Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

Arbeitseinstellungen


31.5.2012
Im Rahmen veränderter Arbeitsanforderungen ist ein intensiverer Zugriff auf das Leistungsvermögen und ein höherer Anspruch an das Engagement der Beschäftigten zu beobachten. Folgen sind erhebliche Belastungen, aber auch steigende Lernchancen und Verantwortlichkeiten. Insgesamt ist die Arbeitszufriedenheit jedoch sehr hoch.

Die Tendenzen zur Subjektivierung der Arbeit

Mit dem Wandel der Arbeit verändern sich auch die Einstellungen zur Arbeit. Die klassischen Pflicht- und Akzeptanzwerte (die in der Industrie die berühmten 5S inspiriert haben: Sortieren, systematisieren, sauber machen, standardisieren, Selbstdisziplin) und instrumentell-materialistische Orientierungen bestimmen keinesfalls mehr allein das Bild (vgl. Kapitel: Werte): Man arbeitet nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch, um eigene Ideen umzusetzen, mit anderen an spannenden Projekten zu arbeiten und seine eigenen Möglichkeiten auszunutzen und zu erweitern. Das Verhältnis zwischen Unternehmen und Beschäftigten reduziert sich nicht mehr auf den Austausch von Lohn gegen Leistung. Geld ist keinesfalls mehr die einzige Motivation für die Beschäftigten. Ihre Erwerbsarbeit "subjektiviert" sich: Von den Beschäftigten wird nicht nur ein höheres Maß an Eigenständigkeit, Ergebnisverantwortung, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit verlangt, diese Entwicklung verändert auch die Einstellungen der Beschäftigten zur Arbeit. Sie wollen eigenständig Situationen deuten, zwischen Handlungsalternativen wählen, Verantwortung übernehmen sowie Chancen und Risiken des eigenen Handelns reflektieren und sie sind bereit, sich mit einer Arbeitsrolle zu identifizieren oder sich von ihr zu distanzieren, wenn ein höheres Engagement, Eigeninitiative und Eigenverantwortung auch neue Einflussmöglichkeiten und vielleicht sogar Aufstiegschancen eröffnen.

Es können zwei Erklärungen für die Subjektivierungder Arbeit unterschieden werden. Eine Erklärung verweist auf eine gestiegene Bildungsbeteiligung und stärkere gesellschaftliche Partizipationschancen von Beschäftigten. Höher qualifizierte Mitarbeiter sind an anspruchsvollen und inhaltlich herausfordernden Tätigkeiten interessiert; sie identifizieren sich mit ihren Arbeitsinhalten und artikulieren Autonomie- und Selbstorganisationsansprüche. Eine andere Erklärung verweist darauf, dass eine systematischere und umfassendere Ausnutzung der subjektiven Leistungspotenziale von Mitarbeitern auch ein Ergebnis veränderter Organisationsformen von Arbeit ist. Durch den organisatorischen Wandel nimmt der Bedarf der Unternehmen an eigenständigem Arbeitshandeln, an flexiblen Arbeitsformen und -zeiten, an Kreativität und Innovationsbereitschaft zu. Komplementär zu Arbeitsformen, die in erheblichem Maße auf die Kompetenzen und Problemlösungsfähigkeiten der Beschäftigten setzen, entwickeln die Mitarbeiter stärkere arbeitsinhaltliche Interessen und verlangen mehr eigene Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Anzunehmen ist somit eine Wahlverwandtschaft zwischen veränderten Arbeitsformen und den eher an Selbstbestimmungs- und Selbstverwirklichungswerten orientierten Arbeitseinstellungen der besser gebildeten jüngeren Arbeitnehmergruppen.

Die zweischneidigen Folgen der Subjektivierungsprozesse

Von der Subjektivierung der Arbeit profitieren insbesondere betriebliche Fach- und Führungskräfte. Bei ihnen sind das Gefühl der Zugehörigkeit zum Unternehmen oder zur Einrichtung, die wahrgenommenen Gelegenheiten zum Lernen und zur eigenen Weiterentwicklung oder auch die Existenz von Freunden am Arbeitsplatz weit höher als bei den gering qualifizierten Beschäftigten (etwa den Maschinenbedienern). In der Privatwirtschaft ist die Subjektivierung der Arbeit stärker ausgeprägt als im öffentlichen Dienst.

Die Subjektivierung der Arbeit ist ein zutiefst ambivalentes Phänomen, da die neuen Chancen (Selbständigkeit, Eigenverantwortung, Einbringen der eigenen Interessen) auch häufig mit neuen Risiken, etwa mit einer erhöhten Arbeitsintensität, mit Stress, Überforderung und Scheiternsängsten einhergeht. Einige Autoren interpretieren Subjektivierungsprozesse als neue Form der Entfremdung und verweisen auf die Gefahr abnehmender sozialer Bindungen (Boltanski/Chiapello 2003; Sennett 1998). Auch profitiert nur ein Teil der Beschäftigten von zunehmenden Qualifikationsanforderungen, einer höheren Arbeitsautonomie und abwechslungsreicheren und inhaltlich interessanteren Aufgaben, während die Tätigkeit vieler Beschäftigter im Dienstleistungsbereich nach wie vor gering bezahlt und als unqualifiziert angesehen wird (insbesondere bei personenbezogenen Dienstleistungen).

Die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und privatem Leben verschwimmen

Die neue Regulierungsformen fördern auch eine Entgrenzung von Arbeit, indem sie bisherige Grenzen zwischen Berufsarbeit und privatem Leben untergraben. Arbeit beschränkt sich immer weniger auf einen bestimmten Ort (den Betrieb), eine bestimmte Zeit (die Arbeitszeit), ein bestimmtes soziales Gefüge (den Kollegenkreis), bestimmte Qualifikationen und Organisationsstrukturen und ein geregeltes Arbeitsverhältnis (das so genannte "Normalarbeitsverhältnis"). Die räumliche Entgrenzung etwa durch internetbasierte Arbeitsformen und eine ständige Erreichbarkeit, die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, der ständige Wandel der Qualifikationsanforderungen und Organisationsstrukturen, die Erosion fester Sozialbezüge durch ständig wechselnde Projekte und Kooperationsnetzwerke und die zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Arbeitszeit und privater Zeit verweisen auf verschiedene Facetten dieser Entgrenzungsprozesse.

Auch wenn noch vier Fünftel aller Arbeitnehmer die Lage der Arbeitszeit als vereinbar mit familiären und anderen privaten Verpflichtungen ansehen, geben mehr als ein Fünftel der Befragten (insbesondere gehobene Fach- und Führungskräfte) an, auch zu Hause für berufliche Angelegenheiten erreichbar sein zu müssen. Arbeit wird multilokal. Der Anteil von Tele- und Heimarbeit beträgt allerdings nur 3,5 %. 70 % der Beschäftigten sind immer noch vorwiegend an ihrem Arbeitsplatz im Unternehmen tätig. Ein Indikator für den höheren betrieblichen Flexibilitätsbedarf ist die Tatsache, dass ein Siebtel der Erwerbstätigen mittlerweile schon befristet beschäftigt ist (1992: 10,5 %; 2008: 14,7 %) – insbesondere Jugendliche und Beschäftigte in akademischen und Dienstleistungsberufen.

Die sozialen und individuellen Konsequenzen des Entgrenzungsprozesses

Mit der Entgrenzung und Subjektivierung der Arbeit sind die Beschäftigten zunehmend darauf angewiesen, eigene Strategien und Strukturen zur Sicherung der Vereinbarkeit von beruflichem und privatem Leben zu entwickeln – trotz Termindruck, Angst um den Job und eigenen Leistungs- und Karriereinteressen. Diese so genannte Work-Life-Balance zielt auf die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit, Familie, Freizeit und anderen Aktivitäten. Diese Balance, die zumeist mit Blick auf Frauen diskutiert wird, ist eine zentrale Herausforderung für jeden einzelnen und jede Lebensgemeinschaft, für Unternehmen und andere Arbeitgeber und für die Arbeits-, Sozial- und Familienpolitik. Das Scheitern dieser Balance dokumentiert sich auf individueller Ebene u. a. in familiären Problemen, der Verkümmerung sozialer Kontakte, Medikamenten- oder Drogenmissbrauch oder auch in psychischen Krankheiten bis hin zum so genannten Burn-out, einer tiefgreifenden körperlichen und emotionalen Erschöpfung, die mit Leistungs- und Antriebsschwächen einhergeht. Auch ein zunehmender Anteil von Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen verweist auf die Schwierigkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Auf betrieblicher Ebene wird mit zahlreichen Maßnahmen zur Schaffung familienfreundlicherer Arbeitsbedingungen experimentiert – etwa mit planbaren Arbeitszeiten, flexiblen Freistellungsregelungen und betrieblichen Betreuungsangeboten.

Fazit

Festgehalten werden kann: Zu beobachten ist ein intensiverer Zugriff auf das Leistungsvermögen und ein höherer Anspruch an das Engagement der Beschäftigten im Rahmen veränderter Arbeitsanforderungen. Dies geht mit erheblichen, auch psychischen Belastungen, aber auch steigenden Lernchancen und Verantwortlichkeiten einher. Insgesamt jedoch ist die Arbeitszufriedenheit sehr hoch. Hierzu tragen insbesondere die wahrgenommene Arbeitsplatzsicherheit, die Zugehörigkeit zu einem Unternehmen, die Gelegenheit zum Lernen und zur eigenen Weiterentwicklung und die Chance, soziale Beziehungen auch am Arbeitsplatz zu knüpfen und zu pflegen, bei.