere der Kohlebergbau zu stagnieren und Arbeitsplätze abzubauen begann. Das ›Süd-Nord-Gefälle‹, gekennzeichnet durch abnehmende Zahlen von Bewohnern und Arbeitsplätzen in den Städten des nördlichen Teils und von anhaltendem Wachstum in den im Süden gelegenen Städten, wurde zu einem neuen und prägenden Trend in der Siedlungsentwicklung. Seit den 1980er-Jahren entwickelte sich insbesondere in Ostdeutschland und in den altindustriellen Regionen im Westen ein neuer Typus von Stadtentwicklung: die schrumpfende Stadt (vgl. Glock 2006).

Die Verstädterung hatte in Deutschland um 1910 einen Höhepunkt erreicht, seither ist die Verteilung der Bevölkerung auf verschiedene Siedlungstypen aber relativ stabil geblieben. Etwa 30 % der Bevölkerung wohnen in Großstädten, mehr als die Hälfte in Mittel- und Kleinstädten, und etwa 15 % in ländlichen Gemeinden (vgl. Tabelle). In den Groß- und Mittelstädten sind die Anteile bei den Arbeitsplätzen höher als bei der Bevölkerung, während die Kleinstädte und ländlichen Gemeinden vor allem Wohnorte sind.

 
Verteilung von Bevölkerung und Arbeitsplätzen nach Siedlungstypen (2008)
 
Flächenanteil Bevölkerung
in 1.000
Arbeitsplätze
in 1.000
Arbeitslosenquote
2006/07
%absolut %absolut% %
Bund insgesamt 100 82.00210027.457100 9,4
Großstädte 3,89 25.132 30,65 10.981 39,99 11,8
Mittelstädte 18,32 23.745 28,96 8.580 31,25 9,6
Kleinstädte 27,55 20.261 24,71 5.306 19,33 7,2
Ländliche Gemeinden 50,33 12.863 15,69 2.589 9,43 8,0
Quelle: INKAR (BBSR)