Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Wolfgang Ludwig-Mayerhofer

Neue Phänomene auf dem Arbeitsmarkt

Prekarität

Lässt sich noch statistisch relativ präzise angeben, was ein "atypisches" Beschäftigungsverhältnis ist, so ist das mit Blick auf prekäre Beschäftigung anders. Zumindest in Teilen der Diskussion wird darauf verwiesen, dass Prekarität weiter reicht: Nicht nur kann Erwerbstätigkeit auch jenseits eines Beschäftigungsverhältnisses – als kleiner Gewerbetreibender oder als Freiberufler – unsicher sein, sondern bei niedrigen Löhnen kann u. U. auch eine Beschäftigung in einem Normalarbeitsverhältnis nicht oder nur knapp existenzsichernd und in diesem Sinne prekär sein. Tatsächlich ist der Anteil von Niedriglohnbeschäftigten (definiert als Personen, deren Einkommen weniger als zwei Drittel des Medianlohnes beträgt) auch unter den Vollzeitbeschäftigten im Steigen begriffen (Bosch 2010: 664). Schließlich müssen zunehmend auch Personen in formal regulären Beschäftigungsverhältnissen befürchten, dass ihr Arbeitsplatz unsicher ist (Dörre 2009: 41 ff.).

Umgekehrt wird atypische Beschäftigung nicht unter allen Umständen als prekär empfunden; Teilzeit- oder geringfügige Beschäftigung wird manchmal – in aller Regel von Frauen – gewählt, um besser Aufgaben der Kinderbetreuung wahrnehmen zu können, und das geringe Einkommen wird nicht selten als Ergänzung eines als sicher wahrgenommenen Einkommens des Ehepartners aufgefasst, ein Verhalten, das durch die Familienkrankenversicherung bei geringfügiger Beschäftigung und die Hinterbliebenenrente noch gefördert wird. Allerdings kann dieses Verhalten mittel- und langfristig zum Nachteil gereichen; die Aufstiegsmöglichkeiten, aber auch Fortbildungsangebote oder andere Zusatzleistungen sind bei Teilzeitbeschäftigung (und erst recht bei Minijobs) meist geringer als bei Vollzeitbeschäftigung, so dass berufliches Vorankommen oft erschwert ist, und im Falle einer Scheidung oder des Tods des Ehepartners hat sich die scheinbare Sicherheit sehr schnell in echte Prekarität verwandelt.

Erwerbstätige Arme (Working Poor)

Erwerbsarbeit und Armut schließen sich nicht prinzipiell gegenseitig aus. Denn erstens werden Erwerbseinkommen von Individuen erwirtschaftet, Armut wird aber auf der Ebene des Haushalts gemessen. In einem größeren Haushalt mit nur einem Verdiener kann daher selbst bei einem Einkommen, das isoliert betrachtet nicht besonders niedrig ist, trotzdem Armut herrschen. Zweitens hat jedenfalls nach einer rein ökonomischen Logik die Entlohnung von Arbeitnehmern ausschließlich nach deren "Produktivität" zu erfolgen; Arbeitnehmer mit geringen Fähigkeiten müssen danach auch niedrige Löhne akzeptieren, selbst wenn diese nicht existenzsichernd sind. Faktisch hat sich aber in der Nachkriegszeit ein zumindest impliziter Konsens herausgebildet, dass reguläre Erwerbstätigkeit in einem Normalarbeitsverhältnis – gegebenenfalls zusammen mit staatlichen Transferleistungen, beispielsweise Kindergeld – vor Armut schützen sollte.

Dieser Konsens ist brüchig geworden. Dennoch haben die angesprochenen Entwicklungen zu atypischer und prekärer Arbeit nicht überall eine Rückkehr der Armut unter den Erwerbstätigen zur Folge, weil in den letzten Jahrzehnten der Anteil der Haushalte gestiegen ist, in denen zwei Personen (wenn auch nicht zwingend beide in Vollzeit) erwerbstätig sind, und obendrein die Haushaltsgrößen abgenommen haben. Faktisch zeigt sich allerdings auch dann auf der Ebene von Haushalten ein Anstieg von Armut, wenn Einkommen aus Erwerbstätigkeit erzielt werden. Zwar schützt Erwerbstätigkeit im Durchschnitt immer noch deutlich besser als andere Einkommensquellen vor Armut. Aber sogar unter den unbefristet Vollzeitbeschäftigten gibt es einen zwar kleinen, aber sichtbaren und gerade in Ostdeutschland möglicherweise ansteigenden Anteil von Personen, deren Einkommen nicht ausreicht, um über die Armutsschwelle zu kommen.


Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Die soziale Situation in Deutschland

Erwerbstätigkeit

Im vierten Quartal 2007 gab es in Deutschland mit 40,38 Millionen so viel Erwerbstätige wie niemals zuvor. Die Mehrheit von ihnen war im Dienstleistungssektor beschäftigt. Jeder Erwerbstätige leistete dabei im Jahr 2007 durchschnittlich 1.433 Arbeitsstunden.

Mehr lesen