Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Erwerbsarbeit und Erwerbsbeteiligung


31.5.2012
Während Frauen früher nicht in die Erwerbsarbeit einbezogen wurden hat sich heute in den industrialisierten Ländern ein Trend zu einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen durchgesetzt. Nicht-Erwerbstätigkeit hingegen tritt deutlich seltener auf. Nichtsdestotrotz bleibt die Erwerbs- und Nicht-Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern ungerecht aufgeteilt.

Erwerbsarbeit und Nicht-Erwerbsarbeit

Ein Blick auf den Arbeitsmarkt wäre unvollständig ohne den Blick auf diejenige Arbeit, die außerhalb des Arbeitsmarkts, also als nicht formell entlohnte Tätigkeit geleistet wird. Der zeitliche Umfang solcher Arbeiten wie Hausarbeit oder Nachbarschaftshilfen übertrifft den der Erwerbsarbeit.

Dass auch diese Arbeit als Arbeit bezeichnet wird, ist nicht selbstverständlich. Lange Zeit konnte man hören, und vermutlich geschieht es auch heute noch manchmal, dass Hausfrauen auf die Frage nach ihrem Beruf antworteten: "Ich arbeite nicht". In aller Regel dürfte diese Aussage falsch sein – Einkaufen und Essen zubereiten, eine Wohnung sauber halten, Kindern bei den Hausaufgaben helfen oder sie pflegen, wenn sie krank sind, all dies und noch viel mehr gehört zu den Arbeiten, die Frauen wie selbstverständlich erledigen (und auch Männer beteiligen sich daran, wenn auch in weitaus geringerem Umfang). "Ich arbeite nicht" meint vielmehr so viel wie: "Ich stehe in keinem Beschäftigungsverhältnis", oder auch: "Ich bin nicht erwerbstätig". Dass es sich bei den genannten Tätigkeiten aber um Arbeit handelt, geht schon daraus hervor, dass es wohl keine "Hausfrauen"-Tätigkeit gibt, die nicht auch gegen Geld und in einem formalisierten Beschäftigungsverhältnis verrichtet werden könnte. Man kann hierin ein wichtiges Merkmal sehen, hinsichtlich dessen sich moderne Gesellschaften unterscheiden: Gerade in den skandinavischen Ländern, in denen deutlich mehr Frauen als in Deutschland erwerbstätig sind, sind auch mehr Frauen genau in jenen Tätigkeitsfeldern beschäftigt, die man oft der weiblichen Sphäre zurechnet (s. u. unter 2.).

Die Einbeziehung der Frauen in die Erwerbsarbeit

Vor diesem Hintergrund ist die wohl wichtigste Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt die kontinuierliche, wenngleich langsame und keineswegs bruchlos vonstatten gehende Einbeziehung der Frauen in die Erwerbsarbeit. Im Westdeutschland der Nachkriegszeit dominierte noch mehr als in manch anderem europäischen Land die Vorstellung, dass Frauen, jedenfalls ab dem Zeitpunkt der Heirat oder spätestens ab Geburt der Kinder, sich dem Haushalt zu widmen hätten; die Erwerbstätigkeit wurde überwiegend als Männersache gesehen, und gleichzeitig war die Vorstellung verbreitet, ein Erwerbseinkommen müsse ausreichen, »eine Familie zu ernähren«. In den staatssozialistischen Ländern war dies anders; dort wurde jede, auch die weibliche Arbeitskraft in der industriellen Produktion benötigt, was auf das dort gleichzeitig propagierte emanzipatorische Geschlechterbild einen leichten Schatten wirft. Aber: Wenn auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, so hat sich in den industrialisierten, inzwischen meist als Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften bezeichneten hochentwickelten Ländern durchgängig ein Trend zu einer weitaus höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen durchgesetzt.
Erwerbsbeteiligungsquote von Frauen seit 1970, ausgewählte LänderErwerbsbeteiligungsquote von Frauen seit 1970, ausgewählte Länder
Zwar gibt es nahezu überall noch – manchmal deutliche – Unterschiede zwischen der Erwerbsbeteiligung von Männern und der von Frauen, doch man kann heute sagen, dass die Erwerbsbeteiligung von Frauen der Normalfall und die Nicht-Erwerbstätigkeit vielleicht noch nicht die Ausnahme, auf jeden Fall aber die deutlich seltenere Erscheinung ist. In den meisten westlichen Ländern lag im Jahr 2006 die Erwerbsbeteiligungsquote der Frauen im Alter von 25 bis 64 Jahren in einem Bereich von 65 bis 75 %, bei den Männern der gleichen Altersspanne zwischen 75 und 85 %.

Die einfache Gegenüberstellung »erwerbstätig – nichterwerbstätig« verdeckt allerdings weitere wichtige Unterschiede. In Deutschland ist ein beträchtlicher Teil der Frauen teilzeitbeschäftigt[1]. Im Jahr 2006 waren es 39,2 % aller abhängig beschäftigten Frauen, bei im Zeitverlauf kontinuierlich gestiegenen Anteilen. Die Spannweite ist hier international sehr groß: Sie reicht von 5 % in Ländern wie Tschechien oder Ungarn über 18 bis 19 % (so in Schweden oder den USA) bzw. knapp 23 % (Frankreich) über 39 % im Vereinigten Königreich bis hin zu fast 60 % in den Niederlanden als einsamem Spitzenreiter.
Teilzeitquoten der weiblichen Erwerbstätigen für ausgewählte Länder, 2000 und 2009Teilzeitquoten der weiblichen Erwerbstätigen für ausgewählte Länder, 2000 und 2009
Aber auch diese Zahlen verdecken noch Unterschiede. So ist in Deutschland mehr als die Hälfte der teilzeiterwerbstätigen Frauen höchstens 19 Stunden beschäftigt, während in Schweden der entsprechende Anteil weniger als ein Drittel beträgt und somit dort über zwei Drittel der Teilzeit beschäftigten Frauen im Bereich von 20 bis 29 Stunden arbeiten (beim Spitzenreiter Niederlande verteilen sich die teilzeitbeschäftigten Frauen nahezu gleich auf die beiden Kategorien, mit einem leichten Übergewicht der zweiten). Die Zugewinne bei der Erwerbsbeteiligung der Frauen übersetzen sich jedenfalls in Deutschland angesichts der zunehmenden Teilzeitquote nicht in Zugewinne einer gerechteren Aufteilung von Erwerbs- und Nicht-Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern.

Die Beschäftigten mit Migrationshintergrund

Neben den Geschlechterdifferenzen ist die sehr unterschiedliche Erwerbsbeteiligung von Einheimischen und Zugewanderten bzw. Beschäftigten mit Migrationshintergrund für den Arbeitsmarkt charakteristisch. Ende der 1950er-Jahre, als dank der prosperierenden Wirtschaft in Deutschland ein hoher Arbeitskräftemangel bestand (auf die Idee, Frauen in großem Umfang in den Arbeitsmarkt zu integrieren, kam man damals noch nicht), wurden Arbeitsmigranten – damals Gastarbeiter genannt – aus anderen Ländern angeworben, deren Anteil an den Beschäftigten kontinuierlich stieg. Sie hatten meist nur geringe Schulbildung und wurden überwiegend für un- und angelernte industrielle Tätigkeiten eingesetzt, was den deutschen Männern den Aufstieg in besser bezahlte Facharbeiterpositionen ermöglichte. Im Jahr 1974 wurde ein "Anwerbestopp" ausgesprochen, doch der Anteil von Migranten ging dadurch nur geringfügig zurück.

Differenzierte Analysen der Situation der Arbeitsmigranten und ihrer Nachkommen sind schwierig, weil lange Zeit nur die statistische Kategorie "Ausländer" zur Verfügung stand, die sich nach der Staatsangehörigkeit richtet. Erst seit wenigen Jahren lässt sich unterscheiden, ob Personen mit deutschem Pass aus Migrantenfamilien kommen oder nicht bzw. ob eine Person mit ausländischer Staatsangehörigkeit selbst nach Deutschland eingewandert ist oder ob sie zu jenen gehört, deren Eltern oder Großeltern schon nach Deutschland gekommen sind. Unübersichtlicher noch wird die Situation durch die Aussiedler bzw. Spätaussiedler, Personen mit deutschen Vorfahren, die aus der früheren Sowjetunion oder anderen östlichen Ländern vor allem nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu Hunderttausenden nach Deutschland kamen und als deutsche Staatsangehörige betrachtet wurden (vgl. Kapitel: Migration).

Die Beschäftigung von Ausländern und besonders von Türken ging in der Krise nach 1990 deutlicher zurück als die von Deutschen. Auch für Aussiedler, die erst seit wenigen Jahren in Deutschland sind, ist etwa ab dem Jahr 2000 die Integration in den Arbeitsmarkt immer schwieriger geworden. Auch bei den Migranten gibt es deutliche Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern. Während die deutschen Frauen im Gegensatz zu den Männern bei der Beschäftigung zulegten, erlitten die Migrantinnen – namentlich die türkischen Frauen – seit 1990 einen deutlichen Rückgang ihrer Beschäftigungschancen (OECD 2005: 21).
Im internationalen Vergleich steht Deutschland hinsichtlich der Beschäftigung von Ausländern eher schlecht da; nur in Dänemark und Holland gelingt die Integration in den Arbeitsmarkt noch schlechter. Dies gilt verstärkt für Migrantenkinder der zweiten Generation: Auch hier liegt die Beschäftigungsquote im internationalen Vergleich sehr niedrig, vor allem bei den jungen Frauen (OECD 2005: 22 ff.).

Altersstruktur der Erwerbstätigen

Das Alter bei Erwerbseintritt und -austritt wird in erheblichem Ausmaß durch staatliche Regulierungen begrenzt, namentlich die Vollzeitschulpflicht für Kinder und Jugendliche sowie Regeln zum Renteneintritt. In diesem Rahmen spielt allerdings auch das Verhalten der Individuen eine Rolle; so hat der langfristig zunehmende Besuch weiterführender Schulen und von Universitäten dazu geführt, dass sich das durchschnittliche Alter beim Eintritt in den Arbeitsmarkt immer weiter erhöht hat. Aber auch unterschiedliche Bildungssysteme und damit einhergehende Unterschiede in statistischen Definitionen oder Zählweisen spielen beim Eintritt in die Erwerbsphase eine Rolle; so liegt in Deutschland die Erwerbsbeteiligung im Alter von 15 bis 19 Jahren bei etwas über 30 %, was auch daran liegt, dass Jugendliche, die einer dualen Ausbildung (einer Ausbildung in Betrieb und Berufsschule) nachgehen, als erwerbstätig gezählt werden. Länder mit einer längeren Schulpflicht bzw. schulischen Berufsausbildungssystemen haben in der genannten Altersgruppe niedrigere, Länder mit kürzerer Schulpflicht und ohne ausgeprägtes Berufsbildungssystem (das durch Training-on-the-Job ersetzt wird) dagegen höhere Erwerbsbeteiligungsquoten.
Erwerbsbeteiligungsquote nach Alter und Geschlecht, ausgewählte Länder, 2000 und 2009Erwerbsbeteiligungsquote nach Alter und Geschlecht, ausgewählte Länder, 2000 und 2009
So reichen diese Quoten für die Altersgruppe 15 bis 19 von knapp 10 (etwa in Belgien) oder 15 % (Frankreich) bis über 50 % (Vereinigtes Königreich, Australien, Kanada).

Am anderen Ende der Erwerbsphase, beim Erwerbsaustritt, lassen sich ebenfalls deutliche Unterschiede feststellen. Diese kommen nicht nur durch unterschiedliche Festlegungen der Altersgrenze für die Regelaltersrente zustande, sondern auch durch unterschiedliche Möglichkeiten eines vorzeitigen Renteneintritts. In Deutschland hat man beispielsweise in den 1980er- und 1990er-Jahren den vorzeitigen Eintritt in den Ruhestand gefördert, unter anderem, um angesichts des Eintritts geburtenstarker Jahrgänge in den Arbeitsmarkt die Chancen jüngerer Menschen auf eine Erwerbstätigkeit zu verbessern. Angesichts des Wandels des Altersaufbaus hin zu weniger jungen und mehr älteren Menschen sowie des anhaltenden Trends zur Verlängerung der Lebensdauer und damit auch der Rentenbezugszeiten wurden in letzter Zeit jedoch die Möglichkeiten des frühzeitigen Renteneintritts reduziert und das Regeleintrittsalter für die Altersrente angehoben (letztere Änderungen machen sich allerdings erst ab 2011 bemerkbar). So ist in Deutschland allein von 2000 bis 2009 die Erwerbsbeteiligungsquote der Männer im Alter von 60 bis 64 Jahren von 30 auf 50 %, die der Frauen im gleichen Alter von 13 auf 33 % gestiegen. Auch hier finden sich aber im internationalen Vergleich ganz beträchtliche Unterschiede; in Norwegen und Schweden etwa liegt die Erwerbsbeteiligung in diesem Alter bei den Männern um 15 bis 20 und bei den Frauen um 25 bis fast 30 % höher als in Deutschland. Erst jenseits der 65 ist durchgängig eine sehr niedrige Erwerbsbeteiligung zu beobachten, wobei marktliberale Länder eine gewisse Ausnahme darstellen können (so betrug in den USA die Erwerbsbeteiligung der 70 bis 74-jährigen Männer noch 22 und die der gleichaltrigen Frauen 15 %) (alle Angaben in diesem Abschnitt für 2009).


Fußnoten

1.
Unter Teilzeitbeschäftigung wird üblicherweise eine Beschäftigung von weniger als 30 Stunden/Woche verstanden.

 
ArbeitsmarktpolitikDossier

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor. Weiter... 

Die soziale Situation in Deutschland

Erwerbstätigkeit

Im vierten Quartal 2007 gab es in Deutschland mit 40,38 Millionen so viel Erwerbstätige wie niemals zuvor. Die Mehrheit von ihnen war im Dienstleistungssektor beschäftigt. Jeder Erwerbstätige leistete dabei im Jahr 2007 durchschnittlich 1.433 Arbeitsstunden. Weiter...