Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Segregation


31.5.2012
Die Städte werden in der postfordistischen Entwicklung sozial und kulturell heterogener. Damit nimmt die räumliche Segregation auch weiter zu. Betroffen sind einerseits einkommensschwache Haushalte, andererseits ethnische Minderheiten. Wo sich beides überlagert, wird die Situation in Politik und Öffentlichkeit als sehr problematisch angesehen. So gesehen drohen Städte gleichzeitig zu Orten einer neuen Urbanität und einer neuen sozialen Ausgrenzung zu werden.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen existierte in den Städten eine räumliche Segregation verschiedener Standes- oder Berufsgruppen. Aber auch in demokratischen, marktwirtschaftlich regulierten Gesellschaften gibt es keine vollkommene Gleichverteilung der sozialen Gruppen im städtischen Raum. Während der Phase der Hochindustrialisierung in Deutschland zwischen 1870 und 1910 bildeten sich in den großen deutschen Städten krasse Unterschiede in der Wohnqualität zwischen dem Proletariat und anderen Klassen und Schichten heraus. Seit der Einführung einer sozialen Wohnungspolitik nach 1918 ist der Abbau der sozialen Segregation zu einem festen Ziel von Stadt- und Wohnungspolitik geworden. In den Neubausiedlungen mit großen Anteilen von öffentlich geförderten Wohnungen, die im Laufe des 20. Jahrhunderts entstanden, wurde immer eine "soziale Mischung" angestrebt, womit die Tendenz zur klassenlosen Mittelschichtsgesellschaft befestigt werden sollte. Die hohe Konzentration von Arbeitern in den proletarischen Quartieren mit geringer Wohnqualität ist immer auch als eine potenzielle Gefahr für politisch umstürzlerische Umtriebe betrachtet worden. Der soziale Wohnungsbau sollte also auch ein Instrument zur Verringerung der sozialräumlichen Segregation sein. Diese Rolle kann er heute immer weniger wahrnehmen, weil die Bestände laufend abnehmen und sich zunehmend in den Wohnsiedlungen der 1960er- und 1970er-Jahren konzentrieren. Da zugleich der Bedarf nach solchen Wohnungen durch Zuweisung an die wachsende Zahl armer Haushalte und mittelloser Zuwanderer steigt, konzentrieren sich dort immer stärker Haushalte mit multiplen sozialen Problemlagen.

Die zunehmende Heterogenität der Städte

Die Städte werden in der postfordistischen Entwicklung sozial und kulturell heterogener. Die Arbeitsmarktentwicklung sorgt für größere materielle Ungleichheit, und der beständig wachsende Anteil der Bevölkerung "mit Migrationshintergrund" führt zu einer größeren kulturellen Heterogenität – und in den Großstädten sind die sozialen und kulturellen Unterschiede am stärksten. Damit "entmischen" sich städtische Quartiere, die Segregation nimmt wieder zu. Segregation bedeutet, dass Bewohner, die eine soziale, kulturelle oder ethnische Gemeinsamkeit haben, nicht wahllos vermischt mit anderen Gruppen wohnen, sondern konzentriert in bestimmten Quartieren. Soziale und kulturelle Distanzen werden in räumliche Distanzen übersetzt. Die Reichsten wohnen in den begehrtesten und sozial exklusiven Gegenden, die Ärmsten in den Wohnvierteln, in denen andere nicht wohnen wollen. Es gibt also eine freiwillige und eine erzwungene Segregation. Migranten-Haushalte werden auf dem Wohnungsmarkt häufig diskriminiert und in bestimmten Quartieren zusammengedrängt, wo sie dann eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Infrastruktur aufbauen und ein lebendiges Gemeinschaftsleben entwickeln. Diese sichtbare Absonderung wird häufig als Zeichen mangelnder Integration gesehen, was allerdings durch die empirische Forschung nicht bestätigt wird (vgl. Häussermann 2009). Während sich die sozialen Aufsteiger unter den Migranten immer stärker über die gesamte Stadt verteilen, bleibt die migrantische Unterschicht stark segregiert. Dies ist aber eher der Ausdruck als die Ursache ihrer sozialen Marginalisierung.

Die Folgen einer unfreiwilligen Segregation sind ambivalent. Betroffen sind davon einerseits einkommensschwache Haushalte, andererseits ethnische Minderheiten. Wo sich beides überlagert, wird die Situation in Politik und Öffentlichkeit als sehr problematisch angesehen (vgl. Häussermann/Kronauer/Siebel 2004). Das ist sie auch, wenn der Wohnort zu einer eigenständigen Quelle sozialer Benachteiligung wird. Das kann bei einer sozial marginalisierten Bevölkerung dadurch zustande kommen, dass die Informations- und Kontaktmöglichkeiten der Bewohner sehr beschränkt sind, weil sie stark lokal orientiert sind und in der Nachbarschaft vor allem auf Leute treffen, die ebenfalls über geringe Ressourcen verfügen. Bei Jugendlichen, für die die Nachbarschaft ein wichtiger Sozialisationsraum ist, wird angenommen, dass sie in einem verarmten Milieu des Quartiers Normen lernen und Vorbildern folgen, durch die sie dauerhaft diesem Milieu verhaftet bleiben. Besonders sichtbar wird dies an den geringen Erfolgen im Bildungssystem, wodurch die Lebensperspektiven von Kindern und Jugendlichen blockiert werden. Benachteiligte Bewohner, die sich ihren Wohnort nicht selbst aussuchen können, geraten damit in einen Kreislauf der Exklusion (vgl. Kronauer 2010), der aus eigener Kraft kaum mehr zu durchbrechen ist. Auf diese Problemlage hat das Bund-Länder-Programm "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt" reagiert und Mittel für Maßnahmen bereitgestellt, mit denen durch eine integrierte Quartierspolitik die Situation in der Nachbarschaft verbessert und den Bewohnern neue Perspektiven eröffnet werden sollen. Die Abkoppelung von Quartieren sowie die Ausgrenzung ganzer Bewohnergruppen soll damit verhindert werden. Eine wichtige Triebfeder für den Wegzug von Bewohnern, die über ein höheres soziales und kulturelles Kapital verfügen, ist die Situation in den Schulen. Auf den Bildungserfolg ihrer Kinder bedachte Eltern meiden die Schulen mit hohen Anteilen von Schülern mit einer nicht-deutschen Herkunftssprache und verlassen solche Quartiere.

So entstehen die Quartiere der sozialen Ausgrenzung, die aber auf der anderen Seite auch eine starke Binnenintegration aufweisen können. Die gemeinsame Lebenssituation erleichtert intensive soziale Beziehungen, durch die auch gegenseitige Hilfeleistungen möglich sind. Das homogene Milieu bietet also bis zu einem gewissen Grad auch eine soziale Einbettung. Aber dies kann aus den oben genannten Gründen auch zu einer Falle für die soziale Mobilität werden. Die Städte, die durch das starke ökonomische Wachstum zwischen 1950 und 1975 zu Integrationsmaschinen geworden waren, erleben einen starken Strukturwandel und haben diese Funktion für einen erheblichen Teil ihrer Bewohner verloren. Sie stehen in der Gefahr, gleichzeitig zu Orten einer neuen Urbanität und einer neuen sozialen Ausgrenzung zu werden.