Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Martin Heidenreich
Sascha Zirra

Die Herausbildung der Arbeitsgesellschaft

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wird die Identität und die soziale Stellung des Menschens überwiegend durch seine Stellung im Erwerbsleben bestimmt. Die Herausbildung der heutigen Arbeitsgesellschaft lässt sich auf fünf zentrale Entwicklungstrends zurückführen.

Etwa seit dem Ende des 18. Jahrhundert kann unsere Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft begriffen werden, in der die Identität und die soziale Stellung eines Menschen weitgehend durch seine Stellung im Erwerbsleben bestimmt werden. Die Herausbildung der heutigen Arbeitsgesellschaft ist das Ergebnis von fünf zentralen Entwicklungstrends.

Kennzeichen der modernen Arbeitsgesellschaft
  • Orientierung am Prinzip zweckrationalen Handelns: Für Arbeitsorganisationen wurde es immer wichtiger, ihre Leistung mit möglichst wenigen Ressourcen (technische Effektivität) und zu möglichst geringen Kosten (ökonomische Effizienz) zu erbringen.
  • Entwicklung von Märkten: Güter, Dienstleistungen, Arbeitskraft, Boden und sogar Geld werden zu Waren, die auf entsprechenden Märkten nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage getauscht werden.
  • Erwerbsarbeit als zentrales Organisationsprinzip von Arbeit: Mit der Herauslösung von Arbeit aus anderen gesellschaftlichen Bezügen und Lebenssphären hat sich ein Arbeitsmarkt entwickelt, auf dem die Ware Arbeitskraft ohne Rücksicht auf verwandtschaftliche, nachbarschaftliche, dörfliche oder feudale Bindungen gekauft und verkauft werden kann. "Freie" Lohnarbeit wurde zum zentralen Organisationsprinzip von Arbeit.
  • Der Übergang von direkter Herrschaft zu marktvermittelten Formen sozialer Ungleichheit: Auf dem Arbeitsmarkt lösen vertragliche Beziehungen und ökonomische Abhängigkeit die für vormoderne Ständegesellschaften typischen persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse ab. Auch die hierarchischen Beziehungen in Unternehmen sind Ergebnis eines Arbeitsvertrages zwischen zwei formal gleichberechtigten Parteien.
  • Erosion traditioneller Formen des gesellschaftlichen Zusammenhalts: Die Herausbildung einer eigenständigen Sphäre wirtschaftlichen Handelns führt zur Unterhöhlung bisheriger Formen des gesellschaftlichen Zusammenhalts – so die Befürchtung von Ferdinand Tönnies (1855 – 1936). Émile Durkheim (1858 – 1917) hingegen erwartet, dass sich mit der Entstehung arbeitsteilig organisierter Gesellschaft eine neue Form der "organischen Solidarität" entwickelt, die sich aus den wechselseitigen Abhängigkeiten in arbeitsteilig organisierten Gesellschaften ergibt.
Die Entwicklung von der Industriegesellschaft …

Bis in die 1960er-Jahre konnte die Arbeitsgesellschaft als Industriegesellschaft verstanden werden. Im Zentrum dieser Gesellschaft stand die industrielle Organisation der Produktion; hierunter wird die arbeitsteilige, hierarchisch organisierte, technisch unterstützte Fertigung größerer Stückzahlen von Sachgütern durch räumlich konzentrierte, lohnabhängige Beschäftigte verstanden. Diese Definition zielt auf den mechanisierten, rational organisierten Großbetrieb ("Fabrik"). Weiterhin war die Industriegesellschaft durch die Verwissenschaftlichung der industriellen Produktion, durch die Durchsetzung einer industriellen Arbeitsdisziplin, durch eine historisch beispiellose Erhöhung des Lebensstandards, durch Landflucht und Verstädterung und durch die Polarisierung zwischen den Interessen von "Kapital" und "Arbeit" gekennzeichnet. Letztere wurde erst durch die Entwicklung der Gewerkschaften, durch Tarifverhandlungen und den Wohlfahrtsstaat abgemildert. 1965 erreichte der Anteil der Beschäftigten in der Industrie mit der Hälfte aller Erwerbstätigen in Deutschland seinen historischen Höchststand. Noch bis in die 1970er-Jahre prägte die Industrie das Leben in Deutschland – und zwar so sehr, dass ihre abnehmende Bedeutung zeitweise als "Ende der Arbeitsgesellschaft" interpretiert wurde, obwohl die Zahl der Erwerbstätigen auch unter Berücksichtigung der Gebietsveränderungen seit 1950 ständig gestiegen war. Allerdings haben sich die Arbeitszeiten je Erwerbstätigen (1960: 2 162 Stunden; 2008: 1 431 Stunden pro Jahr) deutlich verringert.

… zur Dienstleistungsgesellschaft

Heutzutage wird Deutschland vielfach als Dienstleistungsgesellschaft begriffen, da fast drei Viertel aller Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor beschäftigt sind und nur noch jeder vierte im produzierenden Gewerbe und 2,1 % in der Land- und Forstwirtschaft tätig sind. Bestätigt wird damit eine schon in den 1930er-Jahren entwickelte Drei-Sektoren-Hypothese, die eine Verlagerung von Beschäftigung und Wertschöpfung vom primären Sektor (Rohstoffgewinnung) zum sekundären Sektor (Rohstoffverarbeitung) und anschließend zum tertiären Sektor (Dienstleistungen) erwartete. Inhaltlich sind Dienstleistungen in der Regel durch vermittelnde, interaktive, selten übertragbare und mit Unsicherheiten konfrontierte Tätigkeiten, bei denen die Erbringung und der Verbrauch der Leistung oftmals zeitlich zusammenfallen (uno actu-Prinzip) und die daher nur begrenzt rationalisiert werden können. Hierdurch und durch die prinzipiell unbegrenzte Nachfrage nach vielen Dienstleistungen (Reisen, Bildung, Gesundheit, Unterhaltung, Telekommunikation, Restaurants …) erklärt sich auch der zunehmend größere Anteil von Dienstleistungstätigkeiten. Allerdings behält auch eine quantitativ schrumpfende industrielle Produktion weiterhin eine zentrale Bedeutung für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Innovativität und Beschäftigung. Eine Dienstleistungsgesellschaft ist somit keine nachindustrielle Gesellschaft.

Die zunehmende Bedeutung wissensbasierter Tätigkeiten

Die Bezeichnung der heutigen Arbeitsgesellschaft als Dienstleistungsgesellschaft blendet die enorme Vielfalt von produktionsbezogenen (Makler-, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen), distributiven (Groß- und Einzelhandel, Transport und Kommunikation), persönlichen (Hotel, Restaurants, Freizeit, Kultur, Haushaltshilfen) und sozialen Dienstleistungen (Regierung, Gesundheit, Erziehung) aus. Angesichts dessen kann man die Gegenwartsgesellschaft bis zu einem gewissen Grad auch als Wissensgesellschaft charakterisieren und damit die zunehmende Bedeutung von Innovationen und wissensbasierten Tätigkeiten im Bereich der Entwicklungs-, Forschungs-, Ausbildungs-, Design-, Marketing-, Finanz-, Logistik-, Gesundheits- und Beratungsdienstleistungen hervorheben (Heidenreich 2003). Solche Tätigkeiten, die durch die Fähigkeit zur Identifizierung und Lösung von Problemen und zum Makeln von Beziehungen gekennzeichnet sind, können als wissensbasierte Tätigkeiten bezeichnet werden. Nach Angaben von Eurostat sind etwa ein Drittel (2007: 34,8 %) aller Beschäftigten im Bereich der wissensintensiven Dienstleistungen und 10,7 % im Bereich der Hochtechnologieproduktion tätig. Dieser Anteil ist in Deutschland deutlich höher als im europäischen Durchschnitt (33 % bzw. 6,7 %), allerdings geringer als in Ländern wie Dänemark, Luxemburg, den Niederlanden oder Schweden. Auch in Zukunft werden Niedrigtechnologieindustrien und einfache, oftmals personenbezogene oder distributive Dienstleistungen für geringer qualifizierte Beschäftigte ein wichtiges Arbeitsfeld bleiben.

Die zunehmende Bedeutung wissensbasierter Tätigkeiten geht mit einem höheren Ausbildungsniveau der Bevölkerung einher. Heutzutage haben zwei Fünftel der Jugendlichen ein (Fach-)Abitur (2008: 42,9 der 25- bis 30-Jährigen im Vergleich zu 12 % der über 64-Jährigen). Über die Hälfte der Bevölkerung hat eine berufliche Ausbildung (2008: 50,8 %) und etwa ein Achtel ein Hochschulstudium absolviert (2008: 13 %). Eine Ausbildung im tertiären Bereich – hierzu werden zusätzlich noch die Absolventen von zwei- bis dreijährigen Ausbildungen an Fachschulen, Berufsakademien und Schulen des Gesundheitswesens einbezogen – haben knapp ein Viertel aller Einwohner absolviert (24 %) – deutlich weniger als in anderen OECD-Ländern.

Der massive Einzug der Frauen in die Arbeitswelt

Die zunehmende Wissensbasierung und Dienstleistungsorientierung der Wirtschaft geht auch mit einer "Verweiblichung" der Arbeit einher, da 55,8 % (2008) der Dienstleistungsbeschäftigten Frauen sind (im Vergleich zu 25 % in Industrie und Landwirtschaft). Die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen – 1983 lag die Beschäftigungsquote von Frauen im Alter von 15 – 65 Jahren in Westdeutschland noch bei 45 %, 2009 lag sie in Deutschland bei 66,2 % – ist allerdings nicht nur das Ergebnis wirtschaftlicher Veränderungen. Entscheidender waren die Bildungsexpansion, von der die Frauen überdurchschnittlich profitiert haben und die zu einer Angleichung des Bildungsniveaus von jungen Männern und Frauen geführt hat, der Ausbau des Wohlfahrtsstaates, die Wiedervereinigung, aber auch tiefgreifende soziokulturelle Wandlungsprozesse, die mit einer erhöhten Erwerbsorientierung der Frauen einhergingen (vgl. dazu Kapitel: Arbeitsmarkt und Kapitel: Familie).

Damit nehmen auch die Schwierigkeiten zu, eine Erwerbstätigkeit mit familiären Aufgaben zu verbinden, da Kinderbetreuungs- und Pflegetätigkeiten immer noch vor allem von Frauen erledigt werden. Mütter insbesondere von jüngeren Kindern sind daher deutlich weniger erwerbstätig als Väter (bei bis zu dreijährigen Kindern 33 % im Vergleich zu 85 % im Jahr 2005) – und dies zumeist in Teilzeit. Traditionelle Muster der innerfamilialen Arbeitsteilung, eine unzureichende Infrastruktur für die Betreuung von Kindern und Älteren und die geschlechtsspezifische Verteilung auf Berufe sind die wichtigsten Ursachen für eine fortbestehende Benachteiligung von Frauen im Erwerbsleben. Festzuhalten bleibt, dass sich die klassische Industriegesellschaft in den letzten Jahrzehnten zu einer Dienstleistungsgesellschaft gewandelt hat, in der der Anteil wissensbasierter Tätigkeiten ebenso wie der Anteil von beruflich und akademisch qualifizierten und weiblichen Beschäftigten stetig steigt.