Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Wolfgang Ludwig-Mayerhofer

Arbeitslosigkeit (Erwerbslosigkeit)

Arbeitslosigkeitsrisiken sind sozial sehr ungleich verteilt. Der wichtigste Einflussfaktor ist die Qualifikation. Dieses Merkmal ist in Deutschland im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt. Nirgends ist der Abstand zwischen den hoch und den gering Qualifizierten so groß wie in Deutschland.

Warum hat die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahrzehnten zugenommen?

Nach einer Periode stetig wachsenden Wohlstands und hoher Beschäftigung wurden Mitte der 1970er-Jahre alle entwickelten Industriegesellschaften von den Auswirkungen der sog. ersten Ölkrise getroffen; die Arbeitslosigkeit stieg erstmals spürbar. Weitere Entwicklungen, nicht zuletzt die Aufgabe des bis dahin bestehenden Systems temporär fester, aber von den jeweiligen Regierungen änderbarer Wechselkurse und ein allgemeines Umschwenken der Notenbanken auf monetaristische Politiken mit einer starken Betonung der Preisstabilität trugen dazu bei, dass die nationalen Regierungen an Einfluss auf die Volkswirtschaften verloren, die gleichzeitig auch zunehmend von globalen Entwicklungen abhängig wurden. Technische Produktivitätssteigerungen lassen vor allem Unqualifizierte immer häufiger arbeitslos werden; die Rolle von
Harmonisierte Arbeitslosenquoten, ausgewählte Länder, 1970 bis 2010Harmonisierte Arbeitslosenquoten, ausgewählte Länder, 1970 bis 2010
Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland ist dagegen umstritten, weil dadurch oft Arbeitsplätze an anderer Stelle entstehen. Arbeitslosigkeit in beträchtlicher Höhe ist jedenfalls seit dieser Zeit in den meisten Ländern ein dauerhaftes Phänomen, wenngleich viele Länder bei der Reduzierung der Arbeitslosigkeit erfolgreicher waren als über Jahrzehnte hinweg die Bundesrepublik (Ludwig-Mayerhofer 2008). Zwar gibt es einige große europäische Länder – Frankreich, Italien, Spanien –, deren Arbeitslosenquoten meistens noch über denen der Bundesrepublik liegen, aber die große Mehrzahl der Länder hat auch in den 1990er- und 2000er-Jahren zumindest zeitweise, zum Teil sogar dauerhaft niedrigere Arbeitslosenquoten aufzuweisen. Auch im Jahr 2010 sind in Deutschland noch deutlich über 3 Millionen Arbeitslose registriert.

Hinzu kommt noch die von den Arbeitslosigkeitsstatistiken nicht erfasste sog. Stille Reserve. Hier unterscheidet man im aktuellen Sprachgebrauch zwei Gruppen: Als "Stille Reserve im engeren Sinn" werden Personen bezeichnet, die eigentlich erwerbstätig sein möchten, aber derzeit die Suche nach einem Arbeitsplatz aufgegeben haben, da sie glauben, keine (adäquate) Stelle finden zu können. Von dieser Gruppe wird die "Stille Reserve in Maßnahmen" unterschieden. Dieser Begriff bezieht sich auf Arbeitslose, die nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen; er ist etwas missverständlich, weil es nicht nur um Arbeitslose geht, die sich in sog. Maßnahmen zur Aktivierung (beispielsweise "Ein-Euro-Jobs") und zur beruflichen Eingliederung (etwa Weiterbildung) befinden, sondern auch ältere Arbeitslose im SGB II, denen innerhalb eines Jahres keine Stelle angeboten werden kann. Der Umfang beider Arten von Stiller Reserve wird für das Jahr 2010 auf jeweils über eine halbe Million Personen geschätzt (Bach u. a. 2009).

Mit Blick auf die oben angesprochene Unterscheidung zwischen "Arbeit" und "Erwerbsarbeit" und die Tatsache, dass sicherlich viele Arbeitslose nicht einfach gänzlich untätig sind, wurde übrigens immer wieder vorgeschlagen, statt von Arbeitslosigkeit besser von Erwerbslosigkeit zu sprechen. Diese Sicht ist durchaus berechtigt, doch bleiben wir hier der Einfachheit halber bei dem gebräuchlicheren Begriff der Arbeitslosigkeit.

Die ungleiche Verteilung des Arbeitslosigkeitsrisikos

Hohe Arbeitslosigkeitsquoten bedeuten nicht, dass eine große Gruppe von Menschen dauerhaft von Erwerbstätigkeit abgeschnitten ist. Ein Beispiel: In den Jahren 2007 und 2008 waren im Durchschnitt rd. 3,78 bzw. 3,37 Mio. Arbeitslose registriert ("Bestandsgrößen", also Größen, die sich darauf beziehen, wie viele Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Bestand der Arbeitslosen sind), doch stehen dahinter erhebliche Ströme. So haben rund 3,2 Mio. (2007) bzw. 3,1 Mio. (2008) Personen ihre Arbeitslosigkeit durch Aufnahme einer abhängigen Beschäftigung oder einer selbstständigen Tätigkeit beendet. Arbeitslosigkeit ist also häufig ein temporäres Phänomen. Die Kehrseite hiervon ist freilich, dass über mehrere Jahre hinweg noch wesentlich mehr Menschen von Arbeitslosigkeit betroffen sind als die Bestandsgrößen nahelegen.

Arbeitslosigkeitsrisiken sind sozial sehr ungleich verteilt. Der wichtigste Einflussfaktor dürfte die Qualifikation sein. International vergleichbare Daten verdeutlichen, dass dieses Merkmal in der Bundesrepublik besonders starke Bedeutung hat. Während in den meisten Ländern seit Mitte der 1990er-Jahre die Arbeitslosigkeit in allen Bildungsgruppen zurückging (eine Ausnahme sind die Niederlande, in denen die Arbeitslosigkeit aller Gruppen stieg, freilich von einem äußerst niedrigen auf ein immer noch ziemlich niedriges Niveau), gilt dies in Deutschland nur für die hoch Qualifizierten. Zwar ist die Arbeitslosigkeit dieser Gruppe in allen Ländern am niedrigsten, doch nirgends ist der Abstand zwischen den hoch und den gering Qualifizierten so groß wie in Deutschland. Freilich war auch hier dieser Abstand nicht immer so drastisch wie in jüngster Zeit.

Bildung kann auch andere Faktoren ›übertrumpfen‹. So haben auch junge und alte Menschen etwas höhere Arbeitslosigkeitsrisiken als die mittleren Gruppen, doch ist in Deutschland unter den akademisch Gebildeten bei den älteren Personen (55 bis 64 Jahre) die Arbeitslosigkeit sehr niedrig. Gerade beim Alter ist aber die Beachtung der Dynamik von Arbeitslosigkeit wichtig: Junge Menschen werden sehr häufig arbeitslos, sie können aber relativ schnell die Arbeitslosigkeit auch wieder beenden (wenngleich möglicherweise nur vorübergehend); ältere Erwerbstätige sind wegen des hohen Kündigungsschutzes gut vor Arbeitslosigkeit geschützt, doch wenn sie einmal arbeitslos geworden sind, ist die Rückkehr in eine Erwerbstätigkeit eher schwierig.

Arbeitslosigkeit ist auch regional sehr unterschiedlich verteilt. In Deutschland besteht zunächst ein Ost-West-Gefälle: Vor allem in den neuen Bundesländern wurden nach der Wiedervereinigung sehr viele nicht mehr konkurrenzfähige Arbeitsplätze abgebaut. So liegt in manchen Regionen Ostdeutschlands die Arbeitslosigkeit bei mehr als 20 %, während sie in vielen süddeutschen Regionen 5 % nicht übersteigt. In West- und Norddeutschland gibt es indes einige Regionen, die hinter Ostdeutschland nur wenig zurückstehen.

Die Arbeit ist nicht weniger geworden

Es wäre allerdings verkehrt, aus der hohen Arbeitslosigkeit zu schließen, dass "der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht", wie Soziologen es schon in den frühen 1980er-Jahren diskutiert haben (sie haben sich dabei auf einen Satz der Philosophin Hannah Arendt bezogen). Tatsächlich ist die Zahl der jährlich gegen Bezahlung verrichteten Arbeitsstunden in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger konstant geblieben, ganz abgesehen davon, dass immer noch erhebliche Mengen unbezahlter Arbeit in Haushalt oder ehrenamtlicher Tätigkeit verrichtet werden. Vielmehr teilen sich zumindest in den letzten Dekaden immer mehr Erwerbspersonen das vorhandene Arbeitsvolumen. In anderen Ländern, namentlich den USA, hat das Volumen bezahlter Arbeit sogar erheblich zugenommen.


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