Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Wolfgang Ludwig-Mayerhofer

Die Bedeutung der Erwerbsarbeit

Die Position der Beschäftigten am Arbeitsmarkt bestimmt maßgeblich ihr Einkommen. Darüber hinaus ist die Erwerbstätigkeit auch mit dem individuellen Selbstwertgefühl verbunden. Zugleich kann Erwerbsarbeit aber auch eine Quelle von Belastungen, Stress und nicht zuletzt Unsicherheit sein.

Die meisten Mitglieder moderner westlicher Gesellschaften sind als abhängig Beschäftigte (Arbeitnehmer) oder deren Angehörige ökonomisch vom Arbeitsmarkt abhängig. Ihre Ausbildung, ihr Beruf, ihre Erwerbserfahrung, die Branche und die Firma, in der sie beschäftigt sind, kurz: ihre Position am Arbeitsmarkt bestimmt ganz maßgeblich ihr Einkommen. Dies gilt meist auch noch dann, wenn Leistungen der sozialen Sicherung bezogen werden, da diese – so in der Bundesrepublik etwa die Altersrente oder die Arbeitslosenunterstützung nach dem SGB III – der Höhe nach an das vorher erzielte Arbeitsentgelt anknüpfen.

Die Bedeutung von Erwerbstätigkeit reicht aber weiter: Erwerbstätigkeit ist auch ein Wert für sich, da sie es den Menschen ermöglicht, eine als mehr oder minder sinnvoll und interessant empfundene Arbeit zu verrichten, Kontakte mit anderen Menschen herzustellen und zu pflegen oder auch einfach den Tag sinnvoll zu strukturieren. Das individuelle Selbstwertgefühl ist mit dem erlernten bzw. ausgeübten Beruf im Erwerbsleben ebenso verbunden wie der soziale Status und das gesellschaftliche Ansehen des Einzelnen. Gleichzeitig kann Erwerbsarbeit aber auch eine Quelle von Belastungen, Stress und nicht zuletzt Unsicherheit sein, gerade in Zeiten, in denen die arbeitsrechtliche und sozialpolitische Rahmung von Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit die Individuen mehr als früher auf sich gestellt sein lässt.

Der Arbeitsmarkt – kein Markt wie jeder andere

Erwerbsarbeit ist meist über den Arbeitsmarkt organisiert. Dieser ist ein Markt – und doch kein Markt wie jeder andere. Zwar wird ein Individuum, wenn es seine Arbeitskraft im Tausch gegen finanzielle Entlohnung anbietet, damit ebenfalls zur Ware, jedenfalls aus der Sicht des Marktes. Menschen, die ihre Arbeitskraft anbieten, sind aber eine besondere Ware. Erstens werden sie, im Unterschied zu anderen Waren, nicht hergestellt mit dem Ziel, möglichst gewinnbringend veräußert zu werden. Zweitens und vor allem aber kann es den Individuen, wieder im Unterschied zu anderen Waren, nicht gleichgültig sein, wie viel sie am Markt wert sind, welches Entgelt sie also erzielen können. Denn der Erlös für die Ware Arbeitskraft kommt ja dem Individuum selbst zugute – mit ihm bestreitet es in der Regel seinen Lebensunterhalt und meist auch den seiner Angehörigen. Dies steht in Widerspruch zum "rein ökonomischen" Denken, wonach für eine Ware nicht mehr Entgelt erzielt werden kann, als sie wert ist – wobei der Wert sich auf Märkten nach dem Nutzen für den Käufer bestimmt. Die "Arbeiterfrage", die Soziale Frage des 19. und noch des beginnenden 20. Jahrhunderts, war die Frage, ob es gelingen kann, die marktwirtschaftliche oder kapitalistische Produktionsweise so zu zähmen, dass die puren Marktgesetze abgefedert und die Risiken, die aus einer abhängigen Beschäftigung entstehen (Krankheit, Arbeitsunfälle, Arbeitslosigkeit), begrenzt werden. Dies ist erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf einem für weite Teile der Bevölkerung akzeptablen, ja sogar einen gewissen Wohlstand sichernden Niveau gelungen – doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass diese Phase schon wieder vorüber und ein Zeitalter der unsicheren, prekären Beschäftigung angebrochen ist.

Unterschiedliche Arten von Erwerbstätigkeit

Für die Analyse des Arbeitsmarkts und die Arbeitsmarktstatistiken bedarf es präziser Kategorien und deren jeweiliger Zuordnung: Genau genommen geht es um jene Form von Erwerbsarbeit, die man als abhängige Beschäftigung oder Lohnarbeit bezeichnet. Am Arbeitsmarkt stehen sich Unternehmen, die Arbeitsplätze zu besetzen haben, als Nachfrager Individuen gegenüber, die ihre Arbeitskraft – genauer: ihre Fähigkeiten und Kenntnisse, aber auch ihre Leistungsbereitschaft und ihre Motivation – dem Unternehmer gegen ein Arbeitsentgelt anbieten. Unter den gut 40,3 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland (im Jahr 2008) befanden sich 4,5 Millionen Selbstständige und mithelfende Familienangehörige (einschließlich der sogenannten Freien Berufe, etwa niedergelassene Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten) und etwas unter 36 Millionen Arbeitnehmer, also abhängig Beschäftigte. Aber auch von diesen sind nicht alle im strengen Sinn am Arbeitsmarkt tätig, so die über 1,6 Millionen Beamten oder einige hunderttausend Personen in sog. Ein-Euro-Jobs, also Arbeitsgelegenheiten nach dem SGB II, die statistisch ebenfalls zu den Arbeitnehmern gezählt werden. Auch sonst darf man Arbeitnehmer nicht mit tariflich und sozialversicherungsrechtlich gesicherten Personen in eins setzen; so waren beinahe 5 Millionen Personen ausschließlich in geringfügiger Beschäftigung tätig, d. h. (nach dem rechtlichen Stand 2010) einer Beschäftigung, die mit nicht mehr als 400 Euro/Monat entlohnt wird und aus der keine bzw. nur geringe Ansprüche aus der Sozialversicherung erwachsen.

Gliederung und begriffliche Anmerkung

Dieses Kapitel beginnt mit einem quantitativen Überblick über die erwerbstätige Bevölkerung, wobei die Aspekte Geschlecht, Migrationshintergrund und Alter hervorzuheben sind (1). Anschließend wird auf die Ungleichheit der Erwerbseinkommen allgemein und speziell nach Geschlecht sowie die geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarkts eingegangen (2). Die nächsten beiden Abschnitte widmen sich Phänomenen, die bereits seit geraumer Zeit die in den ersten Dekaden der Nachkriegszeit mit Erwerbsarbeit verknüpften Sicherheitserwartungen erschüttern: Arbeitslosigkeit (3) und den vor allem jüngst vielfach diskutierten Formen von atypischer Beschäftigung, Prekarität und Armut trotz Erwerbsarbeit (4).

Wo es die Datenlage erlaubt, wird nicht nur die aktuelle Situation in der Bundesrepublik Deutschland dargestellt, sondern in zwei Hinsichten darüber hinaus gegangen. Erstens ist der Blick auch auf Entwicklungen zu lenken; zweitens gibt der Blick in andere Länder wichtige Möglichkeiten des Vergleichs. Angemerkt sei in diesem Zusammenhang, dass Datensammlungen und Statistiken nicht immer zwischen den verschiedenen oben angeführten Gruppen von Erwerbstätigen bzw. Arbeitnehmern unterscheiden, zumal dies den internationalen Vergleich (die arbeits- und sozialrechtlichen Kategorien unterscheiden sich von Land zu Land) unmöglich machen würde. So werden wir im Folgenden oft nur über Erwerbstätige allgemein sprechen oder bei den Arbeitnehmern die Beamten einbeziehen.


Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

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