Menschen drängen sich zur Weihnachtszeit in der Fußgängerzone von Essen.

31.5.2012 | Von:
Martin Heidenreich
Sascha Zirra

Pluralisierung oder Prekarisierung von Beschäftigungsformen?

Die Befürchtung, dass die Entwicklung von Technologie menschliche Arbeit überflüssig werden lässt, hat sich nicht bewahrheitet. Vielmehr ist die Beschäftigungsquote sogar angestiegen. Während Normalarbeitsverhältnisse zurückgehen, hat sich eine Flexibilisierung und Pluralisierung der Beschäftigungsformen herausgebildet.

Hannah Arendt befürchtete in den 1950er-Jahren, dass der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehe, also "die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht", nachdem die "vita activa", das Herstellen und Handeln, in der Neuzeit die "vita contemplativa", die Suche nach dem Sinn verdrängt habe. Auf dem Bamberger Soziologentag 1982 war sogar vom Ende der Arbeitsgesellschaft die Rede. Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte seien so wenige Arbeitskräfte nötig gewesen. Damit wurde ein altes Thema der Industriegesellschaft aufgegriffen – die Befürchtung, dass durch immer neue Technologien die menschliche Arbeit schließlich überflüssig werden würde. Diese Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet. So ist in Deutschland die Beschäftigungsquote in den letzten Jahrzehnten sogar von 60 % (1983) auf 70,9 % (2009) angestiegen.

Der Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses

Grundlegend verändert hat sich allerdings die hochgradig standardisierte und industriell geprägte Beschäftigungsordnung der europäischen Nachkriegszeit. Im Zentrum dieser Beschäftigungsordnung stand ein arbeits- und sozialrechtlich abgesichertes Normalarbeitsverhältnis, das durch abhängige, dauerhafte, unbefristete, sozial- und arbeitsvertraglich abgesicherte, existenzsichernde Vollzeiterwerbstätigkeiten gekennzeichnet ist. Dieses zumeist von Männern eingegangene Normalarbeitsverhältnis entsprach den Bedingungen der industriellen Massenproduktion mit ihren hochgradig regulierten Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen. Dieses Normalarbeitsverhältnis beruhte auf der geschlechtlichen Arbeitsteilung zwischen männlicher Erwerbsarbeit und weiblicher Hausarbeit (bei temporärem weiblichen Zusatzverdienst), einer ununterbrochenen Arbeitstätigkeit vom 15. bis zum 65. Lebensjahr und auf einer kaum höheren Lebenserwartung, einem Sozialversicherungssystem, das sich auf abhängige, lebenslange und versicherungspflichtige Tätigkeiten stützte und mit relativ geringen Beiträgen für Alter, Armut, Arbeitslosigkeit und Krankheit auskam. Dem entsprachen ein Ausbildungssystem, das auf klar voneinander abgegrenzte und sich kaum verändernde Berufsbilder ausgerichtet war, und einem System kollektiver Arbeits- und Tarifvertragsbeziehungen, das von leistungsbereiten männlichen Facharbeitern und ihren Interessen geprägt wurde. Ermöglicht wurde damit eine Lebensführung, die auf einem gesicherten Lebensstandard, auf kontinuierlicher Erwerbsarbeit und auf biographischer Planungssicherheit beruhte.

Dieses Normalarbeitsverhältnis hat durch höhere Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten, die angespannte Arbeitsmarktlage, eine veränderte Arbeitseinstellung und die gewachsene Erwerbsorientierung von Frauen und eine damit zusammenhängende Schwächung bzw. Pluralisierung kollektiver Interessenvertretungsmuster seine Grundlage verloren. Neue institutionelle Formen von Erwerbsarbeit gewinnen an Bedeutung (vgl. dazu Kapitel: Arbeitsmarkt, 4.)
Festgehalten werden kann eine Flexibilisierung und Pluralisierung der Beschäftigungsformen insbesondere durch Teilzeitarbeit und befristete und geringfügige Beschäftigungen. Mit der abnehmenden Bedeutung von Normalarbeitsverhältnissen – in denen aber immer noch zwei Drittel aller Beschäftigten tätig sind – entwickelt sich eine neue Sozialverfassung von Erwerbsarbeit, die weniger auf dem Versprechen einer dauerhaften Absicherung zumindest der männlichen Hauptverdiener als auf einer höheren Mobilität und Flexibilität gut ausgebildeter Männer und Frauen beruht – bei einer weniger umfassenden betrieblichen, arbeitsrechtlichen, tarifvertraglichen und sozialstaatlichen Absicherung.