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Neue Phänomene auf dem Arbeitsmarkt


31.5.2012
Auf dem Arbeitsmarkt lassen sich neue Phänomene beobachten. Im Mittelpunkt steht die stetige Zunahme von atypisch und prekär Beschäftigungen sowie der "erwerbstätigen Armen". Mit diesen drei Begriffen werden unterschiedliche Gruppen von Erwerbstätigen bezeichnet, auch wenn es dabei Überschneidungen gibt.

Die Öffentlichkeit bewertet heute Arbeitslosigkeit nicht mehr so dramatisch wie zu Beginn des Anstiegs Ende der 1970er-Jahre. Die "Rückkehr zur Vollbeschäftigung" (das entspräche nach heutigen Vorstellungen einer Arbeitslosenquote von 3 %) wird von Politikern nur selten und in aller Regel mit wenig Überzeugungskraft verkündet. Arbeitslosigkeit ist zum Normalzustand geworden, an den man sich gewöhnt hat – auch wenn mittelfristig der demographische Wandel (Übergang älterer Erwerbspersonen in den Ruhestand, geringere Zahlen jüngerer Arbeitskräfte) Arbeitslosigkeit recht drastisch reduzieren dürfte. Größere Aufmerksamkeit erregt aktuell die stetige Zunahme atypischer oder auch prekärer Beschäftigung und der "erwerbstätigen Armen" oder – wie man mittlerweile oft auch in Deutschland sagt – der "Working Poor". Die drei Begriffe bezeichnen unterschiedliche Gruppen von Erwerbstätigen, auch wenn es natürlich Überschneidungen gibt.
Wegen der starken Unterschiede in den Rechtsordnungen der verschiedenen Länder werden bestimmte Tätigkeitsformen nicht überall als einheitlich "typisch" oder "atypisch" gewertet; daher fehlt es an international vergleichbaren Statistiken, und so beschränkt sich dieser Abschnitt überwiegend auf Deutschland. Die hier behandelten Themen sind aber international überall auf der Tagesordnung von Wissenschaft und Politik.

Atypische Beschäftigung

Als atypisch werden Beschäftigungsverhältnisse bezeichnet, die nicht dem sog. Normalarbeitsverhältnis entsprechen. Unter Normalarbeitsverhältnis versteht man eine unbefristete Beschäftigung in Vollzeit, die typischerweise in der Erwartung eingegangen wird, dass das Beschäftigungsverhältnis nicht nur auf dem Papier, sondern auch tatsächlich langfristig bestehen bleibt. Das Normalarbeitsverhältnis steht also gleichermaßen für ein (wenigstens) ausreichendes Einkommen wie für Beschäftigungssicherheit. Wegen der starken Bindung von Sozialleistungen in Deutschland an ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis – bestimmte Beschäftigungszeiten sind beispielsweise Voraussetzung dafür, überhaupt eine Rente oder Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung beziehen zu können – gilt das Normalarbeitsverhältnis auch als wichtige Voraussetzung für die Einkommenssicherung über den gesamten Lebensverlauf.

Als atypische Beschäftigung gelten daher vor allem folgende Erscheinungsformen:
  • Teilzeitbeschäftigung,
  • geringfügige (nicht sozialversicherungspflichtige) Beschäftigung (sog. Minijobs),
  • befristete Beschäftigung, sowie
  • Leiharbeit (auch Zeitarbeit genannt).
Ebenfalls hinzurechnen kann man Praktika oder auch die sog. Ein-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheiten) nach dem SGB II. Bei beiden handelt es sich zwar formal nicht um Beschäftigungsverhältnisse; weil sie aber die Chance auf eine Dauerbeschäftigung erhöhen sollen, kann man sie als eine Variante atypischer Beschäftigung bezeichnen. Auch die sog. "freie Mitarbeit", die z. B. im Bereich der Medien relativ häufig ist, wird manchmal zu den atypischen Beschäftigungen gezählt. Schließlich ist noch die sog. Scheinselbstständigkeit zu nennen; hier besteht das Atypische gerade darin, dass formell kein Beschäftigungsverhältnis besteht (der Erbringer der Arbeitsleistung tritt vielmehr als Selbstständiger auf, z. B. als Tankstellenpächter, Paketzusteller im Auftrag der Post oder als Franchise-Unternehmer in Kettenläden), faktisch aber doch gearbeitet wird wie in einem Beschäftigungsverhältnis (Arbeit nur für ein Unternehmen mit regelmäßigen Arbeitszeiten und faktischer Weisungsgebundenheit des dadurch eben nur scheinbar Selbstständigen). Die vier oben hervorgehobenen Formen atypischer Beschäftigung dürften aber quantitativ bei weitem die häufigsten sein, weshalb wir uns auf deren Betrachtung beschränken.

Die tendenzielle Zunahme atypischer Beschäftigung

Befristet waren im Jahr 2006 in Deutschland (nach nationaler Definition) ca. 6 % aller Beschäftigungsverhältnisse; in Leiharbeit waren im Jahr 2007 über 2 % aller abhängig Beschäftigten tätig (Bellmann u. a. 2009: 381). Zusammen mit Teilzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung dürfte atypische Beschäftigung inzwischen mindestens 35 % aller Beschäftigungsverhältnisse ausmachen (exakte Angaben sind schwierig, da sich die Gruppen überschneiden; so können Teilzeitbeschäftigte gleichzeitig einen befristeten Arbeitsvertrag haben). Im Zeitverlauf lässt sich konstatieren, dass sich die atypische Beschäftigung ausbreitet; Beschäftigung nach dem Normalarbeitsverhältnis nimmt nicht nur anteilig, sondern – wenn auch langsam – in absoluten Zahlen ab. In gewissem Umfang drückt sich in der Zunahme atypischer Beschäftigung zwar der Anstieg der Frauenerwerbsbeteiligung aus, die eben oft (und zunehmend) nur in Teilzeit oder in Minijobs ausgeübt wird. Aber insgesamt ist zu konstatieren, dass das Normalarbeitsverhältnis auch darüber hinaus auf dem Rückzug ist. Gerechtfertigt wird dies u. a. mit den größeren Flexibilisierungsmöglichkeiten, die vor allem Befristungen und Leiharbeit für Unternehmen bringen und so deren Konkurrenzfähigkeit erhöhen.

Besonders auffällig ist – was die Bestandsgrößen verdecken –, dass Neueinstellungen von Arbeitskräften zu einem sehr beträchtlichen Teil befristet erfolgen; der Anteil stieg von gut 30 % im Jahr 2001 auf deutlich über 40 % im Jahr 2006 (Bellmann u. a. 2009: 386). Nun heißt das nicht, dass insgesamt befristete Beschäftigung im gleichen Tempo steigt, denn ca. zwei Drittel der Betroffenen können über kurz oder lang mit einer Übernahme in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis rechnen. Umgekehrt verbleibt aber immerhin ein Drittel, für das die befristete Beschäftigung eben keinen Einstieg in eine dauerhafte Beschäftigung darstellt. Es ist in Deutschland übrigens weniger die Privatwirtschaft, die in größerem Umfang zu Befristungen greift. Diese werden vielmehr vor allem im Bereich sozialer Dienstleistungen (Erzieherinnen, Sozialpädagogen, Pflegekräfte) und im öffentlichen Dienst eingesetzt – und hier sind auch die Übernahmequoten Befristeter in eine längerfristige Beschäftigung wesentlich geringer als in der Privatwirtschaft. Bei den sozialen Dienstleistungen dürfte dies z. T. mit ihrer unsicheren Finanzierung zusammenhängen, beim öffentlichen Dienst mit der Tatsache, dass es dort aufgrund der Rechtsprechung schwer ist, längerfristig Beschäftigten überhaupt noch zu kündigen, so dass die öffentlichen Arbeitgeber wegen ihrer finanziell angespannten Lage befristete Arbeitsverhältnisse vorziehen.

Der Aufschwung von Zeitarbeit

Leiharbeit (Zeitarbeit, Arbeitnehmerüberlassung) hat seit gesetzlichen Änderungen im Jahr 2004 einen deutlichen Aufschwung genommen. Gerechtfertigt wurden diese Änderungen mit der Annahme, Leiharbeit könne eine wichtige Brücke in den regulären Arbeitsmarkt sein: Die Leiharbeiter, die bei einer Zeitarbeitsfirma fest angestellt sind und von dieser in Betrieben eingesetzt werden, die kurzfristig Personal benötigen ("Entleihbetriebe"), würden kurz über lang in einem dieser Betriebe eine feste Arbeitsstelle finden (man spricht hier manchmal von "Klebeeffekt"). Allerdings zeigen Analysen, dass die Mehrheit der Leiharbeiter entweder längere Zeit in Leiharbeit bleibt oder (erneut) arbeitslos wird. Man hat aber auch festgestellt, dass Arbeitslose, die eine Leiharbeit annehmen, auf Dauer immer noch bessere Chancen auf eine reguläre Beschäftigung haben als vergleichbare Arbeitslose, die nicht einmal eine Leiharbeitsstelle bekommen. Am besten hinsichtlich stabiler Erwerbstätigkeit geht es freilich jenen Arbeitslosen, die gleich in eine reguläre Beschäftigung übergehen (Lehmer/Ziegler 2010).

Schwarzarbeit

Eine besondere Form atypischer Arbeit ist die Schwarzarbeit. Allgemein versteht man hierunter eine an sich legale Tätigkeit (Schmuggel oder Drogenhandel werden also nicht dazu gezählt), die gegen Bezahlung ausgeübt, jedoch entgegen bestehenden Vorschriften nicht bei der Sozialversicherung angemeldet und/oder nicht versteuert wird. Häufig besteht hier auch kein Arbeitsvertrag bzw. nur eine mündliche Absprache, aus der den Schwarzarbeitern faktisch kaum Rechte hinsichtlich Kündigungsschutz etc. erwachsen; zumindest dann, wenn die Arbeitnehmer wissentlich schwarz arbeiten, werden sie nur in den seltensten Fällen selbst förmliche Rechte einklagen. Das gilt erst recht, wenn es sich bei den "Schwarzarbeitern" um illegale Migranten (Personen ohne Aufenthalts- oder Arbeitserlaubnis) handelt. Schwarzarbeit bietet allerdings nicht nur den Betroffenen wenig Schutz, sondern sie vernichtet – da sie in der Regel billiger ist – reguläre Arbeitsplätze und enthält dem Staat und den Sozialversicherungen Einnahmen vor.
Schwarzarbeit wird allerdings auch oft nicht anstatt, sondern zusätzlich zu regulärer Arbeit verrichtet. Dies gilt sowohl für Personen, die bereits als Arbeitnehmer in einem sozialversicherungspflichten Beschäftigungsverhältnis stehen und zusätzliche Arbeiten als Schwarzarbeit erledigen, als auch für Freiberufler oder andere Selbstständige, die Einnahmen nur teilweise deklarieren. In solchen Fällen steht nicht der mangelnde Schutz der Beschäftigung zur Debatte, sondern vor allem der Einnahmeverlust der öffentlichen Kassen.

Insgesamt ist es schwer, genaue Angaben zum Umfang von Schwarzarbeit zu machen, da man sie zwangsläufig nicht mit offiziellen Statistiken messen, sondern nur indirekt erschließen kann (auch der Weg sozialwissenschaftlicher Umfragen, der hier gelegentlich begangen wird, dürfte Schwarzarbeit wohl nur zum Teil erfassen). Vor allem aber ergeben sich Definitionsprobleme: Ist es Schwarzarbeit, wenn Jugendliche gegen ein Taschengeld Nachbarn den Rasen mähen oder Babysitten? Je nachdem, wie streng die Regelungen in einem Land sind, kann dies als Schwarzarbeit angesehen werden oder nicht. Alles in allem wird aber für hochentwickelte Länder wie die Bundesrepublik meist angenommen, dass Schwarzarbeit dem Wert von weniger als fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts entspricht. Sie stellt also kein bedrohliches Problem für die öffentlichen Finanzen dar; wohl aber ist sie ein Risiko für jene Personen, die ohne Sozialversicherungsschutz bleiben.

Prekarität

Lässt sich noch statistisch relativ präzise angeben, was ein "atypisches" Beschäftigungsverhältnis ist, so ist das mit Blick auf prekäre Beschäftigung anders. Zumindest in Teilen der Diskussion wird darauf verwiesen, dass Prekarität weiter reicht: Nicht nur kann Erwerbstätigkeit auch jenseits eines Beschäftigungsverhältnisses – als kleiner Gewerbetreibender oder als Freiberufler – unsicher sein, sondern bei niedrigen Löhnen kann u. U. auch eine Beschäftigung in einem Normalarbeitsverhältnis nicht oder nur knapp existenzsichernd und in diesem Sinne prekär sein. Tatsächlich ist der Anteil von Niedriglohnbeschäftigten (definiert als Personen, deren Einkommen weniger als zwei Drittel des Medianlohnes beträgt) auch unter den Vollzeitbeschäftigten im Steigen begriffen (Bosch 2010: 664). Schließlich müssen zunehmend auch Personen in formal regulären Beschäftigungsverhältnissen befürchten, dass ihr Arbeitsplatz unsicher ist (Dörre 2009: 41 ff.).

Umgekehrt wird atypische Beschäftigung nicht unter allen Umständen als prekär empfunden; Teilzeit- oder geringfügige Beschäftigung wird manchmal – in aller Regel von Frauen – gewählt, um besser Aufgaben der Kinderbetreuung wahrnehmen zu können, und das geringe Einkommen wird nicht selten als Ergänzung eines als sicher wahrgenommenen Einkommens des Ehepartners aufgefasst, ein Verhalten, das durch die Familienkrankenversicherung bei geringfügiger Beschäftigung und die Hinterbliebenenrente noch gefördert wird. Allerdings kann dieses Verhalten mittel- und langfristig zum Nachteil gereichen; die Aufstiegsmöglichkeiten, aber auch Fortbildungsangebote oder andere Zusatzleistungen sind bei Teilzeitbeschäftigung (und erst recht bei Minijobs) meist geringer als bei Vollzeitbeschäftigung, so dass berufliches Vorankommen oft erschwert ist, und im Falle einer Scheidung oder des Tods des Ehepartners hat sich die scheinbare Sicherheit sehr schnell in echte Prekarität verwandelt.

Erwerbstätige Arme (Working Poor)

Erwerbsarbeit und Armut schließen sich nicht prinzipiell gegenseitig aus. Denn erstens werden Erwerbseinkommen von Individuen erwirtschaftet, Armut wird aber auf der Ebene des Haushalts gemessen. In einem größeren Haushalt mit nur einem Verdiener kann daher selbst bei einem Einkommen, das isoliert betrachtet nicht besonders niedrig ist, trotzdem Armut herrschen. Zweitens hat jedenfalls nach einer rein ökonomischen Logik die Entlohnung von Arbeitnehmern ausschließlich nach deren "Produktivität" zu erfolgen; Arbeitnehmer mit geringen Fähigkeiten müssen danach auch niedrige Löhne akzeptieren, selbst wenn diese nicht existenzsichernd sind. Faktisch hat sich aber in der Nachkriegszeit ein zumindest impliziter Konsens herausgebildet, dass reguläre Erwerbstätigkeit in einem Normalarbeitsverhältnis – gegebenenfalls zusammen mit staatlichen Transferleistungen, beispielsweise Kindergeld – vor Armut schützen sollte.

Dieser Konsens ist brüchig geworden. Dennoch haben die angesprochenen Entwicklungen zu atypischer und prekärer Arbeit nicht überall eine Rückkehr der Armut unter den Erwerbstätigen zur Folge, weil in den letzten Jahrzehnten der Anteil der Haushalte gestiegen ist, in denen zwei Personen (wenn auch nicht zwingend beide in Vollzeit) erwerbstätig sind, und obendrein die Haushaltsgrößen abgenommen haben. Faktisch zeigt sich allerdings auch dann auf der Ebene von Haushalten ein Anstieg von Armut, wenn Einkommen aus Erwerbstätigkeit erzielt werden. Zwar schützt Erwerbstätigkeit im Durchschnitt immer noch deutlich besser als andere Einkommensquellen vor Armut. Aber sogar unter den unbefristet Vollzeitbeschäftigten gibt es einen zwar kleinen, aber sichtbaren und gerade in Ostdeutschland möglicherweise ansteigenden Anteil von Personen, deren Einkommen nicht ausreicht, um über die Armutsschwelle zu kommen.

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